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Verdächtigungen, Angst und Nachrichtenwert

Donnerstag, 24. April 2008, 23:47

Ich hatte schon vermutet, dass etwas im Gange war, als das Niedersächsische Innenministerium den Verfassungsschutzbericht 2007 veröffentlichte und der werte Herr Schünemann in seiner gewohnten “wir müssen etwas tun”-Manier die Balance zwischen Angst machen und Zuversichtig erscheinen übte. Zunächst hatte er denn den “Cyber-Jihadismus” heraufbeschworen:

Als weiterhin großes Problem bezeichnete Schünemann die globale Vernetzung und den anonymen Informationsaustausch der Jihadisten über das Internet. Das Internet übernehme weiterhin die Funktion der virtuellen militärischen Ausbildungslager. Als prägnantes Beispiel für “Cyber-Jihadismus” in Niedersachsen nannte der Innenminister die Internet-Aktivitäten eines irakischen Staatsangehörigen aus Georgsmarienhütte, gegen den ein Strafverfahren vor dem OLG Celle anhängig sei. Durch die Verbreitung zahlreicher.

Interessant hieran scheint mir, dass es offenbar keinen anderen “prägnanten” Fall als den des Irakers aus Georgsmarienhütte gibt, denn dieses Beispiel hat Schünemann bereits vor zwei Jahren benutzt:

Die Festnahme eines mutmaßlichen El-Kaida-Unterstützers aus Georgsmarienhütte, der per Internet Terror-Botschaften verbreitet haben soll, wird aus Sicht Schünemanns nicht der einzige Fall von so genanntem Cyber-Dschihadismus bleiben. “Ich gehe fest davon aus, dass wir noch viel mehr an die Oberfläche bringen”, sagte der Innenminister am Freitag in Hannover.

Salafistisches Netzwerk

Dann der Knaller, der die Razzien des vergangenen Tages angekündigt hatten:

So habe über persönliche Bekanntschaften eine Anbindung der aufgedeckten Terrorzelle an ein im Raum Braunschweig/Wolfsburg agierendes salafistisches Netzwerk bestanden. In engem Kontakt mit islamischen Kernländern habe sich in Deutschland eine fundamentalistische Lehr- und Bildungsinfrastruktur mit salafistischer Ausrichtung herausgebildet.

Dass nach diesen Meldungen und den Razzien die Dauerwellen eines jeden möchtegern “toller Journalist” höchstehen, versteht sich von selbst. Dass dabei Ignoranz mitschwingt und Kompetenz nicht erwünscht ist, beweist Michael Isenberg von den Stuttgarter Nachrichten in einem Artikel über einen der neun Durchsuchten1.

Jörn K. (a.k.a. Mohammad Islam) soll der erste deutsche Imam in Deutschland sein. Er ist laut der “Stuttgarter Nachrichten” gegen die zwanghafte Konvertierung von Menschen (duh!), er gehört angeblich zum mutmaßlichen Islamisten-Netzwerk, er hat aber bislang (oder zumindest in dem einen Video) seine “eigenen Motive und Ziele” nicht offengelegt, wie der scharfsinnige Herr Isenhagen bemerkt.

Wer sich das Video anschaut, wird bemerken, dass darin lediglich der Anfang einer - möchte man der Anzahl der Redner nach urteilen langen - Rede zu sehen ist. Darin führt Herr K. z.B. aus, dass es Muslime gibt, die nicht (soo) gläubig sind, dass das ein Problem wäre, da Nichtmuslime von ihnen ein falsches Bild des Islams bekämen - ein Bild, das aufgrund der Medien soundso schlecht wäre - wir wissen ja alle warum.. -, dass die Zufriedenheit, die man sich als Mensch durch weltliche (oder sagen wir eher konsummarische) Inhalte zu verwirklichen versucht nicht wirklich zufrieden machen usw. usf.. Alles für Sicherheitsbehörden recht unergiebiges Geblubber halt.

Verdächtig

So weit, so gut. Dann nimmt der Artikel auf der Grundlage des bislang gesagten eine unerwartete Wendung:

Laut Staatsanwaltschaft war vor der Razzia “keine Gefahr im Verzug”. Sie dürfte eher ein zielgerichteter Warnschuss gewesen sein. Dabei scheint Jörn K. wohl hinreichend verdächtig. Neben seinen Aktivitäten in Sindelfingen soll er nach Informationen dieser Zeitung auch in der Khalid-bin-Walied-Moschee in Stuttgart-Bad Cannstatt als Glaubenslehrer aktiv gewesen sein.

