Entenpfanne Islamisierung
Montag, 7. April 2008, 21:20
Schon wieder eine dieser Meldungen, die als halbgare Ente bei einem Boulevardblatt anfängt, die Runde durch die Blogosphäre macht, um dann als “exklusiver Bericht” sowohl bei den aktensammelnden Islamisierungsspürnasen als auch bei den praktisch Irren von nebenan1 zu landen und schließlich dem copy-and-paste Meister als weiterer Fall eines dramatischen Kniefalls vor der Achse des Bösen (==Islam) zu dienen. Diesmal hat sich sogar relativ schnell herausgestellt, dass es eine Ente war. Auf eine Korrektur ihrer Fehler würde ich nicht wetten wollen.. Hier also der Bericht, wie er von vielen islamophoben Bloggern mehrfach kopiert2 wurde:
Die Ente
Get off my bus, I need to pray
A MUSLIM bus driver3 told stunned passengers to get off so he could PRAY.
The white Islamic convert rolled out his prayer mat in the aisle and knelt on the floor facing Mecca.
Passengers watched in amazement as he held out his palms towards the sky, bowed his head and began to chant.
[...]
“Eventually everyone started complaining. One woman said, ‘What the hell are you doing? I’m going to be late for work’.”After a few minutes the driver calmly got up, opened the doors and asked everyone back on board.
[...]
But they saw a rucksack lying on the floor of the red single-decker and feared he might be a fanatic. So they all refused.The passenger added: “One chap said, ‘I’m not getting on there now’.
Die Bratpfanne
Eine Internetseite machte hieraus folgendes:
Der Mann ist Moslem. Und er fährt einen der weltweit bekannten roten Doppeldecker. Zur Gebetszeit im morgendlichen Berufsverkehr hat er den Bus angehalten und alle Passagiere aussteigen lassen. Dann entrollte er seinen Gebetsteppich und betete zu Allah. Die Fahrgäste staunten ungläubig und dachten an einen Streich mit einer versteckten Kamera - doch es war kein Scherz.
Interessant ist folgendes: Ein Schlüsselelement in diesem Bericht läuft zumindest dem verlinkten Bericht aus der SUN (auf den sich der gesamte Bericht stützt) zuwider: In der Sun hieß es noch, dass sich das ganze um 13:30 ereigneten4. Hier wird dramatisierend der Morgenverkehr mit den zur Arbeit fahrenden Gästen eingesetzt, um ein höhere Dringlichkeit zu erreichen - ansonsten wäre das Drama um eine 10-minütige Verspätung im Alltag nicht wirklich so dramatisch..
Die Soße
Trotzdem - das Hauptargument hier ist, dass ein Angestellter während der Arbeitszeit die Kundschaft links liegen lässt5, um sein Gebet zu verrichten. Das wäre schlimm - vor allem für den Arbeitgeber - wenn es denn stimmen würde..
Einer der Fahrgäste filmte den betenden Busfahrer am Strassenrand mit seinem Mobiltelefon, sonst hätten ihm die Geschichte wohl auch die Medien nicht geglaubt. Dürfen Busfahrer während der Arbeitszeit zu Allah beten - und Menschen zu spät zur Arbeit kommen lassen…?
Das aufgenommene Video zeigt nur den Busfahrer beim Beten, nicht aber den durch die SUN propagierten Rausschmiss der Fahrgäste. Auch wird nicht das Wieder-hineinbitten der Gäste gezeigt. Fand diese Rahmenhandlung überhaupt statt?
Der Abwasch-Service
Gestern meldet der Arbeitgeber des Busfahrers London United Busways zur Beruhigung aller, dass der Busfahrer lediglich während seiner zehnminütigen Pause gebetet habe.
Bosses have analysed evidence, including CCTV footage, and say the driver was actually on his 10-minute break when the incident took place at around 1.30pm on Thursday.
Außerdem soll dem Busfahrer von der Zentrale mitgeteilt worden sein, er solle bitte die Fahrgäste herauslassen, da sie den nächsten Bus nehmen sollten. Weitere Details lassen sich in diesem Bericht nachlesen. Leider ist aber selbst dieser Artikel mit der Überschrift “Bosses defend Muslim who stopped the 81 bus to pray” versehen, was - wie der Artikel selbst zeigt - überhaupt nicht notwendig war, denn der Busfahrer hat mitnichten den Bus eigenwillig angehalten, sondern ihm wurde es von oben beordert. Er hat lediglich die Pause für das Gebet genutzt!
