Altersarmut in Hannover

Durch die Jahre gebeugt und schwer unter dem alten aber guterhaltenen Mantel leidend nähert er sich dem Hauptbahnhof. Um ihn herum warten die Menschen darauf abgeholt zu werden – einige von der Bahn, andere von Verwandten, Bekannten oder Freunden. Seine Ziele hat er fest im Visier. Er braucht nicht links und rechts zu blicken. Ansprechen wird ihn eh keiner. Er sieht aus wie ein Herr, der an diesem regnerischen Tag nicht zuhause sitzen wollte – im Fernsehen läuft nichts gutes mehr – und stattdessen durch die am Sonntag offenen Märkte des Hauptbahnhofs schlendern möchte und vielleicht einen Teil seiner Rente für eine kleine pitoresque Vase mit toten Blumen und trockenen Grashalmen ausgeben möchte, die ganz gut zu seinem beschaulichen Wohnzimmer zuhause passen könnte.

Beim ersten Ziel angekommen, öffnet er die Stofftüte, die er sich auf die Schulter gepackt hatte und sondiert die Innereien des Mülleimers. Es ist nicht immer leicht, das Gesuchte zu finden. Hauptbahnhöfe haben zwar den Vorteil, dass eine penible Mülltrennung vorgesehen ist – die Reihenfolge kann er inzwischen auswendig, auch wenn man die Aufkleber mit den farblich gekennzeichneten Zuordnungen nicht mehr erkennen kann – allerdings machen sich nur die wenigsten Durchreisenden die Mühe, ihren Müll zu trennen. Wozu denn auch – landet sowieso alles auf dem selben Haufen!

Er hat ein eigenes System entwickelt. Am Wichtigsten ist der Recycling-Müll. Dort findet man öfter eine Mehrweg-Flasche, die im Supermarkt 25ct einbringt. 25ct, die man frei zur Verfügung hat sind nicht zu unterschätzen. Wenn er drei oder mehr Flaschen gefischt hat, dann zieht er weiter. Drei Flaschen sind eine Menge Geld und versprechen, dass er heute noch was zu essen bekommen kann. Wenn das nicht der Fall ist, dann versucht er sein Glück im Restebehälter. Dort gibt es öfter mal Halbgegessenes. Drei Flaschen sind allemal besser als das Halbgegessene. Mit drei Flaschen wäre er ein reicher Mann. Für den Tag.

Mit zwei Bierflaschen und einer halbvollen Schachtel eines Asialadens zieht er schnell weiter. Zu lange möchte er nicht an einem Mülleimer stehen, denn die mitleidigen Blicke, die er dann abbekäme kann er nicht leiden. Außerdem wartet der nächste Mülleimer auf ihn.

In seiner Bekanntschaft weiß keiner, dass er sich am Sonntag vormittag durch die Mülleimer der Innenstadt durchwühlt. Das würde er auch niemandem erzählen. Er schämt sich. Und teilweise hat er Angst, dass die meisten Bekannten ihm entweder nicht helfen können oder einfach nicht helfen würden. Einige seiner Bekannten sind selbst nicht so gut dran. Er will sie nicht weiter belasten. Er fragt sich, wieviele davon selbst durch Mülleimer wühlen.

Er fragt lieber nicht nach.

Der alte Mann zieht vor mir von einem Mülleimer zum nächsten, bis er die Behälter vor dem Hauptbahnhof alle hinter sich läßt und weiterzieht.

Weiter im Hauptbahnhof treffe ich eine alte Dame, die fast schon vornehm aussieht. Sie hält eine Taschenlampe in der Hand. Am Mülleimer angekommen, leuchtet sie herein, um sich nur dann die Finger schmutzig zu machen, wenn es sich wirklich lohnt. Ein älterer Mann hat sich eine andere Methode ausgedacht. Er bewaffnet sich mit einer alten Zeitung, um damit im Müll zu stochern.

