Schuhewerfen als arabisches Kulturgut?!
Ja, auch ich habe das Video aus dem Irak gesehen, in dem George W. Bush mit einem Paar Schuhen des Reporters Muntadar al-Zaidi beworfen wird. Ich denke, dass es eine sehr effektive Art und Weise war, seiner Meinung Freiheit zu verschaffen und dem Propaganda-Geschwafel Bushs eine realistische Perspektive zu verleihen. Da Bush selbst stets darauf vertraut, dass erst die Geschichtsbücher über sein Handeln urteilen werden, hoffe ich nun, dass wenigstens dieses Ereignis in die Geschichtsbücher als inoffizielles Urteil einfließen wird – es sei denn es ergeht einmal ein richtiges Urteil über die Verbrechen Bushs.
Interessant an der Berichterstattung über den Vorfall finde ich persönlich die explizite Kennzeichnung der Tat als “arabisch”. Den Reigen fing – so glaube ich doch – die BBC an:
Showing the soles of shoes to someone is a sign of contempt in Arab culture.
Diesen Satz in ähnlicher Form findet man in fast jedem Bericht zum Ereignis. Z.B. bei der Tagesschau:
Jemandem die Schuhsohlen hinzuhalten, ist eine der schlimmsten Formen der Beleidigung in diesem Teil der Welt.
Die Huffington Post:
In Iraqi culture, throwing shoes at someone is a sign of contempt. Iraqis whacked a statue of Saddam Hussein with their shoes after U.S. marines toppled it to the ground after the 2003 invasion.
Der Angreifer hatte die Tatwaffe bewusst gewählt. Denn es gibt in der arabischen Welt kaum ein anderes Kleidungsstück, mit dem sich so viel Verachtung ausdrücken und so viel Erniedrigung produzieren lässt. Die kulturelle Bedeutung der Schuh-Attacke war Bush wohl nicht bewusst, als er schlagfertig ins Mikrofon tönte, es handele sich um ein Produkt der Größe zehn (europäisch 43-44).
Auch die taz plappert den Tenor in der Berichterstattung nach:
Denn mit der Sohle eines Schuhs geschlagen oder getroffen zu werden, gilt in der arabischen Kultur als die ultimative Erniedrigung. Eine Geste, die nur für die ärgsten Gegner reserviert wird – eine Art arabisches Abwatschen in aller Öffentlichkeit.
Der Autor – Karim El-Gawhary – bedient sich auch eines Beispiels, um der Aussage Nachdruck zu verleihen:
In Kairo hatten in den 90er Jahren sogar mehrere Frauen einmal eine “Beleidigungsagentur” gegründet. Man konnte die Truppe von Umm Buqu, zu deutsch, “der Mutter mit der bösen Zunge” mieten, um seine Gegner auf offen Strasse anzugehen und zu beleidigen. Ihr Spezialität: Männer mit der Sohle ihrer Pantoffeln auf den Kopf zu schlagen.
Welt.de will es besser gewusst haben. Es ist nicht der Araber, es ist der Muslim, der den Schuh verachtet und als Verachtungsinstrument benutzt:
Im Islam gelten Schuhe als unrein, müssen beim Betreten einer Moschee ausgezogen werden. Das Zeigen der Schuhsohle gilt bereits als Beleidigung, der Wurf mit dem Schuh ist die schärfste Form der Verachtung.
Auch CNN bestätigt diese Differenzierung:
Hurling shoes at someone, or sitting so that the bottom of a shoe faces another person, is considered an insult among Muslims.
All diese Berichte suggerieren durch die explizite Kennzeichnung, dass das Werfen von Schuhen – in Ermangelung von Tomaten oder faulen Eiern – nur in der arabischen Welt zur Bekundung eines generellen Auspfeifens gilt. Auf der einen Seite versucht man damit dem anscheinend dummen Publikum (und vielleicht auch Bush und seinen Beratern) klar zu machen, dass der Schuhwerfer nicht etwa seine Zustimmung oder seinen Jubel mitteilen wollte. Insofern ist es gut, dass die Medien extra darauf eingehen, dass es – unabhängig von der eigenen Wahrnehmung einer solchen Handlung – hier in diesem Fall negativ zu sehen ist. Auf der anderen Seite verfestigt sich hiermit schon wieder eine “Wahrheit”, die eigentlich keine ist.
