Scharia ist NICHT “islamisches Recht”

Langsam muss man an der Auffassungsgabe einer breiten Mehrheit der deutschen Medienschaffenden zweifeln.

Dr. Mustafa Cerić ist der Mufti Bosnien-Herzegovinas und das inzwischen in der zweiten siebenjährigen (Wahl-?)Periode. Er ist Unterzeichner der “Amman Message” “A Common Word Between Us and You” – ein signalgebendes Dokument an den Papst von einer Vielzahl muslimischer Gelehrter. Für seine Bemühung im interreligiösen Dialog soll Herr Cerić mit dem Eugen-Biser-Preis geehrt werden. In den letzten Tagen ist allerdings eine alte Diskussion losgetreten worden, die eine wissenschaftliche Veröffentlichung von ihm in der CDU-nahen Zeitschrift “European View” betrifft. Wer diese Diskussion wieder losgetreten hat ist unklar.

Zitierübungen

Aus der Veröffentlichung, die online über den Springer-Verlag erhältlich ist1, wird gemeinhin der folgende Satz zitiert:

There are three basic theological foundations of Muslim authority: the ‘aqı¯dah, the sharı¯’ah and the ima¯mah.

Der Kölner Stadtanzeiger besteht sogar darauf, dass Herr Cerić folgendes geschrieben hätte:

Die Verpflichtung auf die Scharia, darin gipfeln seine Ausführungen, sei „immerwährend, nicht verhandelbar und unbefristet“.

und weiter

Aber dann outete sich Ceric in dem Aufsatz als jemand, der die Scharia als ewiges Prinzip preist, „auf dessen Basis jede Generation von Muslimen das Recht und die Pflicht hat, über gut und schlecht, richtig oder falsch zu urteilen“.

Erst einmal lesen!

Gott sei Dank gibt es einige Medien, die seinen Text tatsächlich gelesen haben und sich nicht unbedingt auf Internetnutzer nicht näher benannter “einschlägiger islamkritischer Foren” (Zitat Kölner Stadtanzeiger!!) beziehen müssen, um Informationen ausfindig zu machen. Die Deutsche Welle schreibt etwas wahrheitsgemäß:

Tatsächlich spricht Ceric in seinen Ausführungen in der “European View” von einer “immerwährenden, nicht verhandelbaren und unbefristeten” Verpflichtung gläubiger Muslime auf die “Scharia”. Und unter “Scharia” verstehen Cerics Kritiker ein drakonisches islamisches Recht mit Strafen wie “Auspeitschen, Verstümmelung und Steinigung”; der Großmufti wolle also letztlich die westliche Rechtsordnung, Gewaltenteilung, Religionsfreiheit und Gleichberechtigung abschaffen.

Ceric hingegen erläutert “Scharia” in seinem Aufsatz ausführlich als eine übergeordnete Weltanschauung, als ein moralisches Leitbild und als Verpflichtung gegenüber Gott. Er grenzt “Scharia” in diesem Sinne ausdrücklich ab gegen angewandtes Recht, zum Beispiel das “angewandte islamische Recht”, das mit “Fiqh” bezeichnet wird. Dieses sei, so schreibt er, ganz im Gegenteil eben “nicht immerwährend, sondern verhandelbar und befristet”.

Dazu aus der Veröffentlichung Herrn Cerićs:

The second theological foundation of Muslim authority is the sharı¯’ah. Literally, the sharı¯’ah means ‘water hole’, ‘drinking place’ or ‘approach to a water hole’. ‘The word sharı¯’ah is common to Arabic-speaking people of the Middle East and designates a prophetic religion in its totality, as is evident in such phrases as sharı¯’ah Mu¯sa¯, sharı¯’ah al-Ması¯h (the law/religion of Moses or the Messiah) [20, p. 321]. Thus, the sharı¯’ah is more than a personal commitment and more than the continuity of memory as personal identity. The sharı¯’ah is the communal commitment and the community identity that is the continuation of the collective memory. It is the continuity of memory of ‘the Noahide covenant, which is God’s perpetual relationship with mankind after its near destruction in the Flood’ [13, p. 34]3 and the Sinaitic covenant, which is God’s Ten Commandments revealed to Moses at Mount Sinai.

In the sharı¯’’ah as their Weltanschauung, Muslims have their covenant with God, a covenant that is the same in content if not in form as the previous covenant contained in the Old Testament of Moses and the New Testament of Jesus. [...]

