Beiträge zum Thema “Professur Kalisch”
Ich hatte bereits zu Anfang der Auseinandersetzung um die Professur von Prof. Kalisch einen Beitrag verfasst, der meine Meinung gut wiedergibt. Um es kurz zu fassen: ich sehe Herrn Kalisch nur blubbern. Er rezipiert eine bestimmte religionskritische Richtung und gibt sie unreflektiert wieder, ohne ihr eigene Gedankengänge, geschweige denn eigens erarbeitete Materialien beizusteuern. Ich hatte mich nicht so sehr um die Inhalte seines Glaubens gekümmert, weil mich diese reichlich wenig interessiert1. Zwei Punkte interessieren mich persönlich am meisten:
- Wie kommt er darauf, Islamlehrer ausbilden zu wollen, wenn weder diese noch die Eltern der Kinder ihn wollen?
- Was ist die Forschung, die er tatsächlich betrieben hat, um zu diesen Schlußfolgerungen zu kommen?
Ein Institut der Intrigen
Nachdem ich anfing, mich damit zu befassen, habe ich Kontakt zu einigen Studenten bekommen, die bei Kalisch studieren. Je mehr ich mir dann anhören musste, was am Institut passiert, desto gruseliger wurde mir. Der Druck, dem die Studenten von Seiten der Institutsleitung ausgesetzt sind, ist mir von keiner anderen Institutstätigkeit bekannt. Es mag sein, dass es in den Geisteswissenschaften gängiger ist, am Institut “freiwillige Helfer” einzustellen und sich von studentischen Hilfskräften verteidigen zu lassen und von ihnen Verleumdungen gegenüber Mitarbeitern einzuholen, aber von den Ingenieurwissenschaften ist es mir nicht bekannt. Ich vermute, diese Umtriebe sind nur am Centrum für religiöse Studien gängige Praxis. Ich bin froh darüber, dass zwei Studenten nun in einem Interview mit der Münsterschen Zeitung auspacken und – so kurz der Artikel auch ist – die Lage versuchen zu beschreiben:
Studierende der Islamkunde am Centrum für Religiöse Studien fühlen sich ausgenutzt und manipuliert: Prof. Muhammad Sven Kalisch nutze seinen Lehrstuhl, um internationales Aufsehen zu erregen. „Von einem vernünftigen Studium kann da nicht mehr die Rede sein.“
Der Großteil der 26 Islamkunde-Studenten kritisierte die „Publicity“, die über ihre Köpfe hinweg veranstaltet werde. „Was wir fühlen, danach fragt keiner, Hauptsache Prof. Kalisch steht im Rampenlicht“, sagen zwei Mitglieder der Studierendenschaft, die Namen sind der Redaktion bekannt. Ihr Studium sei katastrophal, „eine echte psychische Belastung“.
Richtig finde ich deswegen auch, dass der Rat der muslimischen Studenten in einem Positionspapier klarmacht, dass die Rechte der Studenten gewahrt werden müssen:
Wir fordern die Universitätsleitung Münster und das zuständige Ministerium auf, die Interessen der betroffenen Studenten zu wahren und sie vor Druck und Bevormundung durch die Mitarbeiter und Ehrenamtlichen des Lehrstuhls – die bislang leider an der Tagesordnung sind – zu schützen.
Forschungsergebnisse oder Ergebnisforschung?
Im Positionspapier wird weiterhin die angebliche Forschung von Herrn Kalisch kritisiert:
Wir als muslimische Studenten, Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaftler unterstützen in diesem Sinne historisch-kritische Forschung, auch und gerade in Bezug auf die Quellen islamischer Geschichtsschreibung und religiöser Auslegung. Ein Ansatz zu dieser muss selbstverständlich, wie vielerorts gefordert, ergebnisoffen angelegt sein.
