Kriegsbefürworter: Der “ständige” Raketenbeschuss

Der Raketenbeschuss von Sderot und Ashkelon aus dem Gaza-Streifen müsse aufhören. Dies wird als Voraussetzung genannt, um die israelische Kriegsmaschinerie zum Stillstand zu bringen. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier gingen so weit, der Hamas die alleinige Schuld am Ausbruch der Bombardierung zu geben. Nach deren Version hat die Hamas – im Gegensatz zu Israel – den Waffenstillstand nicht beachtet. Gerne werden dabei “Tausende” Raketen seit 2000 und 21 Tote auf israelischer Seite seit dem militärischen Abzug aus Gaza 2006 zitiert. Zuletzt sagte Außenminister a.D. Joschka Fischer in einem “ZEIT”-Interview zum chronologischen Ablauf der Eskalation:

Hamas hat den Waffenstillstand für beendet erklärt und den Beschuss Südisraels mit Raketen wieder aufgenommen. Das sind Tatsachen, über die ein internationaler Konsens besteht.

Was würde ein Staat tun, wenn er täglich von seinem Nachbarstaat bombardiert wird? Diese Frage wird gerne von denen gestellt, die glauben machen wollen, dass in Gaza ein unabhängiger Staat mit allen damit verbundenen Rechten existiert, die damit auch eine Legitimation für die massenhaften Morde Israels gefunden zu haben scheinen.

Es lohnt sich also, die Frage zu stellen, inwiefern die Prämisse dieser Legitimation stimmt: Was hat es also mit dem Raketenbeschuss aus dem Gaza-Streifen auf sich?

Anzahl der Opfer

Zur Ermittlung der Anzahl der Raketen, die aus dem Gaza-Streifen abgeschossen wurden, gibt es nur spärliche und im Großen und Ganzen nicht unparteiische Informationen. Das israelische auswärtige Amt führt unter dem Titel “Terrorismus” eigene Statistiken über die Anzahl der Opfer von Anschlägen von Palästinensern und über Angriffe mittels Raketenbeschuss. Diese kann man leider nur sehr schwer mit palästinensischen Quellen und noch schwieriger mittels unabhängiger Quellen überprüfen. Dieses Makels muss man sich bei der Auswertung der Daten stets bewusst sein.

Aber selbst mit diesen Daten ausgerüstet ist die Opferstatistik ernüchternd: Die Anzahl der israelischen Opfer durch palästinensische Angriffe geht nun seit Jahren zurück1 und betrug im letzten Jahr 36! Diese 36 umfassen sowohl attackierende israelische Soldaten und Sicherheitskräfte, als auch Zivilisten, die sich an zivilen Orten (Haus, Uni…) befanden. Außerdem sind sowohl Angriffe aus dem Gaza-Streifen, als auch die aus dem Westjordanland darin integriert.

Um es auch im Interesse von Frau Angela Merkel, Herrn Ruprecht Polenz und Eckart von Klaeden und all den anderen, die gerne mit den Begriffen „Ursache“ und „Wirkung“ jonglieren, deutlich zu machen: 19 der Opfer wurden aus dem Gaza-Streifen beschossen. Von diesen 19 Opfern waren neun aktive Soldaten, davon befanden sich 8 in einem aktiven Gefecht mit Palästinensern innerhalb des Gaza-Streifens und wurden durch Gegenfeuer getötet. Einer wurde durch eine Kassam-Rakete auf eine militärische Installation am 29. Dezember getroffen. Drei der zivilen Opfer sind erst in Folge des Bruchs der Waffenruhe nach dem 27. Dezember gestorben.

Viel interessanter ist vielleicht die Verteilung der Angriffe: Von den vier Opfern, die nach Ende der Waffenruhe getroffen wurden abgesehen, sind alle Opfer (7) vor dem 5. Juni zu verzeichnen – also noch vor der Waffenruhe.

Nach Beginn des Waffenstillstands und bis Ende desselben haben Palästinenser aus dem Gaza-Streifen keinen einzigen Israeli umgebracht!

Anzahl der Raketen- und Mörserangriffe

Als weiterer Beweis für die Verletzung der Waffenruhe durch die Hamas wird erwähnt, dass zwar keine Opfer zu beklagen waren, allerdings Raketen weiterhin geflogen sind und die Bevölkerung israelischer Dörfer/Städte in “Schock” versetzt hätten. Schauen wir uns also wieder die offizielle Statistik des israelischen auswärtigen Amtes an, immer beachtend, dass wir diese zunächst einmal unhinterfragt als Quelle akzeptieren.

