Tollpatschig, naiv, unschuldig und unglaublich unverdächtig - die Geschichte einer Krücke

Wie Terroristen einer Personenkontrolle entgehen können..

Tollpatschig

Fangen wir am Anfang an: Dienstag war ich am spätabendlichen Volleyballspielen. Dort habe ich zunächst einen Mitspieler beim Blocken angerempelt und später bin ich einem Gegenspieler - wieder am Block - auf den Fuß getreten. Als ich auf seinen Fuß gelandet bin - ich weiß nun nicht mehr, wer übergetreten ist - habe ich meinen Fußgelenk dermaßen verdreht, dass innerhalb einer Minute nach dem Unfall das Ausmaß der Schwellungen mehr als das doppelte des Gelenks erreicht hatte. Ein netter Mitspieler ging um Kühlung zu holen, die er in der Sportstätte nicht finden konnte. Also hielt ich anfangs meinen Fuß unter die Dusche, was aber nicht sehr viel gebracht hatte.

Mit weiter anschwellendem Fußgelenk - die Haut drohte schon zu bersten - entschied ich mich trotz gegenteiligen Empfehlungen zweier Mitspieler mich selbst zum Krankenhaus zu fahren. Gott sei Dank war das Krankenhaus nicht sehr weit, denn jede Ampel, an der ich halten musste und jeder Zebrastreifen, vor dem ich bremsen musste war eine Gefahr für mich und meine Umwelt (um 23:00 war die Umwelt natürlich dünnbevölkert..). Im Krankenhaus angekommen musste ich etwa 20 Minuten auf einen Arzt warten, der mich natürlich zunächst zum Röntgen schickte, um mir danach mitzuteilen, dass nichts gebrochen war (nahm ich auch nicht an), dass aber die äußeren Bänder am Gelenk gerissen seien.

Ich machte mich dann auf den Weg zum Wagen, wo ich abgeholt und nach hause gefahren wurde, mit der frohen Nachricht, einer frisch modellierten Gipsschiene samt Krücken und dem Versprechen, dass ich eine sehr viel praktischere Plastikschiene bekommen würde, sollte ich mich dazu durchringen in den nächsten Tagen einen Orthopäden aufzusuchen.

Naiv

Am Mittwoch hatte ich einen Termin in der Uni vorgemerkt, der nun ausfallen musste, wie es aussieht, denn ich wollte unbedingt und so schnell wie möglich einen Arzt aufsuchen, um die Schiene zu tauschen. Schau’n Sie, ich hatte mir vorgestellt, einen Arzttermin bekommen zu können - am gleichen Tag.. Die zweite Sekretärin, die ich anrief lachte nur und gab mir Hoffnung, dass sie bis Ende Juni einen Termin finden könnte. Die erste Sekretärin hat zwar nicht gelacht, aber da sie in einer Privatpraxis arbeitet konnte ich mir eine Behandlung dort abschminken - das hätte ich von alleine spätestens bei der Frage nach der Kreditkartennummer gemerkt, aber sie war so nett, mir das freiwillig mitzuteilen. Irgendwann erreichte ich dann eine Praxis, die mir einen Termin am Montag anbieten konnte.

Natürlich wollte ich vermeiden, dass ich am Freitag immer noch diese blöde und unförmige Schiene tragen musste. Das hat vor allem mit dem Freitagsgebet zu tun, in dem ich dann heute von allen möglichen Seite von sehr netten Menschen gefragt wurde, was ich da mit meinem Fuß angestellt hätte.. Nein, er ist nicht gebrochen, es ist nur ein Bänderriss und nein, der kam nicht vom Fußballspielen, sondern vom Volleyballspielen - ja, danke für die schönen Wünsche.. Wie gesagt, alle ganz nett und ich möchte nicht undankbar sein, aber irgendwann ist es nicht mehr schön, jedem einzelnen die Geschichte dieses höchst aufsehenerregenden aber ansonsten unspannenden Unfalls zu erzählen und irgendwann fehlen einem Variationen von Worten, um sich selbst damit zu unterhalten.

Unschuldig

Dieses Auftreten in der Moschee wollte ich aber auch aus anderem Grund vermeiden: Es gibt in der Moschee eine Ecke ähnlich der Frauenecke in der Kaaba, wo alte Männer anders als alle anderen auf Stühlen sitzen, statt auf dem Boden, da sie körperlich aus welchen Gründen auch immer nicht (mehr) in der Lage sind, alle Bewegungsabläufe des Gebets nachzuvollziehen. Diese Ecke ist in Anlehnung an die schwarze Färbung des Frauenbereichs in Mekka grün gefärbt durch die grünen Stühle, auf denen man dort im Allgemeinen sitzt.

