Miserabler Tagesschau-Report zum Widerstand gegen die israelische Mauer
Gerade habe ich mir den Bericht vom Tagesschau-Korrespondenten in Tel-Aviv1 Oliver Mayer-Rüth über den “palästinensischen Widerstand am israelischen Sperrwall” angeschaut und bin ganz schön enttäuscht über die Oberflächlichkeit und teilweise Fehlinformation des Beitrags. Er stellt eine Fehlfunktion des Journalisten und der Redaktion dar. Bereits das Hintergrundbild der Anmoderation ist irreführend und setzt den Trend für den Bericht:
Herr Mayer-Rüth versucht diesen Widerstand am Beispiel des Dorfes Nil’in darzustellen.
Einleitungstext
Der Einleitungstext auf tagesschau.de verharmlost die palästinensischen Opfer und rechtfertigt ein Stück weit die brutale israelische Vorgehensweise. Da ist zum Einen die Überschrift2, in der das Freitagsgebet der mehrheitlich muslimischen Palästinenser mit einem nicht weiter definierten “Kampf” in Verbindung bringt. Der Eindruck, dass Aggression von den Palästinensern ausgeht, ist eminent. Natürlich muss “kämpfen” nicht unbedingt gewaltsamer Kampf bedeuten, da aber keine weiteren Worte darüber verloren werden, kann der Leser nicht wissen, dass der “Kampf” in Nil’in im Allgemeinen aus weitestgehend gewaltlosen Protestzügen besteht. Dann der eigentliche Text:
Seit sechs Jahren baut Israel einen Wall, der das Land vor Anschlägen palästinensischer Attentäter schützen soll. Für viele Palästinenser ist die Mauer eine Erniedrigung. Dort wo an dem Wall gebaut wird, kommt es regelmäßig zu Kämpfen. Getroffen werden oft Unbeteiligte.
Die Mauer3 wird unreflektiert gerechtfertigt. Der einzige Beweggrund für die Palästinenser, gegen den Bau der Mauer zu sein, scheint die gefühlte4 Erniedrigung! Kein Wort davon, dass die Mauer auf palästinensischem Boden verläuft, Bauern von ihren Feldern trennt5 und sowieso die palästinensischen Regionsgrenzen im Westjordanland missachtet. Nein, der Palästinenser, der ist notorisch erniedrigt6. Dann noch der letzte Satz, der schlussendlich den unbewaffneten Widerstand ausschließt:
Getroffen werden oft Unbeteiligte.
Da fragt man sich doch: “unbeteiligt” an was? Findet es Herr Meyer-Rüth o.k., wenn beteiligte Demonstranten angeschossen werden?
Reportage?
Die Videoreportage ist ähnlich schlimm wie der Text:
Sechs Wochen gerechtes Einmauern
Seit sechs Wochen kommen Nil’in’s Männer zum Freitagsgebet in den Olivenheinen am Rande des Dorfes. Danach versammeln sie sich zur Demonstration gegen den israelischen Sperrwall, der bald in diesem Tal das palästinensische Westjordanland von Israel trennen soll.
Erst einmal hat der Protest gegen die Mauer in den palästinensischen Städten und Dörfern entlang dessen Verlauf eine weit längere Tradition als die sechs Wochen, die hier suggeriert werden, wie beispielhaft an diesem Artikel aus dem Jahr 2004 ersichtlich wird:
Today, for the third consecutive day, hundreds of Palestinians demonstrated in Budrus, west of Ramallah to resist the construction of the Apartheid Wall. The demonstration started at 10:30 a.m. when demonstrators from Budrus, as well as the nearby villages of Qibya, Ni’lin, and Midya, headed towards their lands where occupation bulldozers have already begun uprooting trees and clearing land to make way for the Wall. The protestors sat in the land until 11:00 a.m. when Occupation Forces arrived and started shooting tear gas at the demonstrators, who responded by throwing stones at the Occupation soldiers. The demonstrators then went back to the main street of the village, afraid that they would be surrounded by the Occupation Forces. However, the soldiers followed the people as they returned to the village and entered Budrus from the Qibya side, after the demonstrators blocked the other entrances to the village.