Darin findet sich der folgende Absatz:

A total of 223 rockets and 139 mortar shells were fired during the lull in the fighting including 203 rockets and 121 mortar shells between November 4 and December 19. In total, 302 rockets and mortar shells were fired at Israel during the lull in the fighting.

Die Zusammenfassung der Statistik ist ein wenig irreführend, da dazu relativ große Zahlen benutzt werden. Selbst jemandem, der nicht mit der Materie vertraut ist, wird sich fragen müssen, was sich Anfang November verändert hat, sodass plötzlich so viele Raketen abgeschossen wurden. Bis November waren es gerade einmal 18 Raketen und 19 Granaten, die abgefeuert wurden. Im Schnitt weniger als 10 pro Monat2. Mit dem Wissen, dass diese Raketen nicht von der Hamas, sondern von einer der kleineren Gruppierungen innerhalb des Gaza-Streifens abgefeuert wurden, erkennt man, dass die Hamas-Regierung im Gaza-Streifen einen immensen Aufwand betrieben haben muss, um den Beschuss zu unterbinden und sich selbst streng daran gehalten hatte (der Durchschnitt betrug vorher etwa 200 pro Monat). Dies wird von der Generalkommissarin des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge im Nahen Osten Karen Koning Abu Zayd bestätigt3.

Der Waffenstillstand hat sich für Israel enorm gelohnt! Die Zivilbevölkerung an der Grenze zum Gaza-Streifen wurde entlastet.

Stopp der Waffenruhe anfang November durch Israel

Genauso wie der palästinensische Raketenbeschuss noch sporadisch vorhanden war, hatte Israel die Waffenruhe nicht strikt eingehalten. Während der gesamten Zeit hatte Israel das Eindringen in die Westbank, die Inhaftierung und den Beschuss verschiedener Leute weiter fortgeführt. Eine Statistik darüber werde ich erst einmal außen vor lassen. Das “Palestinian Center for Human Rights” führt seit einigen Jahren einen wöchentlichen Bericht über die Lage im Gaza-Streifen und dem Westjordanland. Als Beispiel – hier ausnahmsweise ohne direkte Opfer – für die Vorgehensweise des Militärs sei dieser Vorfall vom 24. Oktober 2008 genannt:

At approximately 18:30, IOF moved into ‘Azzoun village, east of Qalqilya, and imposed a curfew on the villagers. They opened fire indiscriminately at houses and shops and into the air. The curfew continued for several hours, and when it was lifted, IOF closed the western entrance of the village with sand barriers and rocks.

Etwa um 18:30, zog das israelische Militär in das Dorf ‘Azzoun östlich von Qalqilya und verhängte ein Ausgangssperre auf die Dörfler. Sie öffneten das Feuer willkürlich auf Häuser, Läden und in die Luft. Die Ausgangssperre dauerte einige Stunden an und als es aufgehoben wurde, sperrte das israelische Militär den westlichen Eingang des Dorfs mit Sandhindernissen und Steinbrocken.

Dazu sei angemerkt, dass bei den indirekten Verhandlungen um eine Waffenruhe Israel eine Ausweitung der Waffenruhe auf das Westjordanland strikt abgelehnt hatte4.

Daneben gab es aber auch Zwischenfälle im Gaza-Streifen, die zu Anfang November intensiviert wurden. Beispielsweise eröffnete das Militär am 27. Oktober das Feuer auf landwirtschaftliche und Wohngebiete östlich von Khan Younis. Das Fenster einer Mädchenschule wurde getroffen und ein Mädchen wurde durch Glassplitter verletzt. Diese Zwischenfälle hielten sich allerdings in Grenzen und meistens zogen sich die Soldaten schließlich eigenständig von der Grenze zum Gaza-Streifen zurück. Im Großen und Ganzen beschränkte sich Israel darauf, den Gaza-Streifen zu blockieren.

