Rowan Williams und Scharia - Medienübertragung “unvermeidlich”
Vor etwa einem Monat hat der anglikanische Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, laut Medienmeldungengefordert, “die Scharia in bestimmten Fällen in Großbritannien anzuwenden”. Und genauso wie zu erwarten ist, dass sich so einige Muslime über Karikaturen aufregen würden, die vorgeben, den Propheten Muhammad (saws) darzustellen, war abzusehen, dass die Worte Rowan Williams Entrüstungswellen nach sich ziehen würden.1
Im ersten Artikel habe ich versucht, den Inhalt der Rede wiederzugeben. Der Erzbischof veröffentlicht seine Reden auf seiner eigenen Internetseite und ist recht offen im Umgang mit Medien. Er wurde noch am selben Tag nach der Rede von BBC Radio 4 zum Thema interviewt. Irgend etwas scheint trotzdem schief gelaufen zu sein, an der Art, wie die Medien die Meldung übertragen haben. In diesem Artikel soll es um den Transport des Inhalts der Rede des Erzbischofs gehen.
BBC 4 Interview
Auch den Inhalt des Interviews hat Rowan Williams auf seiner Seite veröffentlicht. Auf BBC kann das Interview angehört werden2. Außerdem hat BBC eine Zusammenfassung des Interviews veröffentlicht.
Bereits die erste Frage in diesem Interview ist irreführend:
… and you’re words are that the application of Sharia in certain circumstances if we want to achieve this cohesion and take seriously peoples’ religion seems unavoidable?
Der Journalist Christopher Landau unterstellt dem Erzbischof, er hätte behauptet, die Anwendung der “Scharia” (in bestimmten Fällen) wäre unvermeidlich. Diese Aussage findet sich aber in der Rede nicht wieder. Vielmehr sagte der Erzbischof zum Ende seines Vortrags folgendes:
It is uncomfortably true that this introduces into our thinking about law what some would see as a ‘market’ element, a competition for loyalty as Shachar admits. But if what we want socially is a pattern of relations in which a plurality of divers and overlapping affiliations work for a common good, and in which groups of serious and profound conviction are not systematically faced with the stark alternatives of cultural loyalty or state loyalty, it seems unavoidable.
Unangenehmer weise ist es wahr, dass [diese Gedanken] ein - wie manche sagen würden - Marktelement oder ein Wettbewerb der Loyalität in unser Verständnis von Recht (/Gesetz) einbringen. Aber, wenn wir gesellschaftlich ein Verhältnismuster haben wollen, in dem eine Vielzahl von überlappenden Zugehörigkeiten für das Gemeinwohl arbeiten und in dem ernsthaft und innig überzeugte Gruppen nicht systematisch vor die Wahl gestellt werden zwischen kultureller Loyalität und Staatsloyalität, scheint es unvermeidlich.
Nach Rowan Williams ist nicht die “Einführung der Scharia”3, sondern das neue Denken über ein “marktorientiertes Recht” unvermeidlich! Wir werden sehen, dass dieses kleine Detail sehr wichtig für die weitere Übertragung der Nachricht ist.
Der Erzbischof jedenfalls weicht der Frage ein wenig aus, in dem er korrekterweise darstellt, dass bereits in Teilen einzelnen Gruppen (vor allem religiösen ~) zusätzliche Rechte eingeräumt werden. Er ruft gleichzeitig zu mehr Besonnenheit bei der Diskussion um “Scharia” auf - eine Aufforderung die in der europäischen Medienlandschaft nicht vernommen wurde.
so I think we need to look at this with a clearer eye and not imagine either we know exactly what we mean by Sharia and not just associate it with what we read about Saudi Arabia or wherever.
Im Folgenden geht der Interviewer auf das Verständnis von Scharia ein und versucht - wie es scheint - dem Erzbischof die eher populärere Darstellung von “Scharia”4 aufzuerlegen - auch wenn dieser in seiner Rede und mehrmals im Interview feststellt, dass diese Darstellung fehlerhaft ist.
Zum Thema der Rede werden lediglich drei Punkte offenkundig:
- Er sieht es als zwingende Notwendigkeit an, dass Streitpartner zwanglos die Wahl haben, in welchem Gericht ihr Streit ausgetragen werden soll. Daneben sollten spezielle Bedingungen an die möglichen Gerichte gestellt werden, wie das Recht auf Anfechtung des Urteils oder irgendwelcher Rechte, die als Bürger genossen werden.
what would that mean for example a British Muslim woman suddenly given the choice to settle a dispute via a Sharia route as opposed to the existing British legal system?
