Nazischläger und die Existenz von Rassismus

Zwei HAZ-Artikel beschreiben einen Angriff rechtsextremer Schläger auf zwei “Farbige” (gemeint sind wohl dunkelhäutige, nicht irgendwie krankhaft bunte) in der Straßenbahn Hannovers am Freitag.

Zunächst pöbelten sie die beiden Mitreisenden an. Es entwickelte sich ein heftiger Streit, in dessen Verlauf einer der Männer einem Angreifer einen Kopfstoß versetzte. Daraufhin zog das Trio die Waffen hervor und jagte die beiden Opfer durch die Bahn. [...] Am Steintor sprangen sie aus der Bahn und flüchteten. Auch die Rechtsextremisten verließen die Linie 5, brüllten ausländerfeindliche Parolen und zeigten mit erhobenem Arm den sogenannten Hitlergruß. Die Polizei, die von Zeugen alarmiert worden war, nahm zwei der Täter in der Nähe der Haltestelle fest. Der dritte Mann konnte entkommen, ist aber namentlich bekannt.

Soweit ist es eine “normale” Geschichte von einigen rassistischen und überhitzigen Zeitgenossen, wie es sie zwangsläufig in einer noch so kleinen Anzahl immer geben wird. Die Beschreibung dieses Phänomens und der Schluss auf Rassismen in Deutschland gegenüber Migranten/Ausländer/Andere erscheint vielen als überzogen und pauschalisierend1. Schließlich ist es ja Gott sei Dank keine Alltagserfahrung, die man etwa in Hannover machen kann, dass man als anders aussehender durch die Innenstadt gejagt würde. Diese Schlägertypen – und da wird man wohl leicht Konsens finden können – müssen geahndet, bestraft und gehindert werden.

Aber wirklich gefährlich sind nicht die Schlägertypen, die heute eine Minderheit der Minderheit darstellen, sondern vor allem die Reaktionen der Allgemeingesellschaft:

„Nach dem bisherigen Stand der Ermittlungen hat sich keiner der Fahrgäste eingemischt“, sagte Polizeisprecherin Petra Holzhausen. Lediglich die Begleiterin der Angreifer habe vergeblich versucht, die Männer zurückzuhalten

Die fehlende Einmischung der Fahrgäste kann natürlich auch mit Angst erklärt werden – Angst davor als Opfer aus der Geschichte herauszukommen. Und je nachdem – es soll zu später Stunde geschehen sein – wie viele Gäste sich in der Bahn befanden ist diese Gefahr durchaus gegeben. Was keineswegs verständlich ist sind einige Reaktionen auf die Meldung der Hatz [sic]. Ein Karl Wilhelm trägt bereits den zweiten Kommentar zum Artikel bei:

verschwundene Opfer

Es ist ja schon sehr merkwürdig, daß die Opfer verschwunden sind. Wohlmöglich halten sie sich illegal in Deutschland auf oder werden gar gesucht. Vielleicht ist es aber auch ein alternatives Wahlkampfteam der Grünen oder Linkspartei.

Rechte Schläger quasi als Ausübungsinstrument deutscher Einwanderungspolitik Grenzsicherung und Verfolgung [sic] illegaler Einwanderer?? Interessanter Gedanke! Einen Tag später pflichtet ihm ein “Lindener” zu und sieht sogar eine klare Schuld bei den “Farbigen”, die “zuerst mit der Schlägerei angefangen haben, oder?? So unschuldig sind die also mit Sicherheit auch nicht”. Kurz darauf spekuliert “Straßenbahner” weiter und fragt sich, ob sich die “Kontrahenten” nicht untereinander kennen würden – alles ist ja möglich, wenn es darum geht, die offensichtlich rassistische Motivation auszuschließen. “Toni” geht einen Schritt weiter und glaubt hinter der “rassistische Rechte jagen ‘farbige’ Ausländer”-Story eine bloß materiell motivierte Geschichte zu sehen – verkauft sich halt besser. In seiner Überschrift stellt er klar, welche Version er für möglicher hält: “Drogensüchtige und Dealer???” Glanzleistung!

Und so geht es immer weiter. “Lindener” bekräftigt seinen Verdacht, dass die “‘armen Ausländer’ oft dann doch nicht so arm waren und mindestens Mitschuld hatten”. Nach einer Weile hat die HAZ-Redaktion angefangen, einzelne Kommentare zu löschen. Gut finde ich, dass dort immer noch Platzhalter mit den Namen der Autoren und dem Titel stehen. So sieht man die Tragweite der rassistischen Kommentare auch ohne sie lesen zu müssen.

