Heldenhaft

Ich tue mich schwer mit dem Begriff “Held”. Darf ein Held etwa Fehler haben? Oder ist er in jeder Hinsicht nicht heldenhaft, sondern auch vorbildlich? Einen solchen zu finden wird schwer. Meist läuft das sowieso so ab, dass man seinen eigenen Helden romantisiert und in jeder Situation heldenhaft karikiert. Damit wird zwar die historische Person, die mal existierte, gelöscht, gelöscht. Aber man erschafft sich ein Vorbild nach eigenen Maßstäben und kann diesem nacheifern. Ist das was Schlechtes? Das weiß ich nicht. Ich persönlich habe ein Problem damit, da mir der Bezug zu sehr verloren geht.

Und trotzdem glaube ich historische und gegenwärtige Personen aus unterschiedlichen Zusammenhängen zu kennen, an denen ich Vorbildliches, Nacheifernswertes und eben auch Heldenhaftes festzumachen bereit bin. Eine solche Person ist mein Namensopa Omar Ibn al-Khattab, ein Gefährte und enger Bekannter des Propheten Muhammad. Ich werde aus Gründen der Länge nur einige konkrete Begebenheiten wiedergeben. Den Rest kann man ja selbst nachlesen, wenn man Interesse hat..

Omar war ein jähzorniger, leicht zu Gewalt neigender und recht absolutistischer Mensch. Den Erzählungen zufolge scheint er mir auch ein stark nach Dominanz strebender Mensch gewesen zu sein. So trat er innerhalb von Diskussionen meist gewaltig in den Mittelpunkt – vor Allem, wenn ihm etwas nicht passte. Nicht selten wird davon berichtet, dass er übereilt sein Schwert zog oder jemanden verprügelte, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen oder einem von ihm empfundenen oder tatsächlichen Unrecht entgegen zu treten. Sein Sinn für Gerechtigkeit – etwas, was ihm den Beinamen Farooq einhandelte, der Trennende – führte ihn auch mindestens in zwei Fällen dazu, die Privatsphäre von Menschen zu verletzen.

Er vertrat eine komische Ansicht von Ehe und Geschlechterverhältnis und teilweise ein fehlerhaftes Verhältnis zur Realität und seinen Möglichkeiten, daran etwas zu ändern. Möglicherweise entstammt das auch seiner Vorstellung von sich selbst.

Ich habe nun all die Eigenschaften Omars in ein schlechtes Licht gerückt. Ich finde es aber auch interessant, dass einige dieser Eigenschaften zu sehr positiven Aktionen derselben Person geführt haben.

Omar hat sich aber über die Jahre geändert. Dies ist in weiten Teilen der Erziehung durch den Propheten zu verdanken, der ihn stets zurückgehalten und zurechtgewiesen hatte und seinen Übermut gebändigt hat, was aber auch nicht vollständig gelang. Nach dem Ableben des Propheten war es Omar Ibn al-Khattab, der die Realität nicht einsehen wollte und stur darauf bestand, dass es nicht sein könne, dass der Prophet verstorben war bis der dann zum ersten ‘Kalifen’ gewählte Abu-Bakr As-Siddiq laut verkündete, dass der Prophet – ein normaler Mensch – verstorben war und dass es keinen Sinn machte, den Propheten anzubeten, sondern vielmehr der Gott dieses Propheten auch weiterhin existierte und anbetungswürdig war.

Omar Ibn Al-Khattab folgte auf Empfehlung Abu-Bakrs diesem als Khalif. Zunächst einmal wurde aus seinem Dominanzbestreben zu diesem Zeitpunkt eine vollkommene Ablehnung der Übernahme dieser Verantwortung. Er war aufgrund seiner Strenge teilweise nicht sehr beliebt und die Empfehlung Abu-Bakrs wurde aus diesen Gründen kritisiert. In seiner Rede zur Übernahme des Khalifats befahl er dann, dass jeder seine (also Omars) Fehler berichtigen solle.

Wenn ich dem richtigen Pfad folge, dann folgt mir und wenn ich davon abweiche, dann korrigiert mich, sodass wir nicht auf Abwegen wandeln.

Er ging aber auch auf die Ängste der Bevölkerung ein, indem er Besserung gelobte und Strenge nur den Tyrannen versprach.

Diese Maxime spiegelt sich in einem Vorfall wieder, in dem ihn eine Frau während einer Rede (möglicherweise die Freitagspredigt) dafür kritisiert, dass er offenbar aus einer Verteilung von Stoffen unter den Bewohnern der Stadt einen größeren Anteil bekommen hatte und dementsprechend sein Kleid länger ausfiel. Statt diese persönliche Kritik und öffentliche Verleumdung gepaart mit der unverschämten Unterbrechung zu verurteilen, erklärt Omar, dass ihm der zusätzliche Stoff von seinem Sohn Abdullah Ibn Omar geschenkt wurde – vom früheren Jähzorn nichts zu spüren. So trivial das klingen mag, die wenigsten Verantwortungsträger würden auf die Nachfrage auf in Anspruch genommene Leistungen ruhig reagieren und nicht das Recht auf Nachfrage selbst in Frage stellen.