Hence, this Islamic covenant, the sharı¯’ah, is perpetual, it is not negotiable and it is not terminable. It is perpetual because it is God’s infinite (azalı¯) word in the past; it is not negotiable because it has a power to enforce obedience; and it is not terminable because it is infinite (abad) into the future.

The fiqh (Islamic applied law) is not the sharı¯’ah. Rather, it is a particular understanding of the sharı¯’ah. Thus, the fiqh (understanding) of the shari’ah of a particular person or group is not perpetual, it is negotiable and it is terminable. The sharı¯’ah is the perpetual principle on the basis of which each and every generation of Muslims has the right and the duty to make judgments about good and evil, right and wrong, in the context of its time and space in accordance with its own experience. Hence, the sharı¯’ah is the Muslim’s authority in morals,6 coupled with the authority in faith, the shaha¯dah.

Wiederspruch?

Nun vermelden unterschiedliche Onlinezeitungen mehr oder weniger einheitlich: Großmufti bekennt sich zum Grundgesetz”2. Darin wird ein scheinbarer Widerspruch aufgebaut zwischen Scharia und Grundgesetz, um dann zu sagen, dass der Großmufti sagt, das Grundgesetz stehe über der Scharia. Schaut man sich das Interview im Kölner Stadtanzeiger an, auf das sich dieser Artikel bezieht, dann erkennt man dass der Mufti mehrfach versucht hat darzustellen, dass eben gerade die Vermischung von Scharia und “islamisches Recht” fehlerhaft ist. An der Überschrift des Interviews – “Landesrecht steht über Scharia” – sieht man, dass der Kölner Stadtanzeiger die Botschaft überhaupt nicht verstanden hat:

KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Ceric, warum ist die Scharia so fundamental für die Lebensführung von Muslimen?

MUSTAFA CERIC: Sie ist die Grundlage des Glaubens. Die Scharia hat für Muslime die gleiche Bedeutung wie die Zehn Gebote für Christen.

Verlangen Sie, dass die Scharia in das Strafrecht der Bundesrepublik oder anderer europäischer Länder implementiert wird?

Er sagt natürlich auch

Landesrecht ist das oberste Gesetz. Das steht über allem. Dem hat sich auch islamisches Recht zu unterwerfen.

Aber da nimmt er Bezug auf “islamisches Recht” und eben gerade nicht auf Scharia!

Lost in Dumbness

Die Aufregung um die Aussagen des Muftis Cerić haben vor allem damit zu tun, dass sich im deutschen Sprachgebrauch durchgesetzt hat, dass “Scharia” ein Synonym zu “islamischem Recht” darstellt. Dass dies nicht der Wahrheit entspricht, wird auch nach eingängiger sprachlicher, islamwissenschaftlicher und sonstiger Erklärung beharrlich ignoriert. Es wäre genau so, als würde man Aufklärung mit einer Art des kapitalistischen Wirtschaftens in Verbindung bringen wollen. Beides hat durchaus entfernt miteinander zu tun (sie traten historisch nacheinander auf), allerdings würde dadurch keiner auf die Idee kommen, bei der Benutzung des Wortes “Aufklärung” “Kapitalismus” zu verstehen.

Im Falle von Scharia kommt noch die panische Reaktion auf das Wort aus einer tief verwurzelten Islamophobie, die von Muslimen ausgehend grundsätzlich eine Gefahr sieht.

  1. wie Kathrin bereits vor einigen Monaten festgehalten hatte[]
  2. einheitlich bei der Zeit Online und dem Tagesspiegel[]

Andere Beiträge:

  1. Rowan Williams und Scharia – religiöse und säkulare Gerichte
  2. Rowan Williams und Scharia – Medienübertragung “unvermeidlich”
  3. Das Recht zu beleidigen – revisited
  4. Einigkeit und Recht und Freiheit .. Türkisch?
  5. Moscheebau in Köln – Kommentare

Comments

  • By Hans-Peter Mueller, 22. November 2008 @ 21:56

    Wenn Sharia sowas wie die Zehn Gebote ist, warum sagt man das dann nicht auch so? Werden die Zehn Gebote Mose ueberhaupt von Muslimen anerkannt, oder haelt man sie auch fuer korrumpiertes Wort Gottes?

