Moderat? - Radikal? - einfach falsch!
Freitag, 24. August 2007, 18:00
Der Begriff des “moderaten Muslims” ist in letzter Zeit sehr stark in Mode gekommen. Er soll einen Gegensatz zum extremistischen/radikalen Muslim oder einfach nur dem Extremisten darstellen und dabei die Grenzen zwischen “gutem Muslim” und “bösem Muslim” aufzeigen. Problematisch ist, dass der Begriff eine Gefahr für das Verständnis sowohl des Islams an sich, als auch des Extremismus darstellt.
Folgende Email erreichte mich vor einigen Wochen:
ich habe letztens in einem Interview mit Frau Köhler (der Ehefrau des Chefs des Zentralrats der Muslime) gelesen, dass diese eine “moderate Form des Islam” vertritt.
Gibt es Literatur, in der eine “moderate” Form dargestellt wird? Ich schätze wohl eher nicht…
Dass Muslime (und dort vor allem Funktionäre) für sich beanspruchen, den “moderaten Islam” oder noch schlimmer die “moderate Form des Islams” zu vertreten oder zu predigen rührt meines Erachtens nur aus der Angst, als radikal oder extremistisch abgestempelt zu werden. Das ist zum einen verständlich, da die Diskussion über Islam und Islamismus zunehmend polarisiert geführt wird. Andererseits sind die Auswirkungen dieses Begriffskarussels verheerend.
Extrem
Das Verständnis von “extrem” und die Bekämpfung einer solchen Bewegung ist durchaus im Islam auffindbar, wenn auch anders als es heute verstanden wird. Der Prophet Muhammad (sas) hatte von drei Männern gehört, die sich in der Religiosität wetteifernd gegenseitig versprachen, nie zu heiraten, nie (Fleisch) zu essen bzw. nicht auf einer Matratze zu schlafen. Die drei meinten dies als Zeichen ihrer Frömmigkeit und Erhabenheit über das alltägliche Leben. Der Prophet allerdings sagte, er würde beten und schlafen1, er würde essen und fasten und heiraten. “Wer meiner Sunna2 nicht folgt, der gehört nicht zu mir.” fügte er noch hinzu3.
Ebenso findet man im Koran die Aufforderung zur Moderation, etwa in der Sure Al-Isra’ (17:29):
Und laß deine (Geber-)Hand nicht an deinen Hals gefesselt sein, aber öffne sie auch nicht so weit, daß du tadelns-würdig und verarmt dasitzt.
Selbst das Geben (Spenden) soll also in Massen sein, da man auch für den eigenen Lebensunterhalt zu sorgen hat. Der Mittelweg - der auch zumeist natürlich erscheint - ist damit der islamische Weg. Je weiter man sich davon wegbewegt, desto extremer ist man islamisch betrachtet. Dass darunter keine heutigen Extremisten fallen, sollte einleuchten..
Ungläubige töten?
Es ist eben nicht extrem oder radikal, wenn man fordert, dass “Ungläubige” zu töten sind, denn das hieße ja nur, dass eine Abmilderung dieser Forderung legitim oder “moderat” wäre4. Dem ist aber nicht so, die Aussage/Forderung ist illegitim, ungerechtfertigt und nicht zuletzt blödsinnig5. Dass einige Muslime und einige Nichtmuslime diese trotzdem behaupten6, qualifiziert die Behauptung noch nicht als legitime Ansicht innerhalb des Islams.
Es hilft aber auch nicht, das Problem einer solchen existenten Ansicht an Dritte weiterzureichen - das ist hiermit keineswegs gemeint! Wichtiger ist allerdings den Raum für Missverständnis der islamischen Grundlagen nicht durch solche Gruppenzuweisungen zu vergrößern. Und es bedeutet auch nicht, dass man Muslimen, die eine solche Meinung vertreten das Muslimsein abspricht. Es heißt lediglich, dass man begründet feststellt, dass die Meinung islamisch betrachtet falsch ist. Damit kann man sogar eher eine Diskussionsbereitschaft bei den Extremisten erreichen.
Moderat oder streng islamisch?
Asma Khalid geht im Artikel “Why I am not a moderate Muslim” darauf ein, warum es unsinnig und sogar destruktiv ist, den Begriff “moderat” anzuwenden:
“Moderate” implies that Muslims who are more orthodox are somehow backward and violent. And in our current cultural climate, progress and peace are restricted to “moderate” Muslims. To be a “moderate” Muslim is to be a “good,” malleable Muslim in the eyes of Western society.
