“Es geht nicht darum, Schuld zu sprechen..”
Ein interessantes Interview hat das Deutschland Radio mit Matthias Jochheim von der Hilfsorganisation “Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges” geführt. Es ging darin vor allem um die dem Gaza-Streifen auf der sog. “Geberkonferenz” zugesagten Hilfsmittel. Zunächst bekräftigt Herr Jochheim, dass alle Geld-Zusagen an die Palästinenser sinnlos sind, wenn nicht die Blockade des Gaza-Streifens aufgehoben oder zumindest gelockert wird. Diese liegt allerdings in israelischer Hand und daran müsste man arbeiten.
Der Moderator Christopher Ricke aber gibt in zwei aufeinander folgenden Fragen der Hamas die Schuld für die Blockade. Zunächst führt Herr Ricke aus, die Hamas wäre eine Terrororganisation und hätte mit “ihren Raketen” zum Militärschlag provoziert. “Die Hamas hätte gewonnen”, wenn die Blockade jetzt aufgehoben würde. Herr Jochheim erklärt die Situation und stellt die Illegitimität des Angriffs Israels auf die Zivilbevölkerung im Gaza-Streifen dar, worauf hin Herr Ricke seine Anschuldigung an die Hamas wiederholt, sie würde die eigene Bevölkerung zur Geisel nehmen und sich hinter sie verstecken, wodurch erst die israelischen Raketen die Zivilbevölkerung träfen. Da der Moderator gegen Informationen resistent schien, war die Antwort von Herrn Jochheim sehr gut:
Jochheim: Ich glaube, dass wir manchmal ein bisschen ein Zerrbild haben von den Verhältnissen in Gaza. Ich war im Juni letzten Jahres in Gaza und dort haben wir zum Beispiel gesprochen mit der Direktorin des anglikanischen Krankenhauses, ein Krankenhaus, was von der anglikanischen Kirche betrieben wird. Die sagte, es sei ungeheuer, dass die Welt zusieht, wie diese Blockade, dieses eigentlich Einsperren von 1,5 Millionen Menschen sich vollzieht, und das war eben explizit keine Hamas-Anhängerin, war auch keine Islamistin. Oder wir haben gesprochen mit dem katholischen Pfarrer, der dort in Gaza eine christliche Schule betreibt; ebenfalls die gleiche Empörung gegenüber dem Westen, dass der Westen eben tatenlos diesem Einsperren zusieht. Also das ist nicht so uniform, wie das von hier aus geschildert wird, dass die Hamas dort sozusagen ein völlig totalitäres islamistisches Regime betreibt. So ist das eigentlich gar nicht.
Ich will mal mit dem Terror eine Zahl nennen, wenn ich darf. Von Juni bis November hat ja Gott sei Dank ein Waffenstillstand weitgehend funktioniert. Es gab nur noch ganz wenige Raketen, die mit großer Wahrscheinlichkeit nicht von der Hamas abgefeuert waren, teilweise eine bis zu drei pro Monat, wofür die Hamas mit großer Wahrscheinlichkeit nicht verantwortlich war. Die waren nämlich sehr interessiert an dem Waffenstillstand. Aber erstens hat Israel sich nicht daran gehalten, dass die Blockade gelockert werden sollte. Das war eine Verletzung des Waffenstillstands, die von Israel ausging. Und zweitens – etwas, was in unserer Öffentlichkeit gar nicht richtig herüber kam -, dass am 4. November – das war die Nacht, in der Obama in den USA gewählt wurde – dort eine Militäreinheit der Israelis reingegangen ist und sechs Hamas-Anhänger getötet hat. Das war sozusagen das Ende des Waffenstillstands. Das heißt, die Schuldverhältnisse sind nicht so verteilt, wie sie bei uns oder auch von Frau Merkel dargestellt werden.
Die Antwort von Herrn Ricke:
Ricke: Herr Jochheim, vielleicht geht es jetzt auch gar nicht darum, Schuld zu sprechen, sondern den Menschen im Gazastreifen zu helfen.
Ach ja, Herr Ricke? Es geht nicht um Schuld, sondern um die Menschen?? Komisch nur, dass es nur kurz zuvor noch um die Schuld ging, als Sie Ihre ganz persönliche Sicht der Dinge darlegen wollten und den israelischen Angriff indirekt rechtfertigten!
Die Weltgemeinschaft nutzt die Geberkonferenz, um sich von der Schuld des Nichtstuns in Angesicht des massiven israelischen Angriffs und der Tötung von 1300 Menschen freizusprechen. Die Summen, die gerade genannt werden, werden nie ankommen, das ist selbst bei weniger politischen “Geberkonferenzen” der Fall. Wenn die “Geberkonferenz” tatsächlich Hilfsleistungen in den Gaza-Streifen ermöglichen möchte, sollten die darin vertretenen Staaten Banktransfers in den Gaza-Streifen zulassen und Israel zur Aufhebung der Seeblockade für normalen Handel und Investitionen im Gaza-Streifen bringen. Den Rest erledigen die guten Menschen von überall auf dieser Welt!
Der Bundestagsabgeordnete der Linken Norman Paech sieht die “Geberkonferenz” als nachträgliche Legitimation des israelischen Angriffs.
So begrüßenswert Hilfen für die palästinensische Bevölkerung auch sind, ist die Logik dieser Art von Nahost-Konferenzen äußerst bizarr: Durch den Krieg Israels gegen die Hamas wird der Gaza-Streifen in Schutt und Asche gelegt. Hinterher gibt die internationale Staatengemeinschaft Milliarden Euro, um die Schäden zu beseitigen und die humanitäre Katastrophe abzufedern. Auch dieses Mal wird diese Art der Arbeitsteilung gewählt, und Israel wird für die Zerstörungen durch seinen Krieg im Gazastreifen nicht zur Verantwortung gezogen. Letztlich erhält damit die israelische Militäroffensive eine nachträgliche Legitimation.
Die Krokodilstränen mit denen die Staatengemeinschaft – insbesondere die USA, die EU, unser Steinmeier und die diktatorischen arabischen Staaten – Geld für diejenigen verspricht, die sie noch gestern zur Schlachtbank geführt hatte, sind als solche klar erkennbar. Statt die Wirtschaftsblockade auf den Gaza-Streifen endlich aufzugeben, statt endlich einmal nachhaltig für einen gerechten Frieden einzutreten und dadurch erst für ein besseres und vor allem freieres Leben für die Palästinenser einzutreten, geben sich diese Menschen ein Stelldichein mit bestem Catering, um dann ein Notfallprogramm für die verdammten Palästinenser aufs Papier zu bringen..
Der Ekel!
Andere Beiträge:
Comments
Other Links to this Post
-
Quasipresseschau 205 | NIGHTLINE — 4. März 2009 @ 20:41
RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag. TrackBack URI