Wir sehen eine solche Forschung allerdings durchaus in Gefahr, wenn, wie im Fall von Professor Muhammad Kalisch, das Ergebnis schon feststeht, bevor die dafür erforderliche Forschung auch nur ansatzweise erfolgt ist. In mehreren Veröffentlichungen schildert Muhammad Kalisch seinen Standpunkt in Bezug auf die Nichtexistenz von Propheten1. Jedoch weisen die Veröffentlichungen keinerlei zu erwartende Quellenforschung auf, die ein solches Resultat wie die Tendenz zur Nichtexistenz des Propheten Muhammads zum Ergebnis haben könnte. Dies wären z.B. Arbeiten wie die Sammlung und Auswertung unterschiedlicher früher Niederschriften des Qur’ans, der kritische Quellenvergleich der Entwicklung des frühen islamischen Rechts, oder auch die historische Untersuchung der Authentifizierungsmethoden zu Berichten aus der frühen muslimischen Geschichte. Diese Forschung wird durchaus in der Moderne betrieben2, von daher verwundert es stark, dass sie von Muhammad Sven Kalisch noch nicht einmal rezipiert werden, während er nur auf solche eingeht, die seine Theorie unterstützen und die zudem auch noch am Rande oder sogar außerhalb der Wissenschaftlichkeit selbst argumentieren, wie dies bei den revisionistischen Thesen von Cook und Crone der Fall ist.
Seine angebliche Forschung wird auch teils in einer Radio-Diskussion zwischen ihm und Prof. Gudrun Krämer und Aiman Mazyek thematisiert. Dieses möchte ich pauschal zum Anhören empfehlen.
Die islamische Zeitung hat sich das Thema vorgenommen und gleich zwei Kommentare von Muslimen hierzu veröffentlicht: Der erste kommt von Lydia-Ayscha Einenkel2 und behandelt weitab von Kalisch die Anwendbarkeit einer historisch-kritischen Methode auf islamische Texte und Quellen.
Doch nicht in der islamischen Theologie. Wieso nicht? Weil gerade wegen Kalisch‘s Thesen die historisch-kritische Methode mit Kritik im Sinne von Anfechtung und Ablehnung assoziiert wird. Dies ist aber nicht gemeint, betrachtet man die Methodik genauer, kann man durchaus zu dem Schluss kommen, dass diese sehr gut mit dem Islam harmoniert, dass sie sogar Grundlage in den klassischen islamischen Wissenschaften ist und wir diese nicht erst von den westlichen Orientalisten oder christlichen Theologen des 20. Jahrhunderts übernehmen müssen, weil uns eine Aufklärung fehle, wie Kalisch in einem Interview sagte.
Wissenschaftlich-exegetische Methoden verfügen über eine lange Tradition im Islam. Zur Bildung von Dogmen ohne Text- und Kontextbezug ist es in diesem Sinne nie gekommen. Schon grundsätzliche Ansätze über die Konsens besteht kann man, will man die Terminologie benutzen, als historisch-kritische Methode bezeichnen. Hier sollen nur einige Grundlagen exemplarisch genannt werden.
Dieser Punkt ist mir selbst aufgefallen, als ich mir – quasi als Laie – die wikipedia-Definition von “historisch-kritisch” angeschaut habe. Einen Großteil der Arbeit haben Hadith- und Koran-Gelehrte seit jeher getan: Die Authentizität der Überlieferung prüfen und dies vor allem über die Überliefererketten. Die Kriterien für die Stimmigkeit der Überlieferung haben sich von Wissenschaftler zu Wissenschaftler unterschieden und dementsprechend gibt es immer wieder Unstimmigkeiten, wenn es um die Authentifizierung verschiedener Überlieferungen geht. Interessant finde ich, dass Herr Kalisch diese Forschungsarbeit vollkommen ignoriert und davon losgelöst und ohne sie fachlich zu kritisieren ernsthafte Forschung veranstalten möchte..
Eine weitere Wissenschaftlerin, die nicht ungenannt bleiben soll, ist Frau Angelika Neuwirth, die in Berlin Arabistik lehrt. Sie gab der KNA ein Interview, das bei der “Islamischen Zeitung” abgedruckt wurde.