Ich bin natürlich geneigt, alle Kommentare aufzulisten und zu “beantworten” oder zu kommentieren, allerdings wäre das nicht zweckdienlich. Außerdem entwickelt sich die Kommentarsituation ja noch weiter. Allerdings halte ich die latente Fremdenfeindlichkeit, die in vielen der Kommentare zum Ausdruck kommt für ein gefährlicheres Symptom als die Schlägertypen.

Ein Kommentator namens “indiansfan” ist teilweise Zeuge am Freitag geworden. Er hat im Kommentarbereich seine Beobachtungen geschildert. Seinen Beitrag empfinde ich als sehr wichtig und möchte ihn deshalb hier wiedergeben:

Insiansfan: Ich befand mich an diesem Abend in besagter U-Bahn, allerdings im hinteren Wagon. Bin dann am Steintor ausgestiegen und in die Situation hinein geraten. Die beiden Schwarzen flohen aus der Straßenbahn vor den Nazis. Nazis hinterher, bewaffnet mit Teleskopschlagstock und Schlagring. Das waren keine armen Deutschen die von Ausländern angegriffen wurden. Alle Glatze, Stiernacken, muskulös. Rufe wie “Scheiß Nigger”, “Sieg heil” und Co. Alle Leute schauen weg oder laufen davon. Habe mich mit einigen anderen Mutigen auf Seite der Opfer gestellt, Nazis sind Richtung Lange Laube geflohen.

Opfer sprachen übrigens fließend deutsch und entgegneten dem einen Nazi noch “Was willst du? Ich habe einen deutschen Ausweis und bin genauso Deutscher wie du”. Da die beiden Opfer ihre ganzen Wertsachen in der Bahn zurücklassen mussten sind sie mit der nächsten Bahn weiter um irgendwie wieder an ihren Kram zu kommen.

Wer hier anstatt Entsetzen über rassistische, bewaffnete Schläger zu zeigen die “Ausländer greifen aber öfter Deutsche an” Keule rausholt ist echt an Armseeligkeit nicht mehr zu unterbieten.

Ich stehe immer noch unter Schock das sich rechte Schägertruppen jetzt auch schon offen in Hannovers Innenstadt bewegen können als wären wir hier im tiefsten Osten.

Es ist bereits schlimmer. Dass die NPD-Plakate in Hannover – in Döhren besonders scheint mir – so weit verbreitet sind, ist auch nur ein weiteres Indiz..

  1. was er durchaus sein kann[]

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Comments

  • By gibgasachi, 22. September 2009 @ 10:04

    Ist echt heftig. In Hannoer rechnet man ja echt nicht mit sowas. In Ricklingen hängen übrigens auch recht viele NPD_PLakate. Schön hoch gehängt, dass da niemand dran kommt. Die haben die “Arbeit zuerst für Deutsche”-Plakate rund um den Schünemannplatz ufgehängt, da dort immer dutzende (meist deutsche) Alkoholiker sind.

  • By Umm Ishaq, 22. September 2009 @ 20:46

    “Allerdings halte ich die latente Fremdenfeindlichkeit, die in vielen der Kommentare zum Ausdruck kommt für ein gefährlicheres Symptom als die Schlägertypen” – da hast du den sprichwörtlichen Nagel auf den Kopf getroffen!

    Ob “ZEIT”, “Spiegel”, “FAZ”, “Süddeutsche”…sobald Artikel aus den Themenbereichen Ausländer/Islam/Integration/Kriminalität zum Kommentieren freigegeben werden, schwappen regelrechte Freak waves über den unbeteiligten Mitleser hinweg.
    Die Onlineredaktionen sehen sich dann früher (ZEIT, SZ) oder später (FAZ, Spiegel, etc.) gezwungen, zu “zensieren” (pfui aber auch). Einzig die “WELT” lässt (womöglich zu dokumentatorischen Zwecken?) wirklich ausnahmslos alle Entgleisungen stehen.

    Vielleicht hoffen die Onlineredakteure auf die Selbstregulierungskräfte der Kommentarfunktion durch die Einführung der “Bewertungsmodi”- jeder Leser kann abstimmen, ob ihm oder ihr die Meinung des Mitdiskutanten X gefallen hat oder nicht. Lustigerweise kann man die verleumderischsten, unsachlichsten, kompromisslosesten und -ja- hetzerischten Beiträge immer an der höchsten Punktzahl oder dem strahlendsten Grün (z.B. bei der FAZ) erkennen.

    Mir schwant: die “Machtergreifung” ist in den Kommentarfunktionen bereits vollzogen.

