Category: Islam

“Ich bin nicht so schrecklich, wie ihr denkt!” ??

author | 1. November 2010

Ich hab was gegen Vorurteile und bin auch nicht der Ansicht, dass man sie durch zur Schau gestelltes Negieren bekämpfen kann. Zum Einen beweist bekanntlich die Ausnahme stets die Regel, sodass das Zurschaustellen per se kontraproduktiv ist. Zum Anderen führt solches Zurschaustellen regelmäßig zur irreführenden Unterscheidung zwischen “gutem” und “bösem” [beliebige Minderheit einfügen]. Das hilft im Endeffekt nicht weiter.

Vor einigen Tagen hatte der Radiomoderator Juan Williams (bei NPR, in den USA) im Fernsehen folgenden Satz von sich gelassen:

Look, Bill, I’m not a bigot. You know the kind of books I’ve written about the civil rights movement in this country. But when I get on the plane, I got to tell you, if I see people who are in Muslim garb and I think, you know, they are identifying themselves first and foremost as Muslims, I get worried. I get nervous.

Schau, Bill1, ich bin keine bigotte Person2. Du kennst ja die Art Bücher, die ich über die Bürgerrechtsbewegung in diesem Staat geschrieben hatte. Aber wenn ich auf ein Flugzeug steige, das muss ich schon sagen, wenn ich Menschen sehe, die sich muslimisch kleiden und ich denke, du weißt, sie identifizieren sich zu allererst und vor allem als Muslime, werde ich verunsichert. Ich werde nervös.

Der Radiosender NPR hat Juan Williams wohl auf Grund dieser Aussagen entlassen. Man darf aber davon ausgehen, dass dem Mann die Mittel nicht ausgehen werden, denn sein Vertrag bei Fox wird nun wohl unkündbar werden. Ich weiß nicht, ob ich genauso gehandelt hätte wie NPR. Über die veröffentlichten Gründe und möglichen Gründe für die Entlassung gibt es bei Wikipedia genügend zu lesen.

Als Muslim fragt man sich allerdings, wie man auf solche Äußerungen reagieren soll. Man kann sie ignorieren – soll er doch Angst haben! Nur: diese Angst von ihm und anderen führt offensichtlich zu Gesetzgebungen, die Einschränkungen der Rechte von Muslimen bedeuten. Man kann Sanktionen fordern, aber dann ist der Vorwurf des Mundtotmachens gleich um die Ecke.

Einige Muslime sind der Meinung, dass es einer PR-Kampagne bedürfe. Also gehen sie in unsinnige Talkshows, lassen sich von jedem interviewen, der mehr als zwei Zuschauer vor den Fernseher locken kann und nutzen ansonsten jede Gelegenheit, um in perfekter und netter Sprache Menschen davon zu überzeugen, dass sie nicht bedrohlich sind. Immerhin gelingt es ihnen nachweisbar besser als denjenigen Muslimen, die glauben mit massenhaften Demonstrationszügen und möglichst lauten, möglichst arabischen und möglichst religiös konnotierten Sprüchen irgendetwas zum Positiven zu bewegen! Aber ist das ein Zeugnis von Erfolg? Wohl kaum.

Eine Gruppe von Muslimen hat sich im aktuellen Fall dazu entschlossen, viele verschiedene Bilder von Muslimen in “muslimischer Kleidung” zu portraitieren. Das Projekt “Pictures of Muslims wearing things” scheint sehr viel von Jon Stewart’s “The Daily Show” beeinflusst zu sein3. Tatsächlich finden sich viele Bilder von der “Rally to restore Sanity” vom 31.10..

Die Aufmachung der Seite und vor allem der Bilder ist ganz lustig und dadurch unterhaltsam, etwa hier:

My Wife is a Muslim and Not a terrorist, but I’m scared of her anyway.

Wie gesagt, lustig. Aber man muss sich fragen, was diese eigenartige peep-show eigentlich bringt?!