Bedauerlicherweise hat Herr Kalisch seine persönlichen Zweifel an der Historizität Mohammeds öffentlich gemacht. Solche Zweifel hätten sich durch gründliche Lektüre zur Forschungslage leicht zerstreuen lassen. Zu dieser Lektüre wäre Herr Kalisch wie jeder Lehrstuhlinhaber, gleichgültig in welchem Fach er tätig ist, sich und seinen Fachkollegen gegenüber verpflichtet gewesen, um seine eigene Sicht auf die Auseinandersetzung mit der bisherigen Forschung gründen zu können. Seine Veröffentlichung der Zweifel ohne differenzierte Begründung und ohne eine überzeugende Gegenhypothese kann nur als Provokation verstanden werden. Hier ist eine möglichst ebenfalls öffentliche Diskussion gefordert, nicht einfach Berufung auf die akademische Freiheit. An diese Freiheit würde in Disziplinen mit stärkerem Kritikpotenzial kaum appelliert werden können. Islamische Studien sollten da keine Sonderstellung beanspruchen.
Ob sich Herr Kalisch auf eine solche öffentliche – aber nicht minder wissenschaftliche – Debatte einlassen würde, bleibt fraglich. Am Centrum für religiöse Studien führt er derzeit eine Veranstaltungsreihe mit mehreren ausgewählten Leuten, unter anderem mit Karl-Heinz Ohlig. Die Veranstaltungsreihe wird von ihm folgendermaßen charakterisiert:
Die Wintersemester-Ringvorlesung „Geschichte oder Mythos?“ des Centrums für Religiöse Studien der Universität Münster möchte den Vertretern dieser alternativen Theorien ein Forum bieten, ihre Ansätze in der Öffentlichkeit vorzustellen und in einen Dialog mit Vertretern der Mehrheitsmeinung zu treten.
Der Dialog mit der Mehrheitsmeinung sieht dann so aus, dass nach dem Vortrag von Kalisch selbst am 15.1.20093 zwei weiteren Zweiflern an der Historizität Muhammads4 an der Reihe sind, gefolgt von einem Symposium an dem Karl-Heinz Ohlig über “Christliche Zeugnisse aus den ersten beiden islamischen Jahrhunderten zum Islam” und Volker Popp über “Wann verschwand das Kreuz aus der frühislamischen Ikonographie?” referieren. Und – aufgepasst! – hier kommt die Mehrheitsmeinung: Es diskutieren Michael Marx (Corpus Coranicum) und Prof. Stephan Wild (Bonn)!
Naja, für mich setzt Kalisch damit seine Art fort, nur ausgesuchte Meinungen an seine Ohren und seinen Verstand heranzulassen, statt tatsächlich ergebnisoffen und quellen- und beweisorientiert zu diskutieren.
Diese Vermutung wird durch die Beschreibung von Akif Sahin gestützt, der seine Auseinandersetzung mit Kalisch in seinem Blog wiedergibt:
Da ich persönlich in Hamburg in diversen Unterrichtseinheiten schon damals Kritik an Kalischs vorgehen geäußert habe, kann ich auch davon berichten wie Kalisch vorgeht. Für ihn ist das Ziel wichtig. Wenn er ein Ziel vor Augen hat, dann lässt er alles andere, was gegen dieses Ziel sprechen könnte, völlig unbeachtet und versucht seine Meinung mit nicht haltbaren Argumenten zu stützen.
Islamlehrer
Dies alles berührt das Thema der Ausbildung von Lehrern für den Religionsunterricht in keinster Weise. Kalisch hat ein Problem mit der Logik, wenn er fordert, dass die Ausbildung der Religionslehrer unabhängig von den Religionsgemeinschaften geschehen soll. Dies ginge, wenn man einen einheitlichen Ethikunterricht5 einführen würde, was die Humanisten unter uns sehr freuen würde. Solange aber ein bekenntnisgebundener Unterricht angeboten werden soll, muss die Religionsgemeinschaft (in Maßen) darüber entscheiden, welche Inhalte von welchen Lehrern an die Kinder vermittelt werden sollen. Wir können ja gerne über die Abschaffung dieses Unterrichts reden6, allerdings fragt man sich dann, wofür Herr Kalisch die Professorenstelle angenommen hat, die zu Anfang vor allem zur Ausbildung von Islamlehrern gedacht war..
