Von der Europäischen Identität, Patrioten und dem binären Bild
Mittwoch, 8. Dezember 2004, 03:00
In der jüngsten Debatte in Deutschland mag man kaum ein Wörtchen mitreden. Was vor 5 Jahren nicht möglich gewesen ist, ist jetzt scheinbar politisch gefragt. Patriotismus. Politiker aller couleur holen wieder ihre grössten Waffen hervor: Elbogen - wer diese verpasst bekommt wird ignoriert..”Patriotismus gibt unserem Land inneren Halt”, sagte der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber zur Düsseldorfer Rede. Merkel auf der anderen Seite spricht von “christlichem Patriotimus” und “freiheitlich demokratische[r] Leitkultur”. Im Doppelpack sollen beide ihr bei den Wahlen 2006 zum Erfolg verhelfen. Wo der FDP-Chef Guido Westerwelle der Union eine zu enge Auffassung des Patriotismusbegriffs vorwirft, schlägt Schröder eine Alternative vor: “Patriotismus ist das, was ich jeden Tag tue, indem ich arbeite für mein Land, für Deutschland.”
An jeder dieser Aussagen ist sicherlich was Wahres dran. Das meiste hört sich sogar recht gut an. Aber was genau ist denn Patriotimus?
Die Definition laut wikipedia ist sehr schlicht und würde keinem der angesprochenen Politiker einen Anhaltspunkt liefern: “Patriotismus ist eine Haltung die durch eine tief empfundene und verinnerlichte Verbundenheit mit dem eigenen Vaterland oder einer Wahlheimat geprägt ist und durch ethnische, politische und/oder kulturelle Zugehörigkeit motiviert sein kann.” Blosse Verbundenheit lässt sich nicht verkaufen. Wie wär’s mit dem Zitat von Johann Moritz Gericke “derjenige starke innere Trieb, der das Beßte des Staates zum Augenmerk hat, und seine Wohlfahrt auf alle mögliche Art zu befördern sucht.” Kann Schröder das gemeint haben? Ist es das, was er tagtäglich tut? Naja, zumindest soll er das tun..
Was meint aber Merkel, wenn sie vom “christlichen Patriotismus” spricht? Ist es der Patriotimus gegenüber dem Christentum (dabei müsste man Deutschland aussen vor lassen) oder ein besonderer Patriotimus, den nur Christen spüren können? Wie auch immer, es wird deutlich, dass bei der sogenannten Patriotismusdebatte öfters nach dem Schema vorgegangen wird: “Nenn’ mir deinen Feind und ich sage dir, wer du bist.” Wir identifizieren uns also nicht mit etwas, sondern eher gegen etwas, bzw. durch die Abgrenzung gegenüber allen anderen. Diese Art der Identifikation kann allerdings nur zu Schlechtem führen. Sei es auf nationaler Ebene (das hat Deutschland in dieser Form schonmal gehabt) oder auf europäischer Ebene.
Durch das binäre Bild (Wenn du nicht mein Freund bist, musst du mein Feind sein) werden grundlegende Unterschiede suggeriert, die es tatsächlich nicht geben muss. Auf Deutschland bezogen heisst das, dass man das Feindbild des Islams (das so lange schon aufgebaut wurde) endlich zum Einsatz bringen kann. Dass das Zusammenhalt in der restlichen Gesellschaft schaffen kann ist möglich, allerdings sollte unbestritten sein, dass es die Harmonie im Lande insgesamt abbaut. Das kann freilich nicht “das Beßte des Staates” sein. Aussagen, wie sie von der Union vermittelt werden können nicht akzeptabel sein, da es nicht sein kann, dass sich Deutsche dadurch definieren, dass sie keine Türken, keine Araber, keine usw. usf. sind. Und ganz bestimmt hat Patriotismus nichts mit der Religion zu tun. (Man kann sicherlich deutscher Patriot muslimischen Glaubens sein.)
Am Nächsten meiner Auffassung nach kommt also Schröders Aussage:
Nicht nur, weil es tatsächlich zur Zeit das beste für Deutschland ist, wenn jeder seiner Arbeit nachgehen würde, sondern auch, weil es bislang die einzige Aussage ist, die nicht Patrioten durch Andere definiert.
Omar
Category: Inland, Persönlich
Tags: europa, Inland, Persönlich, Politik
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