…
I refuse to live as a “moderate” Muslim if its side effect is an unintentional admission that suicide bombing is a religious obligation for the orthodox faithful. True orthodoxy is simply the attempt to adhere piously to a religion’s tenets.
Asma Khalid argumentiert, dass wahre Orthodoxie im Islam per se moderat ist und deshalb eine “strenge” Religiosität eben kein Widerspruch zu Fortschritt und Friedfertigkeit ist.
Notwendigkeit der Diskussion
Aber wie kommt man als Muslim dazu, von sich zu behaupten, man würde die “moderate Form” des Islams vertreten? Sind wir so sehr im politischen Umfeld beheimatet, dass wir unkomplizierte und pauschale Zuordnungen den weit schwierigeren Klarstellungen zu Einzelthemen vorziehen?
Einerseits ist der Druck durch Fragen à la “wie stehst du dazu?” gegeben und die Lösung der grundsätzlichen Distanzierung bietet sich geradezu an. Dabei braucht man sich nicht in die Fragestellung selbst zu vertiefen, kann aber auch keine islamisch ausreichend begründete Antwort liefern. Das birgt die Gefahr, dass man von der eigenen Antwort nicht überzeugt ist, diese aber loswird, um sich schnell des Vorwurfs des Extremismus’ zu entledigen. Das kann für den Fragenden nicht selten nicht zufriedenstellend sein und weiterhin entsteht der Eindruck, dass man nur dadurch moderat und ungefährlich wird, dass man seinen eigenen Glauben nicht ernst nimmt. Die Folge ist die Steigerung der Glaubwürdigkeit der Extremisten!
Weiterhin hat die Gruppenzuordnung “Extremist - Moderat” den Nachteil, dass Gräben aufgetan werden, die nicht mehr überbrückbar erscheinen. Wenn “radikale Muslime” und “moderate Muslime” jeweils eigene Gelehrsamkeit hervorbringen, dann wird der Vergleich - und somit die Möglichkeit der Rückführung tatsächlich falsch liegender Muslime zur Moderation - umso schwieriger. Noch größer ist die Hürde natürlich, wenn die Diskussion zwischen den verschiedenen Lagern vollkommen versiegt, weil man sich nur noch eine Gruppenzugehörigkeit vorwirft.
In diesem Sinne wäre es sinnvoll, wenn in islamischen Organisationen periodische Seminare abgehalten werden würden, in denen Thematiken offen und fair besprochen werden, in denen extreme7 Meinungen sich bemerkbar machen. Die Kunst, dabei zwar nicht oberlehrerhaft aufzutreten, aber dafür argumentationsstark aufzutreten, muss vor allem Imamen und Vertretern gelingen, um fruchtbare Ergebnisse aus dem Seminar zu erhalten.
- also auch nachts beten, aber trotzdem seinem Körper sein Recht im Schlaf geben [↩]
- ~Lebensweise [↩]
- vgl. Sahih Muslim, 207 [↩]
- also etwa “ein Ungläubiger muss geschlagen werden” oder so.. [↩]
- weil man sich selbst an die Stelle Gottes (als Richter) stellt, was ja nicht Sinn der Sache sein kann! [↩]
- die zweite Gruppe scheint mir größer zu sein.. [↩]
- oder gänzlich falsche [↩]
Category: Islam, Sprache, medien
Tags: Extremismus, Islam, medien, muslime, Sprache
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Trackback von Musafira
Made Freitag, 24 of August , 2007 at 22:34
4. muslimischer Blogkarneval online…
Kurz vor Schluss hat auch Omar noch einen Artikel einreichen können, in dem er sich mit der Zuschreibung oder Selbstbezeichnung als moderater Muslim auseinandersetzt…
Kommentar von Mr. Machete
Made Montag, 27 of August , 2007 at 17:23
Quite interesting topic. Rhetoric about something as potentially ‘complicated’ as religion can result in unfortunate misnomers in terminology such as moderate, progressive, extremist, and apologist.
No one wants to be an ‘apologist’ - if you’re constantly making excuses for your beliefs perhaps you need to reconsider your choices!
When people desire to practice their way of life in a state of peacefulness that only comes from natural and unadulterated beliefs it is only regressive to introduce subjective terminology to describe an entire religion, culture, or people.
We can only hope that mankind learns to trust one another and if need be ‘agree to disagree’ instead of creating negative Public Relations campaigns against huge masses that follow a specific creed.
