‘Business as usual’ in Gaza?
Im Libanonkrieg vor 2,5 Jahren sind innerhalb von zwei Monaten etwa 1000 Menschen gestorben und etwa 4000 Menschen verletzt – fast alle auf libanesischer Seite. Israel hat die Infrastruktur des Libanons einen gewaltigen Schlag gegeben und die lebhafte Hauptstadt daran erinnert, dass es bereits vor Jahrzehnten tragisches Angriffsziel war. Am Ende haben die Kriegsparteien durch indirekte Verhandlungen einen Gefangenenaustausch erwirkt. Dies hätte natürlich schon vor dem Krieg stattfinden können. Es mussten allerdings anscheinend genügend Menschen sterben…
Kurz zuvor war der inzwischen “vergessene Krieg” Teilgrund dafür, dass die Hizbollah einen israelischen Soldaten entführte und somit für den Krieg im Libanon. Der vergessene Krieg ist der Krieg, der als “Operation Sommerregen” bezeichnet wurde und fing etwa einen Monat vor dem Libanonkrieg an. Der Grund für diesen Krieg war für Israel die Entführung des Soldaten Gilat Shalits. Dieser Krieg kostete mindestens 250 Menschen das Leben.
Der jetzige Krieg dauert gerade mal 22 Tage an und es sind bereits mehr als 1000 Menschen gestorben – fast alle auf palästinensischer Seite. Daneben sind mehr als 4000 Menschen verletzt und eine noch unbezifferte Anzahl von Menschen – schon wieder – heimatlos und obdachlos. Dazu muss man sich vorstellen, dass dazu auch Menschen gehören, die ihre ursprüngliche mehrfache Vertreibung aus ihren Heimatdörfern innerhalb des heutigen Israels noch nicht vergessen haben. Wieder werden sie ihres Heimes, eines Anteils ihrer Verwandtschaft und Bekanntschaft beraubt.
Wenn die israelische Kriegswut sich ausgebombt hat und ein gewisses Maß an “Normalität” eingekehrt ist1, wird man noch über die Verhandlungstische und den Nachrichten hinaus dieser Menschen gedenken? Wird die Welt wieder eine Abriegelung des Gaza-Streifens zusehen? Wird die Entmenschlichung und Entrechtung standhalten können?
Leider ist die Antwort – nach den bisherigen Erfahrungen zu urteilen – ein klares “JA”. Dazu sollte man sich nur vergegenwärtigen, dass zwar der zentrale und akute Konflikt im Gaza-Streifen stattfindet, allerdings im Westjordanland – über das heute niemand berichtet – weiterhin Menschen unter einer Bewegungssperre durch entwürdigende Straßensperren und Ausgangssperren leiden. Ihnen werden ihre Länder genommen und ihnen wird ihr Wasser zugunsten Israels und seiner Siedlungen genommen. Nicht nur das: mit einer weit niedrigeren Frequenz sterben auch im Westjordanland Palästinenser unter Feuer von israelischen Soldaten oder Siedlern – oder beiden.
In den Tagen vom 8. bis 14. Januar sind im Westjordanland drei Palästinenser vom israelischen Militär und Siedlern getötet worden. 33 andere wurden verletzt, u.a. sieben Kinder und ein Journalist.
Am 8. Januar 2009 erschoss israelisches Militär einen palästinensischen Zivilisten in der Nähe der “Shur Adomim”-Siedlung östlich von Jerusalem. Sie behaupteten, dass er beabsichtigte eine zur Siedlung gehörende Tankstation in Brand setzen zu wollen. (Auf eine unabhängige Untersuchung sollte man nicht warten..)
Am 13. Januar 2009 erschoss israelisches Militär einen palästinensischen Bauern im Dorf Ethna nordwestlich von Hebron. Laut Untersuchungen des palästinensischen Zentrums für Menschenrechte (PCHR) wurden das Opfer bevor es erschossen wurde belästigt und geschlagen.
Am selben Tag erschoss ein israelischer Siedler ein palästinensisches Kind und verletzte zwei andere in der Nähe von Qalqilya. Das israelische Militär nahm die beiden Kinder fest.
Diese Menschen werden alle nicht betrachtet und nicht gezählt. Überhaupt müsste auffallen, dass israelische Opfer kumuliert werden, während der Zähler für palästinensische oder andere arabische Opfer stets zurückgesetzt wird. Werden etwa die Opferzahlen in der letzten Auseinandersetzung genannt, hört man von 1000 toten Palästinensern innerhalb von zwei Wochen und von etwa 30 toten Israelis innerhalb von 8 Jahren. Würde man sich daran erinnern, dass die Anzahl der Toten durch militärische Anschläge Israels in den selben 8 Jahren das Hunderfache dieser Zahl überstiegen hat, würde man vielleicht anders über die Lage der Palästinenser denken.. vielleicht..
Was den grundsätzlichen Konflikt angeht, so drückt es Thomas Avenarius im Deutschlandfunk sehr gut aus:
Was sich abspielt, ist ein Konflikt zwischen zwei Völkern. Das eine hat sich ein Land genommen, das andere hat sein Land verloren. Es will nun wenigstens den kleineren Teil für sich: Die Palästinensergebiete machen weniger als ein Fünftel des historischen Palästina aus. Der eigene Staat wird den Palästinensern verweigert: Unabhängig davon, ob sie Selbstmordattentäter schicken oder sich am Verhandlungstisch bemühen.
Dass Hamas auf Terror setzt, ist mehr als verwerflich. Dass die versammelte Weltgemeinschaft Israel nicht bewegen kann, die Zwei-Staaten-Lösung umzusetzen, ist aber ebenso skandalös. Und: Die Hamas ist 2006 in die Regierung gewählt worden, in freien Wahlen. Der Westen hat diesen Wahlsieg nie anerkannt. Hätte man Hamas politisch nicht doch einbinden können? Stattdessen haben Israel, die USA und Europa an Fatah festgehalten: Der Partei, die die Wahl verloren hat. War das kluge Politik? Auch Hamas-Islamisten, die Israel nicht anerkennen, lassen sich einbinden.
Zur Erinnerung: Jassir Arafat war Jahrzehnte lang ein Oberterrorist. Als er den Friedensnobelpreis bekam, applaudierten die Staatsoberhäupter. Die Kinder, die heute das Bombardement von Gaza überleben, werden die Terroristen von morgen sein: Wer seine Eltern durch Bomben verloren hat, wird kein Mahatma Gandhi werden.
Der Gaza-Krieg garantiert, dass der Palästina-Konflikt weitergeht. Dass der Terror nicht aufhört. Und dass weder Israelis noch Palästinenser in Frieden leben können.
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Wenn demnächst wieder von Terrorismus die Rede ist, sollten sich alle an die Schweigen der Weltgemeinschaft zum Morden an Palästinenser erinnern und sich an diesen Satz erinnern:
Wer seine Eltern durch Bomben verloren hat, wird kein Mahatma Gandhi werden.
- das kündigt sich ja gerade an..[↩]
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Comments
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By Ömer, 18. Januar 2009 @ 13:11
Ein sehr guter Artikel! Leider keine sehr gute Story.
By Lazy, 18. Januar 2009 @ 13:16
Kann mich Ömers Kommentar nur anschliessen.. ein leider sehr übles Thema aber ein fantastischer Artikel dazu von Dir, vielen Dank.
Chris