Je christlicher, desto Folterfreudiger?

So schreibt es jedenfalls CNN:

The more often Americans go to church, the more likely they are to support the torture of suspected terrorists, according to a new survey.

Sie beziehen sich auf eine Studie vom PEW Research Center. Leider ist die Studie nur in einer kurzen Nachricht auf den Seiten des Forschungsinstituts zu finden. Die Analyse der Zahlen nach der Religiosität der Befragten ist als Nebenprodukt einer routinierten Befragung zu Folter in den USA entstanden.

PEW Torture Statistic (Nov. 08 - April 09)

PEW Torture Statistic (Nov. 08 - April 09)

Folgende Frage wurde den Partizipanten gestellt:

Do you think the use of torture against suspected terrorists in order to gain important information can

  • often be justified,
  • sometimes be justified,
  • rarely be justified,
  • or never be justified?

Etwas mehr als die Hälfte derjenigen, die diese Frage beantworten wollten1, haben grundsätzlich zustimmend abgestimmt (also often oder sometimes), was zum Einen bereits beängstigend ist, zum Anderen aber auch keinen Trend zu weniger Verständnis für Folter aufzeigt, wie man anhand der Neuwahl Obamas hätte vermuten können. Im November 2007 waren es genau die Hälfte, im Februar 2008 mit 49% knapp unter der Hälfte und im Februar 2009 noch 46% der Beantworter. Gleichwohl muss man anmerken, dass es in der selben Zeit eine Verschiebung der Stimmen von den grundsätzlich “oft” zustimmenden hin zu den eher “unter Umständen” zustimmenden Menschen gab.

PEW - Religious Dimensions of the Torture Debate Apr 2009

PEW - Religious Dimensions of the Torture Debate Apr 2009

So viel erst einmal zur allgemeinen Befragung. Nun wurde scheinbar auf der Basis derselben Daten eine Analyse der Einstellung zu Folter in Abhängigkeit von der Religiosität betrieben. Dabei zeigte sich, dass “weiße” evangelische Protestanten mit 65% überdurchschnittlich häufig Folter befürworten2 gefolgt von “weißen” Katholiken (52%). Die anderen Gruppen sind “white mainline Protestants” (46%) und “Unaffiliated” (42%)3.

Die Theologieprofessorin Susan Brooks Thistlethwaite versucht die Ergebnisse zu erklären:

The UN Convention Against Torture defines torture as “any act by which severe pain or suffering, whether physical or mental, is intentionally inflicted on a person…” White Evangelical theology bases its view of Christian salvation on the severe pain and suffering undergone by Jesus in his flogging and crucifixion by the Romans. This is called the “penal theory of the atonement”–that is, the way Jesus paid for our sins is by this extreme torture inflicted on him.

For Christian conservatives, severe pain and suffering are central to their theology. This is very clear in the 2002 Mel Gibson movie, The Passion of the Christ. Evangelical Christians flocked to this movie, promoted it and still show it in their churches, despite the fact that it is R-rated for the extraordinary amount of violence in the film. It is, in fact, the highest grossing R-rated movie in the history of film. The flogging of Jesus by the Romans goes on for fully 40 minutes. It is truly the most violent film I have ever seen.

The message of the movie, and a message of a lot of conservative Christian theology, is that severe pain and suffering are not foreign to Christian faith, but central.

PEW - Torture Survey per party 2002 - 2004

PEW - Torture Survey per party 2002 - 2004

Diese Erklärung finde ich persönlich aberwitzig, vor allem, da Susan Brooks Thistlethwaite im selben Aufsatz über die tatsächliche Übereinstimmung spricht. Aufgeschlüsselt nach den jeweiligen Parteizugehörigkeiten sieht die Befragung nämlich folgendermaßen aus: 64% der Republikaner sehen “oft” oder “manchmal” eine Rechtfertigung für Folter, während gerade einmal 12% der Demokraten ihnen zustimmen würden45.

Anders: Hätte man dieselbe Frage gestellt, wenn zwei Wochen lang Geschichten von gefolterten Christen/Amerikanern in Afghanistan durch die Medien geisterten, dann wären bestimmt weit weniger der Gläubigen für Folter gewesen. So allerdings sieht es eher so aus, als würde die Basis der Republikaner die Taten der früheren Regierung noch zu rechtfertigen versuchen. Dies wird umso deutlicher, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Mehrheit dieser Gruppe eher bei “manchmal” abgestimmt haben, denn bei “oft” – sowohl nach Religiosität als auch nach Parteizugehörigkeit aufgeschlüsselt.

Mich würde interessieren, wie Muslime abhängig von ihrer Religiosität6 und ihrem Wohnort dieselbe Frage beantworten würden.

via Dialog International

  1. ich beachte die Enthaltungen auch im Weiteren nicht[]
  2. also “häufig” oder “manchmal” Folter als gerechtfertigt sehen[]
  3. Für mich unverständlich ist, dass hier noch mindestens eine Gruppe fehlt, da zwar 742 Menschen befragt wurden, aber nur 540 in dieser Zusammenstellung zu finden sind. Und davon sind 446 als “Weiße” tituliert[]
  4. Allerdings auch 56% der Unabhängigen![]
  5. Auch hier fehlen 40 Menschen aus der Statistik?[]
  6. etwa nach Frequenz der Moscheebesuche oder vielleicht nach einem komplexeren Muster sortiert[]

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