Thilo Sarrazin: Die Mär vom Tabubruch
Wie sehr ich doch die deutsche Öffentlichkeit liebe! Ist sie nicht beneidenswert naiv und süß wie sie in den Aussagen von Thilo Sarrazin tatsächlich einen Tabubruch glaubt gefunden zu haben? Oops. Aber Herr Sarrazin, so spricht man doch nicht! Befürworter wie auch Gegner seiner Aussagen sind sich vor allem in einem einig: es ist etwas nie Dagewesenes, was Herr Sarrazin von sich gibt. Prompt werden diverse Talkshows zum Thema abgehalten, die Protagonisten liefern sich einen Schlagabtausch, in dem sich prinzipiell nur politische Parteien mit an mehr Absatz interessierten Schriftstellern ein Rennen liefern. Der Zuschauerjubel ist dabei der Maßstab und die Pointen versucht man möglichst öffentlichkeitswirksam zu platzieren.
In Deutschland “verarbeitet” man solche Events ja vor allem mit Talk-Shows. Die Protagonisten gehen ebenso wie die Zuschauer und meist auch die Moderation mit einer Voreinstellung in die Sendung hinein und kommen mit einer ihr so ähnlich aussehenden Meinung wieder heraus, dass man schwören könnte, dass die Diskussion weder die Zeit noch die Nerven wert war. Aber darum geht es auch nicht. Personelle Konsequenzen oder Nichtkonsequenzen sind das Ziel der Diskussion, nicht tatsächlicher Meinungsaustausch. Und das muss auch ein Betroffener wie Sarrazin verstehen. Er muss nur die Chuzpe aufbringen, diesen Ansturm der Entrüstung zu überstehen. Danach kann wieder zur Tagesordnung übergegangen werden. Wenn er das nicht schafft, wird er zwar seinen Posten los, aber selbst dann muss er nur für die Dauer der TV-Aufmerksamkeitsspanne der Öffentlichkeit verborgen bleiben und kann dann wiederkommen.
Tabubruch
Durch die Zuschreibung des “Tabubruchs” wird in Deutschland oftmals Politik betrieben. Denn es ist gut, Tabus zu brechen. Sie existieren im Grunde nur zu dem Zweck, gebrochen zu werden. Wer ein Tabubruch begeht (ob angeblich oder tatsächlich) hat die moralische Oberhand. Der Tabubrecher ist mutig und verdient pauschal Anerkennung! Ralph Giordano etwa feiert seinen eigenen Mut zum Ansprechen der “Pinguin-Plage” in Deutschland gerne selbst – und immer wieder.
Auf der anderen Seite ist der Tabubruch auch immer wieder Anlass zur schnellen Verbotsforderung mit Höchststrafe. Sarrazin müsse zurücktreten, er müsse bestraft werden, Volksverhetzung sei das etc. pp.. Als würde ein Teil der deutschen Gesellschaft nach der plötzlichen Erkenntnis, dass ja tatsächlich und wirklich Rassisten aus Fleisch und Blut unter uns leben, unbedingt diese ‘schlimme Tat’ in ein bereits bestehendes staatliches Sanktionierinstrument hineinpressen wollen. Denn wir als Ganzes – und somit auch unser Staat – sind nicht rassistisch. Wir heben uns ganz klar und deutlich von Rassisten aus den nationalistischen Parteien ab und brauchen uns aufgrund der klaren Distanz nicht noch weiter oder expliziter inhaltlich zu distanzieren1. Ist es denn nicht genug, dass wir diese Parteien verbieten wollen und sie ansonsten dadurch marginalisieren, dass wir ihre Argumente und somit ihre Wähler vollständig übernehmen?2
Interessant an den Tabubrüchen ist ihre offensichtliche Fähigkeit zur Selbstheilung. Anders ist nicht zu erklären, dass bestimmte “Tabubrüche” bereits ein wiederkehrendes Deja-Vu-Erlebnis auslösen und den Medien teilweise frische Namen für ‘neue’ Tabubrüche fehlen. Was sagt Sarrazin, was nicht schon seine Befürworter von Ralph Giordano über Roland Koch bis hin zur NPD gesagt hatten? Man erinnere sich nur mal an die Ausländer-”Affäre” um den hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch zum letzten Wahlkampf – und gleich auch an den Wahlkampf davor! Wie dämlich muss man eigentlich sein, von einer gesellschaftlichen und politischen Unterdrückung von solchen ‘tabubrechenden’ Meinungen zu sprechen, wenn sogar ein öffentlicher Bekenner dieser Meinung Ministerpräsident werden kann?
Das muss man doch mal sagen dürfen..
Aber dann höre ich wieder in meinem Kopf den Deutschen mit Doppelkinn und Null Ahnung3 argumentieren: “das muss man doch mal sagen dürfen” oder “das musste ja mal gesagt werden”! Was will man denn bitte dagegen sagen? “Nein, dürfen Sie nicht sagen”?