Man muss sich die Frage stellen, wie ein gezielter Schuhwurf innerhalb einer Pressekonferenz in Europa gedeutet werden muss. Ist es wirklich eine kulturelle Frage? Diese Frage hat sich angryarab gestellt und kommt zum folgenden Versuch:
Don’t you love it when Western reporters explain to their readers differences between their culture and Arab culture? I don’t know about you, but I really love it. Here is from the New York Times: “During the argument, heated words were exchanged and shoes were thrown, a severe insult in the Arab world.” So throwing a shoe at somebody is a “severe insult in the Arab world” but not anywhere else? How exotic. Tell me more, o culture experts of the New York Times. So today, I wanted to test this theory. So I got out of my house with a bag of shoes: I started throwing them, shoe by shoe, at my neighbor, aiming at the face. My neighbor laughed, and could only say nice things to me as a good neighbor. He then explained: you see, o Arab neighbor, in our American culture, throwing a shoe at somebody is not an insult at all. In fact, it is taken as a sign of affection. I returned back to my house, having learned about American culture, what I knew not before. Thanks to you, New York Times (and your intelligent and culturally informed reporters).
Was gibt es noch zu sagen?
- Ich fand es erstaunlich, dass Bush einem Schuh so schnell ausweichen kann. Senil ist er nicht.
- Es sollte eigentlich selbstverständlich sein, aber der Journalist darf natürlich keine höhere Bestrafung als eine geringe Geldstrafe erhalten. Das wird man noch sehen. Erst einmal scheint Muntadar al-Zaidi verschwunden zu sein..
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Einen richtig guten Kommentar habe ich in der Tagesschau und von Carsten Kühntopp entdeckt:
Übrigens: Auch manch ein Palästinenser würde gerne mal seine Schuhe nach Bush werfen oder nach Tony Blair oder Angela Merkel – alles Politiker, die das eine sagen, aber das andere tun, die von Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung reden, aber die jahrelange Abriegelung von anderthalb Millionen Menschen im Gaza-Streifen für normal halten.
Der Schuhwurf von Bagdad mag wie die kindische Kurzschlusshandlung eines Hitzkopfs ausgesehen haben. Doch die Gefühle, mit denen der Werfer warf, speisten sich aus einer nüchternen Analyse der Dinge in diesem Teil der Welt. Man hat genug von der westlichen Einmischung, man will die westlichen Soldaten endlich von hinten sehen.
Wahrscheinlich sind viele dieser Gedanken den westlichen Öffentlichkeiten fremd und wirken wie eine übertriebene und moralisierende Überhöhung des strafwürdigen Aktes eines Rabauken. Doch wer Symbole versteht, hat nach dem Schuhwurf von Bagdad begriffen: Der Westen wird erst dann wieder im Nahen Osten willkommen sein, wenn er anfängt, Worte und Taten miteinander in Einklang zu bringen.
Schuhe gibt es in der arabischen Welt genug – jedenfalls genug für ein paar Schlüsselpolitiker, die sich stets Menschenrechte und Freiheit auf die Fahne schreiben, um dann eine vollkommen andere Politik zu fahren..
Zum Schluß noch einmal angryarab:
It is without exaggeration that I can say that the flying shoe speaks more for Arab public opinion than all the despots/puppets that Bush meets with during his travels in the Middle East.
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Comments
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By Hanifa, 16. Dezember 2008 @ 08:43
InschaAllah kommt der Schuhwerfer so schnell wie möglich wieder frei. Es sollten öfters Schuhe fliegen……….
By annett, 16. Dezember 2008 @ 11:31
… ich hätte da auch noch schuhe, ganz viele :)
der kommentar von kühntopp tut sehr gut, anscheinend schauen doch noch leute genauer hin!
salam
By Melantrys, 16. Dezember 2008 @ 23:21
Ich habe irgendwo gelesen, dem Reporter könnten bis zu 7 Jahre Haft drohen….
Ich hoffe, sie geben ihm öffentlich einen figürlichen Klaps auf die Finger, geben ihm inoffiziell eine Medaille und lassen ihn bald gehen.
By qüpra, 17. Dezember 2008 @ 00:34
Ich finde die Aktion total mutig. Hatte oft überlegt, was ich tun würde, stünde Bush vor mir – Zaidi hat den Nagel auf den Kopf getroffen (wenn auch Bush nur knapp verfehlt). In der SZ stand ja auch so etwas wie: Endlich ein Symbol für das Leid der Iraker.