Streitschlichtung? Doch nicht so…
Samstag, 30. Juni 2007, 18:32
Dies ist der dritte Artikel zum selben immer noch aktuellen Sachverhalt. Wer sich einen Überblick verschaffen möchte, sollte die beiden vorherigen Artikel “Demokratische Moscheen” und “Verantwortlichkeit in Moscheen” lesen. Trotzdem soll hier eine kurze Zusammenfassung dazu dienen, dass die allgemeine Thematik verständlich wird:
Was bisher geschah..
Anfang des Jahres hat sich der Moscheeverein, um den es hier geht, in zwei Lager gespalten. Der frühere Vorstand hatte versucht zwei aus dem anderen Lager aus dem Verein auszuschließen, wogegen die andere Truppe die Einberufung eines Notvorstands (einer aus ihrer Mitte) erwirkt hatte und diesen Notvorstand wiederum benutzt hat, um ein Mitglied von der ersten Gruppe von den daraufgefolgten Wahlen auszuschließen. Jeder hatte seine Gründe aber keine Beweise für seine eigene Vernunft!
Zwischendurch hatte ich selbst versucht, allen Beteiligten einen Plan vorzulegen, wie die Struktur des Vereins grundlegend verändert werden kann, um solchen höchst personellen Konflikten in Zukunft aus dem Weg zu gehen1. Zuletzt scheiterte dieser Vorschlag vor allem daran, dass keiner der Beteiligten sich zurückgemeldet hat. Der derzeitige Vorsitzende hatte zuletzt versprochen, mich ab dem 10. Juni anzurufen, aber diesen Anruf bleibt er mir erst einmal schuldig.
Neue alte Streitpunkte
Der aktuelle Streit dreht sich immer noch um personelle Probleme. Das von den Wahlen ausgeschlossene Mitglied besteht darauf, die Wahlen für nichtig erklären zu lassen und seinen Ausschluss rückgängig machen zu lassen. Aus diesem Grund hat er (in Zusammenarbeit mit zwei Personen aus Gruppe A) einen Anwalt bestellt, der aber (zusammen mit dem Anwalt der Gegenseite?) den Vorschlag gemacht hat, den Streit außergerichtlich zu schlichten. Dazu sollen aus jeder “Partei” jeweils zwei Leute gemeinsam mit dem jeweiligen Anwalt auftauchen und über eine Möglichkeit der Streitschlichtung debattieren - ein Vorschlag, der in meinen Augen ob der Unwichtigkeit des Sachverhalts nur zu vernünftig ist. Schließlich sind Gerichte bereits genügend mit Zaunstreitigkeiten, Klagen und Gegenklagen überhäuft..
Nun kommen wir zu einem recht prekären Detail, denn einige Individuen im Hintergrund der Streitigkeiten, für die Gerichtsklagen offensichtlich eine Freizeitbeschäftigung darstellen, scheinen richtiggehend Lust am Streit entwickelt zu haben. Nach dem Freitagsgebet von gestern ist der Imam2 (selbst inzwischen Vorsitzender des Vereins und selbst Konfliktpartei [sic]) noch einmal aufgestanden und hat um Aufmerksamkeit gebeten - er wolle der Gemeinde etwas wichtiges mitteilen.
Wer die Wahrheit sagt…
Angefangen hatte er allerdings mit einem Wink mit dem Zaunpfahl, der an mich gerichtet schien, dass die Ansprache nicht Gegenstand einer Veröffentlichung “im Internet” sein soll. Unter Androhung einer Klage wurde mir auch hinterher von einigen Sympathisanten unmissverständlich mitgeteilt, dass ich den Inhalt der Ansprache - die vor einer breiten und nicht weiter bekannten Öffentlichkeit gehalten wurde!! - nicht veröffentlichen sollte. Den Unsinn einer solchen Forderung brauche ich wohl nicht darzustellen..
In der Ansprache hat der Prediger indes den Konflikt aus seiner persönlichen Sicht thematisiert und zum Schluß dazu erklärt, wie seiner Meinung nach eine außergerichtliche Schlichtung aussehen könnte. Im Unterschied zum Vorschlag des Anwalts wollte er eine breite Öffentlichkeit einladen (und er nannte konkrete Namen von Leuten, von denen mir einige hinterher mitteilten, dass sie keine Ahnung hätten, warum sie genannt wurden) und die Schlichtung vollziehen.. Aber vor allem hat er in vielen Worten versucht, seine eigene Unschuld und Glaubwürdigkeit zu verfestigen und die Gegenseite als Angreifer darzustellen, die nichts gutes im Schilde führen - ich glaube sogar, dass er von Letzterem überzeugt ist.
… fürchtet sich nicht davor, wer sie hört.
Was mich vor allem gestört hat, war die Tatsache, dass der erste Vorsitzende sein Amt als Prediger mitsamt der Bühne, die ihm das Freitagsgebet gibt, missbraucht hat, um persönlich Sympathiepunkte bei den Betenden zu erlangen. Fairerweise hätte er der Gegenseite dieselbe Bühne geben sollen oder zumindest die Ansprache mit ihnen absprechen sollen.
