Qantara.de und Sprachprobleme
Montag, 4. April 2005, 23:24
Auf qantara.de sind mir drei Artikel aufgefallen, die allesamt sprachliche Probleme zum Vorschein bringen. Entweder das oder aber die Brücke wird als vom Berg ins Tal führend verstanden!Der erste Artikel betrifft Herrn G. Mulack. Der “Beauftragte für den Dialog mit der islamischen Welt” wird als promovierter Jurist und Islamwissenschaftler vorgestellt. Wo - und vor allem in welcher Zeit - er Islamwissenschaften studiert hat, wird nicht ganz deutlich, aber das scheint in einer Zeit, in der jeder zweite hinter der Ecke ein Islamwissenschaftler ist, nicht zu interessieren. Viel interessanter sind zwei Aussagen von ihm:
Die erste Aussage “Ich muss ganz ehrlich sein: der Dialog gestaltet sich angesichts der nicht abreißenden Gewalt, für die ja dann oft der Islam verantwortlich gemacht wird, schwieriger, als es unmittelbar nach den Anschlägen vom 11. September 2001 war.” erweckt den Anschein, als ob täglich ein Anschlag stattfinden würde. Dass es eigentlich nach den Anschlägen in Madrid bis auf einige vereinzelte Anschläge ruhig ist, kommt bei dieser Aussage nicht hervor. Offensichtlich werden hier die “Anschläge” im Irak als islamistische Anschläge verstanden. Vor allem steht diese Aussage in Kontrast dazu, dass sich Herr Mulack scheinbar auf Ägypten konzentriert, in dem nun wirklich das Leben friedlich ist. Das allein stellt für mich die Kompetenz Herrn Mulacks in Frage.
Unter der Kapitelüberschrift “Weder oberlehrerhaft noch indifferent” soll wohl dargestellt werden, wie differenziert Herr Mulack arbeitet; das misslingt entweder dem Schreiber oder dem Beauftragten (Herr Mulack) total:
“Zwar müsse man im Dialog mit der islamischen Welt unbedingt vermeiden, “oberlehrerhaft” zu wirken oder gar so, als ob man neokoloniale Ambitionen habe, betont der Diplomat.” Fällt Ihnen etwas auf? Man sollte vermeiden so zu wirken! Man sollte nicht vermeiden, diese Einstellung zu haben! Das wirft ein anderes Licht auf den Begriff Dialog. Das folgende ist sicherlich dann der Fehler des Authors. Denn er erwähnt nicht, an welcher Stelle Herr Mulack indifferent oder zumindest nicht “oberlehrerhaft” ist:
1. “Wir müssen auch mit den Regierungen sprechen und ihnen sagen: Eure Zukunft liegt darin, dass Ihr die gesamte Gesellschaft an der künftigen Entwicklung des Landes partizipieren lasst, auch die Frauen und die Jugend. Vor allem, dass die sich auch verantwortlich fühlen für Euren Staat, für Eure Zukunft. Und nicht, dass das so abgetrennt ist!” - kein Lehrer hätte sich besser ausdrücken können. Von Dialog und Argumentation keine Spur!
2. “Auch gegenseitige Kritik gehört für Mulack zum Dialog mit den Muslimen. Er verlangt von ihnen beispielsweise mehr Selbstkritik und dass sie die Ärmel hochkrempeln, anstatt anderen die Schuld an ihrer Lage zu geben.” - ist das “gegenseitig Kritik? Wo bleibt die Kritik am Westen - oder vielleicht an seiner Rolle im “Dialog”?
Diese Hochnäsigkeit setzt sich beim Scheich der Al-Azhar fort:
3. “Dann sag’ ich ihm immer: ‘Das müssen sie aber auch mal laut und öffentlich sagen!’” - trau dich!
Insgesamt wünschte ich mir eine detailliertere Auskunft über die Arbeit von Herrn Mulack. Es ist etwa fraglich, ob ein älterer Herr mit Jugendlichen den Kontakt in einem Dialog suchen kann, oder nicht etwa automatisch in die Rolle des Oberlehrers schlüpft. Die selbe Frage würde man sich in Deutschland und mit deutschen Jugendlichen auch stellen. Wäre es dann nicht sinnvoller, Jugendliche aus beiden Regionen miteinander zusammenkommen zu lassen? Wenn dann alle (und zwar auf beiden Seiten) die vorgefärbten Brillen abnehmen könnten, dann wäre ein grosser Schritt getan - und es kommt zu einem echten Dialog!
Kommen wir nun zum zweiten Artikel. Dieser Handelt von den Muslimen in Bosnien-Herzegowina. Dort ist mir die Verwendung der Identitäten von Gewalttätern aufgefallen. Dabei ist festzustellen, dass etwa im 3. Absatz der Begriff Muslim für muslimische Bosnier verwendet wird, aber nicht der Begriff Christ für christliche Serben:
“[...]und an der ehemaligen “Sniper-Alley” in Sarajewo, an der serbische oder muslimische Scharfschützen Menschen wie Hasen jagten[...]“
. Nun merken Sie sich diese Aussage und scrollen runter bis unter der Kapitelüberschrift “Bosniens Islam als Brücke zwischen Ost und West”. Da steht dann plötzlich, dass die religiöse Toleranz in Bosnien “nicht durch Bosnienkrieg verschüttet” sei. “Seine Ursache sei nicht die Religion, sondern ein absurder Nationalismus gewesen.” Wenn das zutrifft, warum wird dann von muslimischen Scharfschützen gesprochen und nicht etwa von bosnischen?
“Über die Hysterie des Westens macht sich die Jugend Sarajewos gerne lustig.”, ja und nicht nur die!
Ein schnelles Wort zum dritten Artikel: “Junges ägyptisches Kino - Keine ausgeblendeten gesellschaftlichen Tabus”. In der Kurzfassung des Artikels werden die Worte “Diktatur, Armee und Schleier” in einer Art hintereinander genannt, die suggeriert, dass das eine mit dem anderen zu tun hätte. Während das bei Diktatur und Armee sehr wohl zutreffen mag (obwohl auch Demokratien Armeen (und höchst brutale zudem) besitzen), so ist das Wort Schleier in diesem Zusammenhang vollkommen unpassend, da es weder mit Diktatur noch mit Armee zu tun hat.
In der Hoffnung, dass Autoren und Redakteure noch vor dem überkochen der Emotionen ihre Fehler erkennen und endlich verantwortungsbewusst und nicht verallgemeinernd schreiben..
Omar
Tags: Gewalt, Inland, Islam, islamwissenschaftler, qantara.de, Terrorismus
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