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Das Medienbild des Islams

Sonntag, 20. Februar 2005, 18:20

Ich war gestern und vorgestern Gast bei zwei hervorragenden Vorträgen von Frau Dr. Sabine Schiffer. Im ersten Vortrag ging es um das Medienbild des Islams, im zweiten um die muslimische Frau in den Medien.

Dr. Schiffer hat eine sehr schöne Dissertation zum Thema Islam in der Presse geschrieben, das sowohl Muslimen als auch Nichtmuslimen bei der Beurteilung des Verhaltens des jeweils anderen helfen kann.Am Anfang zeigte Frau Schiffer einige Ausschnitte aus Berichten über den Islam. Die spezielle Schnitttechnik und die stete Verbindung zwischen negativen Bildern und dem Islam konnten sich immer wieder finden, ohne dass ein konkreter Zusammenhang ausgemacht wurde. Aber allein diese Verbindung - oft genug wiederholt - erzeugt Wahrheiten, die nichts mit der Realität zu tun haben. So wurden über die Jahre verschiedene gedankliche Bilder - betende Muslime (stets von hinten und dadurch sehr unpersönlich), kopftuchtragende Muslimas, Moscheen im Allgemeinen - mit Islamismus, Fundamentalismus und nicht zuletzt mit Gewaltpotential verbunden. Nun sind wir in der Position, dass es keine Symbole für den normalen Islam gibt! Deshalb unter anderem wird inzwischen nicht mehr der Unterschied zwischen Muslimen und Islamisten gemacht. Die Wortwahl wechselt, je nachdem wie korrekt der Sprecher/Schreiber sein will. Der normale Konsument solcher Medien wird immer mehr dazu verleitet, den Islam als monolithische Gesamtheit zu betrachten und dabei ihn auf die radikalen Gruppierungen zu reduzieren.

Dabei gebrauchen wir Menschen einen Mechanismus, um unser bereits bestehendes Weltbild zu schützen: Wenn uns eine Information erreicht, die nicht dem entspricht, was wir zu wissen glauben, dann interpretieren wir sie um oder wir erklären sie zur Ausnahme, die sie möglicherweise nicht ist.

Als Beispiele hat Dr. Schiffer zunächst einmal Benazir Bhutto, die als Primiärministerin eines islamischen Staates (Pakistan) denjenigen, die im Islam eine frauenfeindliche Religion sehen, durchaus Probleme bereitet hat. Die Erklärungsversuche dieses “Paradoxons” gingen von der Oxford-Ausbildung, die Frau Bhutto hatte bis hin zur Erbfolge, in der sie sich befand, die keineswegs den Umstand wirklich erklären konnten. Ausserdem wurde die Unterstützung durch die damaligen Schiiten (kurz nach der islamischen Revolution im Iran) als wahltaktische Vorgehensweise abgetan, um die Schiiten in ihrer Rolle als die Frauenfeinde schlechthin zu festigen (nur nebenbei hat die islamische Revolution im Iran hat das Wahlrecht der Frauen mit sich gebracht). Der gesunde Menschenverstand müsste doch annehmen, dass die Regeln, die man aufgestellt hatte, sich als falsch erwiesen hat..

Ein weiteres Beispiel ist der Fall Tariq Ramadan: Wenn er nicht in das vorgezeichnete Muster hineinpassen will (extremer Fundamentalist oder extremer Säkularist) wird er hineingepresst (was nicht passt, das wird passend gemacht!). Dazu wurde mir letztens eine Frage im w-w-w gestellt, in der ein Artikel aus der Frankfurter Rundschau zitiert wurde. Bemerkenswert an dem Artikel ist die Frage “Die Geister scheiden sich aber schon an einer simplen Frage: Ist Tariq Ramadan ein muslimischer Intellektueller oder ein Prediger? Ist er ein liberaler Moslem, der den Islam im Sinne westlicher Werte reformieren und einen europäischen Islam lehren will? Oder ist er ein “ideologisches U-Boot” der radikalen Moslembrüderschaft, der Europa geschickt unterwandert, wie Caroline Fourest in ihrem Buch Frère Tariq (Edition Grasset, 2004) behauptet?”. Die Frage wäre doch: kann er nichts anderes sein??

