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Die Selbstfesselung - oder: Die Mischung machts!

Mittwoch, 16. April 2008, 23:18

Paul-Hermann Gruner - Künstler und gelernter Politikwissenschaftler - bemängelt im Deutschland Radio Feuilleton die politische Korrektheit1, die in der deutschen Politik grassieren soll. Dabei vermischt er Äpfel mit Fleischklössen (c) und glaubt am Ende noch, einen moralischen Standpunkt zu verteidigen.

So prangert er einmal das kleinliche und teils penetrante Hinzufügen eines weiblichen “In” nach jedem als ansonsten die Frauen dieser Welt diskriminierenden Wort. Was dem Autor der Streitschrift “Frauen und Kinder zuerst. Denkblockade Feminismus.” daran problematisch erscheint und warum er jemand anderem vorschreiben möchte, wie er Körperöffnungen2 zu nennen hat, das erklärt er nicht.

Also ein weiteres Beispiel: Gruner scheint zu glauben, dass man als Europäer an der Kritik an China gehindert werde! Grund sei - das scheint außer Frage zu stehen - die politische Korrektheit! Dass nicht nur seit dem letzten Ausbruch der Gewalt in Tibet die Kritik und die Vorwürfe - teils unwissend - ohne Ende geäußert werden und diese nicht nur am Stammtisch, auf der Straße oder am Arbeitsplatz Platz finden, sondern auch in allen gängigen Medien, das alles lenkt ihn nicht vom Gefühl ab, dass es für den Europäer “wenig Raum für klare Haltungen” bzgl. der “Tibet-Politik” Chinas gebe.

Im Klartext: Das wehrlose Land wurde im Oktober 1950 militärisch vom kommunistisch gewordenen China überrannt und besetzt und ist seitdem okkupiert. Punkt. Nein das darf man so nicht sagen, man könnte ja sonst 25 Kilometer weniger Transrapid an Peking verkaufen.

Ich weiß ja nicht, wer dem armen Herrn Gruner diese Aussage verboten haben soll3, aber diese Aussage habe ich in der letzten Woche bereits mehrfach in ähnlichen Formulierungen gehört - jaund? Was Herr Gruner meines Erachtens verkennt, ist die Schwierigkeit einer “klaren Haltung” vor allem aufgrund der Relativität der Haltungen gegenüber anderen Verbrechen, die auf der Erde passieren.

Wie steht Herr Gruner beispielsweise zur Besetzung palästinensischer Gebiete, der Vertreibung der wehrlosen Bevölkerung aus dem heutigen Israel und der Bombardierung Libanons letztes Jahr durch Israel und den damaligen israelischen Terrorgruppen? Hat er dafür auch so klare Worte gefunden, wie er sie gerne öfter über China hören möchte? Oder greift hier eine politische Korrektheit bei ihm?

Dass der Eine politisch motiviert die Menschenrechtssituation in China (oder Tibet) hervorhebt und zum Boykott aufruft und der Andere gerne die Vergehen der US-amerikanischen, israelischen, ägyptischen oder sudanesischen Regierung anprangert, hat also weniger mit der Tragweite oder der Relevanz dieser Vergehen zu tun, als vielmehr mit einer subjektiven Sicht zu tun, die jeder nun mal hat. Falsch ist aber auf jeden Fall, dass irgendeine sprachliche oder politische Barriere die Kritik verbieten würde.

Auch an Kritik am russischen Quasi-Despoten Putin oder am neuerlich gewählten BesatzerBesitzer Italiens Berlusconi mangelt es nicht. Der politische Alltag sieht dann - aus den unterschiedlichsten Gründen - so aus, dass Hände geschüttelt, Küsse, Grüße, Lob und Hymnen ausgetauscht werden. Das ist für den Beobachter frustrierend (ja, auch im Falle Chinas, aber auch in allen anderen Fällen, nicht zuletzt im teilweise herzlichen Umgang mit dem derzeitigen US-Präsidenten George W. Bush), aber daran die “politische Korrektheit” schuld zu machen, ist einfach nur albern!

Herr Gruner spricht nicht nur von der Sprach-, sondern auch von der Denk- und Handlungspolizei. Diese arbeite inzwischen “mit Einschüchterung statt mit Vernunft”. Dies drücke sich in der Art aus, wie mit Ralph Giordano umgegangen sei, als er “Ablehnendes” über den Moscheebau in Köln äußert. Dass er sich dafür in verschiedenen Interviews rechtfertigen musste, ist dem Herrn Gruner nicht genehm.