Aber dementsprechend “korrigiert” die hier angesprochene Webseite ihren Artikel:
Die Passagiere glaubten an einen Streich mit verstärkter Kamera - doch die Arbeitgeber des Mannes gaben ihm nun Recht. Der muslimische Busfahrer habe schließlich seine Pausenzeit für das islamische Gebet genutzt. Und damit sei die Angelegenheit in Ordnung. Als Moslem müsse er ja zu bestimmten Zeiten zu Allah beten
Der Soßenfleck auf dem Hemd
Auf die Geschichte bin ich durch einen Verweis von der Netzzeitung gestoßen. Darin diskutiert Tilman Steffen den kürzlich vom Verwaltungsgericht (Berlin?) entschiedenen Fall, in dem eine Schule einem Schüler das Beten während der Pausen verbieten wollte. Im Artikel ist mein eigener Kommentar neben anderen Blogartikeln verlinkt, so kam ich darauf.
In die Einleitung schreibt Herr Steffen:
Zu beobachten war es in London: Eigentlich sollte der Bus längst unterwegs sein, doch der Fahrer rollt vor den Augen der Wartenden an der Haltestelle einen Teppich aus, richtet sich gen Mekka und betet. Gleichmütig warten die Passagiere, bis der Muslim endet, dann beginnt die Fahrt.
Natürlich kann argumentiert werden, dass diese Einführung im Artikel selbst nicht weiter behandelt wird und somit irrelevant ist. Allerdings glaube ich, dass man darauf bestehen sollte, dass solche beiläufig als Tatsachen dahingestellten Schilderungen, die den Artikel ganz klar färben, besser recherchiert werden sollten. Herr Steffen macht aber auch bei der Behandlung des Hauptsachverhalts teilweise keine bessere Figur - vorallem im folgenden Absatz:
Das Gericht gab dem Schüler recht. Es betonte zwar, dass er seine Kontemplation auf Zeiten außerhalb des Unterrichts legen solle, damit sie sich störungsfrei in den Alltagsbetrieb einfüge. Daran, dass dies funktioniert, sind im Gegensatz zu dem Beispiel aus London Zweifel angebracht. Die Pausen sind zu kurz, Freistunden gibt es nur unregelmäßig. Die Schulverwaltung fürchtet nun, dass weitere Schüler auf ihre Pflicht zum Gebet verweisen könnten und es dem Kläger gleichtun. Lehrer und Schulleiter warten ab und hoffen, dass aus dem Einzelfall keine Bewegung wird.
Diese Analyse ist falsch. Das rituelle Gebet kann zwar, muss aber nicht länger als 10 Minuten dauern - meist wird es in kürzerer Zeit verrichtet. Außerdem fallen meist nur maximal zwei6 Gebete in die reguläre Schulzeit, sodass bei einer entsprechenden Tolerierung einer von außen als Körperübung aussehenden Handlung durch die Schulleitung keine Probleme entstehen sollten. Problematisch wird es erst, wenn man die private Handlung eines Schülers zur Gefahr für die Neutralität des Staates hochstilisiert!
Leider häufen sich diese Falschberichte nach und nach und es entsteht der Eindruck beim einfachen Verbraucher, Muslime versuchten sich und ihre Religion (recht erfolgreich sogar) anderen aufzudrücken. Das ist einfach nur falsch! Leider können die meisten solcher Berichte nicht ganz so schnell richtig gestellt werden.. und irgendwas bleibt immer hängen.
tip of the hat: Islamophobia Watch
- komischer weise machen sie meinen Recherchen zufolge just in diesem Fall eine Ausnahme.. [↩]
- kopiert = zur Wahrheit gemacht [↩]
- Arunas Raulynaitis [↩]
- alles andere wäre soundso murks, da das auf der besagten Internetseite erwähnte Morgengebet um diese Jahreszeit unmöglich in die Zeit des Arbeitsverkehrs fallen könnte [↩]
- oder gar rauswirft [↩]
- im Sommer nur eins [↩]
Category: Ausland, Islam, Politik, medien
Tags: Berichterstattung, copy-and-paste, Gebet, Groß-Britannien, Islam, Islamisierung, islamophobie, London, medien, Muslim, Religion
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Kommentar von Tugba
Made Donnerstag, 10 of April , 2008 at 13:55
Danke Omar,
super vereinbart mit dem Kochrezept. Ich ess aber selber vegetarisch.
Selbst meine Nachbarn, mit denen ich so oft zusammensitze, reagieren sofort komisch, wenn sie derart Nachrichten hören würden.
Die Angst vor dem Islam wird immer wieder aufgewärmt und warmgehalten. Verkauft sich wohl. Aber nur so lang die Leser Magenschmerzen noch nicht bekommen haben und sich vor Lügen noch nicht übergeben müssen.
Guten App.
I