Zum Anderen ist es eine Schande für einen ernsthaften Reporter, noch immer davon zu sprechen, dass die Mauer das Westjordanland von Israel trennt. Tatsächlich verläuft die Mauer komplett auf dem Gebiet des Westjordanlands, nimmt deshalb Palästinensern die Zufahrtswege zu ihren eigenen Ländereien und vereint damit auch diese Ländereien mit Israel!
Wer schießt? Wer schießt zurück? Und wer ist verletzt?
Mal vollkommen davon abgesehen, wer im aktuellen Fall tatsächlich mit dem Beschuss ‘anfängt’7, an einer Stelle liegt ein israelischer Kameramann am Boden verletzt. Von diesem Kameramann erfahren wir im Bericht an keiner Stelle, wo er stand und vor allem, wer ihn angeschossen hat. Tatsächlich wird folgendes gesagt:
Der Olivenhein vor sieben Tagen. Die Grenzpolizisten haben Gummigeschosse geladen. Wieder gibt es Zusammenstöße. Plötzlich liegt ein israelischer Kameramann am Boden. Er wurde getroffen und verliert viel Blut.
Eine Woche später besuchen wir den Kameramann zuhause. Die Kugel steckt immer noch in seiner Brust, nur einen Zentimeter über dem Herzen. Die Ärzte wollen sie deshalb nicht rausnehmen. Er glaubt es war kein Zufall. Kameramänner sollten eingeschüchtert werden.
Shimi Gat: Was wäre gewesen, wenn ich eine Kugelsichere Weste getragen hätte? Dann hätte er mir in den Kopf geschossen. Da gab es keine Verwechslung, er schoss gezielt auf Medienleute.
Wer der Schütze ist, erfährt man nicht. Dazu muss man seriösere Nachrichtenquellen aus Israel heranziehen und dort erfährt man, dass der Kameramann Shimi Gat mit einem Gummigeschoss getroffen wurde und dass er nicht der einzige Verwundete war:
An Israeli photographer was among 10 people hurt Friday afternoon during clashes between Palestinians and security forces over construction of the West Bank security fence near the village of Ni’lin.
Shimi Gat, who Israel Radio said sustained moderate wounds from a rubber bullet to the chest, was working with an American team. Security officials said they were investigating the circumstances of Gat’s wounds.
Seven Palestinians and two border policemen were lightly injured.
Da Palästinenser im Allgemeinen keine Gummigeschosse haben, kann man davon ausgehen, dass der Kameramann von israelischen Soldaten getroffen wurde. Am Vorfall wird vor allem deutlich, wieviel Information uns in der Tagesschau vorenthalten wird. Der Tagesschau-Reporter wagt sich nicht auf die palästinensische Seite, ist höchst wahrscheinlich noch nicht einmal vor Ort tätig, sondern sitzt im gemütlichen Sessel in Tel Aviv, während er Geschichten und Videos von Agenturen zusammenschneidet. Wenn er sich aus dem Sessel wagt, dann geht er einen israelischen Kameramann interviewen, die restlichen Verwundeten sind für ihn unerreichbar. Faktisch bekommen wir von der Tagesschau keine Nachrichten aus den palästinensischen Gebieten.
Was sagen diese Menschen?
Dies wird auch am nachfolgenden Szenenkonglomerat deutlich. Herr Mayer-Rüth möchte über einen toten palästinensischen Jungen berichten, der während des Angriffs auf das Dorf Ni’lin von israelischen Soldaten getötet wurde. Dazu besitzt er nur Archivmaterial8. Dann wird ein Interview mit Miriam Musa, der Mutter des Jungen gezeigt, die anscheinend am Grab des Jungen steht.
Die Übersetzung dessen, was die Frau sagt:
Ist es nicht genug, dass sie uns das Land nehmen? Sie töten auch noch unsere Kinder!
Nur ist das nicht, was die Frau im Ausschnitt sagt. Hier ist das, was ich verstehen konnte:
… weil sie unsere Feinde sind. Sie wollen uns (alle) vernichten.
Nun kann es natürlich sein, dass sie an anderer Stelle etwas anderes sagt, aber warum wird nicht dieser Ausschnitt gezeigt? Egal, wie man zu ihrer Aussage steht, sollte doch genügend journalistische Ehrlichkeit vorhanden sein, dass man nicht eine Übersetzung über einen anderen Ausschnitt legt. Vielleicht ist Herr Mayer-Rüth aber auch der arabischen Sprache nicht mächtig9, wer weiß..