    Die Zehn Gebote sind nicht und waren nie Grundlage der Legislative. Insbesondere nicht in einem saekularen Staat.

    Sharia beinhaltet leider allzu viele grausame und mit einem christlichen Gottesbild unvereinbare ‘Bestrafungen’. Wer sind wir, als dass wir uns aufspielen koennten ueber Leben und Tod? Und warum sollte ein Gott Gefallen daran finden? Vor allem bei den zutiefst menschlichen, laesslichen Suenden, die in der Sharia leider mit derart drakonischen Strafen belegt sind?

  • By Serdar, 23. November 2008 @ 15:38

    Tja lieber Omar, es gibt halt Leute, die wollen ihr Weltbild nicht ins Wanken bringen, wie dieser Zeitgenosse (hxxp://www.wadinet.de/blog/?p=1271#more-1271) Auf den Leim gegangen

    Link geändert, oan

  • By Omar, 23. November 2008 @ 17:43

    @Hans-Peter:
    “Wenn Sharia sowas wie die zehn Gebote ist, warum sagt man das dann nicht auch so?”

    ?? (wurde doch gesagt?!) Ceric hat doch gesagt, dass seiner Meinung nach die Bedeutung der Scharia für Muslime dieselbe ist, wie für Christen die zehn Gebote. Da die Scharia die Gesamtheit der Religionsinhalte darstellt, ist es auch kein Wunder. Ich finde, dass seine Definition überhaupt zurate gezogen werden sollte, wenn es darum geht, seine Aussage zu bewerten!

    “Die Zehn Gebote sind nicht und waren nie Grundlage der Legislative. Insbesondere nicht in einem saekularen Staat.”

    Wie direkt man Gesetze aus religiösen Traditionen ableitet sei mal dahingestellt. In der Moderne gibt es aber durchaus Ansätze, die beiden miteinander zu verkoppeln.

    Todesstrafe und auch körperliche Strafen sind sehr wohl mit einem christlichen Weltbild kompatibel. Warum du aber ein “Gottesbild” mitintegrieren möchtest, verstehe ich nicht. Auch nicht, wieso du annimmst, Gott müsse “Gefallen” an einer solchen Bestrafung haben..

    “Wer sind wir, als dass wir uns aufspielen könnten über Leben und Tod?”

    Das ist wohl wahr. Unabhängig davon, dass wir es tatsächlich täglich tun (Piraten umbringen, Kriege führen aber auch Menschen wegsperren etc..) stimme ich dir zu. Eine puritanisch-idealistische Sicht verbietet es überhaupt, interventionistisch in menschliches (und tierisches?) Leben einzugreifen. In der Realität müssen für eine funktionierende Gesellschaft Sanktionen herhalten. Ich wünschte mir nur, dass man konsequent im Zweifelsfall die Sanktionen sein lässt.

    @Serdar: Den Link habe ich geändert, da ich solche Blogs nicht verlinken möchte. Ich stimme dir aber zu. Auf falschen Annahmen über den Islam und Muslime sind ganze Weltsichten entstanden, die die Leute heute nur noch dadurch zu verteidigen wissen, indem sie Beobachtungen selektiv handhaben und nur diejenigen Beobachtungen an ihr Modell heranlassen, die dem Modell nicht widersprechen.

  • By Hans-Peter Mueller, 23. November 2008 @ 20:26

    Omar, eine wesentliche Frage wurde von Ihnen gar nicht beantwortet: Werden die Zehn Gebote an Moses ueberhaupt von Muslimen anerkannt, oder haelt man sie auch fuer korrumpiertes Wort Gottes? Es handelt sich dabei nicht nur um Exodus 20 (die ‘light’ version, der man ja noch in etwa zustimmen kann), sondern auch um Exodus 21, 22, Leviticus, etc. (befreundete Muslime wussten z.B. gar nicht, dass es 5 Buecher gibt, die Moses zugeschrieben werden). Undenkbar, so etwas heute zu Recht und Gesetz zu erklaeren. Wird meines Wissens auch in keiner Gesellschaft, sei sie juedisch oder christlich, befolgt.
    Auch was koerperliche Strafen und Todesstrafe betrifft, widerspreche ich vehement. Jesus hat nichts davon gepredigt. Lesen Sie mal Joh 8.
    Falls es tatsaechlich zum Dialog zwischen den sich gegenseitig ausschliessenden Monotheismen kommen sollte, muss das auschliessende Element schleunigst beseitigt werden. Was mir fehlt ist eine Mission und vor allem eine Vision bei diesem Dialog. Was kann der Professor auf dem so genannten Heiligen Stuhl im Vatikan hier ueberhaupt anbieten? Was all die Muftis und islamischen Gelehrten in einer globalisierten, gerade aus dem Ruder laufenden Welt?