  1. Bill O’Reilly ist Moderator einer Fox-Sendung, in der er selbst regelmäßig u.A. Haßtiraden gegen Muslime (aber der Fairness halber auch gegen alle, die ihm nicht zustimmen) loslässt[]
  2. an sich schon eine komische Aussage![]
  3. Cue the more you know rainbow[]

Offener Brief an die Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel

author | 22. Oktober 2010

Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein:
Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.
Johann Wolfgang von Goethe

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Merkel,

am 03. Oktober 2010 hat der Bundespräsident Deutschlands Herr Christian Wulff aus Anlass des 20. Jahrestages der deutschen Wiedervereinigung, eine wichtige und kluge Rede gehalten. Die Rede des Herrn Bundespräsidenten setzt einen überlegten und intellektuell überlegenen Kontrapunkt zu dem Geschwätz ewig gestriger Freizeitgenetiker, die bedauerlicherweise breite Unterstützung in der deutschen Bevölkerung zu genießen scheinen.

Die Reaktionen auf Bundespräsident Wulffs Feststellungen über Muslimisches Leben und Islam in Deutschland sind insbesondere in den christlich-konservativ geprägten politischen Kreisen verhalten, ablehnend und im besten Fall qualifizierend. Auch Sie haben sich ganz offensichtlich von Ihrem Wunschkandidaten für das Präsidialamt in bedenkenswerter Weise distanziert.

Die Medien zitieren Sie mit der Aussage, dass das Bild des Islam in Deutschland stark durch die Scharia, fehlende Gleichberechtigung von Mann und Frau bis hin zum Ehrenmord geprägt sei. Darüber müsse gesprochen werden, denn ansonsten würden Ängste zunehmen und das kann nicht unser Anliegen sein.

Ich kann mich angesichts Ihrer Aussagen nicht des Eindruckes erwehren, dass Sie die positive Ausstrahlung der Rede des Bundespräsidenten in die deutsche Gesellschaft direkt und ohne Umschweife zu kontern versuchen, indem Sie die mittlerweile drei klassischen Schreckgespenster über Islam und Muslime in Deutschland schnell noch einmal unter das Volk streuen. Eigentlich fehlte nur noch der Begriff Terrorismus in Ihrer Aufzählung, um Ihr Gruselquartett vom Islam zu vervollständigen. Ihre Feststellungen verraten viel über Ihre Einstellung zu den Muslimen in diesem Land und offenbaren erschreckende Wissenslücken über den Islam.

Ihre selektive Wahrnehmung von Islam und Muslimen ist stigmatisierend und führt Ihr vermeintliches Anliegen, Ängste in der Bevölkerung zu reduzieren ad absurdum. Herrn Bundespräsident Wulff ist es mit seiner Rede in beeindruckender Weise gelungen einen hellen Lichtstrahl auf das immense Potential, das dem friedlichen und respektvollen Zusammenleben von Juden, Christen und Muslimen in diesem Land inne wohnt, selbstverständlich auf der Basis des Grundgesetzes – worauf denn sonst? – zu lenken. Ihnen ist bedauerlicherweise nichts Besseres dazu eingefallen, als den präsidialen Lichtschalter auszuschalten, um im Bild zu bleiben. In der Tat, es ist einfacher ein Atom zu spalten als ein bestehendes Vorurteil!

Ich muss annehmen, dass Ihre Haltung Ausdruck von zwingenden innenpolitischen bzw. wahltaktischen Abwägungsprozessen ist, Prozesse auf die Politiker immer gerne dann verweisen, wenn ihre Positionen ins Wanken gebracht werden. Ihre Haltung zur Rede ihres Parteikollegen wird dadurch nicht besser, im Gegenteil sie erscheint opportunistisch, dem mächtigen Zeitgeist unterworfen und offensichtlich der Tyrannei der herrschenden Fehlmeinung über Islam und Muslime geschuldet.

Ihr vorurteilsbehafteter und engstirniger Blick auf Islam und Muslime trägt nach meinem Empfinden fundamentalistische Züge, der die Welt in Gut und Böse, aufgeklärt und unaufgeklärt, rückständig und fortschrittlich aufteilen will.

