Weiche Grenzen beim Moscheenstreit von Köln
Sonntag, 19. August 2007, 13:58
Angefangen hatte Ralph Giordanos öffentliche Kritik an den Moscheebau in Köln, als er in einer TV-Diskussion den Dialogbeauftragten der DITIB und die Stadt Köln aufrief, den Moscheebau zu stoppen. Damals hatte er das mit der fehlgeschlagenen Integration begründet und hinzugefügt, dass seine Ästhetik durch Kopftuch tragende Frauen gestört wäre, die seiner Meinung nach wie “menschliche Pinguine” aussähen. Inzwischen hat sich seine Begründung in einem offenen Brief an Herrn Alboga ausgeweitet und er spricht von dem Moscheebau in der derzeit geplanten Größe als “Kriegerklärung” an die Umwelt. Welche Reaktionen dieser Umwelt auf diese Kriegserklärung seiner Meinung nach gerechtfertigt sind, das hat er denn doch nicht ausgeführt..
Mit dem offenen Brief antwortet Giordano auf die Einladung von Seiten der DITIB - diese ablehnend!! - zu einem Gespräch. Die DITIB reagierte dementsprechend verdutzt, denn nun dürfte auch ihnen klar geworden sein, dass es Herrn Giordano um öffentliche Aufmerksamkeit, weniger um einen Diskurs geht!
Giordanos Antwort zeichne sich durch „Polemik, Diffamierung, Unkenntnis und mangelnde Dialogbereitschaft aus“, heißt es in einer Stellungnahme. Giordano spreche sich „mit seinem Fatalismus gegen eine notwendige, zukunftsorientierte Integrationspolitik in Deutschland“ aus. Für die zukünftigen Generationen sei ein solcher Dialog jedoch entscheidend. Als Intellektueller solle er „seine Meinung auf einer fundierten Informationsbasis bilden und nicht fahrlässig damit umgehen“, so die Ditib. Aus diesem Grund habe man ihn eingeladen.
Fronten?
Ein wesentliches Merkmal des giordano’ischen Weltbildes ist offensichtlich, dass eine breite Mehrheit der Mehrheitsgesellschaft Furcht vor dem Moscheebau hätte und dass er Unterstützung in der Bevölkerung findet. Wie aber die Demonstrationen in Köln gezeigt haben, sind weit mehr Leute gegen rechtsextreme Agitatoren, deren Meinung Herr Giordano übernommen zu haben scheint, als gegen den Moscheebau. Aber selbst im Internet sind weit differenziertere Meinungsbilder zu finden, als sie Herr Giordano wahrnimmt.
- Meinen Sie uns, Herr Giordano?
Mit einer ungewöhnlichen Aktion haben sich Jugendliche aus dem Umfeld der türkisch-islamischen Union, Ditib, gegen den „Fanatismus und die Diffamierung von Ralph Giordano“ gewehrt. Sie trafen sich auf dem Gelände der Ditib in Ehrenfeld und entrollten ein Banner mit der Aufschrift „Meinen Sie uns, Herr Giordano?“ Sie reagierten auf die öffentliche Absage des Publizisten auf eine Einladung, sich doch persönlich ein Bild von der Moschee, ihrer Besucher und vom Bauherrn zu machen. Giordano urteile „aus seinem Elfenbeinturm“ und verkenne völlig, dass Muslime „ein Teil dieser Stadt“ sind.
- Dilek Zaptcioglu: Eine kleine, stilisierte Moschee statt der großen in Köln
Ich finde es unerträglich, daß diese Religion in den deutschen Medien immer offener und immer dreister in den Schmutz gezogen wird. Daß die Mehrheitgesellschaft auf einen “Kreuzzug im Namen der liberalen Freiheit” geht, und auf die Minderheit mit Kanonen schießt, ist unvereinbar mit den Grundrechten des Menschen und dem Recht der Minderheit auf Schutz seiner menschlichen Würde.
…
Die Türken in Deutschland haben (trotz aller berechtigter Gründe) angesichts von hier geborenen Generationen, die sie selbst gezeugt haben, nicht mehr den Luxus, sich in ihre Nische zurückzuziehen und über die Deutschen und ihre Ignoranz zu schimpfen.
