Tierschützer greifen jüdisches Gemeindehaus an?
Die Meldung wäre auch ohne Besorgnis erregend. Bei der jüdischen Gemeinde in Frankfurt an der Oder wurde am Freitag Abend eingebrochen. Zudem wurde dabei u.a. ein Computer aus dem Raum des Vorsitzenden Wladimir Lewytzky entwendet, der die Mitgliedslisten der Gemeinde enthält (insgesamt 217!). Geld und weitere Dokumente runden das geklaute Paket ab. Davor sind bereits mehrere Drohbriefe an die Gemeinde gegangen. Der letzte war erst am Donnerstag letzter Woche eingetroffen und enthielt neben dem Hakenkreuz offenbar explizite Drohungen an “Juden”.
Wie gesagt, das wäre alles schon schlimm genug und hätte eine weitergehende Ermittlungsaktion bedurft. Richtig schlimm wird es aber, wenn man sich die Reaktion der Polizei anschaut, die am Samstag angerufen den Einbruch zwar aufgenommen hatte, “dabei aber nicht von einem politischen Hintergrund ausgegangen [war]“!
“Dies war für uns verwunderlich, da wir den Beamten auch einen anonymen Brief gezeigt hatten, der sich am Donnerstag im Briefkasten befand”, so Lewytzky gegenüber der MOZ. Auf dem Flugblatt werden unter einem Hakenkreuz-Symbol üble Drohungen gegenüber Juden ausgesprochen. Laut Lewytzky waren seit Jahresbeginn bereits drei ähnliche Flugblätter eingegangen, in einem Fall - bei dem gleichzeitig eine Sitzbank vor dem Gemeindehaus zerstört worden war - hatte man bereits Anzeige gestellt.
Offenbar erst als Medien und in Folge Politiker eingeschaltet wurden (hier: Oberbürgermeister Martin Patzelt), hat sich die Polizei wieder ein wenig bewegt und untersucht nun mehr in “alle Richtungen”. Wie als Rechtfertigung:
Ein Sprecher bestätigte, dass man zunächst nicht von einem politischen Hintergrund der Tat ausgegangen sei, “weil es keine Beschmierungen” gegeben habe. Ähnliche Flugblätter sollen auch bundesweit verteilt worden sein.
Also, nur weil etwas in einer größeren Dimension erfolgt (wie etwa die Flugblätteraktion), muss man sich nicht dafür interessieren.. Warum die Polizei nicht sofort bei Vorliegen dieser Flugblätter1 und dem Einbruch auf einen rechtsextremistischen Hintergrund schließt (oder diesen zumindest vermutet), ist schon fraglich. Glaubt sie, dass unabhängige Tierschützer in das jüdische Gemeindehaus eingebrochen sind? Gefährlich finde ich zudem die Entwendung des Computers mitsamt der Mitgliederliste und womöglich der genauen Adressen der Mitglieder. Ob die Polizei das ebenso sieht oder sich überhaupt für so etwas sensibilisieren lässt?!
- vor allem bei zeitlicher Nähe der beiden Ereignisse[↩]
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Comments
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By Ecki, 14. Juli 2008 @ 22:01
Es gibt ja schon auch militante Tierschützer (Tierrechtler nennen sie sich selbst), die nicht nur was den Schutz der Tiere angeht ziemlich radikal sind. Auch in diesem Umfeld hat sich längst rechtsradikales Denken breit gemacht.
Ich will aber nicht die Polizei in Schutz nehmen, denn deren Verhalten war meiner Meinung nach schlampig und faul. Ob das aber absichtlich so gewesen ist, also die Beamten auf dem rechten Auge blind sind, darüber kann man nur mutmaßen.
By Omar, 14. Juli 2008 @ 22:07
@Ecki: stimmt schon. Ich fands nur komisch.. Diese Aussage würde ich aber nicht unterstützen (die ich hinterher gefunden habe):
Natürlich könnte ein Einbruch bei einer jüdischen Gemeinde auch zufällig sein, aber nicht, wenn dem explizite Drohungen vorangingen..
By Ecki, 14. Juli 2008 @ 23:07
Da gebe ich dir Recht, ein einfacher Einbruch in eine jüdische Einrichtung muss noch lange nicht einen antisemitischen Hintergrund haben. Könnte er aber. Darum sind auf jeden Fall auch Ermittlungen “nach Rechts” erforderlich, finde ich.
Ob die Daten der 217 Mitglieder wohl verschlüsselt waren?
By Omar, 14. Juli 2008 @ 23:21
wohl kaum.. es sei denn sie hatten einen guten “dv-berater”..