Ihr eingeschränktes Wahrnehmungsmuster von Islam und Muslimen lädt geradezu dazu ein, den Spieß einmal umzudrehen und unter Zuhilfenahme Ihres selektiven Sichtfeldes einen Blick auf den Westen, auf Europa und Deutschland zu richten.

Dann ließe sich der Westen sehr einfach als expansives Monster karikieren, der sich nicht scheut in Muslimische Länder einzufallen, hundert Tausende von Muslimen ums Leben zu bringen und Millionen von Menschen jeglicher Lebensperspektive zu berauben, der Hochzeitsgesellschaften und Trauerzüge bombardiert oder auch ganz im Geiste der uneingeschränkten Solidarität Menschenansammlungen, die sich um Freibenzin bemühen zu Staub pulverisiert, der mit Waffen, in die Bibelstellen eingraviert sind, seine angeblichen Befreiungskriege/-kreuzzüge durchführt, um die ihn niemand gebeten hat, und der Unschuldige in Gefangenenlager jenseits jeder Rechtskonvention auf Jahre festhält, foltert und in nicht wenigen Fällen tötet.

Dann ließe sich sehr einfach Europa als ein verabscheuungswürdiger Hort des islamfeindlichen Rechtsradikalismus karikieren, in dem nationalistische und anti-demokratische Parteien wie die britische „British National Party“, die französische „Front National“, die niederländische „Partij Voor De Vrijheid“, die dänische „Dansk Folkeparti“ und die deutsche „NPD“ frei und offen agieren und den Rechtsstaat missbrauchen können, so lange sie nur ihren Hass auf Muslime und Islam konzentrieren. Und Deutschland? Mit einem auf Solingen, Mölln und Hoyerswerda verengten Blick, wo Menschen verbrannten und von einem deutschen Mob terrorisiert wurden, nur weil sie keine gebürtigen Deutschen waren, mit einem Blick in einen Dresdner Gerichtssaal, wo eine junge muslimische Frau aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit ermordet wurde, mit einem Blick auf die hasserfüllten Aussagen der Schwarzers, Giordanos, Ulfkottes und Broders über Muslime und Islam, mit einem Blick in die dezidiert islamfeindlichen Internetforen „Grüne Pest“ und „Politically Incorrect“, mit einem Blick auf eine Pfarrerstochter und einen Pfarrer, die einen Karikaturisten auszeichnen, dessen einziger Verdienst um die Meinungsfreiheit in einem demokratischen Gemeinwesen in der Verunglimpfung eines Propheten liegt, ja mit diesem Blick könnte man wahrhaftig ein sehr aufschlussreiches Bild von diesem sich selbst als rein christlich-jüdisch geprägten und aufgeklärten Land zeichnen!

Der Gefahr dieser selektiven und verengten Wahrnehmung erliege ich wie Hunderte von tausenden von Muslimen in dieser Bunten Republik Deutschland nicht. Die ideologisierten Bedenkenträger aus Kirche und Politik, die mit ihren Kommentaren zu der Rede des Bundespräsidenten in den üblichen religiösen Ausgrenzungsreflex verfallen, und ihr kulturelles Überlegenheitsgefühl pflegen, hat der Bundespräsident mit seiner Rede nicht nur aufgeschreckt, er hat sie in ihrer Lebenslüge bloß gestellt. Ich als muslimischer und europäischer Staatsbürger habe mich nie damit begnügen wollen, von der Mehrheitsgesellschaft toleriert zu werden, das war und ist mir eindeutig zu wenig!

Bundespräsident Wulff hat sich in seiner Rede auf Johann Wolfgang von Goethe berufen, darum möchte ich mein Schreiben mit dem folgendem Zitat von Goethe beenden:

„Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein:
Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“

Der Bundespräsident Wulff hat die Muslime Deutschlands akzeptiert (!), dafür danke ich ihm ausdrücklich. Wann, Frau Bundeskanzlerin, werden Sie endlich aufhören Muslime zu beleidigen und ihre unerträglichen Schreckgespenster über Islam und Muslime begraben?