ABC It’s very important hat you mention there the word ‘choice’; I think it would be quite wrong to say that we could ever licence so to speak a system of law for some community which gave people no right of appeal, no way of exercising the rights that are guaranteed to them as citizens in general, so that a woman in such circumstances would have to know that she was not signing away for good and all;
- Die Einheit des Gesetzes solle nach Rowan Williams nicht misverstanden werden, so dass die unterschiedlichen Identitäten der Einzelnen Bürger nicht berücksichtigt werden. Interessanter weise verweist er hier weniger auf Muslime als vielmehr auf einen Mediendisput um katholische Adoptionsagenturen vom letzten Jahr. Ich hoffe, ich komme in einem späteren Artikel dazu, diesen darzustellen.
- Zum wiederholten Mal bekräftigt der Erzbischof, dass weder Muslime noch andere Religionsgruppen ein Problem mit der Gesetzestreue haben. Seine Gedanken zum Thema “Recht und Religiosität” sollen nicht als Ausweg für gesetzverweigernde Menschen gesehen werden und schon lange nicht als Rückzug des britischen Rechtstaats.
I don’t think it’s the case that we have areas where the law of the land doesn’t run, that would be completely a misleading way of looking at it. I’ve noted in the lecture that we are dealing usually with very law-abiding communities, but we have a lot of social suspicion, a lot of distance, a lot of cultural – not just religious – distance between communities and we just need to go on looking at how that shared citizenship comes through.
Beim ersten Interview scheint vor allem die Erfindung der Aussage von der “Unvermeidbarkeit der Einführung der Scharia” der schlimmste Fehler zu sein. Die BBC titelt dementsprechend die Zusammenfassung des Interviews mit “Sharia law in UK is ‘unavoidable’”5! Wieder: das hat der Erzbischof nicht gesagt!
Unavoidable
Der Guardian hat das Interview aufgegriffen und folgendermaßen verarbeitet:
The Archbishop of Canterbury tonight prompted criticism from across the political spectrum after he backed the introduction of sharia law in Britain and argued that adopting some of its aspects seemed “unavoidable”.
Rowan Williams, the most senior figure in the Church of England, said that giving Islamic law official status in the UK would help achieve social cohesion because some Muslims did not relate to the British legal system.
Zwei Fehler sind hier enthalten: Die Einführung der Scharia und die Unvermeidbarkeit “einiger Aspekte” und dann die dreiste Behauptung, der Erzbischof hätte gesagt, dass einige Muslime sich nicht mit dem britischen Rechtssystem identifizieren könnten! Der Rest des Artikels befasst sich nur noch mit dem Hinterfragen der und der Distanzierung verschiedener Politiker von den fehlerhaft wiedergegebenen Aussagen.
Unvermeidlich
Eine Mischung aus beiden Fehlern findet sich hiernach in verschiedenen Medien wieder: das katholische Internetportal kreuz.net schreibt etwa:
Der anglikanische Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, erklärte vor dem ‘Britischen Rundfunk’, daß es „unvermeidlich“ sei, in Großbritannien Teile des islamischen Rechtes – Scharia – zuzulassen. Einige Bürger würden sich nicht mit dem britischen Recht identifizieren. Dieser Tatsache müsse Großbritannien ins Auge blicken. Um soziale Spannungen zu vermeiden, sollten Muselmanen etwa bei Ehe- oder Finanzstreitfällen zwischen beiden Rechtssystemen wählen können. Anders liege der Fall bei geforderten Todesstrafen für Ehebruch, Sodomie und Abfall vom Islam.
Der “Welt”-Kolumnist Lord Weidenfeld schreibt im Artikel “Angst vor dem inneren Feind”:
Das Oberhaupt der Staatskirche erklärte bei einer Vorlesung im Königlichen Gerichtshof, es werde bald “unvermeidlich” sein, Teile der Rechtsprechung auf muslimische Sondergerichte in Großbritannien zu übertragen, die bei Heirat, Scheidung oder in finanziellen Dingen nach der Scharia urteilen könnten.
Unzählige weitere Beispiele für die Misrepräsentation der Rede des Erzbischofs finden sich in den deutschen Medien. Selbst die Tagesschau titelte “Britischer Bischof fordert Scharia”.