Sein Sinn für Gerechtigkeit drückte sich auch darin aus, dass ihm das Rechtfertigungsprinzip von Menschen in der Verantwortung zugerechnet wird. “Wo hast du das her?” war die Standardfrage, die er Verantwortlichen stellte, um festzustellen, ob sie ihr Amt missbraucht hatten. Er verbat dem ersten Khalifen Abu-Bakr die Fortführung seiner Handelsgeschäfte, zum Einen um Korruption zu verhindern und zum Anderen auch um zu garantieren, dass die ungeteilte Aufmerksamkeit Abu-Bakrs seinen Amtsgeschäften galt. Dazu sorgte er dafür, dass es für den Khalifen ein Gehalt gab.

Als er das Amt übernahm, war es ihm besonders wichtig, mindestens demselben Anspruch gerecht zu werden. Er führte den Posten des Kadi (Qadi), also des Richters ein, der die Befugnis bekam, dass man bei ihm den jeweiligen Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen konnte. Er führte Versorgungsstellen für Durchreisende ein und sorgte durch eine gezielte Anwendung seiner Strenge für einen Ausgleich zwischen Reich und Arm.

Stets hatte Omar Ibn-Alkhattab Angst, dass er seiner Verantwortung nicht gerecht werden würde. Er entledigte sich seiner “Luxusgüter”. Fortan hatte er zwei Kleider – eines für den Sommer und das andere für den Winter. Eine Überlieferung besagt, dass ein Gesandter Persiens nach dem Khalif fragte. In der Erwartung einer Entsprechung seiner Auswirkungen auf regionaler Ebene, hatte der Gesandte eine Art Schloss gesucht. Als er nicht fündig wurde, fragte er Menschen. Diese verweisten ihn an einen Baumstamm unter dem er Omar schlafend vorfand. Seine Folgerung:

Du (also Omar) hast regiert und dabei gerecht gehandelt, also konntest du dir deiner selbst sicher sein und (einfach so) schlafen (ohne dir Sorgen zu machen).1

Sowieso soll sich Omar in seiner Amtsphase teilweise mit zwei Stunden am Tag begnügt haben. Den Rest der Zeit verbrachte er auf den Straßen der Stadt, um die “Lage der Nation” zu erkunden – auch nachts.

Zu Omar Ibn-Alkhattab gäbe es sehr viel mehr zu sagen. Ich hoffe allerdings, mein grobes Bild von ihm hier differenziert skizziert zu haben. Der Beitrag ist im Rahmen des 6. Blogkarnevals deutschsprachiger Muslime entstanden. Mit Dank an Kübra Yücel, die die Zusammenfassung machen wird.

  1. im Arabischen ist der Ausspruch sehr viel kürzer und ist von der Form ein wenig mit dem veni, vidi vici vergleichbar – aber nicht im Inhalt[]

Keine relevanten Beiträge.

Comments

  • By Iris, 18. Juli 2009 @ 14:09

    Mir gefällt, dass Omar Ibn al-Khattab nicht als perfekter Mensch beschrieben wird – einer, der natur- oder gottgegeben anderen überlegen wäre – sondern als ein gewöhnlicher unvollkommener Mensch mit vielen Schwächen, der aber seine Lebenszeit dazu nutzt, ein besserer Mensch zu werden. Das macht es erst möglich, ihn sich zum Vorbild zu nehmen. Denn so wie er lernen und an der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit arbeiten kann jeder Mensch, der nicht von Geburt an mit Güte und Weisheit gesegnet ist.

  • By zeynep, 18. Juli 2009 @ 23:07

    Omar Ibn Al Khattab ist auch mein Held,..

    ich finde es auch faszinierend, dass er durch den Islam seine Aggression beherrschen konnte,,.

    ich habe meinen Sohn auch Ömer (omar) genannt,..

  • By kübra, 20. Juli 2009 @ 01:47

    Salam Bruder Omar, die Zusammfassung ist endlich online:
    http://ein-fremdwoerterbuch.blogspot.com/2009/07/karneval-die-zusammenfassung.html
    Total spannend, was die Menschen alles so geschrieben haben! Hab eine ganz schön lange “Zusammenfassung” geschrieben :)

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  1. Too Much Cookies Network » WDR Zeitzeichen erinnert an den Kalifen Omar Ibn al-Khattab — 3. November 2009 @ 14:01

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