  • By Omar, 23. November 2008 @ 21:54

    @Hans-Peter: zunächst einmal ist die Frage, ob Muslime die zehn Gebote “anerkennen” für das Thema des Artikels und der Auseinandersetzung unerheblich!
    Trotzdem meine Antwort: im Wikipedia-Artikel findet sich eine schöne Zusammenstellung möglicher zehn Gebote aus islamischer Quelle. Bei einem schnellen Vergleich mit den “biblischen zehn Geboten” ergaben sich für mich kleinere Unterschiede. Zum Beispiel ist im Islam natürlich nicht von einem Sabbat die Rede. Ehebruch wird angemarkert statt “deines Nächsten Weib”. Was sich in den zehn christlichen Geboten nicht wiederfindet ist das Gebot der Erfüllung der Rechte der Bedürftigen (Arme, Reisende..).
    Naja, soviel für einen schnellen Abriss.
    Ob Johannes 8 eine Abschaffung der Todesstrafe ableitbar ist, ist im Mindesten anzweifelbar. Schließlich hatte Jesus der Überlieferung nach die Strafe an sich kritisiert, sondern die potentiellen Ausführer dieser Strafe. Auch wenn “Auge um Auge” eigentlich zur Mäßigung der Rachetaten bringen soll, bedeutet es trotzdem, dass Bestrafung möglich ist – und zwar auch körperlich. Diverse Stellen in der Bibel führen diese aus.
    Warum muss das Ausschließliche abgeschafft werden?

  • By Serdar, 24. November 2008 @ 14:59

    Prof. Rohe kennst du doch sicherlich?
    Nun der hat ganz aktuell einen Text publiziert zu dem Thema “Was ist Scharia”:
    http://www.zr2.jura.uni-erlangen.de/islamedia/publikation/Scharia%20in%20Deutschland.pdf

  • By Hans-Peter Mueller, 24. November 2008 @ 18:57

    Omar, Jesus hat nicht mal kritisiert. Das “Wer unter euch ohne Suende ist, der werfe den ersten Stein” sollte zur Beschaemung der eifernden Pharisaeer und Gelehrten fuehren. Das ist eine voellig andere Dimension von Ethik.

  • By microgod, 27. November 2008 @ 13:23

    man stelle sich vor, dass jeder christ sich ständig abgrenzen und verteidigen müsste, weil auch scientology eine kirche mit einem kreuz ist.

    natürlich gibt es auch den politischen islam, der seine ideologie für unverhandelbar hält, beispiel hizb ut tahrir. gleichwohl liegt auch hier in der politischen argumentation das mittel der wahl. am wirksamsten sollte die stärkung eines arabischen sozialismus, einer islamischen linken sein.

  • By Atze, 3. Dezember 2008 @ 10:24

    @Hans-Peter Mueller
    Wenn man Römer 13, 1-4 nimmt:
    “Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott, wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet. Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Ordnung, die aber widerstreben, werden über sich ein Urteil empfangen. Denn die Gewaltigen sind nicht den guten Werken, sondern den bösen zu fürchten. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes, so wirst du Lob von ihr haben. Denn sie ist Gottes Dienerin dir zu gut. Tust du aber Böses, so fürchte dich, denn sie trägt das Schwert nicht umsonst, sie ist Gottes Dienerin, eine Rächerin zur Strafe über den, der Böses tut.”
    dass sich z.B. auf 1. Mose 9, 6 beziehen soll:
    “Wer Menschenblut vergießt, des Blut soll auch durch Menschen vergossen werden, denn Gott hat den Menschen zu seinem Bilde gemacht.”
    dann sieht das schon anders aus. Und wenn man sich so in der Welt und der Geschichte umschaut, dass scheint diese Interpretation der Bibel absolut gängig zu sein.

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  1. Too Much Cookies Network » Papst Mustafa Ceric? — 16. Februar 2009 @ 22:10

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