Wie bitte?? Aus welchem Grund soll denn Jörn K. “hinreichend verdächtig” sein? Hinreichend für wen überhaupt? Ist nicht ein “hinreichender Verdacht” Grund genug, jemanden festzunehmen, statt den Verein, in dem er arbeitet zu durchsuchen? Ist Herr K. “hinreichend verdächtig”, da er in einem Video an der Seite von Hassan Dabbagh zu sehen ist? Vielleicht ist die Ausführung erklärend:

Die Mehrzahl der Gläubigen ist friedfertig und harmlos.

Ohoh! Dieser Satz kündigt schon schlimme Worte an.. Es ist wie das “Er hat sich stets Mühe gegeben.” in einem Arbeitszeugnis.. Das “Aber” auf dem Gesicht Herrn Isenburgs kann ich förmlich sehen..

Dennoch gilt die Moschee bei den Behörden seit Jahren als Brennpunkt islamistischer Tendenzen in Stuttgart.

Warum denn? Wenn die Mehrzahl friedfertig ist? Welche Behörden haben wann etwas zu und über diese Gemeinde gesagt? Welche Gründe bewogen sie dazu, hierin einen “Brennpunkt” zu sehen?

Generell wird befürchtet, dass bei sogenannten Islam-Seminaren junge Muslime und Konvertiten über einen strengen Glauben letztlich für den Dschihad gewonnen werden könnten. Ein deutscher Imam wäre für diese Aufgabe wohl wie geschaffen.

Ein deutscher Imam, der ausdrücklich sagt, dass das gewalttätige Bild des Islams gerade falsch sei? Auch wenn ich mir sehr gut eine solche Person vorstellen kann, die auf der einen Seite das gewalttätige Bild seines selbst beklagt, selbst aber tatsächlich zu Gewalt neigt2, scheint es mir, dass hier ohne Wissen ein Verdachtsmoment aufgebaut wird.

Nebenbei: Dass das Lob von Hassan Dabbagh bei strenggläubigen Muslimen Gewicht hätte, kann ich nicht bestätigen - und ich denke, ich wäre nicht der Einzige, wenn es überhaupt etwas bringen würde, eine solch unsinnige Aussage zu kommentieren..

Was bleibt also von dieser Nachricht übrig, wenn man das Fett drumrum abgesaugt hat? Tatsächlich besteht das Gerüst aus dem Titel des Artikels: “Über seine Ziele verrät der deutsche Imam wenig”! Der Autor hatte gehofft, durch Betrachten des auf Youtube erhältlichen Videos einen nachrichtenwerten Artikel schreiben zu können. Dies ist leider mißglückt.


  1. Eigentlich stimmt diese Aussage nicht, aber Herr Isenberg macht es so erscheinen. Tatsächlich wurden nur die Räume eines von ihm frequentierten Vereins durchsucht, dem Sunnah-Vereins in Sindelfingen. []
  2. und ja, genügend Muslime, die das tun gibt es durchaus. Schaut man allerdings auf die Frieden predigenden Pappnasen in Deutschland, dann relativiert sich das Bild schnell []
3 Kommentare

Pingback von » »Über seine Ziele verrät der Imam wen … Nachtwächter-Blah

Made Freitag, 25 of April , 2008 at 02:07

[...] »Über seine Ziele verrät der Imam wenig – ein klarer Fall von Terrorist!   [...]

Kommentar von Engin Karahan

Made Mittwoch, 30 of April , 2008 at 12:44

Ich denke, das vorgehen kann als exemplarisch bezeichnet werden. Analysiert man die Verfassungsschutzpublikationen und Äußerungen manch eines Sicherheitspolitikers, stellt man sich schon die Frage, warum er sich überhaupt noch die Mühe macht begrifflich zwischen Islamismus und Islam zu machen. Inhaltlich wird das nämlich nicht mehr gemacht.

Kommentar von Serdar Günes

Made Freitag, 2 of Mai , 2008 at 02:04

Mich wundert es immer, das dem Geschreibsel des VS soviel Wert beigemessen wird in der Gesellschaft. Was macht denn es den so wertvoll, das Journalisten und die Medien daraus zitieren?

Die Quelle des VS sind meistens Zeitungen oder generell die Medien. Der VS schreibt von den Zeitungen ab und die Zeitungen vom VS. Und wahrscheinlich würde es auch keine große rechte Szene geben, wenn es denn VS nicht gegeben hätte. Die ganzen Skandale mit V-Männern sind ja zahlreich.

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