Thilo Sarrazin: Völkisches Denken uncut
Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden Stephan Kramer hat die Aussagen von Thilo Sarrazin ins richtige Licht gerückt, auch wenn das nur mit plakativen Vergleichen gemacht werden konnte. Er wird mit den folgenden Worten zitiert:
Ich habe den Eindruck, dass Herr Sarrazin mit seinen Äußerungen, mit seinem Gedankengut Göring, Goebbels und Hitler wirklich eine große Ehre macht, so wie er es formuliert … Er steht in geistiger Reihe mit den Herren.
Damit hat sich allerdings der Zentralrat selbst in eine gefährliche Situation gebracht, ist es nun selbst in der Kritik. Interessanterweise sind es genau diejenigen, die Meinungsfreiheit für Sarrazin fordern und gleichzeitig Herrn Kramer vorschreiben möchten, dass der “Hitlervergleich” nicht angebracht wäre. So ist das nunmal: zum Ausdruck der eigenen Meinung kann gerne auch mal hart geurteilt und sich Rassismen bedient werden. Wenn andere ebenso hart und zur Verdeutlichung mit Vergleichen agieren, dann ist plötzlich Einhalt geboten?!
Inzwischen habe ich auf Anraten eines Twitter-Teilnehmers das gesamte Interview mit Sarrazin gelesen in der Erwartung, dass etwa die zitierten Aussagen aus dem Zusammenhang gerissen sind und nunmehr inhaltlich entstellt wären. Das ist aber nicht der Fall. Vielmehr macht das Interview in der Gänze einen noch schrecklicheren Eindruck. Dabei ist mein Hauptproblem mit den Aussagen nicht unbedingt, dass herablassend von Menschen gesprochen wird – etwa die “Kopftuchmädchen”, die “produziert” würden oder die “Araber” und “Türken”, die “außer für den Obst- und Gemüsehandel” “keine produktive Funktion” hätten und deren Anzahl durch “falsche Politik zugenommen” hätte. Ich habe mich über die Normalität des völkischen Denkens von Herrn Sarrazin gewundert.
Die “Vietnamesen” wären in der ersten Generation überhaupt nicht integriert, “verkaufen Zigaretten oder haben einen Kiosk”. Die zweite Generation wäre aber schulisch erfolgreich und hätte “durchweg bessere Schulnoten” als “die Deutschen”. Ebenso die Osteuropäer. Herr Sarrazin behauptet auch, dass diese Gruppen “integrationswillig” sind und “überdurchschnittliche akademische Erfolge” vorzuweisen hätten. Und dann schlägt sein rassistisches Menschenbild voll durch:
Die Deutschrussen haben große Probleme in der ersten, teilweise auch der zweiten Generation, danach läuft es wie am Schnürchen, weil sie noch eine altdeutsche Arbeitsauffassung haben. Sobald die Sprachhindernisse weg sind, haben sie höhere Abiturienten- und Studentenanteile usw. als andere. Bei den Ostasiaten, Chinesen und Indern ist es dasselbe. Bei den Kerngruppen der Jugoslawen sieht man dann schon eher ‚türkische’ Probleme; absolut abfallend sind die türkische Gruppe und die Araber.
Dazu muss erwähnt werden, dass Herr Sarrazin der Ansicht ist, dass “menschliche Begabung zu einem Teil sozial bedingt ist, zu einem anderen Teil jedoch erblich.” Das ist in meinen Augen der zentrale Punkt in seinen Aussagen! Wenn man nämlich dieser Auffassung ist und in einem pseudowissenschaftlichen Ansatz daraus Politik zu machen versucht, dann ist man nicht sehr weit vom rassistischen Menschenbild völkischer Gruppen entfernt. Da hilft es auch nicht, wenn man bestimmten ‘Ethnien’ genetisch veranlagt positive kollektive Eigenschaften zuschreibt, wie vier alte aber sehr empfehlenswerte Manuskripte vom Südwestrundfunk mit dem Titel “Rassismus in der Weltliteratur” beweisen1. Ich empfehle in diesem Zusammenhang auch “Thilo Sarrazin und der Neuaufguss des Sozialdarwinismus”:
Sozialdarwinisten sehen im menschlichen Zusammenleben eine statisch missverstandene Natur am Werk. Das ist aus rein naturwissenschaftlicher Sicht völlig absurd. Die soziale Stellung ist zum überwiegenden Teil Resultat von Verfasstheit und aktueller Situation der Gesellschaft, der Familie, Gruppe, in die man hineingeboren wird.
Das persönliche Schicksal, die soziale Stellung hat ganz überwiegend mit Zufall, Glück und Pech zu tun und nur zu einem verschwindend geringen Teil mit Erbgut oder Genen.
Thilo Sarrazin wieder:
Der Weg, den wir gehen, führt dazu, dass der Anteil der intelligenten Leistungsträger aus demographischen Gründen kontinuierlich fällt. So kann man keine nachhaltige Gesellschaft bauen, das geht für ein, zwei, drei Generationen gut, dann nicht mehr. Das klingt sehr stammtischnah, aber man kann das empirisch sehr sorgfältig nachzeichnen.