Lobenswert
Zwei Artikel - einer in der Timesonline und einer im Stern - stechen aus dem Einheitsbrei der Medien heraus, da die entsprechenden Autoren die Rede gelesen zu haben scheinen: Zum einen ist es David Aaronovitch, der den wunderbaren Artikel “I’ve read it so you don’t have to” geschrieben hat. Darin fasst er die Aussagen des Erzbischofs folgendermaßen zusammen:
Perhaps it’s the fact that the Archbishop genuinely is holier than us that has contributed to the exuberant pleasure it has given so many people to misrepresent so violently what the poor man was saying. Or what I think he was saying, for I was pedantic enough - unlike some of his most enthusiastic assassins - to read the bloody speech.
Here is my summary so you don’t have to: there are lots of religious people in Britain who look to religious precepts in their solving of domestic and contractual problems, and in directing their behaviour. This is “unavoidable”. Some of these solutions are recognised in English and Scottish law, and some of them aren’t. Where they aren’t, we run the danger that people will both feel and be marginalised.
Not only that, but with a non-hierarchical religion, such as Islam, we risk this marginalised legal process being controlled at a local level by “primitivists” and not by wise authorities: a bit like, say, the bishops of the Church of England. If we handle this right, we could have sensible Sharia courts with legal standing, and if we handle it wrong we could have a lot of bongo-brains exercising real power, but outside the law. And we won’t like that.
That’s his argument. And the Archbishop was quite aware of some of the objections. Supplementary courts could not, he argued, be used to undermine human rights.
So we would have a Britain-friendly supplementary Sharia and a “market element” in law for those who freely chose it - and who, sensibly, could object to that?
Auf den Artikel von David Aaronovitch bezieht sich Cornelia Fuchs in ihrem Artikel “Very British - Der Erzbischof und die Scharia” im Stern:
[Williams] hat sich nun bei seiner Synode und bei seiner ganzen englischen Gemeinde entschuldigt - jedoch nicht für seine Rede über islamisches und englisches Recht. Sondern dafür, dass er seine Worte offensichtlich so schlecht gewählt habe, dass sie in dieser Preisklasse missverstanden werden konnten. Williams zitierte mit feiner englischer Ironie einen historischen Text über eine Studenten-Vereinigung: “Die vorherrschende Stimmung war die des heftigen Widerspruchs zu Dingen, die der Sprecher nie gesagt hatte.”
Im nächsten Teil gehe ich kurz auf einige Kommentare zur Rede des Erzbischofs ein.
- Vielleicht ein besserer Vergleich: Die Regensburger Rede des Oberhauptes der katholischen Kirche, die die wenigsten Muslime gelesen hatten, die sich lauthals darüber aufgeregt hatten - denn dies trifft auch für die meisten Kritiker Williams zu..[↩]
- die erste Frage fehlt[↩]
- wörtlich nach Herrn Landau “Anwendung der Scharia”[↩]
- I suppose more often than not, that is what Sharia is equated with, is it not?[↩]
- Scharia-Gesetz in GB ist ‘unvermeidlich’[↩]
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By Hasan, 22. März 2008 @ 19:15
“Und genauso wie zu erwarten ist, dass sich so einige Muslime über Karikaturen aufregen würden, die vorgeben, den Propheten Muhammad (saws) darzustellen, war abzusehen, dass die Worte Rowan Williams Entrüstungswellen nach sich ziehen würden”:
Mit den “kleinen” Unterschied, dass es bei der Entrüstung über William höchstwahrscheinlich keinen Toten geben wird und noch nicht einmal Flaggen verbrannt werden - wetten?
Bei den erfahrungsgemäß weniger zivilisierten Reaktionen auf die Karikaturen des ersten Gotteskriegers des Islams allerdings bin ich mir da nicht so sicher - wer nur genug Koran und Sunna im Kopf hat, dem trau ich alles zu: Siehe den mitunter mörderisch-islamischen Affentanz nach Veröffentlichung der “Satanischen Verse” Salman Rushdies und nach Erstveröffentlichung von 12 albernen Bildchen des mutmaßlichen Pädophilen, der sich für einen “Propheten” hielt…
Natürlich müssen dabei zwei Dinge zusammenkommen: Die Hasspredigten, die der Koran enthält (nebst dem fatalen “Vorbild”charakter Mohammeds, der der Überlieferung nach Kritiker in Mafiamanier umbringen ließ) - und aggressiv-gestörte Persönlichkeitsanteile, bei denen diese Hasspropaganda auf fruchtbaren Boden fällt. Leider gibt es solche Persönlichkeiten.