Kommentar von Omar
Made Dienstag, 28 of August , 2007 at 10:10
@Mr. Machete: words are a problem! They convey for every person a different meaning and i think some use those words to confuse. I agree totally about the “apologist” and that he should review his religion and not try to apologize for it.
by the way: thanks for the link, but the language I’m writing in is “German” nocht “dutch”!!
Kommentar von Kritisch
Made Donnerstag, 13 of September , 2007 at 10:09
“Es ist eben nicht extrem oder radikal, wenn man fordert, dass “Ungläubige” zu töten sind … die Aussage/Forderung ist illegitim, ungerechtfertigt und nicht zuletzt blödsinnig … weil man sich selbst an die Stelle Gottes (als Richter) stellt, was ja nicht Sinn der Sache sein kann!”:
Schade, dass man dies in manchen islamischen Ländern nicht weiß - dort werden laut Angaben von Menschenrechtlern jedes Jahr z. B. Christen in SECHSstelliger Zahl allein wegen ihres Glaubens verfolgt und getötet. Man vergleiche hierzu z. B. http://www.kath.net/detail.php?id=15942
Kommentar von Zinkat
Made Freitag, 19 of Oktober , 2007 at 18:38
Ach ja, was ich gerade vergessen habe.
Die Nachricht letztens: “Ein Muslim im Weltall” Die Welt ist…naja, was eigentlich - freudig erregt? entsetzt? Amüsiert?
Was spielt es für eine Rolle, das dieser Typ Muslim ist? Ist die Religion tatsächlich das wichtigste bei der Identität eines Menschen?
Kommentar von Abdullah
Made Dienstag, 30 of Oktober , 2007 at 02:27
Ich befürchte, daß die „modernen“, „aufgeklärten“ Muslime sehr großen Schaden anrichten können, da sie von den Feinden des Islams als Werkzeuge gegen den „traditionellen“ Islam gebraucht werden. Der zum Islam konvertierte Franzose Abdennour Bidar (1971 in der Auvergne geboren, seine Mutter konvertierte zum Islam. Philosoph und Autor, lehrt Philosophie an der Universität Nizza), der nur solche Stellen im Qur’ân stehen lassen möchte, die nicht der Erklärung der „universellen“ Menschenrechte widersprechen, ist nicht der einzige Fall. In Deutschland haben wir Prof. „Muhammad“ Sven Kalisch, mit dem in Münster der erste Lehrstuhl zur Ausbildung von islamischen Religionslehrern besetzt worden ist. Prof. Kalisch vertritt die Ansicht, die früheren qur’ânischen Propheten hätten historisch niemals existiert. Darüber hinaus versteht er die Offenbarung nicht als Eingebung Gottes, als eines höheren Wesens, von außen her, sondern behauptet, die Offenbarung des Qur’âns sei nur eine innere Reflexion der Religiosität und Moral des Propheten Muhammad – Allahs segne ihn und gebe ihm Heil – in seinen Geist, der ihm als Engel Gabriel erschien, also keine Offenbarung von außen. Nach einem Beitrag in „Qantara“ mit einem Porträt des „Koranexperten“ Ömer Özsoy, der an der Uni. Frankfurt doziert, wo auch islamische Religionslehrer ausgebildet werden, vertritt dieser ebenfalls die Theorie von der Beschränkung zahlreicher Stellen im Qur’ân auf deren historischen Hintergrund ohne Gültigkeit für die Gegenwart und Zukunft. Das in seinem Heimatland Ägypten offiziell zum Kâfir erklärte Irrlicht Nasr Hamid Abu Zaid lehrt nun an einer Uni. in den Niederlanden seine abwegigen Ansichten von einer hermeneutischen und historischen Auslegung des Qur’âns und wird von den Nichtmuslimen hoch geehrt. All diese Ansichten sind jedoch mit dem „traditionellen“ Islam unvereinbar.
Im Vorwort von Dr. Mostafa Badawis Buches mit dem Titel „Der Mensch und das Universum – eine islamische Perspektive“ heißt es im Vorwort:
„Die Fähigkeit, zwischen dem zu unterscheiden, was islamisch unannehmbar ist, und dem, was ohne Schaden angepaßt werden kann, muß auf einer festen Bandbreite von Prinzipien gründen. Leider haben die meisten Muslime jetzt das Stadium erreicht, in dem sie sogar nicht mehr wissen, was Grundsätze sind. … Zahlreiche „gebildete“ Leute glauben heute, daß die flüchtigste Kenntnis der Religion ihnen das Recht gibt, in deren Namen und im Widerspruch zu anerkannten religiösen Autoritäten zu sprechen. Solche Leute haben bereits gewaltige Schnitzer gemacht.“
