Lutz Taubert: Was Kreuz und Kopftuch unterscheidet
Lutz Taubert schreibt im bayerischen Sonntagsblatt über den Unterschied zwischen Kreuz und Kopftuch. Aufhänger ist der Landesparteitagsbeschluss der Grünen in Bayern, alle religiösen Symbole aus den Schulen zu bannen. Die Grünen hätten in einem zweiten Schritt die Kruzifixe über den Klassenzimmertüren wieder ausgenommen.
Herr Tauber plädiert für die strikte Unterscheidung zwischen religiösen Symbolen: Die Gleichbehandlung der Religionen (die nach Meinung von Herrn Tauber “in Ordnung” sei) bedeutet noch nicht die Gleichbehandlung ihrer Symbole.
Vor allem dann nicht, wenn sie eine verschiedene Wertigkeit in der Wahrnehmung und Interpretation durch die Bürger im sogenannten religionsneutralen Staat haben: Das Kreuz ist ein religiöses Symbol; wenn es überhaupt politisch gedeutet werden soll, steht es für Versöhnung, Gewaltlosigkeit. Das Kopftuch aber ist in erster Linie ein politisches Symbol. Und es steht - genau anders als das Kreuz - für Unterdrückung.
Interessant: Was die Allgemeinheit der Bürger nach Herrn Taubert denkt, soll ausschlaggebend dafür sein, ob etwas verboten wird? Heißt das auch, dass er dem Verbot des Davidsterns zustimmen würde, wenn die Bürger Deutschlands es wieder als Symbol der angestrebten Weltherrschaft der Juden ansehen würden? Herr Taubert nutzt das schlechte Bild des Islams hier, um eine politische Agenda - die Bindung der deutschen Politik an die Kirchen - zu erzielen.
Und woher nimmt er die Gewissheit, dass überhaupt diese Sichtweise bei den Bürgern besteht? Wurde eine Abstimmung durchgeführt? Würde Herr Taubert auch eine Abstimmung über das Kruzifix akzeptieren?
Herr Taubert wird dann konkret:
Alle Argumente der Kopftuchbefürworter, die zurecht von religiöser Toleranz sprechen, sehen nicht, dass das Kopftuch nur dort mehrheitlich getragen wird, wo Frauen dazu gezwungen sind. Sie tragen es letztlich als Symbol eines islamistischen Menschen- und Weltbildes.
Herr Taubert, Sie liegen total falsch! In Ägypten, Syrien, in den palästinensischen Regionen, in Kuwait, Irak, Indonesien usw. usf.. ist das Kopftuch nicht vorgeschrieben. Trotzdem wird es dort von Frauen mehrheitlich getragen. In der Türkei und in Tunesien ist es verboten oder zumindest wird die Tragende benachteiligt und trotzdem tragen es sehr viele Frauen. Auch in Deutschland, wo das Tragen eines Kopftuchs mit wesentlichen Nachteilen verbunden ist, wird es getragen. Genau genommen kann Herr Lutz Taubert seine These nur dann aufrecht erhalten, wenn er die muslimische Welt auf Saudi-Arabien, Iran und das nicht mehr existierende Taliban-Afghanistan beschränkt. Diese machen aber nur einen geringen Bruchteil der muslimischen Welt aus!
Diese Informationen sollten von einem stellvertretenden Chefredakteur erst einmal erkannt und bedacht werden, bevor er sich mit der generellen Diskriminierung einer Religionsgemeinschaft zugunsten seiner eigenen befasst.
Verkehrte Welt
Ein kurzer Kommentar zur Entscheidung der Grünen: Diese hatten erst alle religiösen Symbole verbieten wollen. Dies wurde von den beiden Kirchen mit der Aufforderung, den Parteitagsbeschluss zurückzunehmen.
Der Augsburger Bischof Walter Mixa bezeichnete Teile der Grünen am Samstag als „eine Gefahr für die religiöse Toleranz und den religiösen Frieden in unserem Land“. Deren Forderung nach einem Verbot aller religiösen Symbole in den Schulen des Freistaates sei ein „dreister Versuch, einen demonstrativen Atheismus als gesellschaftliche Norm und politisches Leitbild zu installieren“, beklagte Mixa in Augsburg. Der Passus im Wahlprogramm der Grünen kennzeichne einen „Kulturkampf, der gegen die Kirche, die christlich abendländische Tradition und die Überzeugung der überwiegenden Mehrheit der Menschen in Bayern gerichtet ist“.