Weiter stört mich natürlich der Umstand, dass der Vorsitzende glaubt, Kritik durch solche “Nicht-Veröffentlichungs-Klauseln” mundtot machen zu können. Interessant dürfte sein, wie er auf die Aufzeichnung reagiert, die ich von einem Teil der Ansprache gemacht habe.. das bleibt aber Gegenstand des nächsten “got mosqued”-Artikels..
Im Übrigen ist das Überschriften-Konglomerat “Wer die Wahrheit sagt fürchtet sich nicht davor, wer sie hört.” eine ungefähre Übersetzung aus der genannten Ansprache! Was will uns das sagen? Zumindest dass Theorie und Praxis in diesem Fall weit auseinander liegen!
Schlussbemerkung
In einer Zeit, da islamophobe Spinner das Wort “Kritik” dermaßen vergewaltigt haben und sich alles zu eigen machen, was sie als Munition gegen Muslime verwenden können, ist es schwer selbst berechtigte Kritik zu äußern. Diese Kritik wird dadurch allerdings nicht unwichtiger, sondern muss weiterhin vorgetragen werden. So halte ich es persönlich mit Verantwortlichen im Staat und - im kleineren Rahmen zugegebenermaßen - mit Verantwortlichen in gemeinnützigen Organisationen. Derweil habe ich nichts dagegen, Kritik unter vier Augen zu äußern, solange sie auch gehört wird und es Konsequenzen gibt. Wer aber Kritikern kein Ohr schenkt und glaubt, darüber zu stehen, der hat meine Skepsis und eine breitere Öffentlichkeit verdient.
- Die Essenz des Vorschlags ist Thema des ersten Artikels [↩]
- Vorbeter und Prediger [↩]
Kommentar von Belal El-Mogaddedi
Made Sonntag, 1 of Juli , 2007 at 09:49
wer kritik übel nimmt,
hat etwas zu verbergen.
helmut schmidt
diese nicht endend wollende “moscheeritis”, die gegen jegliche bekannte antibiotika resistent zu sein scheint, nimmt immer mehr die züge eines beschämenden schmierentheaters an, das dem guten ruf von muslimen nicht zuträglich sein wird.
öffentliche reden sind öffentliche reden, und sie dürfen öffentlich diskutiert und kommentiert werden, dies war schon immer so und sollte auch so bleiben, zumindest dort wo der rechtsstaat existiert und regeln des zusammenlebens definiert.
insofern ist die darstellung der problematischen ereignisse im internet, die die betreffende moschee seit mehr als einem jahr unnötig beschäftigen, nicht nur richtig und gut, sie ist auch dringend notwendig, weil nur so diese „moscheeritis“ erfolgreich bekämpft werden kann.
wunden brauchen sauerstoff, damit sie heilen können, das lernt der student der medizin im ersten lehrjahr, und die wunden, die diese „moscheeritis“ verursacht hat, scheinen tief zu sein, aber dennoch heilbar, vorausgesetzt man lässt luft an sie heran, ein bisschen sonnenlicht hat noch nie jemandem geschadet!
der islam ist vom ersten tag an eine öffentliche veranstaltung, das öffentliche wort ist die zentrale stärke der offenbarung. muslime werden durch den islam nicht zur geheimniskrämerei, zur praxis der verschlossenen türen, der abweisung, der kritikunfähigkeit und der elitären klüngelwirtschaft erzogen. „im dunkeln ist gut munkeln“ gilt nicht , wenn es um belange einer muslimischen gemeinschaft geht.
die lehre ist immer schon in der moschee verortet gewesen, und die kanzel ist der ort an dem lehre in ihrer schönsten form stattfinden kann, eine gute tradition.
die kanzel als einen ort der abkanzelung von personen, die einem nicht genehm sind, zu nutzen, stellt einen missbrauch dar, vielleicht sogar eine demagogie.
die öffentliche bloßstellung von personen ist ein instrument der politik, unsauberer politik, sie ist ein einschüchterungsversuch, sie kann nur als ein versuch verstanden werden, von verantwortlicher seite auf unbequeme fragen keine antworten geben zu müssen.
im wort verantwortung ist das wort „antwort“ enthalten, und muslime in verantwortlicher position sollten sich immer bewusst sein, dass sie nicht nur rede sondern irgendwann auch antwort stehen müssen.
abschließend sei angemerkt, dass das streben nach einem amt, und sei es nur das amt in einem vereinsvorstand, kein verwerflicher akt ist. im gegenteil, menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, stellen eine bereicherung für die gesellschaft dar.
allerdings existiert das ehrenamt wie auch jedes andere amt nicht jenseits von rechenschaft , es ist der auskunft verpflichtet, ohne „wenn“ und ohne „aber“!
für die schärfste Kritik, wenn sie sachlich bleibt, sollte man dankbar sein, dann erreicht man auch weite ziele, dies setzt voraus, dass man ziele hat und es schadet nicht diese der öffentlichkeit auch darzustellen!.
