taz: Terror im Liebesnest

Die taz hat heute einen ausführlichen Artikel zu unserem Flitterwochenbesuch in Hamwiede veröffentlicht. Neben vielen bekannten Dingen hat die Reporterin Astrid Geisler auch viel neues aufdecken können. Einmal finde ich die Reaktionen der Dorfbewohner interessant:

In Hamwiede weiß heute jeder von dem bizarren Fehlalarm – aber niemand will etwas damit zu tun haben. Unwirsch reagiert die Ortsvorsteherin auf das Thema. Sie könne dazu nichts sagen, erklärt Anita Oswald am Telefon. Dann redet sie doch. Sei es nicht merkwürdig, dass die Polizei einen solchen Einsatz starte? “Da muss es doch eigentlich Gründe geben!” Und warum, fragt sie, macht das Ehepaar um diese Sache nun so einen Wind? Wieso muss es die Geschichte obendrein auf seltsamen Seiten im Internet breittreten? “Haben Sie sich das mal angeschaut?”, fragt sie. “Da ist allein der Name der Internetseite so lang, dass sie das DIN-A4-Blatt querlegen müssen.” Sie würde an deren Stelle nicht gegen die Polizei klagen, sagt Anita Oswald. “Wenn man still ist, fährt man besser.”

Auf die Widersprüche und inkorrekten Aussagen in der offiziellen Stellungnahme im Landtag reagiert der Polizeisprecher wie folgt:

Mit solchen Feinheiten hat man sich bei der Soltauer Polizei bisher nicht herumgeplagt. Immer wieder kramt der Pressesprecher schweigend in seiner Akte. Wann wurde die Ferienwohnung bezahlt? “Das spielt im Endeffekt ja keine große Rolle.” Hat die Polizei geklingelt oder geklopft? “Sie hat sich auf jeden Fall irgendwie an der Tür bemerkbar gemacht.” Lief drinnen wirklich jemand die Treppe hinauf? “Da glaube ich meinen Kollegen”, sagt Peter Hoppe. “Die schreiben so was ja nicht just for fun.”

Hinterhältig finde ich die Einschätzung des Polizeisprechers, der zu wissen glaubt, warum wir gegen den Polizeieinsatz Beschwerde einlegen:

Der Polizeisprecher scheint den Fall anders zu deuten. “Wissen Sie”, sagt er schließlich, “ich kenn mich mit diesem Glauben ja nicht so aus.” Aber für dieses Paar sei der Knackpunkt bei der Sache wohl, dass seine Kollegen die Urlauberin im “islamistischen Sinn unvermummt” gesehen haben. Er ringt einen Moment nach der richtigen Formulierung. “Ich denk mal”, sagt er dann in verständnisvollem Ton, “das muss so eine Art religiöser Gesichtsverlust gewesen sein.”

Dass er sich nicht “auskennt”, dafür kann er ja nun nichts. Dass er sich aber trotzdem über unsere Beweggründe ein Urteil bilden will und dabei seine Unkenntnis über “islamistische Vermummung”1 gebraucht, das scheint für ihn kein Gesichtsverlust zu sein!

Dabei müsste er seine jetzige Vermutung ganz klar in Einklang bringen mit der offiziellen Darstellung, dass nämlich die Polizei im Obergeschoss “eine weibliche Person antrafen”. Behauptet er nun, dass Kathrin nicht angezogen war, als die Polizisten sie oben antrafen2?

Es wird interessant sein zu sehen, wie die Polizei und das Innenministerium diese Aussagen alle in Einklang bringen will.. Ich fürchte immer noch, dass der Richter sich die Sachlage nicht zu genau anschaut und stattdessen einfach der Polizei- und Landesdarstellung folgen wird.

  1. ich unterstelle hier wohlwollend, dass er eigentlich “islamische Bekleidung” meint[]
  2. davon mal abgesehen, dass sie tatsächlich im Erdgeschoss neben mir war, als die Polizisten das Obergeschoss durchsucht haben[]

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Comments

  • By Iris, 2. Januar 2008 @ 14:46

    Ich finde, dieser Fall hat neben einer inzwischen grassierenden (von Politik und Medien geschürten) Volksparanoia auch gravierende Demokratie-Defizite und ein ungenügendes Grundrechtsbewusstsein innerhalb der staatlichen Sicherheitsbehörden aufgezeigt (und zwar nicht nur durch das Geschehene, sondern m.E. fast noch mehr durch die nachträglichen Rechtfertigungsversuche der Staatsbediensteten – von Einsicht des eigenen Fehlverhaltens weit und breit keine Spur).

    Gibt’s eigentlich auch sowas wie Integrationskurse für angehende Sicherheitsbeamte? Und wenn ja, ist die Teilnahme daran Pflicht, bevor man in den Staatsdienst aufgenommen und auf unbescholtene Bürger losgelassen wird?

  • By Omar, 2. Januar 2008 @ 15:10

    @Iris: deshalb finde ich das ja so hinterhältig vom Pressesprecher, der das auf die religiöse Ebene schieben will.. Dass das Problem ja bei der ungerechtfertigten und meines Erachtens nicht rechtmässigen Hausdurchuchung liegt, das will er nicht zugeben müssen..

    @Integrationskurse: tja, das wär ja schön. Wenn wir schon dabei sind, sollten wir auch so einen Kurs für angehende Innenminister einführen..

  • By Melantrys, 2. Januar 2008 @ 17:46

    Gefällt mir, der Artikel. :)

    Dann wünsche ich euch mal viel Erfolg und (da das, fürchte ich, inzwischen als Angehörige der “die Weltherrschaft zu übernehmen trachtenden” Religionsgruppe dazugehört) ganz, ganz viel Glück!

    *Daumen drück*

  • By meetoo, 4. Januar 2008 @ 14:46

    Ich werde einen Brief an die Frau Oswald schreiben und fragen, wie lange man still halten und wegschauen soll. In diesem Fall fehlt nicht mehr viel, um eine vollkommene Parallele zu den Zeiten unter Hitler zu haben. Bestürzend, wie dieser “Rechts”staat verkommt. :(

  • By Herr Schwaner, 29. Januar 2008 @ 23:32

    Die Ortsvorsteherin verkörpert in persona alles, was ich an diesem Land und seiner Bevölkerung so verachtenswert finde. Eine ganz furchtbare Mentalität. “Wenn man still ist, fährt man besser.” Ein Armutszeugnis. Euch viel Erfolg!

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