- IZ: “Krise auch selbstverschuldet”
Natürlich ist es beinahe eine Ironie des Schicksals, dass durch die Gegner eines jeden Islams in Deutschland ein “Rechtsruck” geht und manche herbe Kritik auch bereits faschistoide Züge trägt. Aber auch die Muslime sind nicht schuldlos an dem Zustand. Die nationale Einfärbung vieler Moscheen ist ein Relikt vergangener Zeit und hat mit dem Islam selbst wenig zu tun. Unsere Moscheen können auf Dauer keine Inseln fremder Kultur sein und die Beherrschung der Landessprache sollte möglichst bald eine Selbstverständlichkeit sein.
- Fingerzeig: Giordano und der Kampf gegen die Islamisierung des Landes
Ralph Giordano hat sich mit seiner Begründung, den Dialog mit der Ditib zu verweigern, unglaubwürdig gemacht. Er lebt lange Jahre in Köln, hat sich aber bisher zu den bekanntermaßen seit Jahrzehnten vorhandenen Integrationsdefiziten, die er bequemer Weise heute bei jeder Gelegenheit den deutschen Politikern vorhält, nicht geäußert. Dass er nun auch noch feststellt, dass der Islam mit unserem Grundgesetz nicht vereinbar sei, können die Menschen, die dieser Religion angehören, wirklich nur als Zumutung aufnehmen.
- Radikaler Sinneswandel - nicht wirklich über Giordano, trotzdem in diesem Zusammenhang interessant
Erst suchten sie [ProKöln] den Dialog aus machtpolitischen Erwägungen, dann waren sie enttäuscht, als der Dialog abgebrochen wurde. Nun lehnen sie den Dialog ab. Für alle Zeiten - auch die Vergangenheit. Als wäre nie etwas gewesen.
- Sargnagelschmiede: Alf Giordano…
Wenn pure ‘Gigantomanie’ schon eine ‘Kriegserklärung an die Umwelt’ sein soll, was wären dann zum Bleistift Kölner Dom, Oktoberfest, Pentagon, chinesische Mauer oder Peterskirche?
- aus guten Gründen kein Direktlink: Giordano mal ein wenig konsequenter hier:
Die Meinung Herrn Giordanos über den Islam als unvereinbar mit dem Grundgesetz teile ich im wesentlichen. Nur in seinen Schlußfolgerungen bleibt Herr Giordano inkonsequent bzw. unrealistisch, wenn er einerseits die Integration in Frage stellt, dann aber ein friedliches Miteinander für irgendwie doch möglich hält.
Den realistische Ausweg aus dem Scheitern der multikulturellen Gesellschaft zeigt meines Erachtens das Konzept der “Welt der Völker”, das von der NPD vertreten wird. Herr Giordano muß am Ende seines Textes in Traumtänzereien von einer ” Stunde der Deeskalation” ausweichen, sonst käme er am NPD-Konzept kaum vorbei. Vermutlich wird er aber den Schritt, den historischen Nationalsozialismus von einem gemäßigten demokratischen Nationalismus zu trennen, aus persönlichen, vielleicht verständlichen Gründen, nicht machen wollen.
Weitere Schwachsinnigkeiten
Natürlich gibt es auch viele Stimmen, die ähnlich wie der letzte “Volksmensch” vollkommen gegen den Moscheebau sind. Schließlich schlafen Leute wie ProKöln oder politically incorrect nicht. Dass aber Ralph Giordano zu Verleumdung und solch schwachsinnigen Begriffen wie “archaische Hirtenkultur” greifen muss, das zeigt meiner Meinung nach eindeutig, wie verzweifelt er ist. Dass das einige Menschen dazu verleitet folgendes zu schreiben, war ja absehbar:
Ich frage mich nicht, wie jemand, dem die Thora, diese Stiftungsurkunde einer archaischen Hirtenkultur1, heilig ist, auf dem Boden des Grundgesetzes stehen kann… das eine schließt das andere nicht aus“, schreibe ich nicht als Autor am Freitag in einem offenen Brief an Ralph Giordano.