Weiterhin werden angebliche Tatsachen auch dadurch gefestigt, dass ständig das Gegenteil gefordert wird: Muslimische Organisationen in Deutschland haben sich schon desöfteren und laut und deutlich von Gewalttaten schriftlich, mündlich und ausdrücklich distanziert und sich zur deutschen Verfassung bekannt. Trotzdem wird immer wieder von ihnen gefordert, dass sie sich doch endlich von den Gewalttaten distanzieren sollen, was nur impliziert, dass sie’s nicht getan hätten, was nicht der Fall ist. Auch die nur als komisch zu bezeichnende Kritik an der Islam-Charta, die 2002 veröffentlicht wurde muss in diese Rubrik der Verfestigung von konstruierten Realitäten eingeordnet werden.

Muslimen wird die Möglichkeit, ihre Lage zu verbessern auch dadurch verwehrt, dass alles, was sie tun, stets kritisiert wird und desöfteren dadurch in unbegründeten Verdacht fallen. Aktive Muslime (in Moscheen, Vereinen usw.) sind offensichtlich gefährlich, Schläfer (die nichts besonderes tun, ausser Muslime sein) sind noch schlimmer - wenn es denn überhaupt möglich ist. Die Aussage “Schläfer streben besonders nach Einbürgerung” ist bereits gefallen, wodurch ein Moslem nichts mehr richtig machen kann! Wenn ein Muslim zu seinen Werten steht, dann ist er jemand, der sich nicht integrieren will und gefährliche Parallelgesellschaften aufbauen will; ahmt er alles nach, dann ist er jemand der sich besonders gut verdeckt und den Staat von Innen aushöhlen möchte!

Die Folge dieser Anschuldigungen und Stereotypisierung ist einmal auf islamischer Seite die Resignation, was sicherlich oft genug vorkommt. Da ich deren Meinung nicht ändern kann, tu’ ich jetzt einfach das, was ich tun will und kümmer mich nicht drum, wie das aufgenommen wird. Eine weitere mögliche Folge ist die Polarisierung und Radikalisierung auf beiden Seiten. Dies erleben wir bereits, wo Hasspredigten auf beiden Seiten stattfinden. Jede Seite glaubt sich in Gefahr durch die jeweils andere zu befinden.

Zuletzt kann auch eine der Folgen die Idealisierung auf beiden Seiten sein. Auf Seiten der Mehrheitsgesellschaft hält man sich für viel emanzipierter, weiter entwickelt und fortschrittlicher als man tatsächlich ist, der Blick dorthin lenkt von hier ab. Auch muslimische Referenten und Diskutanten idealisieren, wenn sie sich stark in die Enge getrieben fühlen und zeichnen ein rosarotes Bild der muslimischen Situation, in der es nur Positives gibt. Dadurch driften die Menschen noch weiter auseinander.

In der darauffolgenden Diskussion wurde Peter Scholl-Latours Berichterstattung (die von mir jetzt ausgeblendet wurde - jeder Bericht ist nur ein Teil der Wirklichkeit ;)) angesprochen. Dr. Schiffer verwies auf ein Buch mit dem Namen “Das Schwert des Experten” von Verena Klemm und Karin Härner herausgebracht haben und das sich im wesentlichen auf das Forschungsprojekt Konzeltour, einer Arbeitsgruppe des Orientalischen Seminars der Universität Hamburg, bezieht.

Auf den zweiten Vortrag (der nicht minder interessant war) werde ich an geeigneter Stelle eingehen. Auch würde ich gerne isa eine Review ihrer Dissertation schreiben - bis dahin..

Omar

1 Kommentar

Kommentar von khiabani

Made Mittwoch, 15 of Februar , 2006 at 14:13

Korrekturvorschlag:
sehr geehrte damen und Herren,

Frauen dürfen in Iran seit 1911 wählen [d.h. 7 Jahren bevor das Frauenwahlrecht in deutschland,1918, eingeführt wurde]

http://www.liga-iran.de/Frauen-in-Iran.htm

mfg
khiabani

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