Auf die Aussage der Mutter folgt prompt die Rechtfertigung aus dem Mund eines israelischen Soldaten, von dem ich hoffe, dass er zumindest richtig zitiert wird.
Unsinniges Zitat für einen wenig informativen Beitrag
Insgesamt macht der Beitrag den Eindruck, das man damit endlich über den gewaltlosen Widerstand der Palästinenser und ihrer Sympathisanten gerecht werden möchte. Das ist etwas, was ständig passiert, worüber wir hier allerdings nichts oder nur Entstelltes erfahren. Das ist schade, denn gewaltloser Widerstand funktioniert natürlich um so weniger, je weniger Aufmerksamkeit dafür erzeugt werden kann. Diese Aufmerksamkeit versuchen internationale Solidaritätsgruppen wie “Stop the Wall” oder “International Solidarity Movement” zu erzeugen - in Deutschland stoßen diese an eine solide Medienwand, die sich offensichtlich vorgenommen hat, das Thema zu ignorieren. Nur so kann ich mir erklären, dass im gesamten Beitrag kein ausländischer Helfer zu sehen ist. Tatsächlich “kämpfen” verschiedene westliche und (anscheinend in zunehmendem Maße) israelische Büger Seite an Seite mit den Palästinensern. Das Dorf Bil’in - in dem Widerstand außerhalb unseres Wahrnehmungshorizonts am stärksten ist - hat eine eigene Internetseite, in der viele Videos die Proteste festhalten. Wie das folgende vom 25. Juli diesen Jahres:
Keine Ahnung, wie das entstand, aber irgendwie steht am Ende des Beitrags der Tagesschau folgender ‘Absatz’ im luftleeren und sinnlosen Raum:
Teil des Krieges ist auch, dass Freitag nachmittag das Wochenende beginnt.
Ein passender Abschluss eines ziemlich informationslosen Beitrags. Warum stellt die Tagesschau solche Menschen ein?
- einen Korrespondenten in den palästinensischen Gebieten braucht die ARD nicht![↩]
- Nach dem Freitagsgebet wird gekämpft[↩]
- /Sperrwall/Wand/…[↩]
- wieder eine Abschwächung[↩]
- dies wird allerdings von der Anmoderation angeschnitten, allerdings nur als Grund, warum sich Palästinenser erniedrigt fühlten[↩]
- offensichtlich, da er keine Anschläge mehr verüben kann[↩]
- Herr Mayer-Rüth suggeriert, dass Palästinenser damit anfingen[↩]
- dankenswerter weise ist die Tagesschau so ehrlich, dieses als solches auszuweisen[↩]
- ist auch wahrscheinlich nicht in der Stellenanzeige zum “Nahostkorrespondenten” als Voraussetzung genannt worden[↩]
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Comments
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By Joejoe, 10. September 2008 @ 11:34
Lieber Omar,
Dein kleiner Artikel reiht sich bedauerlicherweise ein in die Flut von undifferenzierten Reaktionen auf die Berichterstattung aus dem Nahen Osten. Obwohl ich verstehe, dass dieser Konflikt hochemotional ist und es schwierig ist einen neutralen Standpunkt zu bewahren (vielleicht strebst Du das auch nicht an) ist Dein Beitrag in größten Teilen schlicht Unsinn.
Vielleicht hast Du den Beitrag nicht verstanden, oder wolltest ihn durch eine negative Brille sehen.
1. Das ARD Büro in Tel Aviv arbeitet mit palästinensischen Producern und Kameraleuten in den Gebieten der Westbank und dem Gazastreifen zusammen. Die Korrespondenten fahren wöchentlich nach Palästina, sprechen mit den Menschen auf der Strasse, Mitarbeitern und ihren Kontakten vor Ort. Falls Du die Medien wirklich verfolgen würdest, hättest Du auch mitbekommen, dass ein ARD Kameramann in Gaza entführt worden ist. Ein Palästinenser wohlgemerkt. Der ARD mangelndes Engagement in den Palästinensergebieten vorzuwerfen erscheint vor diesem Hintergrund geradezu lächerlich.