Jedenfalls musste ich nun diese Ecke aufsuchen, da ich weder ordentlich stehen, noch auf dem Boden sitzen konnte, habe mir einen Stuhl geschnappt - Krücken beiseite räumen - und habe mich darauf fallen lassen. Ich inmitten der Senioren. Ich kann nicht sagen, dass ich aufgefallen bin, vor allem, da ich mich hinter einem besonders breiten Mann versteckt hielt. Da die Ecke im hinteren Teil der Moschee angesiedelt ist, hatte ich plötzlich den Vorteil, alle möglichen Aktivitäten von Moscheebesuchern während der Predigt zu beobachten. Von den üblichen Schläfern1 abgesehen ist mir ein Junge aufgefallen, der am Handy scheinbar ein 3d-Spiel gespielt hat, das ihn offenbar dermaßen gefesselt hatte, dass er davon nicht abließ, bis der Akku einmal quiekte, um zu signalisieren, dass jetzt aber endlich Schluss sei.

Von der Predigt selbst habe ich dadurch nicht sehr viel mitbekommen, aber zwischendurch ging es dem Prediger scheinbar darum, dass wir dankbar sein sollten..

Nun bewohnen diese grüne Ecke allwöchentlich “grumpy old men”, wie ich sie in meinem Kopf bezeichne. Es sind allesamt einzeln sehr nette Opis, von denen man fast erwartet, dass sie einem einen Bonbon in die Hand drücken werden. Wenn sie aber miteinander in einen Zwist kommen, dann sollte man das Weite suchen oder konsequent so tun, als würde man nichts hören. Als alle zum Gebet aufgestanden sind hatte der Vordermann meines Nachbarn seinen grünen Stuhl vor meinen Nachbarn geschoben, so, dass dieser darin eine Behinderung für sein Gebet gesehen hat. Er war der Meinung, dass der Stuhl ihn nun einengen würde. Nur der Anfang des Gebets konnte eine Eskalation an der Stelle vermeiden.

Aber wer dachte, dass damit der Streit zuende käme, lag weit daneben. Sekunden nachdem das Gebet zuende war, drehte sich Herr Vordermann und schielte vielsagend zu Herrn Nachbarn, der seinerseits anfing zu schimpfen ob dieser Verhinderung seines Gottesdienstes. Das konnte Herr Vordermann nicht unkommentiert gelten lassen und zweifelte an, dass eine Verhinderung überhaupt vorlag. Zur Demonstration riss Herr Nachbar Herrn Vordermann den Stuhl unter dem aufsteigenden Hintern - was ihn beinahe abrupt dem Erdboden entgegenkommen liess - und platzierte ihn dort, wo er sich ihn vorgestellt hatte, verbeugte sich zur Raqa’a und zeigte Herrn Vordermann, dass der Stuhl ihm im Weg stand, solange er sich so unflexibel in der Körperhaltung gab, wie er das gerne wollte..

Das ganze Theater ging einige Momente weiter, was die übrigen Moscheebesucher zu uns herüberschielen liess. Ich sass in der Zwischenzeit so still wie ich nur konnte und versuchte mich in der Kunst des Ignorierens. Das war recht schwierig, da beide Streitpartner mich als Zeugen für ihre jeweilige Sicht der Dinge heranziehen wollte. Ich wartete einen geeigneten Augenblick ab, um mich aus dem Staub zu machen - was angesichts der Suche nach den Krücken, dem Hinhumpeln und dem anschliessenden Gleichgewichthalten während des Anlegens recht schwierig war.

Unglaublich unverdächtig

Ich kämpfte mich nun durch den Dickicht aus freundlichen Grüssern durch, zog meinen einen Schuh an (ganz nebenbei: hat jemand schon mal auf einem Bein stehend versucht, einen Schuh dem auf dem Boden befindlichen Fuß anzuziehen? Das war interessant..) und machte mich nach einigen weiteren Fragen nach meinem Gesundheitszustand (nein, es war Volleyball) auf den Weg nach Hause.