Auf der einen Seite teile ich die Meinung des Bischofs hier, dass die Grünen durch das Verbot der Religionsbekundung die Betonung des Atheismus betreiben. Auf der anderen Seite besteht die “Gefahr für die religiöse Toleranz” vor allem darin, eine Religionsgemeinschaft zu diskriminieren. Mit dem Kopftuchverbot wird muslimischen Lehrerinnen praktisch Berufsverbot ausgesprochen. Das scheint weder für die Grünen, noch für die Kirchen ein Problem zu sein - im Kampf gegen den Islam.
Zudem ist fraglich, warum die Grünen ausdrücklich das “persönliche Bekenntnis” verbieten wollen, statt die eher indoktrinierende Art der Aufhängung eines Kruzifixes an die Wand verbieten zu wollen. Aber dann wiederum: gegen einen so mächtigen Kämpfer wie die Kirche können opportunistische Grüne nicht ankommen.
Unterschied
Im Übrigen - es gibt natürlich einen Unterschied zwischen Kopftuch und Kreuz: das Kopftuch ist ein Bekleidungsstück, während das Kreuz nur an einer Halskette zur Bekleidung wird. An der Wand angehängt gehört es zur Ausstattung und im Allgemeinen ist es ein Symbol, was das Kopftuch zunächst einmal nicht ist. Zudem ist das Kreuz ein direktes Symbol des Christentums - es hängt in und an den meisten Kirchen meist mehrfach und symbolisiert durch seine Größe sehr oft Dominanz.
Das Kopftuch auf der anderen Seite gehört für die Muslima genauso wie die Bluse zur religiösen Bekleidung dazu. Das einzige, was es ausmacht liegt darin begründet, dass die umliegende Gesellschaft dieses Bekleidungsstück nicht trägt. Aber würde die Bluse auch zu einem gefährlichen Symbol mutieren, wenn die Mehrheit der Bürger sich entscheiden würden, sie nicht mehr zu tragen?
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Comments
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» Bei so viel haarspaltender Logik werden … Nachtwächter-Blah — 23. Juni 2008 @ 02:09
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Kopftuch vs. Kreuz - Wahrnehmung und Interpretation durch die Bürger, Kopftuch, Kreuz, Bürger, Symbol, Unterschied, Taubert, Wahrnehmung - Migrantenkind — 25. Juni 2008 @ 16:55
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By Serdar Günes, 23. Juni 2008 @ 12:54
Wenn ein Laizist so ein Verbot fordert, ist das auch plausibel. Entweder alles oder gar nichts. Aber das von religiösen bzw. konservativen Leuten auch noch so ein Verbot gefordert wird, um ihre eigenen Symbole davon auszunehmen, erscheit mir recht heuchlerisch.
Und überhautp, wer hat denn das Recht eine Wertung vorzunehmen, was ein Symbol bedeutet? Warum soll die Selbsteinschätzung eines Katholiken bezüglich des Kreuzes eine Rolle spielen, während die Selbstwahrnehmung des Muslime sekundär sein soll?
Und wissen einige Christen nicht, das so ein wertender Staat morgen die Wertung ändern kann und das Kreuz negativ konnotiert? Dann ist es aus mit der Hegemonie. Der Staat hat sich erstmal in die Wertung von Kleidungsstücken und Symbolen gar nicht einzumischen. So einfach.
By annett, 23. Juni 2008 @ 23:51
… erstaunlich auch, mit welcher ignoranz über die kopftuch-studie der friedrich-ebert-stiftung hinweggegangen wird. darin steht, wie langweilig, dass die meisten frauen ihr tuch freiwillig tragen und nicht “unterdrückt” sind. (und dazu auch noch ziemlich klare und selbstbewusste vorstellungen von ihrem leben und ihrem beruf haben)schade, dass das immer noch nicht angekommen ist….