Bin ich der einzige, dem in letzter Zeit Menschen im Rentenalter auffallen, die durch den Müll wühlen? An die offensichtlich obdachlosen, denen man manchmal gerne die Schuld an ihrem Schicksal selbst zuschreibt – Alkoholiker! – hat man sich im Straßenbild gewöhnt.

Manche gehören zu ihren jeweiligen Stadtteilen dazu, wie etwa der “Professor”. Der Professor (oder der “ewige Student”) hat einen langen Bart und trägt immer eine kleine Tasche bei sich. Er geht seit Jahren gebückt durch die Innenstadt – und besonders liebt er die Gärten um das Hauptgebäuder der Universität. Neuerdings stützt er sich auf eine viel zu klein geratene Krücke. Er scheint immer ein Ziel zu haben. Aber manchmal sieht man ihn auch eine längere Weile an einer Haltestelle ruhen und manchmal glaubt man, er würde im Kreis drehen – immer eine bestimmte Route laufend.

Dann gibt es die “Philosophin”. Sie ist nicht nur in einem Stadtteil unterwegs und deshalb sieht man sie manchmal über längere Zeit nicht. Sie schiebt einen großen überhäuften Bollerwagen durch die Gegend, der mit einer großen Decke überdeckt ist. Sie scheint immer einen imaginären Gesprächspartner zu haben, den sie immer mit dem Kopf etwas seitlich und aufwärts gewandt anspricht. Vielleicht ein verstorbener Ehemann, der einen Kopf höher war? Oder vielleicht spricht sie ja zu Gott. Wer weiß das schon. Und sie lächelt. Immer lächelt sie. Sie lächelt nicht mich oder andere Menschen an, aber sie lacht und scheint teilweise in ihrem schleppenden Trab einer Melodie nachzutanzen. Ganz leicht wiegt sie sich manchmal – oder ich bilde mir das ein.

Aber diese Leute sind nicht zahlreich und sie sind auch nicht so “normal”. Immer mehr sieht man bürgerlich aussehende ältere Mitbürger, die wie normale Fußgänger durch die Straßen Hannovers gehen, um dann kurz angebunden, sich einem Mülleimer zuwenden und hineinblicken, um bei erfolgreichen Befundung ihr Glück zu versuchen.

Ist das normal?

Derzeit – und für den Rest der Woche – findet sich im Hannoverschen Steintor ein von muslimischen Vereinen organisiertes großes “Ramadanzelt”, in dem zum Sonnenuntergang Essen angeboten wird. Ich werde zwar nur am Donnerstag und Freitag da sein können, aber ich würde mir wünschen, wenn einer dieser Menschen vorbeischauen könnte und mir von seinem Leben erzählen könnte. Und jetzt denke ich, dass Internet vielleicht das falsche Medium ist, um dafür zu werben.

Andere Beiträge:

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  3. Rassistendebakel in Köln und Hannover
  4. Demo für Opfer in Gaza in Hannover
  5. Ayaan Hirsi Ali in Hannover: “Gefahren des Islams”

Comments

  • By Ayse, 18. September 2009 @ 15:13

    salam,

    ich teile deine Beobachtungen! Eigentlich gehören solche älteren Menschen umarmt, denn sie sind eine amaana, nicht nur weil sie bedürftig sind.
    In diesem Ramadan, in Folge der Zuhilfenahme des Hadithwerkes “Riyad us Salihin” habe ich viel darüber nachgedacht, wie nachlässig wir Muslime in Bezug auf die Armen und unsere Nachbarn geworden sind. So wie heute waren wir nicht- das passt nicht zu uns, das ist nicht unser Erbe. Wenn der Geiz kein Ende nimmt, und die rechte Hand nicht wieder ohne zu schauen zu geben beginnt, fürchte ich, erben wir nichts

    salam

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  1. Hannover - 18 Sep 2009 — 18. September 2009 @ 08:01

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