Das ist nicht nur stammtischnah, sondern das ist gefährlicher Unfug, der in seinen möglichen Konsequenzen an das Nazi-Projekt Lebensborn erinnert. Deshalb hat auch Herr Kramer recht, wenn er das Gedankengut Sarrazins in die Nähe der von Hitler und Goebbels rückt. Das sieht auch Solon vom Blog “Schieflage” so:
Und das ist genau der Punkt, an dem der implizite Rassismus der Vorstellungen von Sarrazin und Giordano sichtbar wird. Dementsprechend bieten Sarrazin und Giordano auch nur biologische Lösungen des Problems an: Die Zahl dieser Menschen muss veringert werden oder zumindest konstant gehalten werden. Die Existenz dieser Menschen selbst wird also letztlich zur Disposition gestellt.
Thilo Sarrazins Aussagen haben im Kern wenig mit Ausländern oder Integration zu tun. Er bedient sich existierender Stereotype und fremdenfeindlicher Einstellungen, um seine völkische Sicht an den Mann zu bringen. In der Konsequenz werden auch einige Deutsche betroffen sein, von denen er glaubt, dass sie “unproduktiv” wären. Wie er die “produktive Funktion” von behinderten Menschen einschätzt, das hat er uns noch vorenthalten.
Die Kontroverse zeigt allerdings in alarmierender Weise, wie viele Menschen in Deutschland für völkisches Denken empfänglich sind! Während die meisten rechtsextremen Parteien ihr biologistisches Weltbild in der Öffentlichkeit abgelegt haben und nunmehr kulturalistisch argumentieren, scheinen die Befürworter Sarrazins genau diesem Weltbild erlegen zu sein.. Die logische Konsquenz aus dieser ethnisch zentrierten Wahrnehmung, wie sie etwa Sarrazin an den Tag legt, ist, dass man glaubt, Türken ‘wären halt so’, Vietnamesen eben anders und Osteuropäer nochmals anders – alles aufbauend auf den kollektiven Genen der uns unähnlichen Menschen – man könnte auch “Rassen” sagen.
- jeweils mit positiven und negativen “Eigenschaften” von Kollektiven, “Faul und lustvoll – der ‘Neger’”, “Intelligent und hinterhältig – ‘Der Jude’”, “Sinnlich und fanatisch – Der ‘Muselmann’” und “Frei und diebisch – der ‘Zigeuner’”. Ich habe die Manuskripte alle, wenn jemand Interesse hat.[↩]
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Comments
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By Melantrys, 10. Oktober 2009 @ 19:03
Hhhhm. Mich würden sowohl die erwähnten Manuskripte interessieren, als auch, wo du das komplette Sarrazin-Interview gelesen hast.
Bin selber bisher nur über Auszüge gestolpert…
By Umm Ishaq, 11. Oktober 2009 @ 15:57
Mit diesen Emporkömmlingen ist es doch immer wieder dasselbe: im Grunde kämpfen sie alle gegen die Geister ihrer eigenen Vergangenheit. Kelek gegen ihren Slavenhändler-Großvater und Sarrazin gegen die Erinnerung an eine Kindheit und Jugend in einfachsten Verhältnissen, in denen im Winter nicht einmal ausreichend geheizt werden konnte.
In diesem Lande sind Entwicklungen im Gange, angesichts derer ich meine positive Lebenseinstellung nur noch aus der Aussicht auf baldige Auswanderung ziehen kann.
By Angela, 12. Oktober 2009 @ 10:02
Als der Sarazin als Senator noch ofter im Fernsehen zu sehen war habe ich ausser Allgemeinsatzen wie -Guten Abend, und ich mochte dass es mit dieser Stadt/ unserem Land wieder bergauf geht, bla, bla- nie einen Satz von dem gehort, der nicht asozial und faschistisch war.
Vielleicht ganz gut, dass der jetzt auch mal genau so offentlich rassistische Spruche gekloppt hat und mutige Leute wie der Burger Kramer so mutig dagegen agitieren.
By Munira, 12. Oktober 2009 @ 11:28
Jetzt mal ganz unter uns: Ist Sarrazin vielleicht so etwas wie eine sarazenische Variante von Necla Kelek?
Schließlich ist der Familienname Sar(r)azin in der Schweiz verbreitet für die Abkömmlinge der “Sarratz”, die noch für Kaiser Friedrich II. einen Alpenpass hielten (alle anderen Alpenpässe waren unter der Kontrolle papsttreuer Klöster – ich kann mich allerdings nicht mehr besinnen, ob es der Bernina- oder der Julierpass war, den die Sarratz hielten).
http://de.wikipedia.org/wiki/Sarazenen#Personennamen
http://de.wikipedia.org/wiki/Islam_in_der_Schweiz#Mittelalter_und_fr.C3.BChe_Neuzeit
Wie dem auch sei, mit seiner antiarabischen Polemik schießt er sich doch wohl selbst ins sarazenische Knie, oder? Oder nicht? Oder doch?
Aber natürlich wollen wir nicht im Ernst so völkisch argumentieren… :-)
By gibgasachi, 12. Oktober 2009 @ 13:39
So sehr ich S. Kramer schätzem aber der Hitlervergleich war allerdigs wirklich sehr ungeschickt und auch unangebracht. Er lernt hoffentlich draus und lässt so was in Zukunft.
Ansonsten bin ich sehr froh, dass der ZdJ jemanden an der Spitze hat der ernsthaft auf Völkerverständigung schaut und seine Stellung auch zum Schutz und zu Unterstüzung anderer Minderheiten benutzt.