2. Nach dem Freitagsgebet wird gekämpft. Das ist faktisch so. Ich war dort, Du nicht, oder? Nach dem Gebet werden Steine geschmissen - von Seiten Palästinenser - und Tränengas sowie Gummigeschosse abgefeuert - von der israelischen Armee. Warst Du dort oder saßt Du - und eben nicht die Journalisten hier - an Deinem Schreibtisch und hast die Welt durch Deinen Computer betrachtet?
3. Ich verstehe nicht, was daran problematisch sein soll, Archivmaterial zu verwenden. Kannst Du mir das erklären? Es sollte darüber informiert werden, dass in der vorherigen ein palästinensischer Junge getötet wurde. Hätte man das weggelassen, hättest Du doch wieder von “Vorenthaltung von Information” gesprochen. Dass der Journalist von einer israelischen Kugel getroffen wurde, wird - meiner Ansicht nach - ausreichend deutlich. Kurz vor dem Bild des verletzten Journalisten, sieht man einen IDF Soldaten schießen.
4. Alles in allem kann ich nur sagen Omar: Schön, dass Du eine Meinung hast und diese gerne von der Tagesschau bestätigt haben würdest, aber diesen Gefallen werden Dir unabhängige und zur Neutralität angehaltene Journalisten nicht tun. Da kannst Du Deine Sicht des Konflikts von Hannover (!!) noch so sehr in die Welt rausposaunen.
Naja, so long Omar, shukran für Deine Aufmerksamkeit. Viele Grüße von Israel und Palästina nach Hannover - wo man diesen Konflikt und die Medienberichterstattung darüber sicherlich vortrefflich beurteilen kann.
By Joejoe, 10. September 2008 @ 11:58
Omar, Du zitierst selbst den Text und sagst, es sei nicht klar, wer geschossen hat?
“Die Grenzpolizisten (!!!) haben Gummigeschosse geladen. Wieder gibt es Zusammenstöße. Plötzlich liegt ein israelischer Kameramann am Boden.”
Meine Güte… vielleicht konzentriert sich der Autor lieber auf Vermessungstechnik und Maschinenbau, als hier Journalist zu spielen…
By Omar, 10. September 2008 @ 12:10
@joejoe:
ich glaube durchaus, dass der Bericht ziemlich schlecht gemacht ist. Die ARD und auch ZDF bringen viele besser recherchierte Berichte heraus.
Deine Kritik, was meinen Aufenthalt in meinem Sitz vor dem Schreibtisch in Hannover angeht, nehme ich an. Da die Informationsmöglichkeiten vielfältig sind, erlaube ich mir trotzdem die Reportage zu kritisieren.
Tatsache ist, dass die Berichterstattung aus den palästinensischen Gebieten wie aus der Ferne erscheinen. Dazu im Kontrast kann man sich ja die Berichte der Menschen vor Ort durchlesen. Dass Kameramenschen vor Ort sind, ändert nichts an der Berichterstattung selbst.
“Nach dem Freitagsgebet wird gekämpft.”
Das Freitagsgebet - das wollte ich durch den Vergleich mit den Aufzeichnung aus Bil’in zeigen - hat nichts mit dem Kampf zu tun. Diese Assoziation bringt dem Zuschauer gar nichts und verwirrt nur. Es schiebt zusammen mit der Bildeinblendung bei der Anmoderation die Schuld auf die Palästinenser, aber das mal nebenbei..
Die Verwendung von Archivmaterial ist im Allgemeinen ok. Es ist im Allgemeinen weniger wert als ein auf die Ereignisse beziehbare Aufzeichnung. Deshalb das Wort “nur”..
Gerne habe ich’s wenn die Tagesschau meine Meinung bestätigt, allerdings ging es in diesem Artikel nicht darum. Die Überschrift der Reportage von Herrn Mayer-Rüth war “Palästinensischer Widerstand am israelischen Sperrwall”. Dieser Überschrift wird er in der Darstellung eines 6 Wochen langen “Kampfs” nach dem Freitagsgebet nicht gerecht.
Grüße und danke auch für die Kritik..
By Cadmak, 13. September 2008 @ 18:47
Schön wie das ARD in feigen gehorsam weglässt wo die Mauer verläuft um welches “Israel” zuschützten meist Siedlungen die nach Internationalen Recht nicht als Israel anerkannt werden.