Mit freundlichen Grüßen

Mohammad Al-Faruqi

Netzwerk Zahnräder

author | 25. September 2010

Derzeit ist das erste “Netzwerk Zahnräder” im Gange (und zwar bis Sonntag) und einige hatten sich noch einmal zum Schlafen Hinlegen hingelegt. Das Treffen ist entsprechend eines barcamps ausgelegt, nur dass hier jeder Teilnehmer einen Vortragsvorschlag eingereicht hatte. Es werden im Verlauf des heutigen Tages etwa 24 Vorträge/Workshops zu unterschiedlichen Themen, die wir gestern (und bis heute 9:00) abstimmen durften. Ich bin in der glücklichen Situation, dass mein Thema (verrat ich nicht) nicht sehr verständlich1 war und dementsprechend mich auf die faule Haut legen und diskutieren2 kann.

Gestern wurde es ziemlich spät, es war aber eine sehr anregende Diskussion. Es ist interessant, was man alles an einem Abend alles lernen kann. In dieser Hinsicht ist die Veranstaltung schon jetzt ein Erfolg. Heute ist der Haupttag und da wird es interessant, wie organisiert die Vortragenden jeweils sein werden und wie engagiert die Diskussion geführt werden kann.

Das Orgateam hat ihre Arbeit scheinbar gut gemacht, da ich bislang die Kennzeichen von Hektik nicht übermäßig gesehen habe. Einen ersten Bericht gibt es hier: Jung, kreativ, Muslim – Netzwerk “Zahnräder” tagt in Wuppertal.

  1. codewort für langweilig[]
  2. codewort für stressmachen[]

Frohe Botschaft: Morgen ist Eid-al-Ramadan?!

author | 8. September 2010

Tja, wieder stellt sich die Frage nach der Neujahrssichtung und ich wähle wieder als therapeutisches Mittel das Schreiben, um für mich zu einem Ergebnis zu kommen. Die Frage ist:

Ist das Fastenbrechenfest, das Eid-al-Fitr, Bayram oder Neudeutsch Zuckerfest schon morgen oder erst übermorgen?

Die Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Ich würde mich am liebsten nach der Mehrheit in Deutschland richten und die wird nunmal durch die im Koordinationsrat der Muslime vertretenen Verbände gestellt, die allesamt morgen, Donnerstag, zum ersten Festtag deklariert haben. Das Problem ist nur: Ich bin wissenschaftlich eher von den Erklärung von mondsichtung.de oder moonsighting.com überzeugt, die nämlich erklären, dass die Mondsichel (in etwa sechs Stunden) lediglich in Südamerika (Südargentinien und Chile) zu sehen sein wird und diese Orte nicht nur im Normalfall die Sichtung nicht melden, sondern vor allem auch einfach etwa von Europa viel zu weit weg sind und nur durch die willkürliche Festlegung der Datumsgrenze zufällig nicht zu unserem ‘nächsten’ Tag gehören. Das ist eigentlich ein recht schlagendes Argument. (Die Argumentation des European Council for Fatwa and Research überzeugt ganz und gar nicht!)

Nur – und das nennen die Mondsichtungsseiten selbst auch – in 1978 sollen sich die im OIC vertretenen muslimischen Länder anscheinend darauf geeinigt haben, diese Art der Berechnung der Sichtungsmöglichkeit zuzulassen. Also man müsste annehmen, dass es bereits weitestgehend einen Konsens gibt, der darauf abzielt, den Donnerstag als ersten Tag des Festes zu wählen.

