Flöhe im Islam – Die Anatomie eines islamophoben Mythos im Entstehen

Zu folgender Fragestellung kommt ein keineswegs islamophober “Mitbürger” (TM):

Sind die islamischen Ganzkörperschleier, die Stoffkäfige für Frauen, die Burqinis und all die anderen kulturellen Verhüllungskünste vielleicht nur dazu da, um mögliche Flohbisse zu verdecken, weil man Flöhe ja im Islam offenkundig aus rein religiösen Gründen nicht bekämpfen sollte?

Wie kommt er dazu? Unter der Überschrift “Kulturelle Bereicherung? Flöhe wecken Muslime zum Morgengebet” schreibt der Aktensammler:

Nein, wir haben keinen Alkohol getrunken.Und nicht wir in der Redaktion, sondern angeblich unangreifbare islamische Würdenträger bereichern uns mit der Erkenntnis, dass Flöhe mit ihren Bissen Muslime zum Morgengebet wecken – und deshalb nicht beleidigt oder getötet werden dürfen. Das stammt angeblich so vom großen Mohammed, dem Begründer der Mohammedaner-Ideologie, der Flöhe offenbar sehr schätzte.

Das “Original”

Grundlage hierfür ist ein Artikel vom evangelikal angehauchten “Institut für Islamfragen” vom 10. September 2007. Dieses wiederum zitiert in (eigener) Übersetzung das Buch “Gisa’ al-Albab fi Sharh Mansumat al-Adab” von Muhammad Assafariny1, das nach Aussage der Online-Publikation 1993 veröffentlicht wurde. Das Buch – so entnimmt man der Einleitung – ist ein Kommentar eines Buches vom hanbalitischen Gelehrten2 Shams Addin Almirdawy3 aus den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Das Buch von Almirdawy ist eine ungeordnete Auflistung von Verhaltensregeln (Adab). Darin befindet sich das “Kapitel”4 zum Thema “Beschimpfung von Flöhen”.

Die “wissenschaftliche” Überlieferung

Das “wissenschaftliche” Institut übermittelt den Inhalt des Kapitels wie folgt:

(Institut für Islamfragen, dh, 10.09.2007) Allahs Prophet (Muhammad) hat verboten, Flöhe zu beschimpfen. Imam Ahmad und al-Bukhari überlieferten in “al-Adab al-Mufrad” und al-Baihaqi in “Shi’ab al-Iman”, was Imam Anas berichtete: ”Allahs Prophet hörte, wie ein Mann einen Floh beschimpfte. Er (Muhammad) sprach diesen Mann an: ‘Beschimpfe ihn nicht, er hat einen Propheten für das Morgengebet geweckt’”.

At-Tabrani erzählte in seinem Werk “Mu’jam” und al-Baihaqi in „Shi’ab al-Iman“, was Imam Anas überliefert hat: ‘Allahs Prophet wurde eines Tages nach den Flöhen gefragt. Er antwortete: Diese wecken (die Muslime) zum Morgengebet (indem sie die Muslime beißen)’.

Fehler

Es fällt zunächst einmal auf, dass selbst das “Institut für Islamfragen” nicht von der Tötung eines Flohs spricht, sondern lediglich von der Beschimpfung. Der Originaltext spricht sogar durchaus von der Tötung von Flöhen, und zwar in folgendem Zusammenhang:

Ja, das Essen vom Floh5 ist wegen dessen Abscheulichkeit verboten. Und ihre Tötung wird bevorzugt – sowohl für den Menschen innerhalb des Ihram, als auch außerhalb dessen6 bis auf Läuse, deren Tötung einem Menschen (selbst) im Ihram-Zustand verboten ist…

Dies hat das “Institut für Islamfragen” allerdings nicht erwähnt. Es macht sogar durch die Art der Zitierung den Anschein, als hätte ein muslimischer Gelehrter ein ganzes Buch der Frage nach der Zulässigkeit des Beschimpfens von Flöhen gewidmet, indem es die Umschrift des arabischen Titels des Buches mit der Übersetzung des besagten Kapitels zusammen nennt:

Fatwa aus dem Buch: “Gisa’ al-Albab fi Sharh Mansumat al-Adab / Das Verbot der Beschimpfung von Flöhen”

Und überhaupt: Von Fatwa ist im Buch gar nicht die Rede. Das Buch stellt Kommentare zu gesammelten Ansichten eines Gelehrten dar. Diese Sammlung umfasst sehr oft auch Aussagen und Überlieferungen, von deren Richtigkeit der Gelehrte selbst nicht überzeugt war. Überlieferungen werden manchmal an anderer Stelle im selben Buch qualifiziert. Ansonsten greift der geneigte Wissenschaftler auf die Quellenhinweise und überprüft die Überlieferungen auf ihre Stichhaltigkeit, wenn er vorhat, diese für eine Fatwa zu benutzen. Zu einer Fatwa gehört im Allgemeinen ein Ratssuchender (Mustafti) zu einer bestimmten Frage, ein Ratgebender (Mufti) und dann die Fatwa selbst.

Ob schlampiges Vorgehen oder gezielte Irreführung – das “Institut für Islamfragen” stellt den Sachverhalt so dar, als wäre von einer stichhaltigen Fatwa auszugehen, was aber nicht der Fall ist. Mehr noch, die zitierte Webseite versucht die erwähnten Zitate sogar zu qualifizieren und beinhaltet Verweise auf ihre Quellenlage. Folgt man diesen Links gelangt man zu den Erklärungen, die im Großteil der unter diesem Kapitel erwähnten Überlieferungen vom Propheten erklären, dass ihr Isnad (ihre Quellenlage) schwach, über ein oder mehrere Generationen nur einen Übermittler beinhält oder gar von glaubhaften Übermittlern aktiv für schwach erklärt wurden.

Wer möchte eigentlich Flöhe beschimpfen?

Von der angeblichen Unreinheit von Muslimen7, die implizit unterstellt wird, bleibt nur ein mögliches Abraten vom Beschimpfen von Insekten. Eine Erwähnung dieses möglichen Verbots findet das “Institut für Islamfragen” so erwähnenswert, dass es einen Teil übersetzt und diesen zur Fatwa hochstilisiert. Die so berichtete Halbwahrheit wird von islamophoben Blogs und Foren zwei Jahre später noch aufgegriffen und zur Bekräftigung des eigenen Hasses auf muslimische “Mitbürger” verwendet. Wann es wohl Zugang zu Massenmedien finden wird?

  1. vollständig: محمد بن أحمد بن سالم السفاريني: Muhammad bin Ahmad bin Salem Assafariny[]
  2. nebenbei bekannt für ihre Spitzfindigkeit bekannt[]
  3. vollständig: شمس الدين أبو عبد الله محمد بن عبد القوي المرداوي – Shams Addin Abu-Abdallah Muhammad bin Abd-Alqawiy Almirdaway[]
  4. in solchen Sammelbüchern ist ein Kapitel selten länger als eine Buchseite[]
  5. im Sinne von: irgend eines Teils des Flohs[]
  6. der Ihram ist ein Zustand, in dem sich ein Mensch während der Pilgerfahrt bzw. des Gebets befindet.[]
  7. Forenteilnehmer “Soval” wörtlich: “Soviel zum Islam und der Hygiene.”[]

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Comments

  • By Munira, 17. Juni 2009 @ 00:10

    Damals, als das Kopftuch noch nicht als antidemokratisch-politische Willensbekundung geoutet war… also damals in der ersten Hälfte der 80er Jahre, da wirkte es dennoch schon befremdend auf manche deutschen und nationalbewussten StaatsbürgerInnen.
    Und siehe da, die These, die aufgestellt wurde, weshalb muslimische Frauen Kopftücher trügen: Um die Läuse darunter zu verbergen, na was denn sonst. Tempora mutantur et nos mutamur cum illis. Oder sollte man/n besser sagen: Die Kopftücher ändern sich, und wir ändern uns mit ihnen?
    Oder sind es vielmehr Läuse im Kopf mancher Islamkritiker, die nun neuerdings zu Flöhen mutiert sind?

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