Lebensgefährliches Wetter
Dienstag, 26. Juli 2005, 00:54

Was ist eigentlich in letzter Zeit mit dem Wetter los? Merkt es nicht, in was für einer Welt wir leben? Kann es sich nicht mal entscheiden, ob es regnen will oder ob die Sonne scheinen soll?
Ich hab also heute morgen aus dem Fenster geschaut und festgestellt, dass es zwar recht hell war, dass aber trotzdem relativ viele Wolken am Himmel hingen. ich zog mir deshalb vorsichtshalber meine Jacke beim Rausgehen an. Ich hatte einige Besorgungen in der Stadt zu verrichten und musste danach in die Uni fahren, um eine Projektarbeit durchzusprechen.
In der Stadt stellte ich das Auto ab, legte einen Parkschein ein und ging in Richtung Conrad. Als ich am Eingang zur U-Bahn-Station Steintor vorbeiging, fiel mir auf, dass ich in meiner Jacke, meiner recht dunklen Hautfarbe, meinen Schwarzen Haaren und dem dunklen (leicht ungepflegten) Bart sehr verdächtig aussah. Zu allem Überfluss hatte ich - wie immer - die Hände in den Jackentaschen verstaut, wo ich mit Schlüsseln, Keksresten, Kassenbons und anderem liegengebliebenem Zeug spielte. Ich machte also schnell die Jacke weit auf, schaute mich besorgt um und ging so unauffällig, wie nur irgend möglich an der U-Bahn-Station vorbei (das ist mir sicher nicht gelungen) mit der klaren Absicht, nicht so aussehen zu wollen, wie ich tatsächlich aussah - oder zumindest nicht wie eine Zielscheibe auszusehen!Das ist diesem Kerl nicht gelungen. Jean Charles de Menezes musste sterben, weil die Polizei ihn für einen Selbstmordattentäter hielt. Er auf der anderen Seite lebte im falschen Haus, hatte Probleme, das Wetter einzuschätzen und offensichtlich keine hellseherischen Kräfte, um zu ahnen, dass seine Verfolger - die ihn letztendlich umbrachten - eigentlich Angst vor ihm hatten - oder zumindest vor dem, was er ihrer Meinung nach anstellen könnte. All das qualifiziert ihn nicht dazu, ein Terrorist zu sein. Klar, er hatte auch dunkle Haut und vielleicht hatte er sogar einen Dreitagebart, aber so richtig “Terrorist” spricht sich das nicht aus!
Ein Augenzeuge hat zur Tötung von Jean Charles de Menezes die bisher detailliertesten Angaben gemacht. Darin heisst es etwa:
“They couldn’t have been no more than two or three feet behind him at this time and he half tripped and was half pushed to the floor and the policeman nearest to me had a black automatic pistol in his left hand. He held it down to the guy and unloaded five shots into him.”
Wenn aber die Polizisten bereits bei ihm waren, hätten sie nicht besser einfach seine Hände festhalten können? Statt dessen schossen sie ihm aus nächster Nähe fünf Schüsse in den Kopf. Von Verhältnismässigkeit kann hier nicht die Rede sein.
Aber abseits der Schuldfrage und ob die Polizisten auch anders reagiert haben könnten bestehen britische Politiker auf die neue Methodik nach der erst geschossen dann Fragen gestellt werden. Das ist für eine Stadt wie London, in der Polizisten bisher keine Waffen getragen haben, sicherlich nichts, was die Bevölkerung beruhigen wird. Ein Grund, warum sich auch Jean Charles sicher gefühlt hat.
“I told him to take care [in England] … but he laughed. ‘It’s a clean place, mum. The people are educated. There’s no violence in England. No one goes around carrying guns. Not even the police.‘”
Nun will uns Sir Ian Blair - der Polizeichef Londons, der mich ansonsten in seiner Reaktion auf die Anschläge am 7.7.2005 sehr überzeugt hat - sagen, dass es weitere unschuldige Opfer geben wird. Die britische Bevölkerung muss ihm und den Politikern in Gross-Britannien klar machen, dass das nicht in Frage kommt. Es ist schon schlimm genug, dass Terroristen keinen Wert in einem Menschenleben sehen, jetzt müssen wir auch noch damit rechnen von unseren Polizisten umgebracht zu werden? Und weshalb? Weil wir uns in der Kleiderwahl vertan haben…
Besorgter Omar
Pingback von Too Much Cookies Network » Du bist “de Menezes”
Made Freitag, 9 of Juni , 2006 at 08:48
[...] Vor etwas weniger als einem Jahr wurde Jean Charles de Menezes in der Londoner U-Bahn von einem Polizisten erschossen. Anfangs hieß es, er sei ein Terrorist (ausserdem sähe er aus wie einer (also wie ein Araber!!)), später stellte sich heraus, dass er vollkommen unschuldig ist, nicht aber bevor ihm alles mögliche vorgeworfen wurde. Die Polizei hat versucht, sich mit seiner nicht-existenten Bomberjacke und einem nichtstattgefundenen Fluchtversuch (obwohl sie selber nie gesagt hatten, dass sie ihn zum Stehen aufgefordert haben) herauszureden und einiges an der offiziellen Darstellung musste - nachdem Zeugen ausgesagt hatten - wieder zurckgenommen werden. Eine kleine Zusammenfassung: [...]