Kommentar von tarek
Made Sonntag, 1 of Juli , 2007 at 11:51
as salamu aleikum,
mashaAllah bilal, hervorragender kommentar zu dieser wirklich unseeligen geschichte.
und mashaAllah omar für das informieren all der anderen, die in der moschee BETEN und ARBEITEN und SPENDEN! da die moschee ein öffentliches haus ist, sehe ich es als eine pflicht des vorstands an,alle fair und “objektiv” über vorgänge zu informieren und zu beteiligen. ebenso wie es eine pflicht ist, sich als muslim am leben dieses öffentlichen hauses zu beteiligen.
der imam der moschee sollte als vertrauensperson den muslimen dort DIENEN. sie im missbrauch seines amtes zu manipulieren ist äußerst beschämend. ebenso wie es beschämend ist, muslimen, die sich engagieren wollen und an der arbeit in einer moschee partizipieren wollen, den mund zu verbieten, weil sie eine andere ansicht haben.
aus angst vor dem eigenen image-und machtverlust wird es wohl dieses jahr im ramadan auch keinen imam aus ägypten geben, der in der moschee zu gast ist und damit eine besondere stimmung für alle gläubigen schafft.
es gibt eigentlich kein treffendes deutsches wort, welches die große enttäuschung über das verhalten der brüder beschreiben kann.
wa aleikum salam
Kommentar von Engin Karahan
Made Sonntag, 1 of Juli , 2007 at 13:24
Assalamu alaikum,
ich hatte ja schon in einem Kommentar zum ersten Beitrag geschrieben, dass ich die Situation in eurer Gemeinde nicht ganz nachvollziehen kann.
Die von dir geschilderte Situation bestärkt mich jedoch in meiner Meinung, dass Islam und Elitarismus nicht miteinander können. Solange die Basis nicht in alles involviert wird und die Funktionsträger sich der Basis gegenüber nicht verantworten müssen, wird es immerwieder zu solchen Problemen kommen.
Dabei kann ich aber auch nicht verstehen, wieso die meisten in der Gemeinde kein Bedürnis haben, sich in der Gemeinde zu organisieren, d.h. Mitglied zu werden und nicht nur die Arbeit sondern auch die Entscheidungen mitzutragen.
Wassalam
Engin
Kommentar von khaled alzayed
Made Dienstag, 3 of Juli , 2007 at 13:48
Assalam alaikum,
ich habe durch andere Teilnehmer am Freitagsgebet von den Indiskretionen des Imams am letzten Freitag erfahren. Ist es nicht überraschend, dass eine rechtlich begründete Klage in einem Rechtsstaat als eine Gefährdung - Für wen und wofür ???- angesehen wird?
Eine Klage ist in einem Rechtsstaat Teil der gesellschaftlichen Normalität, die der Klärung von Missständen und Missverständnissen dient, wenn alle anderen Wege der Klärung gescheitert sind.
Gerichtliche Klagen sind auch Ausdruck von individuellem Verantwortungs- und Selbstbewusstsein, denn ein Rechtsstaat, in dem wir leben, braucht keine „Ja“ – Sager.
Damit alle Leser wissen, welche Forderungen seitens des Klägers gestellt werden, sollen sie an dieser Stelle erwähnt sein:
1- Offenlegung einer ordnungsgemäßen Mitgliederliste
2- Bestätigung der Mitgliedschaft
3- Annullierung der letzten Vorstandswahlen
Könnte ein vernünftiger Mensch mir erklären, wie diese Forderungen zur Schließung einer Moschee führen können - dies ist der Vorwurf der seitens der Vereinsverantwortlichen erhoben wird???
Die Furcht des Imams, dass eine Klage zur Schließung führt, ist rational nicht begründbar. Falls der Imam stichhaltige Gründe kennt, die seine Ansichten stützen, dann sollte er bitte diese der Gemeinschaft bei nächster Gelegenheit offen mitteilen.
Die Freitagskanzel ist ein Symbol für die Einheit der Muslime und für die Verständigung mit Nicht-Muslimen, sie sollte nicht zu einem Ort der Unruhestiftung, Propaganda und Manipulation entarten.
Ein Imamat ist zwar kein klerikales Amt, und es ist auch ganz und gar nicht sakrosankt, dennoch ist es Ausdruck einer öffentlichen Autorität, eines öffentlichen Respekts und aus diesen Gründen darf diese Würde nicht herabgesetzt werden, von niemandem, einen Imam eingeschlossen!
Das Vertrauen der Allgemeinheit in einen Imam stellt einen viel wichtigeren und gewichtigeren Wert dar, danach sollte ein Imam streben, darum sollte er sich bemühen.
Die persönliche Loyalität, die sich letztendlich nur in einer egoistisch motivierten Anhängerschaft und in einer Scheinrealität widerspiegelt, die beide dem sich verändernden Fluss der Zeiten unterliegen, werden nie ein Ersatz für das Vertrauen der Allgemeinheit in einen Imam sein können.
Die Klage könnte dazu beitragen, dass wieder zusammenwächst was zusammengehört!
Wassalam
Khaled Alzayed