Nix da! Wie es scheint werden Muslime in den meisten Ländern morgen weiterfasten und erst am Freitag das Fest begehen. Auf moonsighting.com gibt es eine lange Liste, bei der man schon sehen kann, dass lediglich das European Council for Fatwa and Research und zwei Regionen Leeds in Großbritannien und Dearborn in den USA, sowie teilweise einige schiitische Gelehrte das Fest auf den Donnerstag legen, während alle anderen Staaten den woanders sehen – im Übrigen auch europäische Staaten wie Irland, Frankreich, die Niederlande, Luxemberg und Schweden.

Was macht man also jetzt? Gehe ich nach dem, was mich wissenschaftlich überzeugt und was zufällig auch noch die weltweite Mehrheit der Muslime tun wird oder gehe ich nach dem, was die Mehrheit der deutschen Muslime tun wird – also meine direkte Nachbarschaft? Erschwerend kommt noch hinzu, dass mein Vater ziemlich schnell angekündigt hat, dass er morgen fasten wird, meine Mutter wahrscheinlich ebenso!

Ich habe eine Lösung: Morgen bin ich nicht da. Ich bin nicht hier. Ich bin auch nicht da. Morgen werde ich per Cut für eine kurze Weile verschwinden und dann erst am nächsten Tag auftauchen, als sei nichts gewesen. Ich könnte ja den angeblich letzten Ramadantag und angeblich ersten Festtag auch einfach verreisen und somit auf jeden Fall mein Fasten brechen. Ich könnte aber auch nicht fasten, aber den ganzen Tag nichts essen und nichts trinken?!!?

… ich bin frustriert.

Offener Brief an die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

author | 11. August 2010

Anbei veröffentliche ich einen offenen Brief an die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit ab, dem ich mich anschließe. Die FDP-nahe Stiftung hatte Necla Kelek mit dem “Freiheitspreis” geehrt.

z.Hd.v.
Wolfgang Gerhardt MdB, Vorstandsvorsitzender der Stiftung
Prof. Jürgen Morlok ,Vorsitzender des Kuratoriums
Karen Horn, Vorsitzende der Jury
Karl-Marx-Straße 2
14482 Potsdam

Sehr geehrte Frau Horn,
sehr geehrter Herr Gerhardt,
sehr geehrter Herr Professor Morlok,

stellen Sie sich bitte einmal kurz vor, Sie hätten heute in Ihrem Briefkasten folgende Mitteilung vorgefunden:

„Die Internationale Gesellschaft für die Geschichte der Rhetorik/International Society for the History of Rhetoric verleiht aus Anlass der vom 18.-22. Juli 2011 in Bologna/Italien stattfindenden Konferenz einen Sonderpreis für herausragende, historische, rhetorische Leistungen posthum an Joseph Goebbels.“

Sie hätten zu Recht mit Verachtung und Empörung auf eine derartige Preisverleihung reagiert, weil sie den elementaren Grundsätzen eines liberalen Rechtsstaates widerspricht. Sie werden sich fragen, was diese kleine, erfundene Geschichte mit Ihnen bzw. der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit zu tun hat.

Ihre Entscheidung den Freiheitspreis Ihrer Stiftung in diesem Jahr der Soziologin Frau Necla Kelek zu verleihen, ist für mich Auslöser des obigen Gedankenbildes gewesen. In der Begründung zu Ihrer Entscheidung schreiben Sie:

„Necla Kelek ist der lebendige Beweis dafür, dass der Islam und der freiheitlich-demokratische Wertekanon keine Gegensätze sind. In der Integrationsdebatte, in der es immer auch um Grundsätzliches geht, hat Frau Kelek stets klar Position für den Wert der Freiheit bezogen. Ihr Beispiel zeigt, wie gut Muslimen die Integration in die europäische Wertegemeinschaft gelingen kann. Sie ist eine zeitgenössische Vertreterin der Aufklärung.“

Die Naumann-Stiftung will mit diesem Preis Persönlichkeiten würdigen, „die Impulse für eine liberale Bürgergesellschaft gegeben haben und auf diese Weise zur Fortentwicklung freiheitlicher Ziele und Werte beitragen“.

