Dr. Nicolaus Fest ist nicht sattelfest
Wieder mal etwas zum Lachen: Das Bundesinnenministerium hat heute zu einer ihrer vielen “Fachkonferenzen” mit dem Titel “Medien in Deutschland: Integrationshemmnis oder Chance?” eingeladen. An der Veranstaltung kann man viel kritisieren, vielleicht dazu später.
Wichtig ist derzeit, dass in der Konferenz eine Podiumsdiskussion zum Thema “Sensationslust und Meinungsmache? Die Rolle und Verantwortung der Medien im Integrationsprozess” geplant war, an der erstaunlicher weise Dr. Nicolaus Fest, Redakteur und Kolumnist der BILD-Zeitung teilnehmen sollte. Wer ihn da vorgesehen hat, muss entweder total behämmert oder aber sehr rafiniert sein. Mit am Tisch sollte u.A. Bildblog-Betreiber Christoph Schultheis sitzen.
Vor zwei Tagen hat dann Dr. Fest seine Teilnahme an der Konferenz öffentlich abgesagt, indem er den Versuch einer Abrechnung mit dem Innenministerium auf der eigenen Veröffentlichungsplattform schrieb. Wer nun erwartet, dass er sich - in einem Anflug von spontaner Ehrlichkeit - aus purer Scham vor seinem eigenen Medienumgang abmeldet, der hat sich leider vertan: Herr Fest kritisiert die Konferenz, da sie die “grundsätzlichen Aufgaben der Medien” aus den Augen verliere.
Der Titel der Konferenz, der tatsächlich durchaus als (berechtigte) Anklage an die “Medien in Deutschland” verstanden werden kann, offenbart dem Herrn Fest, dass das BMI die Medien nicht an deren “Kernaufgaben” messe.1
Offensichtlich misst das BMI Medien nicht an deren Kernaufgaben, nämlich der Benennung politischer und gesellschaftlicher Defizite, sondern an irgendwelchen Integrationsbeiträgen. Die Arbeit der Presse, laut Bundesverfassungsgericht „schlechthin konstituierend“ für die freiheitliche Demokratie, wird auf den Zweck völkischer Harmonielehre reduziert. Untergründig schwingt die Frage mit, ob die Integration der Muslime in Deutschland ohne die Berichterstattung der Medien nicht schon viel weiter wäre.
Auch den Titel der Veranstaltung, die er vormals zugesagt hatte, bemängelt er. Schlimmer noch finde ich die Frechheit, mit der Dr. Nicolaus Fest - Mitarbeiter bei der BILD-Zeitung!! !! !! - das Unschuldslamm mimen:
Sensationslust und Meinungsmache – das ist nach Ansicht des BMI offensichtlich die Quintessenz der Berichterstattung deutscher Medien. Auf welche Vorfälle das BMI damit anspielt, was Grundlage dieser summarischen Vorverurteilung ist, lässt sich nicht mal vermuten.
Ich kann’s Ihnen verraten Herr Fest: Lesen Sie einfach ab und an mal in der BILD-Zeitung und sie finden genügend Sensationslust und Meinungsmache. Damit nicht genug: Sie finden in der BILD-Zeitung haufenweise unseriöse Berichterstattung und Fehler in Form von Vermischung von redaktionellem und werbendem Inhalt. Dass die BILD-Zeitung in diesen Disziplinen führend ist, bedeutet natürlich noch lange nicht, dass sie damit allein sind.
Nicht verwunderlich aber ebenso frech erscheint mir auch, dass Herr Fest die Egozentrik besitzt, die zugesagte Veranstaltung so kurzfristig abzusagen, obwohl ihm ja von vornherein der Titel mitgeteilt worden sein dürfte. Ähnlich sieht es Canan Topçu von der FR, die zu den Eingeladenen gehörte:
Fest muss gewusst haben, welcher Art von Veranstaltung er zusagt. Insofern erstaunt es, dass er es sich zwei Tage vorher anders überlegt. Verwunderlich auch, dass ausgerechnet ein Journalist der Bildzeitung, die nicht nur für ihre polarisierende Schlagzeilen bekannt ist, sich am Titel der Veranstaltung stört.
Viel treffender formuliert indes die Netzzeitung im Altpapier:
Auf ‘Bild.de’ steht dagegen ein Kommentar von «Bild»-Chefredaktionsmitglied Dr. Nicolaus Fest, den man sich so nie in der «Bild» vorstellen wollte. Sind so lange Sätze:
[...]
Krassomat. Worum es geht, wenn «Bild» plötzlich Sätze mit drei Kommata schreibt, die nicht aus Aufzählungen resultieren? Die ‘FR’ kennt die Antwort.
[...]
Neu an der Absage ist nun nicht, dass ausgerechnet «Bild» anderen das unterstellt, worauf ihr Geschäftsmodell sich gründet: tendenziös zu sein. Im Dooftun war das Boulevard-Blatt seit je unübertroffen.
Aber dass es so eines wortreichen Gelabers bedarf, unter uns Freudianern: einer solchen Verdrängungsleistung, um die eigene Feigheit dürftig zu bemänteln, muss schon überraschen. Ein «Bild»-Chefredaktionsmitglied, das nicht den, Verzeihung, Arsch in der Hose hat, sich öffentlich über seine Tätigkeit zu äußern. Hat man so was schon gesehen.
Dementsprechend ist der Artikel vom Bildblog zu begrüßen, der klar macht:
Ganz unter uns, Herr Fest: Muss ich befürchten, dass wir und Sie (wie ein ums andere Mal in der Vergangenheit) uns auch in Zukunft bei Diskussionsveranstaltungen nicht begegnen? Bislang waren’s ja Sie und Ihre “Bild”-Kollegen, denen meist plötzlich irgendwas dazwischen kam. Doch diejenigen Veranstaltungen zum Thema Ausländer, bei denen Ihnen, wie es scheint, der Titel besser gefallen dürfte, sind nicht unser Ding.
- auf bild.de verweise ich aus Prinzip nicht[↩]
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