Der Zwischenfall, der allerdings entscheidend für die Beendigung der Waffenruhe scheint, bestand aus einer Reihe von Angriffen des israelischen Militärs auf den Gaza-Streifen zwischen dem 4. und dem 5. November:

At approximately 20:30, an IOF infantry unit moved almost 400 meters into Wadi al-Salqa village, east of Deir al-Balah in the central Gaza Strip. IOF troops raided a house belonging to Mofeed Suleiman al-Rumaili. They held the family hostage in one room, and used the house as a military base.

Additional IOF troops besieged a house belonging to Hassan Suleiman al-Humiadi, using a megaphone to order the twenty three residents to leave the building. While the residents were leaving the house, Haneen Salah al-Humaidi, 27, was wounded by several gunshots to her back and right hand.

Clashes subsequently erupted between the IOF troops and members of the ‘Izziddin al-Qassam Brigades (the armed wing of Hamas). Three members of the ‘Izziddin al-Qassam Brigades were injured, one of them seriously. IOF subsequently sent reinforcements into the area, supported by aircrafts. At approximately 22:30, an IOF aircraft fired a missile at members of the ‘Izziddin al-Qassam Brigades, killing Mazen Nazmi Abu Sa’da (32).

In the early hours of Wednesday, 5 November, IOF destroyed al-Humaidi’s house, razed 2.5 donumms of agricultural land, and also arrested 4 women, including the one who had been wounded. This escalation was the first of its kind since the Tahdi’a (the Egyptian-brokered truce between Palestinian resistance groups and Israel) entered into force on 19 June 2008.

Am 4. November 2008 abends marschierte israelisches Militär 400m in den Gaza-Streifen ein und besetzte ein Haus östlich von Deir al-Balah und benutzte dieses als militärischen Stützpunkt, während die Familie im Haus festgehalten wurde. Weitere Truppen belagerten ein weiteres Haus und forderten die 23 Bewohner auf, dieses zu verlassen. Eine 27-jährige Frau wurde beim Verlassen des Hauses durch mehrere Schüsse am Rücken und der rechten Hand verletzt. Daraufhin brachen Kämpfe zwischen bewaffneten Palästinensern und israelischem Militär aus. Letztere forderten Verstärkung an (auch Luftwaffe).

Am frühen Morgen wurde das zweite der besetzten Häuser niedergerissen, ein angrenzendes Land zerstört und vier Frauen festgenommen, u.a. die am Tag zuvor verletzte. Am selben Tag hat das israelische Militär weitere Anschläge auf palästinensische Kämpfer verübt, wodurch fünf Kämpfer starben.

Dieses Unternehmen der israelischen Armee war der Auslöser für die darauf folgende Eskalation.

Was würden wir also wirklich tun?

Angesichts dieser Faktenlage, muss man sich die Frage stellen, warum pro-israelische Kommentatoren auf dem israelischen Auge mit Blindheit geschlagen sind, wenn es um die Verletzung des Waffenstillstandes durch Israel geht. Ist es nur Zufall gewesen, dass Israel am 4.11.2009 in den Gaza einmarschiert, mehrere Menschen erschießt und die Waffenruhe verletzt, während die gesamte westliche Welt aus Anlass der Präsidialwahlen im Obama-Taumel gebannt in Richtung USA schaut? Angesichts des Verhaltens des Westens im Krieg Israels gegen Gaza ist die Frage, ob die israelische Taktik, eine zeit- und zielgerechte Provokation im Gaza hervorzurufen, aufgegangen sei, eine rein rhetorische.

Was würden wir also tun, wenn eine fremde Macht unseren Zugang zum freien Markt blockiert, unsere Bewegungsfreiheit weitgehend einschränkt, uns einer aushungernden “Diät” aussetzt, unsere Bekannten drangsaliert, verhaftet und tötet und uns bei Belieben angreift?

If I were a Palestinian of the right age, I’d eventually join one of the terrorist organizations.

Wäre ich ein Palästinenser in einem bestimmten Alter, ich würde irgendwann einer der Terrororganisationen beitreten.

Ehud Barak in einem Interview mit dem Journalisten Gideo Levy im Haaretz, 1998

Offizielle israelische Quellen belegen, dass Israel den Waffenstillstand bewusst hintertrieben, und den Krieg gegen Gaza geradezu herbeigesehnt hat.

Israel hat seit dem 4.11.2008 “zurückgeschossen”.

