FAZ: Die türkischen Bildungsbürger
Montag, 18. Februar 2008, 22:17
Der Artikel “Die türkischen Bildungsbürger in der FAZ stellt - wahrscheinlich eher unbeabsichtigt dar - wie dämlich die Diskussion und die Berichterstattung in Deutschland ist. Die Forderung des türkischen Premiers Erdogan beim Besuch in Deutschland nach mehr (?) ‘türkischen’ Schulen wird zum Anlass genommen, den Augenschein auf von türkischen Migranten betriebene Bildungseinrichtung zu richten. Der offensichtliche Zweck der Einrichtungen (Nachhilfeunterricht oder Privatschulen) rückt aber weit in den Hintergrund, wenn Medien die Chance haben, über Islamismus und Unterwanderung zu sprechen. Gerne nehmen sie dazu den Dienst von “selbst ausweisbaren Islamkennern” in Anspruch.
Im Besagten Artikel spielen diese Rolle der libanesisch-christliche Islamwissenschaftler Ralph Ghadban und die ewig nach der Islamisierung suchende Journalistin Claudia Dantschke. Ralph Ghadban sieht in wahrer “schuldig auch wenn unschuldig”-Manier in der Denunziation des Terrorismus durch den Begründer des Bildungsnetzwerks Fethullah Gülen einen klaren und unmisverständlichen Versuch der Unterwanderung - nein, sogar der Eroberung:
Auch in Deutschland hat die Gülen-Bewegung Kritiker. Zu ihnen zählt der Islamwissenschaftler Ralph Ghadban von der Evangelischen Fachhochschule in Berlin. Er hält sie für gefährlich, weil sie „unfassbar“ sei. „Unter dem pseudo-modernistischen Lack steckt eine islamistische Auffassung“, sagt Ghadban und zitiert eine Passage aus Gülens Buch „Fragen an den Islam“. Darin werde dem Koran bescheinigt, dass er die Verfassung und Grundlage sei, auf dem sich das individuelle und gesellschaftliche Leben gründen solle. Alle Islamisten kämen aus dieser Tradition. Ghadban lässt auch nicht gelten, dass sich Gülen gegen den Terrorismus des 11. September ausspricht. Wer „uns“ friedlich erobern wolle, verurteile den Terror, denn Bomben passten nicht in die Strategie.
Um zusammenzufassen: Ghadban1 sieht eine Gefahr darin, wenn Muslime Terror verurteilen. Was sagt er dazu, wenn irgend welche Muslime Terroristen anspornen eigentlich?
Dantschke auf der anderen Seite ist - erstaunlicher weise - ein wenig ruhiger. Sie sähe “zu wenig Belege” für eine religiöse Unterwanderung durch Fethullah Gülen, fordert daher mehr Nachforschungen, da ja nicht sein kann, was nicht sein darf:
Ob die Gülen-Bewegung eine islamistische Agenda hat oder nicht - dieser Frage müsste nach Ansicht der Islamismus-Kennerin Claudia Dantschke vom Zentrum Demokratische Kultur in Berlin weiter nachgegangen werden. Für sie ist Gülen kein Reformer, sondern ein orthodoxer Gelehrter, der den Islam mit moderner Technik und Wissenschaft verbindet, so für die Globalisierung „fit machen“ und Defizite etwa im Bildungssystem aufgreifen will.
Für alles andere, etwa eine religiöse Unterwanderung, gebe es zu wenig Belege. Um diese Belege zu finden, fordert Frau Dantschke, den Blick weg von den Schulen, hin auf das Netzwerk zu richten. Das gelte vor allem für die Studentenwohnheime und die Wohngemeinschaften, in denen sich die „Kerngemeinschaft“ treffe. Keiner wisse, was da besprochen werde.
Wie in einem neo-faschistischen Staat wird nun gefordert, man müsse wissen, “was da besprochen” wird. Es darf keine geschlossenen Räume geben, denn jeder (derzeit zumindest Muslime) verdächtig ist, konspirativ vorgehen zu wollen.. Dass Medien solch einem Unsinn auch noch Raum bieten ist sehr beschämend. Bei der FAZ muss man sich fragen, ob nicht der ganzen Geschichte auch eine gewollte Perspektive aufgesetzt wird:
Die guten Erfahrungen mit den Schulen und die Erkenntnis, dass Bildung die Integration fördere, lassen ein anderes Thema in den Hintergrund rücken: dass den Schulen nachgesagt wird, sie seien einer undurchsichtigen Bewegung zuzurechnen: der des türkischen Predigers Fethullah Gülen.
Ahja! Das Thema “‘undurchsichtige’ türkische (Bildungs-)Bewegung, der die Schule ‘zuzurechnen’2 sei” scheint selbst in Pisa-Zeiten für die FAZ wichtiger zu sein als “die guten Erfahrungen mit den Schulen” und Bildung an sich.. Dementsprechend ist das Schlußwort eines Ali Yildirim “vom Bildungsverein”3:
In der „Sema“-Schule in Mannheim gibt es keinen Religions-, sondern Ethikunterricht. Ali Yildirim vom „Bildungsverein“ gibt zwar zu, offen für die Gülen-Thesen zu sein. Das sei aber seine Privatsache und habe nichts mit der Schule zu tun. Und für die will er gelobt werden. Den Gülen-Gegnern, ob in der Türkei oder hier, wirft er vor, immer nur zu kritisieren: „Die sollten erst einmal bessere Einrichtungen machen als unsere.“
Und ewig schreitet der Medienschwachsinn daher..
Category: Bildung, Inland, Islam, medien
Tags: Bildung, Claudia Dantschke, FAZ, integration, Islam, Islamisierung, islamwissenschaftler, Mannheim, medien, Migranten, Ralph Ghadban, Unterwanderung
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Kommentar von Hood Shaykh
Made Mittwoch, 20 of Februar , 2008 at 11:14
Sehr gute Antwort! Mashaa Allah! Was ist eigentlich mit dem Muslimkarneval?
Kommentar von Ismail
Made Mittwoch, 20 of Februar , 2008 at 16:39
Hood Shaykh schreibt, dass Ghadban = “verärgert” heißt. Warum schreibt er eigentlich nicht, dass Fethullah = “Gottes Eroberer” bedeutet?
