Idea mit einer Schockmeldung und vielen Fehlern
Die Paranoia, die manch christliche Organisation erfasst, ist teils verständlich, aber zum größten Teil einfach grotesk und belustigend. Woher die Gefahr kommt – ob von Muslimen, von Atheisten oder von anderen Christen – ist egal, ständig werden düstere Zukunftsprognosen erstellt, um das bevorstehende Armageddon zu prognostizieren. Als ich diese Meldung las, war ich aber doch schon erstaunt, wie hoch die Angst offensichtlich hängt. Da betitelt niemand geringeres als das evangelische Nachrichtenportal IDEA1:
Künftig mehr Muslime als Christen in Berlin?
Schon im Kurztext wird dem Leser die Relativität des Wortes “künftig” klar:
Schon jetzt kommen 43 Prozent der bis sechsjährigen Kinder in der Bundeshauptstadt aus Familien mit einem ausländischen Hintergrund.
Also, 43% der Kinder unter sechs Jahren in Berlin haben einen ausländischen Hintergrund! Auch wenn man damit rechnet, dass Muslime die Hälfte dieser ausmachen, dann sind es gerade einmal 22% der unter-sechs-jährigen! Bis also eine Generation mit einer muslimischen Mehrheit ein halbwegs relevantes Alter erreicht dürften noch einige Jahre durchs Land gehen. Immer vorausgesetzt natürlich, es ändert sich nichts an den Zahlen von heute..
Die neusten Horrormeldung über schwindende Christenzahlen kommen in diesem Artikel vom Generalsuperintendanten der Evangelischen Kirche Ralf Meister. Dieser fordert darauf aufbauend, dass eine stärkere Zusammenarbeit “mit dem Islam” stattfindet. Interessant ist in diesem Rahmen der Beweggrund des Generalsuperintendanten Meister:
Von den 3,4 Millionen Einwohnern gehören 676.000 zur evangelischen Landeskirche (19,9 Prozent) und 323.000 zur römisch-katholischen Kirche (9,5 Prozent); 216.000 sind Muslime (6,3 Prozent). Rund 60 Prozent der Berliner sind konfessionslos. Meister sprach sich dafür aus, einen „Rat der Religionen“ zu gründen, der Verantwortung für die Stadt wahrnehme.
Verstehe ich das richtig: Die “Religiösen” sind in der Minderheit, also sollten sie einen “Rat” gründen, um die Verantwortung für die Stadt wahrnimmt? Welcher Logik folgt diese Forderung eigentlich? Wahrscheinlich derselben, aus der ein konkreter Vorschlag Herrn Meisters erwächst:
So könne er sich ein gemeinsam formuliertes Gebet für die Stadt vorstellen, das sowohl in der Moschee als auch in der Synagoge und der Kirche gesprochen werde.
Was unter “Religion” fällt definieren die beiden jeweils einzig wahren Kirchen schon immer gleich: in der Kirche findet Religion statt. Eine Abkehr ist auch in diesem Artikel nicht zu verzeichnen. Die Vermischung von “Kirche” und “Religion” ist immanent.
Laut Meister ist Berlin eine entkirchlichte Stadt, in der Religion eine völlig untergeordnete Rolle spiele. Religiöse Erfahrungen würden zunehmend außerhalb der Kirche und des christlichen Glaubens gemacht.
Noch eine Kleinigkeit nebenbei. Im IDEA-Artikel steht wörtlich:
Christen sollten den Dialog und auch die Zusammenarbeit mit dem Islam suchen, etwa beim Kampf gegen die Armut.
Während ich Christen bestimmt nicht davon abraten möchte, einen Dialog mit “dem Islam” zu suchen, so glaube ich doch, dass hier der Dialog mit den weniger abstrakten Muslimen gemeint ist, oder?
Meine Meinung
Damit ich nicht falsch verstanden werde: ich glaube durchaus, dass man zusammenarbeiten sollte, um gesamtgesellschaftlichen Fortschritt zu schaffen. Das gilt für verschiedene Religionsgemeinschaften aber genauso wie für nichtreligiöse Menschen. Muslime sollten sich allerdings tunlichst davon fernhalten, als Geschütz in der Auseinandersetzung zwischen christlichen Interessenverbänden (ProReli oder ähnliche) und Atheisten missbraucht zu werden. Wenn es um die Besserung in der Gesamtgesellschaft geht, sollte jeder Mensch willkommen sein, der nicht offensichtlich Verschlechterung im Sinne hat..
Und das Gebet: der GSI hätte auch gleich zugeben können, dass er keinen sinnvollen Vorschlag für die Zusammenarbeit hat.
- selbst bezeichnen sie sich als “das christliche Nachrichtenportal”[↩]
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Comments
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By Tekays, 22. Februar 2009 @ 02:00
Danke für den Artikel!
“glaube ich doch, dass hier der Dialog mit den weniger abstrakten Muslimen gemeint ist, oder?”
habe nicht verstanden, was du meinst.
Gemeinsames Gebet für die Stadt?
Ein Kommentator meint auf der idea-Seite: “Allah ist der Widersacher unseres Gottes”
Oder hier: “Wenn nun mein Nächster ein Ungläubiger oder Andersgläubiger ist, gar ein Mensch, der in eine muslimische Familie hineingeboren wurde, ist es kein Grund, ihn nicht zu lieben! Manchmal sind Gebote Gottes nicht einfach ”
(Lieber Atheist als Muslim?) Du armer Christ. Wie schwer hast du es nur?
Mensch, haben die Paranoia. Hagen Rether grüßt.
http://www.youtube.com/watch?v=eLuXy8B1iYI
By Melantrys, 22. Februar 2009 @ 23:07
Bis also eine Generation mit einer muslimischen Mehrheit ein halbwegs relevantes Alter erreicht dürften noch einige Jahre durchs Land gehen.
Aber wir wissen doch alle, daß sich diese Muselmanen vermehren wie die Karnickel!!
Mal ernsthafter, wenn’s in Berlin so viele konfessionslose Leute gibt, sind’s im Verhältnis zu den Christen natürlich mehr Moslems als 20%.
….
….
Äh.
…
…
Ja, und?????!
*seufz*
By Lzaer, 23. Februar 2009 @ 22:34
“Schon jetzt kommen 43 Prozent der bis sechsjährigen Kinder in der Bundeshauptstadt aus Familien mit einem ausländischen Hintergrund.”
Was soll das immer mit “hintergrund”? wie deutsch muss man den sein um als Deutscher zu gelten?
Und was ist mit Halbdeutschen? gelten die als “deutscher” oder “ausländischer Hintergrund”?
By Omar, 26. Februar 2009 @ 02:19
@Tekays: “Muslim” ist weit weniger abstrakt als “der Islam”. Das hatte ich hier gemeint.
@Melantrys: herzlich willkommen zurück.
@Lzaer: tja, der erwähnte “Hintergrund” lässt alles verschwommen erscheinen. Ich fürchte, es wird auch nicht klar, zu welcher Gruppe deutsch-türkische Jugendliche gezählt werden.. Im Prinzip ist es ein völkisches Denken, was sich weiterhin in modernen Studien wiederfindet..