Nicola Liebert: Wut über Dialog im eigenen Kopf

Als linke Journalistin weiß Nicola Liebert: Sie ist genauso über jeden Zweifel des Rassismus erhaben wie die Grünen mit ihrer überhauptnichtrassistischen oder -sexistischen Reduktion einer schwarzen Frau auf ihre Sexualität. Ohnehin ist es nur dann “ganz und gar widerwärtig, wenn Ausländerhasser und Rechte im Allgemeinen Kopftuch und Burka als angeblich ostentativ religiöse Symbole für ihre Zwecke funktionalisieren”. Nein, Frau Liebert möchte lediglich Toleranz auch für sich einfordern, diese Toleranz “beinhaltet etwa, dass ich in einer Gesellschaft leben möchte, die das humanistische Grundprinzip der Gleichberechtigung anerkennt”.

Was heißt das genau?

Frau Liebert macht das an einem persönlichen Beispiel klar: Letztens hat ein Türke sie in Berlin-Kreuzberg aufgefordert, einen BH anzuziehen, da ihm die Art ihrer Bekleidung1 gestört hat. Was sie in dem Augenblick anhatte, war – ach wissen Sie was: Eigentlich war es vollkommen irrelevant, was sie anhatte. Seitdem ist sie wütend und fragt sich, welches Recht sich “solche Typen” nehmen, nicht nur über ihre Kleidung zu urteilen, sondern auch noch dieses Urteil herrisch auszusprechen. Dass Bekleidung eine Geschmackssache, also eine Meinung ist, sagt Frau Liebert selbst auch. Allerdings darf man diese Meinung nicht äußern, es sei denn man meint die “glücklicherweise relativ seltenen Ganzkörperschleiern”.

Inzwischen wissen wir, dass leidige persönliche Erfahrungen – hier die überhebliche Urteilsbekundung des Türken über die Kleidung der Weißen – den politisch Inkorrekten in einem linken Zeitgenossen hervorblicken lässt. Der höchst konsequenten Logik folgend lässt Frau Liebert, aus Ohnmacht vor der offensichtlichen Frechheit zu keiner direkten Entgegnung fähig, nun ihren Hass und ihre Wut auf die – in der Szene vollkommen abwesenden – Frauen ab – auf die muslimischen Frauen. Dabei lässt sie einen Schwall von Anschuldigungen, Unterstellungen und Paternalisierung auf diese los, der mangels Anwesenheit dieser Frauen nicht gekontert werden kann. Vor allem geht es dabei um eine von Frau Liebert so empfundene Aussage, die von der Verhüllung ausgeht: “Seht her, ich bin züchtig und keusch, ich bin keine Schlampe, keine Nutte!”

Wohlgemerkt kann die Autorin nicht von eigener Erfahrung sprechen, denn man darf ob des fehlenden Hinweises davon ausgehen, dass keine einzige “verhüllte” Frau2 diese Aussage ihr gegenüber tatsächlich getroffen hat. Vielmehr geht es um einen Liebert-internen Dialog, der sich allein in ihrem Kopf abspielt. Merkwürdigerweise spielt der Mann – der Ursprung ihrer Wut – dabei keine Rolle mehr. Und selbst die “verhüllte” Frau ist nur Subjekt in der Szenerie. Im Mittelpunkt steht Frau Liebert, die gleichzeitig die Szene selbst schreibt und den Akteuren Worte in den Mund legt. Was fehlt ist nur, dass Frau Liebert den Subjekten ihrer Fantasiewelt die Kleider vom Leibe reißt (natürlich nur in dem Maße, wie sie das für richtig hält), um eine aufgeklärte, humanistische und durchweg rosarote Gesellschaft zu erreichen.

Freuen tun sich unterdessen im Übrigen die eher weniger linken Zeitgenossen, die sich nun im Kommentarbereich der taz austoben. Deshalb möchte ich – im Sinne der Gegenprobe zur Erfahrung von Frau Liebert – den Kommentarbeitrag von Silvia Horsch hervorheben:

Ich wurde schon oft von Leuten verbal angegriffen, die meine Kleidung gestört hat. (Ich trage ein Kopftuch.) Würde ich daraus den gleichen Schluss ziehen, wie Frau Liebert aus ihrer Erfahrung, wäre dies der folgende: Jede Frau, die im T-Shirt rumläuft will mir damit eine Botschaft vermitteln: Seht her, ich bin emanzipiert, befreit, fortschrittlich. Solch eine Aussage beinhaltet stets auch ihr Gegenteil: Wer sich nicht so kleidet, ist im Umkehrschluss wohl nicht befreit, emanzipiert, fortschrittlich…

Das wäre genauso unsinnig, wie die diskreditierenden Unterstellungen von Frau Liebert.

Die angeblichen “Botschaften”, die das Kopftuch vermittelt, werden ohnehin vom politischen und medialen Diskurs definiert, nicht von muslimischen Frauen selbst.

  1. “wie du rumläufst”[]
  2. also bedeckter als Frau Liebert selbst[]

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Comments

  • By Umm Ishaq, 25. August 2009 @ 15:30

    Ja, die Wogen gehen hoch dieser Tage und wenn Burka- und Burkini-Verbot zeitlich so dicht beieinander liegen dann darf natürlich auch die taz mit ihrer “Kampfansage an die Schleierfraktion” nicht abseits stehen.

    @ Omar: mach doch mal was über das Blog des ZEIT-Journalisten Jörg Lau, der den Liebert-Artikel ebenfalls verlinkt hat.
    Dort war ich gestern Abend seit langer Zeit mal wieder zu Besuch und musste entsetzt erkennen, dass selbst einmal sachlich und durchaus zum Nachdenken anregende Kritik mit der Zeit zum dumpfen Kopftuch-Bashing verkommt….

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