Ramadananfangszeremonien (1)
Es ist wieder diese Zeit im Jahr gekommen. Wenn vernünftige Muslime ihren Haushalt langsam auf wenig voluminöse aber dafür zucker- und eiweißreiche Lebensmittel ändern, andere einfach nur Lebensmittel aufstocken, wenn einige sich körperlich durch vereinzelte Fastentage auf eine längere Fastenzeit vorbereiten1, wieder andere sich mental durch Lektüre auf die Fragerei2 vorbereiten, wenn der Prediger den willigen Zuhörern einbläut, sie müssten jetzt3 wieder mehr beten, wenn Wochenenden für Einladungen bei Freunden und Familie verplant werden, wenn Essenspläne in Moscheen gemacht werden, dann weiß man: Im Hijri-Jahr4 befindet man sich im Monat Sha’aban und der Ramadan steht kurz bevor.
Der fremde Imam
Hierzu gehört zweifelsohne in Deutschland auch, dass bei einigen Moscheen ausländische Imame importiert werden, um die ausländischen Imame zu ersetzen, die einem das ganze Jahr etwas von der Kanzel herab zu erzählen versuchten. Allen Ernstes: Wieso glauben einige, einen Imam für einen Monat aus dem Ausland holen zu müssen? Im Allgemeinen erhofft man sich von diesem, dass er kompetenter auf Fragen, die über die Anzahl der Gebete am Tag hinausgehen, antworten kann. Es entbehrt einer Logik, dass man extra für einen Monat einen fremden Imam heranholt, da ja wichtige aber schwierige Fragen das ganze Jahr über existieren und notfalls woanders gestellt werden können. In meiner Erfahrung erfinden oder wiederholen Menschen Fragen, um sie einem Imam vorzulegen. Wenn also dieselbe Frage drei Imamen in drei aufeinander folgenden Jahren gestellt wird, dann weiß man, dem Fragenden ist nicht an einer Antwort gelegen, sondern entweder an einer Rechtfertigung oder an der Fragerei an sich.
Frag’ mich!
Dass viele Prediger, die zum Ramadan angeschleppt werden keine Gelehrte sind, sondern “einfach nur” Prediger, führt diese Praxis ad absurdum. Ein pawlow’sch erscheinender Reflex führt einige Muslime dazu, einer Frage vollkommen erlegen zu sein, wenn sie einem anderen Muslim mit weißem Bart und irgend einer Art Hut5 begegnen.
“Das wollte ich schon immer mal fragen. Diese Frage ist für mein Leben von tragender Bedeutung - ohne kann ich mein Leben nicht fortführen, aber ich habe bislang nicht die Zeit gehabt, die Antwort zu ergoogeln..”
Gott sei Dank sind die meisten Prediger geübt im Ertragen der langen Gesichter, wenn sie Fragen, deren Antworten sich ihrem Wissen entziehen, aus diesem Grund nicht beantworten wollen.
Die Anwesenheit eines (ausländischen) Imams verwirrt auch teilweise. Einige Tage vor seiner Ankunft wird er angekündigt und sein Programm - im Allgemeinen bestehend aus Gebete leiten, Fragen beantworten, Unterricht geben6 - wird den Anwesenden unterbreitet. Keiner weiß so recht, wie er aussehen, wie er antworten und welchen Zwist er dadurch anfeuern wird.
Eine Frage der Ansicht
Dass es verschiedene Auslegungen in islamischen Fragen gibt, dürfte inzwischen zum Letzten durchgesickert sein. Ich muss mich korrigieren: es gibt natürlich immer jeweils nur eine Antwort, aber ihr Wortlaut hängt davon ab, wen man fragt, da sich die Leute stets sicher sind, dass es keine andere Antwort geben kann.. Unabhängig von dieser geringen semantischen Differenz, ist wichtig, dass verschiedene Antworten natürlich verschiedene Anhänger nach sich zieht. Die älteren Generationen dieser Anhängerschaften kennen sich im Allgemeinen ganz gut und wissen ob dieser Differenzen. Sie sitzen in Vereinen und Vorständen zusammen und tauschen Ideen aus, sie bekommen für ihre Ansichten genügend Predigerzeit eingeräumt und damit wird eine relativ stabile Lage garantiert, die nicht gestört werden sollte.
Kommt nun aber ein Imam aus dem Ausland, kann man im Allgemeinen nicht voraussagen, welche der Meinungen er im speziellen Fall selbst anhängen wird und auch das sorgt für Spannung7. Ihm gebührt natürlich ob seines Huts - und teils seines Alters - Respekt, aber diesen kann er nach und nach verwirken, wenn er die falschen Ansichten hat. Wenn er sich doof anstellt, kann er sogar das sorgfältige Gleichgewicht in der Moschee stören und für mehr (als nur) Spannungen8 sorgen.
Ramadanimam
Die Institution des Ramadanimams ist eine komische. Vereine, die kein Geld haben, um das Dach ihrer Moschee zu reparieren, den stinkenden Teppich auszuwechseln oder anderweitige Verbesserungen im Alltag ihrer Besucher zu unternehmen und die auch nicht die Muße haben, um zeitig (oder überhaupt) Umbauarbeiten anzumelden oder vereinsrechtliche Dokumente hin und her zu schieben, haben plötzlich Geld und bürokratisches Geschick, um einem Menschen aus dem Ausland ein Visum zu besorgen, Unterkunft9 zu organisieren und all das plus Aufwandsentschädigung10 zu zahlen. Da fragt man sich schon, wieweit es mit ihrem Verstand geht..
Auf der anderen Seite rechnen sie sich ja durchaus einen Zugewinn der Spendeneinnahmen aufgrund der Anwesenheit des Imams. Sinnvoller wird seine Anwesenheit dadurch natürlich nicht.. Ganz im Gegenteil, es öffnet ein weiteres Thema.. ein andermal..
- und ihre Mägen im Voraus verkleinern[↩]
- ”wirklich? auch kein Wasser?[↩]
- die Methoden sind teils sehr belustigend, teils irritierend[↩]
- ”Hijri” kommt von Hijra - (Aus-)wanderung, Umsiedlung. Anfangszeitpunkt der Zeitrechnung im Hijri-Kalender ist die Umsiedlung des Propheten Mohammad von Mekka nach Medina (damals Yathrib) [↩]
- ein baseball-cap sollte es nicht gerade sein[↩]
- , Fragen beantworten, predigen, Fragen beantworten, smalltalk, Fragen beantworten und zum Schluss kurz vor Abreise die verbliebenen Fragen beantworten, damit die Menschen bis zum nächsten Jahr ohne Fragerei aushalten können[↩]
- noch im Sinne des “gespannt sein auf etwas”[↩]
- im Sinne der mechanischen Spannungen und der Streiterei[↩]
- gut, meist ist es die Moschee mit den voran genannten Makel[↩]
- meist ist es für deutsche Verhältnisse viel zu wenig (aber selten weniger als Harz), aber es ist trotzdem eine Summe, die man zusammenbekommen muss[↩]
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Ramadan bringt Fragezeit, ähh Fastenzeit : Karim Saad .:. Jung. Emotional. Formbar. — 20. August 2008 @ 10:41
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