Allgemein: Moscheebau in Deutschland
Ich persönlich stimme Frau Zaptcioglu vor allem in einem Punkt zu:
Während die muslimischen Einwanderer überall in Europa mit so großen internen wie externen Problemen zu kämpfen haben, müssen sie nicht auch noch an solchen umstrittenen Projekten festhalten und sich neue Feinde schaffen.
Mit dem Geld, das hier hereingesteckt werden soll, müssen sie zum Beispiel Deutschkurse für Kinder, Jugendliche und Frauen aufmachen. Es gibt viel zu tun.
Eine Moschee in Deutschland muß auch nicht unbedingt ein Minarett wie die Süleymaniye in Istanbul haben. Ein einziges, kleines an der Ecke einer stilisierten Moschee genügt auch.
Ein riesiger, umstrittener Bau steigert das Prestige des Islam viel weniger als eine kultivierte Gemeinde inmitten einer ihr nicht besonders wohl gesonnenen Umgebung. Es ist endlich Zeit, den Verstand einzuschalten! Nur so entreißt man den Hubers, Keleks und Giordanos ihre Argumente. Nur so kommt man weiter!
Muslime in Deutschland brauchen weit mehr als “nur” Gebäude, sie brauchen Bildungseinrichtungen, die islamische Wissenschaften beibringen, Imame und Lehrer ausbilden2, sie brauchen Lobbyorganisationen auf politischer Ebene, aber auch seminar-ähnliche Veranstaltungen, in denen aktuelle Probleme auch innermuslimisch auf verschiedenen Ebenen besprochen werden, sie brauchen Aufklärungsarbeit im Bereich gesellschaftlicher Probleme usw.. Natürlich kann eine Gemeinde/Gemeinschaft sich selbstständig entscheiden, wo sie ihre Gelder investieren will und für dieses Recht trete ich auch ein, allerdings halte ich das persönlich für nicht sehr weise, so viel Geld in Steine zu setzen, statt damit benötigte Arbeiten zu finanzieren - und davon gibt es genügend!
Category: Inland, Islam, Politik, medien
Tags: Inland, Islam, islamophobie, medien, Moschee, muslime, Politik, Pro_Köln, Ralph_Giordano
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Kommentar von jolly rogers
Made Sonntag, 19 of August , 2007 at 14:10
Schön, dass du mich für “schwachsinnig” hältst. Ich werde Dich dafür unter “strukturelle Analphabeten” einsortieren.
Schönen Tag noch!
Kommentar von Omar
Made Sonntag, 19 of August , 2007 at 14:17
@jolly: die Schwachsinnigkeit bezog sich auf die Aussagen von Giordano. Deine Antwort finde ich an sich auch nicht richtig (wie bereits ausgeführt), aber ich gehe sowieso davon aus, dass sie nur die Schwachsinnigkeit der giordano’ischen Aussage zeigen soll..
Auf der anderen Seite, vielleicht fühle ich mich ja auch unter “strukturellen Analphabeten” richtig wohl, man weiß es ja nicht wirklich vorher..
ebenso einen schönen Tag..
Kommentar von jolly rogers
Made Sonntag, 19 of August , 2007 at 15:42
Danke für die Klarstellung. Dann nehm’ ich Dich wieder aus der Schublade und steige selbst rein. Ganz offiziell. Nix für ungut. ![]()
Pingback von Professional Slacker
Made Sonntag, 19 of August , 2007 at 15:48
[...] Reaktionen auf Giordano Sonntag, 19.08.2007, 4:47 nachmittags Abgelegt unter: dies&das Hier gibt es einen ausführlichen Beitrag zu Ralph Giordanos Äußerungen im Moscheestreit, seinem [...]
Kommentar von Kathrin
Made Sonntag, 19 of August , 2007 at 18:57
Ich hab mich ja damals schon gefragt, wie Giordano sich eigentlich nach seinen 1a Islamkritiker-Debüt noch steigern möchte. Er hatte es ja angedroht… Siehe da, er hat nicht enttäuscht. Wie das wohl weitergeht?
Das traurige an solchen Pauschalangriffen ist eigentlich, dass sie jegliche berechtigte und produktive Kritik im Keim ersticken und unhörbar machen – vollste Zustimmung zu deinen Anmerkungen bezügl. Gemeindearbeit und Bildngsfinanzierung.