- dies hat sich mit meinem letzten Kommentar durchaus geändert, dies aber vor allem, da Herr Kalisch selbst seinen persönlichen Glauben in die Öffentlichkeit trägt[↩]
- mir nicht weiter bekannt[↩]
- “Die Mutter ihres Vaters – Fatima, die frühislamische Gnosis und die Frage nach dem historischen Muhammad”[↩]
- deren Thesen teils bereits mehrfach widerlegt wurden[↩]
- eine Art Staatsreligion ;-) [↩]
- in meinen Augen kann die Religionsgemeinschaft das auch gut in den eigenen Räumlichkeiten (Moschee/Synagoge/Kirche/Tempel..) erledigen[↩]
Verwandte Beiträge
Comments
Other Links to this Post
RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag. TrackBack URI

By Serdar, 31. Oktober 2008 @ 22:56
Muhammad Kalisch hat einen Text verfasst um seine Thesen zu begründen.
By Omar, 1. November 2008 @ 01:15
@Serdar: hab gerade den Hauptteil des Textes von Herrn Kalisch gelesen und komme immer mehr zum Ergebnis, dass er Vernunft bei sich voraussetzt, aber nicht wirklich besitzt. Meine Bemerkungen auf die Schnelle:
1. Er geht nur auf schiitische / zaiditische Argumentationen ein. Aus der Sicht der Mehrheit der Muslime ist die Quellenlage schiitischer Imamat-Vorstellung nicht nur “problematisch”, wie er das mit vielen Worten sagt, sondern in vielen Punkten erfunden. Dass also die Rückführung vieler Familien auf eine Prophetenlinie angeht, so ist das ein Punkt, mit dem sunnitische Gelehrte selten argumentieren. Ich sehe in seiner Forschung sehr viel seiner eigenen und sehr persönlichen Sinn-Suche. Er hat – das kann man auch nach dieser Lektüre sagen – nicht die geforderte Distanz zu seinem Forschungsobjekt. Außerdem glaube ich, dass er nicht in der Lage ist, über “den Islam” zu forschen, da seine eigenen Lehren (also die quasi-Schiitische Lehre, der er ausgesetzt war) im Wege stehen. Ich hätte ansonsten angenommen, dass er sunnitische Lehrmeinungen heranzieht, wenn er die islamischen Quellen als unbeweisbar hinstellen möchte..
2. In vielen Fällen ist seine Argumentation nicht schlüssig. Ein schnelles Beispiel: Er spricht zum Ende über die Existenz eines Gottesbeweises.
Er bleibt den Beweis schuldig, dass alle Menschen vernünftig sind (und dementsprechend einen Beweis begreifen können, dass alle Menschen diesen Beweis auch vernommen haben und (vor allem), dass Menschen nicht trotz eines Beweises nicht an andere Dinge glauben können. Ein Beispiel hierzu scheint mir die Rundheit der Erdkugel zu sein: Der Beweis ist (mehrfach) erbracht, die Menschen werden sogar informiert und trotzdem wollen das einige nicht glauben! Heißt das nun, dass die Erde flach ist? Er kommt dann zum Schluß:
Diese Äußerung bekräftigt mich im Denken, dass Herr Kalisch Rationalität gegen Hokuspokus-Religiosität ausgetauscht hat. Wem die “spirituelle Erfahrung” als (zwar nicht objektive, dennoch aber) haltbare Gotteserkennung gilt, der hat meines Erachtens wissenschaftlich abgedankt.
3. Am schönsten finde ich weiterhin seine Gegenüberstellung von Leuten, die seiner Meinung sind auf der einen Seite und “Fundamentalisten” auf der anderen Seite! Darin spiegelt sich seine missionarische Ader wider, die auf einen tatsächlichen Indoktrinationsversuch seiner Studenten (aber nicht nur dieser) hinweist:
4. Er greift teils islamophobe, teils allgemein antireligiöse Scheinargumente auf, um seine Punkte zu unterstreichen. Das geschieht auf eine Art, die ziemlich unreflektiert ist. Das zeigt beispielsweise der Folgesatz des vorherigen Zitats:
By microgod, 2. November 2008 @ 08:53
es gibt nichts, was die existenz von göttern beweist, es sei denn unsere vernunft, durch die es möglich ist, mit ihnen in gesellschaft zu leben
von cicero und den stoikern kann man sich auch heute noch was abgucken…
By Hans-Peter Mueller, 8. November 2008 @ 22:54
Noch was zum Thema:
http://aliqapoo.wordpress.com/2008/11/02/a-%e2%80%98road-to-damascus%e2%80%99-experience-of-the-special-kind/