Hausdurchsuchung in Bayern, Reloaded

Vor einem Monat hatte die Sendung “Fakt” über einen Polizeieinsatz in Bayern berichtet, bei dem ein Haus einer Familie durchsucht, der Vater verhört und die Mutter von den Kindern getrennt wurde. Der Grund für die Durchsuchung waren Schmierereien auf dem Haus des Papstes und – so nimmt der Beschuldigte an – ein Gespräch in einer Arztpraxis, in dem er sich negativ über den Papstbesuch geäußert hatte. Der Aufmarsch der Polizisten war in keinem Fall angemessen, auch wenn man alles, was dem Mann vorgeworfen wurde berücksichtigt.

Nun wollte ich wissen, was aus dem Fall geworden ist und stieß über das Politblog auf eine Reaktion aus dem Altöttinger Wochenblatt, in der der Autor – Mike Schmitzer – den Fall relativiert und dem ARD vorwirft, schlecht recherchiert zu haben..

Altöttinger Wochenblatt

Der Artikel führt erst einmal aus, was die ARD-Recherche ergeben hat und kommentiert diese nur kurz. Dass ein Zuschauer der Sendung “zwangsläufig den Kopf schütteln” müsste, sei aufgrund der Berichterstattung verständlich. Aber die Sendung zeige nur “bestenfalls die halbe Wahrheit”! Herr Schmitzer führt aus:

denn nicht einmal in Bayern werden unbescholtene Bürger von einem Großaufgebot der Polizei heimgesucht, nur weil sie eine kritische Äußerung über den Papst gemacht haben.

Da denkt sich der geneigte Leser: das wird jetzt richtig interessant. Ist Herr Lindner1 womöglich ein Ex-Mörder oder saß er vielleicht wegen Kindesmisshandlung vor Gericht?

Der Burghauser war nämlich schon vor dem 11. September2 ins Visier der Ermittler geraten – und zwar als fragwürdiger Prono-Produzent. Wie unser Schwesterblatt, die Passauer Woche, damals ausführlich berichtete, betrieb der Mann ein “Hardcore-Label” nachdem er als Autohändler eher glücklos geblieben war. Sein alter Kfz-Betrieb unweit von Marktl diente nach der Firmenpleite als Hauptdrehort für Gruppen***partys3. Ausflüge der Filmcrew ins Freie und damit in die unmittelbare Nähe des Papst-Geburtshauses gehörten wohl geschmackloserweise dazu.

Mehr “Indizien” wurden im gesamten Artikel von Herrn Schmitzer auch nicht genannt! Ich habe nun gesucht und eben nicht herausfinden können, ob Pornographie in Bayern verboten ist4. Was also ist Herrn Lindner vorzuwerfen? Wenn man die Worte vom Journalisten des Altöttinger Wochenblattes ernst nehmen müsste, hieße es, dass Herr Lindner nicht unbescholten sein kann:

denn nicht einmal in Bayern werden unbescholtene Bürger von einem Großaufgebot der Polizei heimgesucht…

Doch, offensichtlich schon! Denn solange die von Herrn Lindner gedrehten Filme legal sind5, kann ich immer noch nicht verstehen, wie er unter Verdacht stehen kann und wie ein Richter ein Durchsuchungsbefehl unterschreiben kann. Davon abgesehen ist auch unverständlich, warum die Polizei mit neun Mann ausrückt. Ist von einem Familienvater, der früher solche Filme gedreht hat und wirklich Gegenwehr zu erwarten? Muss die Mutter wirklich von ihren Kindern getrennt werden und das Haus in Abwesenheit des Besitzers durchsucht werden?

Für die heimische Justiz ist der Fall abgeschlossen. Staatsanwalt Ziegler: “Der Beschuldigte hat gegen den Durchsuchungsbeschluss Beschwerde eingelegt. Das Landgericht hat aber dessen Rechtmäßigkeit festgestellt und die Beschwerde zurückgewiesen.”

Ich hoffe wirklich, dass der Fall damit nicht abgeschlossen ist. Wenn sich diese Art der Ermittlung etabliert, dann ist der Grundsatz der Unschuldsvermutung dahin6. Ich habe bereits die Redaktion von “Fakt” sowie die Redaktion des Altöttinger Wochenblatts angeschrieben und um Aufklärung gebeten.

Interessant finde ich unterdessen, dass der Fall nur wenig Aufmerksamkeit in den Medien bekommen hat. Business as usual?

  1. das ist der Familienvater, der von der Polizei vernommen wurde[]
  2. Gemeint ist offensichtlich der 11. September 2006, der Termin an dem die Polizei bei Herrn Lindners Familie aufgetaucht ist[]
  3. hier ausgeblendet, damit ich nicht in nächster Zeit darunter gefunden werde.[]
  4. Belehrung erwünscht[]
  5. ich kann verstehen, wenn man eine Gefahr der Illegalität sieht, aber das hat wenig mit dem Fall zu tun![]
  6. Dieses Prinzip ist durch diverse andere Gesetze und Gesetzesvorhaben in Vergessenheit geraten, aber hier geht es um die praktischen Auswirkungen.[]

Andere Beiträge:

  1. SEK-Einsatz wegen Plauderei gegen Papstbesuch!
  2. Ralf allein zu Haus
  3. Im Fall der Fälle
  4. Frech: Muslimischer Verein geschlossen wegen V-Mann
  5. Polizeieinsatz in Hamwiede – einige Fragen

Comments

  • By kingelkangel, 18. Januar 2008 @ 18:54

    ganz ehrlich: es ist eigentlich egal, was jemand früher gemacht hat – und vor allem: was hat der 11. september mit dem papst zu tun? auf den wurde doch kein anschlag verübt.
    der mann war doch auf diesem gebiet total unbescholten, und von mir aus kann er gerne produzieren – ob er das ausgerechnet am geburtshaus des papstes machen sollte, find ich auch eine provokation, aber ansonsten, soll man ihn doch machen lassen. denn auch pornoproduzenten sind nicht immer kriminell, wie im fernsehen gerne gezeigt.
    welches käseblatt auch immer diese “fakten” zusammengetragen hat, sollte lieber aufgeben, als solche lesern noch einen floh ins hirn zu setzen.
    eine sache nur: nicht die kirche ist der herr im staat, auch keine polizei, sondern eigentlich das volk – und das wird wohl wirklich mit füSen getreten…

  • By Anna2, 25. März 2008 @ 14:29

    Bayern eben. Ich stoße immer wieder auf Fälle, wo ich froh bin, dass ich mittlerweile nicht mehr dort wohne, das ist nur eine Sache von vielen.

    Guck mal da, Rasterfahndung wegen Beleidigung: (in Bayern, wo sonst????)

    http://blog.pantoffelpunk.de/tag/Windsheim

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