Artikel des Tages
Samstag, 9. Februar 2008, 01:17
-
Eine Rezension des Buchs “Die Geschichte der Israeli und der Palästinenser” von Noah Flug und Martin Schäuble: Arnold Hottinger, Ungestellte Fragen und verschwiegene Fakten:
Niemand spricht in dem Buch von den Landenteignungen (die von den Palästinensern Landraub genannt werden) oder von den Strassensperren, die bewirkt haben, dass die gesamte palästinensische Wirtschaft zusammenbrach und die Palästinenser Hunger leiden. Die illegalen jüdischen Siedlungen und ihre bewaffneten und gewalttätigen Bewohner kommen so wenig zu Wort wie der Verlauf der Sperrmauer. Dies sind für die Palästinenser heute drängende Themen. Sie sprechen davon und klagen darüber – aber nicht auf den Seiten dieses Buchs, das von einem deutschen Journalisten und einem Israeli verfasst wurde. Um beiden Seiten gerecht zu werden, hätte an dem Buch auch ein Palästinenser mitwirken müssen, der in der Lage ist, die Erfahrungen seines Volks zu vermitteln.
-
Das scheint zu einem pawlowschen Effekt bei Henryk M Broder zu werden. Kaum hatte der Erzbischof von Canterbury vorgeschlagen, Muslime sollten bei Ehe- und ähnlichen Angelegenheiten muslimische Gerichte zu Rate ziehen, da ergoss sich auch schon der Schwall aus Unwissenheit aus der Feder von Broder:
Rein sachlich, auf der faktischen Ebene, mag der Erzbischof sogar Recht haben. Es würde tatsächlich helfen, soziale Spannungen zu vermeiden, wenn die Muslime bei Heirat und Scheidung nicht die Regeln des britischen Rechts beachten müssten. Auch einigen Nicht-Muslimen käme so eine Option sehr gelegen. Eine “Ehe auf Zeit”, wie sie nach der Scharia möglich ist, hat ganz gewiss viele Vorteile, vor allem, wenn sie nur auf ein paar Stunden oder ein paar Tage geschlossen wird.
“Ehe auf Zeit”?? Dieses Konzept gibt es nur in einer Minderheitsmeinung innerhalb des schiitischen Islams (etwa 20% der Gesamtmuslime)! Wie Broder darauf kommt, das sei “nach der Scharia möglich”, kann nicht weiter geklärt werden. Er führt weiter aus:
Die Scharia regelt das ganze Leben, wer sie nur in Teilen übernehmen will, hat von der Zwangsläufigkeit, die ihr innewohnt, keine Ahnung. Es ist, als würde man in einem Freibad das Nacktbaden unter der Bedingung erlauben, dass jeder Besucher darüber entscheiden darf, welches Kleidungsstück er ablegen mag.
Unabhängig davon, dass das vorgebrachte Beispiel tatsächlich realistisch ist1, ist eines schon sehr bemerkenswert: eigenes Recht für religiöse Minderheiten ist es im klassischen Verständnis der “Scharia” inkooperiert! Anders: Ein Erbe des damaligen “islamischen Staates” z.B. in Ägypten oder Syrien sind die religiösen Sonderregelungen für Christen und Juden in personenrechtlichen Angelegenheiten! Dort (!) feiern Christen zweimal im Jahr Weihnachten und das ganze Land mit ihnen (24. Dez. und 7. Jan.)! On the plus side: Wem Broder fehlende Ahnung vorwirft, dürfte recht viel Ahnung haben!
- warum sollte es so schwierig sein, diese Freiheit zu lassen [↩]
Category: Ausland, Bücher, Inland, Islam, Politik, medien
Tags: Dr Rowan Williams, Henryk_M_Broder, Islam, Israel, Palästina, Scharia
- Add this post to
- Del.icio.us -
- Meneame -
- Digg
Noch kein Kommentar..