Komisch eigentlich! Allein die Tatsache, dass Herr Giordano nicht nur diverse Mikrofone vor den Mund bekam und eine Podiumsdiskussion nach der anderen besuchen durfte, um seiner Meinung Luft zu machen, müsste den Gedanken einer angeblichen Denkpolizei erodieren. Ralph Giordano selbst hatte ja wieder und wieder wiederholt, er müsse seine Meinung auch mal sagen dürfen - auch wenn ihm diese keine verbieten wollte. Diese Hymne stimmt nun auch Herr Gruner an.

Nochmal zum Mitschreiben: Die Meinung und die Stimme des Herrn Giordano wurde im Streitfall des Moscheebaus in Köln breiter getragen und veröffentlicht als jede andere Meinung. Wie kann man dann behaupten, es gäbe eine Denkpolizei? Herr Giordano war und ist nicht fähig, seine uninformierte Meinung sachlich zu verteidigen, weshalb er sehr wohl weit weniger Beachtung erfahren sollte, aber beschweren dürfte er sich meines Erachtens nicht!

Weiter muss angemerkt werden, dass die meiste Kritik an Herrn Giordano wegen seiner abfälligen Äußerung über das Aussehen von muslimischen Frauen gerichtet war. Wer Menschen mit Tierbildern vergleicht, der hat Kritik zu erwarten! Das ist unterstes Niveau und verdient, dass man ihm das Wort entreißt und ihn trotz seines fortgeschrittenen Alters zurechtweist.

Ein typischer Fall [Giordano], denn das Thema des islamischen Glaubensauftritts in Deutschland ist ebenso interessant und diskursreif wie das Thema Jugendkriminalität und Migration, das gerade dann angemessen zu thematisieren ist, wenn man Integration leben will. Ohne Diagnose keine Therapie.

Falsch Herr Gruner. Das Thema “Islam in Deutschland” ist - wie man täglich präsentiert bekommt - aufgrund der oft fehlenden Informationen eben nicht diskursreif. Es wird trotzdem darüber gestritten und das versucht auch keiner zu verhindern. Die rote Karte darf allerdings gezogen werden, wenn beispielsweise ein Landesministerpräsident vor den Landtagswahlen diskriminiert und hetzt. Das hat nur wenig mit Sprachpolizei und vielmehr mit einer sachlichen Analyse und der Einsicht zu tun, dass Hetze gegen jedwede Bevölkerungsgruppe dem Zusammenleben schadet. Ohne Hirn und einem Grundschatz an Informationen über den Sachverhalt keine Diagnose! Oder glaubt Herr Gruner womöglich noch, dass Roland Koch ausspricht, “was ist”?

Genauso verhält es sich mit dem Beispiel Geert Wilders: Der Film von Herrn Wilders zeichnet kein “schneidig-sarkastisches Bild vom Islam”. Es entstellt den Islam und die Muslime. Es verteufelt und hetzt gegen Muslime, da es die Untaten einiger weniger Muslime als “großen Plan” der Gemeinheit der Muslime darstellt und unterstellt, der Islam würde seine Anhänger zu Brunnenvergiftern machen. Wer der Aussage von Herrn Wilders und anderen “Islamkritikern” glaubt, dass nämlich der beste Muslim ein Bin-Laden-Anhänger sei, der muss und wird zum Schluss kommen, diese offensichtlich gefährliche Gruppe eliminieren müssen.

Ich darf an die Kritik am muslimischen Prediger (Yakup Tasci) aus Berlin erinnern, der ausgewiesen wurde, weil er angeblich Deutsche für dreckig hielt und das in seinen Predigten geäußert haben soll. Ginge man nach der Logik der Nichttabuisierung des “politisch Inkorrekten”, dann müsste der Herr Prediger noch heute den Muslimen in seiner Gemeinde von den Nichtgewaschenen Deutschen erzählen. Aber es geht eben nicht nur um die freie Meinungsäußerung, sondern auch darum, dass man seine Meinung stichhaltig hinterfüttern können muss und nicht gegen Menschengruppen hetzen sollte.

Die Kritik an der “politischen Korrektheit” ist eine Farce. Jeder tabuisiert und enttabuisiert nach Belieben. Weiterhin darf in Deutschland theoretisch alles gesagt werden - wenn man das Rückgrat (und hoffentlich das nötige Wissen) dafür aufbringen kann. Das berechtigt allerdings keinen dazu zu hetzen und zu verunglimpfen. Merkwürdiger weise sind diejenigen am lautesten zu hören, die behaupten, man würde ihnen nicht erlauben zu sprechen. Und die anderen? Die hört man eben nicht.


  1. man ist heute niemand, wenn man nicht zumindest einmal gegen die ach-so-schreckliche politische Korrektheit gewettert hat []
  2. das werde ich hier nicht zitieren []
  3. offensichtlich nicht sehr erfolgreich, denn er äußert sie ja im Deutschland Radio! []
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