Kaum vom Moscheegelände runter merkte ich, dass etwas nicht stimmte. Tatsächlich, am Ende der Strasse und damit auf meinem Weg zur U-Bahn-Station hatte ein Polizei-Bus geparkt und es wimmelte abwechselnd von in schwarzen Jacken gekleideten Polizisten und dunkelhäutigen Muslimen, die an der Straßenecke darauf warteten, dass die Polizisten sie aus der Tortur der öffentlichen Demütigung entlassen. Kein Zweifel: nach monatelangem Ausbleiben war in Hannover mal wieder eine “verdachtsunabhängige Personenkontrolle” angesagt - kaum vier Tage nachdem der Herr von und zu Innenminister Schünemann davon sprach und versicherte, dass die Mehrheit der Muslime diese Maßnahme guthießen.

Dass der Innenminister auch in diesem Punkt die Realität nicht kennt oder wissentlich lügt wurde mir sofort bewiesen, als ich mich einer Gruppe von ebensolchen Muslimen näherte, die grummelnd auf arabisch sich beschwerten, dass das eine Diskriminierung und eine unzumutbare Ungleichbehandlung darstelle. Später stellte sich heraus, dass die Polizisten alle Hauptgehwege von den umliegenden Moscheen zu U-Bahn-Stationen und der Uni abgeriegelt hatten und so die Moscheebesucher gezielt kontrollieren konnten - natürlich ohne Rücksicht auf Verspätungen, die damit für diese Menschen verbunden waren.

Während ich an der Truppe vorbeistakte wurde ich von einigen der Polizisten beäugt, die schließlich offensichtlich entschieden, ich könnte keine Gefahr für das deutsche Grundgesetz sein, so wie ich mit den Krücken umging. Ich bekam den Behindertenbonus, eine Wiedergutmachung für die vorherige Tortur!

Kleiner Zusatz

Auf dem Weg habe ich ein kleines Mädchen mit seiner Mutter überholt, die auch auf Krücken ging. Das Mädchen konnte sehr viel geschmeidiger und gekonnter als ich mit ihren Krücken umgehen und bei ihr sah es nicht aus, als würde sie zum ersten Mal Fahrradfahren wollen. Ich fragte sie deshalb - während wir um die Wette humpelten und uns gegenseitig angrinsten - , seit wann sie die Krücken denn trage. Sie antwortete, dass sie wohl übermorgen ihre Krücken beiseite legen dürfe. Die Mutter ergänzte, dass sie zwar erst zwei Tage die Krücken trug, aber vorher durchaus Erfahrung gesammelt hatte — das ist ein betrügerisches aber auch armes Mädchen..

Update: Wut war auch am Freitag in der Nordstadt und hat seine Beobachtungen in diesem Artikel festgehalten: Ein Hauch von Apartheid:

Der Innenminister des Landes Niederschlagsen Niedersachsen wäre gut beraten, wenn er solche Exzesse für die Zukunft unterbinden würde. Weder tut er “seinen” Polizeibeamten einen Gefallen, wenn ihre Aktionen aufdringlich nach Rassismus riechen, noch tut er den Menschen in Niedersachsen einen Gefallen, wenn die Aktionen “seiner” Polizeibeamten zu einer Radikalisierung gesellschaftlicher Minderheiten beitragen.

Respekt hiermit an Elias für die Zivilcourage, die er durch seinen Artikel zum Ausdruck bringt!

  1. hören Sie es rascheln?[]

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Comments

  • By Melantrys, 11. Mai 2007 @ 23:25

    Ja, was treibst du auch Sport; selber schuld… :P

    Hm, also, entweder stehen alle Muslime unter Generalverdacht und werden in unregelmäßigen Abständen beim Gang zur Moschee kontrolliert - also auch die mit Krücken - oder keine. So wird’s ja nur noch alberner. Obwohl. Geht das noch?
    Verdammt, ich kommentiere hier auf dieser überaus verdächtigen Seite und stelle solche Fragen…

    Gute Besserung!!!!

  • By Omar Abo-Namous, 12. Mai 2007 @ 16:24

    Danke Melantrys.

  • By Aisha, 12. Mai 2007 @ 22:10

    Gute Besserung! Das mit den Krücken kommt noch; Übung macht den Meister…

    Oh, wie habe ich die Kontrollen vermisst! Aber Quatsch: wir haben doch NICHTS dagegen, unter Generalverdacht zu stehen und auf offener Straße als “gefährliche” Muslime und diskriminierend dargestellt zu werden… Das die Menschen generell Angast vor uns haben - kein Wunder, Verfassungsschützern sei Dank!

  • By Omar Abo-Namous, 14. Mai 2007 @ 07:41

    Vielen Dank Aisha, ich hoffe, ich muss mich nicht daran gewöhnen.

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