  • By Carmen, 22. September 2009 @ 22:09

    Ja, ich muss Umm Ishaq leider zustimmen. Das ist mir zuletzt auch bei der TAZ aufgefallen. Ich dachte ich lese nicht richtig. Alle Kommentare auf einen Artikel über die BewegungsUNfreiheit von nicht “deutsch aussehenden Deutschen” in einigen Teilen des Landes wurden trotz aller Fakten abgetan und ins Gegenteil verkehrt.

    Sind mittlerweile so viele hyper-patriotisch, dass sie den Rassismus nicht mehr zugeben können? Oder sind das ein paar Dutzend die die ganze Zeit im Internet hängen und die Kommentarbereiche abgrasen?

    Ratlos
    Carmen

  • By Loaki, 22. September 2009 @ 22:15

    solche Mobs stammen meist von Seiten oder werden druch mailings Recht radikaler.
    Interessant ist auch solche Kommentatoren immer durch die Erwähnung von Nazis in ihren Augen “als Deutsche” angegriffen fühlen.

  • By zwiebel, 23. September 2009 @ 23:17

    die plakate sieht man auch richtung vahrenheide/langenhagen. es erstaunt, das sowas noch erlaubt ist.
    aber damits nicht nur in hannover bekannt wird, kam gestern zur besten sendezeit auch wahlwerbung der dvu auf zdf. o-ton: vor 30 jahren haben wir gäste geholt, die nun dauergäste geworden sind, die machen alles kaputt, was unsere großeltern aufgebaut haben…..
    für risiken und nebenwirkungen sind die sender natürlich nicht verantwortlich!
    was, wenn mal ein “farbiger” sich wehrt und dabei einen “deutschen” verletzt???

  • By gibgasachi, 24. September 2009 @ 00:41

    Hier sieht man sehr schön wie jedes Thema dazu genutzt wird um Stimmung gegen Türken, Muslime und allgemein Ausländer zu machen auf dem irgendwie das Etiket “Türke” draufsteht:
    http://de.answers.yahoo.com/question/index;_ylt=AvOm.gtejWP3rc0XWEJc0LbuCQx.;_ylv=3?qid=20090923145047AA4aGwb

  • By Umm Ishaq, 24. September 2009 @ 13:08

    Im hessischen Wetteraukreis beschlagnahmt die Polizei seit zwei Tagen auf richterliche Anordnung NPD-Plakate. Tatvorwurf: Volksverhetzung.
    Auf den Wahlanschlägen sollen ein muslimisches Paar und ein Schwarzer auf einem Teppich zu sehen sein. Darunter in großen Lettern “Guten Heimflug”.
    Volksverhetzung.

    Ich weiß diesen Aktionismus nicht recht zu deuten, komme aber für mich zu zwei plausiblen Ansätzen. In jeden Falle ist das Getöse ob des nämlichen Bildes samt Text eher lächerlich wenn man bedenkt, was uns aller liebstes Blog samt seiner inzwischen zahlreichen Metastasen täglich(!) ungehindert absetzt.
    Auf die kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag konnte das Hohe Haus da angeblich keinen Verstoß gegen § 130 StGB erkennen.
    Und selbst, nachdem sich ein Strafrechtler den Tort angetan hatte, auf dieser Seite bis hin zum letzten Werbebanner alles zu lesen und eindeutig zum Schluss kam, in 98,5% des Inhalts läge eine ganz eindeutige Strafttat im Sinne des obigen Paragraphen vor, konnte niemand mehr einschreiten, weil Herre et.al. inzwischen wieselflink auf einen US-amerikanischen Server umgezogen waren. Vielleicht sollte die NPD demnächst in New Jersey plakatieren und sich ebenfalls auf den “First Amendement” berufen.

    Aber woher auch? Erinnert euch bitte nur für einen Augenblick an Omars Diskussion auf cdu-politik.de. Die CDU/CSU ist natürlich eine demokratische Partei, die keinesfalls faschistoides Gedankengut in den eigenen Reihen tolerieren würde. Deshalb müssen Irmer, Herrmann, Stoiber, Haderthauer u.a. auch brav zum nichtssagenden “Wir haben die Kraft” nicken, obwohl sie vermutlich lieber den Teppich gehabt hätten.

    Und um nochmal auf die Zeitungskommentare zurückzukommen: wenn die Blubberblasen aus den Untiefen des braunen Sumpfs in eloquente Wortkaskaden gepresst in die Kommentarfunktionen der bildungsbürgerlichen Presse aufsteigen, ist die Heimflug- und “Ausländerrückführungs”-Denke plötzlich meinungsfreiheitlich gedeckt.

    Diese Verlogenheit ist doch einfach frei nach Liebermann….

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