Dazu ein kleiner Vergleich! Yakup Tasci war Imam einer Berliner Moschee. Im November 2004 hat ein ZDF-Team eine Predigt von ihm aufgenommen, in der er Deutsche als übelriechend bezeichnete. “Das muss man doch mal sagen dürfen”? Die Behörden haben ihn versucht abzuschieben, mit der Begründung, er habe den inneren Frieden gestört. Das scheiterte nur an Formalien. Allerdings war der öffentliche Konsens darüber, dass die Aussage des Predigers volksverhetzend seien, enorm – von rechts wie “Die Welt” bis links wie “taz”. Das Oberverwaltungsgericht sah seine Aussagen nicht durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Schnell wurde er in der öffentlichen Debatte als Hassprediger bezeichnet und es wurden alte Angriffspunkte gegen ihn ausgekramt4.
Interessant auch folgendes: Das Verunglimpfen von Ausländern, Muslimen und anderen Minderheiten wird sehr oft als Chance zur Diskussion eines “wirklichen Defizits” verstanden – wohlgemerkt von der Mehrheit! Ich kann mich an keine einzige Zeitung erinnern, die ernsthaft gefordert hätte, das Problem der fehlenden Hygiene in Deutschland anzusprechen. Dabei gäbe es genügend Fragen, die da zu stellen wären. Vielleicht kann man damit sogar Menschenleben retten, indem via Haut übertragbaren Krankheiten wie der Schweinegrippe Einhalt geboten wird. Daneben ließen sich natürlich auch weniger appetitliche Themen klären.5
- man merke: der Muslim etwa muss sich von muslimischen Übeltätern distanzieren; das muss der Deutsche im Vergleich nicht tun.[↩]
- man nennt es auch wahltaktisches Themenbesetzen[↩]
- keine Sorge, nicht alle Deutsche, sondern einen Menschen, den ich einmal in einer Straßeninterview-Szene im Fernsehen gesehen hatte[↩]
- die offensichtlich bestenfalls unsubstanziell und schlimmstenfalls gelogen waren[↩]
- etwa: Woher weiß man dass die Hand, die man da schüttelt oder von der man gerade ein Brot, Messer oder auch nur einen Stift gereicht bekommt nicht gerade ungewaschen aus einem Toilettengang kommt? Oder: Hat er wirklich nach französischem Küssen seines Hundes, der kurz zuvor am Hintern eines anderen Hundes geschnuppert hatte, aus meinem Becher/meiner Flasche getrunken?[↩]
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» Sarrazin und Tabubruch? Von wegen! Nachtwächter-Blah — 10. Oktober 2009 @ 03:17
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By David, 10. Oktober 2009 @ 08:29
Das gute an solchen Diskussionen ist, dass man einen ungefähren Eindruck davon kriegt, was verschiedene Leute unter Integration verstehen. Ich glaube es gibt in allen Altersschichten der “deutschstämmigen Deutschen” (also diejenigen, die mutmaßlich keinen Migrationshintergrund haben und deren Vorfahren vor Tausenden von Jahren schon in deutschen Wäldern von Wurzeln lebten) eine große Angst vor dem Fremden. Schade, dass nach 50 Jahren Menschen mit türkischen und arabischen Wurzeln noch immer zuerst als fremd empfunden werden. Aber die Leute haben nunmal diese Angst, was will man dagegen tun? Sie müssen sich nur im Klaren darüber sein, dass sie entweder mit dieser Angst leben müssen oder aber endlich offen zugeben, dass sie im Grunde gegen jede Einwanderung sind und dass sie Panik vor anderen Ethnien haben. Ich glaube Xenophobie gibt es wirklich überall, leider. In Deutschland ist es nur so, dass sich Politiker sehr weit verrenken müssen, um ihre potentiellen Wähler zu erreichen, weil es illegal wäre, sich das einschlägige Gedankengut öffentlich zu eigen zu machen. Der Begriff “Kopftuchmädchen” ist so offensichtlich diskriminierend, dass ich mir echt Sorgen mache, was in den Köpfen derjenigen vorgeht, die meinen, dass man sowas wohl noch sagen dürfen müsse.
By Angela, 12. Oktober 2009 @ 10:12
Der Burger Giordano hat viel mitgemacht und ist auch nicht mehr der Jungste. Alte Leute werden eben manchmal komisch.
Ich weiss zwar nicht, wo in Deutschland ernsthafte Hygieneprobleme bestehen sollen, aber ich ware dafur, dass statt Yakup Tasci Koch und Sarazin endlich abschieben.
By Eingeschränkte, 15. Oktober 2009 @ 10:49
“diejenigen, die mutmaßlich keinen Migrationshintergrund haben und deren Vorfahren vor Tausenden von Jahren schon in deutschen Wäldern von Wurzeln lebten”
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Genau diese Leute, die Eingeborenen heute deutscher Landstriche, wurden mal genau so kolonisiert wie u.a. die Eingeborenen afrikanischer Länder später. Surft mal nach Prußen, Friesen, Sachsen … Noch Luther stöhnte: “Dazu, wie unser deutsch Volk ein wüst wild Volk ist, ja schier halb Teufel halb Menschen sind, begehren etliche die Ankunft und das Regiment der Türken.” — Und im Ersten Weltkrieg war es z.B. eine allgemeine Stimmung in Bayern, an Frankreich angegliedert zu werden, wie u.a. Feldpostbriefe der Soldaten belegen. Aber das erzählen sie in den Schulen nicht. Die aktuelle völkische Deutschtümelei von Sarrazin und Co. zieht ihren Saft wesentlich aus dem NS.