Weitere Artikel:

  1. ich werde es nur einmal sagen: jedes Opfer zählt und ist eines zu viel[]
  2. auch wenn man den 20%-Zusatz hinzurechnet, den die das Ministerium pauschal für fehlgeschlagene und nicht registrierte Raketen vorsieht[]
  3. interessanterweise sagt Frau Koning Abu Zayd, dass die Hamas eine Waffenruhe auch im Dezember noch versucht hat zu erwirken![]
  4. siehe dazu vor allem den Artikel von Jimmy Carter “Ein unnötiger Krieg“[]

Andere Beiträge:

  1. Jimmy Carter: Ein unnötiger Krieg
  2. Artikel zum Gaza-Krieg 08.01.2009
  3. Pax Christi: Sofortige Einstellung der israelischen Militärangriffe gegen Gaza
  4. Artikel zum Gaza-Krieg 07.01.2009
  5. Waffenstillstand x.0

Comments

  • By Tekays, 14. Januar 2009 @ 00:24

    Danke für den Artikel.

    Hab entdeckt, wo man sich Nachrichten aus dem Ausland ansehen kann:
    http://www.livestation.com/

    Good-bye-soft-ARD-news

  • By Serdar, 14. Januar 2009 @ 05:12

    Interessante Fakten. Ich denke das könnte dich interessieren:

    http://www.creative-i.info/?p=3402

  • By Ghassan, 14. Januar 2009 @ 12:06

    als hätte dein niedlicher bodycount irgendetwas mit hamas zu tun. dass es nur so wenig israelische opfer gibt, liegt doch nicht daran, dass es hamas nicht versucht. lediglich technische unzulänglichkeiten verhindern, dass so viele juden sterben, wie hamas es sich wünscht. gib hamas moderne raketen und sie werden schon genug juden aus dem hinterhalt erlegen.

    abgesehen davon geht es nicht darum, ob ein “nachbarstaat” auf einen anderen staat schießt, sondern ob irgendeine barbarische bande religiöser fanatiker auf andere menschen schießt. und das ist auch schon des pudels kern: in gaza stehen sich barbarei und zivilisation gegenüber. auf den zahlreichen antisemitischen demos in aller welt zeigt sich das auch.

  • By Jens, 6. Februar 2009 @ 00:31

    Die Argumentation, dass es sich nicht um einen Beschuss durch einen “Nachbarstaat” handelt und Israel deshalb kein Recht zur aktiven Bekämpfung dieser Angriffe haben sollte, ist für mich schlecht nachvollziehbar.

    Genauso wenig, die Verharmlosung, dass durch den Raketenbeschuss nur wenige Israelis getötet wurden und dadurch die Gründe für Gegenmaßnahmen entfallen oder abgeschwächt werden. Auch dass die meisten Opfer Soldaten waren dürfte militante Palästinenser nicht interessieren, da (es fehlen mir hier die Quellen) oft auch zivile Israelis als potentielle Soldaten angesehen werden, die es gilt auszuschalten.

    Würdest Du Dich nicht wehren, wenn jemand auf Dich mit einer Pistole schießt, Dich aber nur zufällig verfehlt?

    Die Gründe und genauen Abläufe für den Bruch der Waffenruhe lesen sich je nach Nachrichtenquelle auch etwas anders.

    Du verschweigst (absichtlich oder unabsichtlich) die Gründe für die Operation bei Deir al-Balah. Nämlich die Zerstörung eines Tunnels, durch den Israelische Soldaten beim nahe liegenden Grenzzaun entführt werden sollten:

    http://www.foxnews.com/story/0,2933,446805,00.html

    http://www.guardian.co.uk/world/2008/nov/05/israelandthepalestinians

    Desweiteren reagierte die Hamas auf die Operation bei Deir al-Balah nicht mit einem einmaligen sondern mehrmaligen Raketenbeschuss:

    http://www.csis.org/media/csis/pubs/090202_gaza_war.pdf

    , sondern durch Personen, die einer oder mehreren militanten Organisationen angehört.

    Ich weiß, dass es schwer ist bei diesem Konflikt parteilos zu bleiben – ich bin es auch nicht.

    Vielleicht schaffen wir aber durch unsere jeweils einseitigen und unvollständigen Ansichten dennoch anderen Lesern zu einer unvoreingenommen Wahrnehmung der Ereignisse (wenn das auch schwierig ist).

    Jens

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