Diesem Anspruch ist die Stiftung mit der Verleihung des Preises an Hans Dietrich Genscher und Maria Vargas Llosa sicherlich gerecht geworden, aber die Verleihung des diesjährigen Preises an Frau Kelek konterkariert diesen Anspruch, er führt ihn ad absurdum.

Frau Kelek, die sich in der Rolle der vermeintlichen Islamkritikerin gerne gefällt, beweist mit ihren un- und disqualifizierenden Äußerungen über Islam und Muslime, dass sie von zwei Dingen nichts versteht, nämlich vom Islam und der hohen Kunst der konstruktiven Kritik.

In der Sendung des ZDF „Forum am Freitag“ vom 16.07.2010 hat Frau Kelek Folgendes über Muslimische Männer zu sagen: “Der (muslimische) Mann ist ständig herausgefordert. Er muss sich entleeren, heißt es, und wenn er keine Frau findet, dann ein Tier oder eine andere Möglichkeit, wo er dem nachgehen muss. Es hat sich im Volk so durchgesetzt, es ist ein Konsens.“ Muslimische Frauen, die den Hidschab wahren, werden von Frau Kelek im selben Interview mit dem ZDF-Journalisten Kamran Safarian als „Islam bitches“ (in der deutschen Übersetzung: Islam-Nutten bzw. Islam-Schlampen!) bezeichnet.

Soll das ein lebendiger Beweis dafür sein, „dass der Islam und der freiheitlich-demokratische Wertekanon keine Gegensätze sind“, mit dem Sie Ihre Preisverleihung an Frau Kelek erklären? In Form und Inhalt erinnern mich Frau Keleks Äußerungen an den über Jahrhunderte hinweg gebräuchlichen, hasserfüllten Begriff und das Bild der „Judensau“. Soll diese Sprache und dieses Gedankengut für mich als deutscher Muslim Beispiel dafür sein „wie gut Muslimen die Integration in die europäische Wertegemeinschaft gelingen kann.“ Ausgezeichnete Fäkalsprache als Ausdruck gelungener Aufklärung und Integration?

Angesichts dieser Faktenlage hätte wohl auch der ermordete niederländische Filmemacher Theo van Gogh, der Muslime als „Ziegenficker“ bezeichnete, gute Chancen auf Ihren Friedenspreis gehabt.

Frau Keleks geistige Ergüsse über den Islam kann man selbst bei wohlwollender Betrachtung nicht einmal als Halbwissen durchgehen lassen. Muslime sind nicht erhaben über Kritik, und sie akzeptieren auch scharfe Kritik, wenn sie nur sachlich bleibt. Aber Frau Keleks Äußerungen lassen daran zweifeln, ob sie jemals die Bücher, die sie kritisiert, wie z.B. den Quran oder die Hadith-Sammlungen im Original bzw. im Kontext eines authentischen Kommentars überhaupt gelesen hat. Ihre Äußerungen lassen viel mehr den Schluss zu, dass sie auf der „Hau den Muslim“-Welle reitend, ihre Bücher Gewinn bringend zu vermarkten sucht.
Der deutsche Ethnologe Werner Schiffauer hat Folgendes zu Frau Kelek festgestellt:

„Die Deutschen haben nur auf jemanden wie Kelek gewartet, der all das bestätigt, was sie schon immer über Muslime gedacht haben.“

Hier muss man Brecht zitieren, der die Kunst der Speichelleckerei zu den wenigen nicht brotlosen Künsten zählte, denn „die Speichelleckerei nährt ihren Mann“, in diesem Fall die Frau!

Der im Jahr 2008 verstorbene Literatur-Nobelpreisträger Harold Pinter hat einmal festgestellt, dass Kritiker nichts anderes sein als einbeinige Dozenten über den Weitsprung; hätte er Frau Kelek gekannt wäre er sicherlich noch einen Schritt weitergegangen!

Nun weiß ich endlich, dank der Preisverleihung an Frau Kelek durch Ihre Stiftung, wie die FDP über Muslime und Islam denkt. Ich erfahre gerade, dass die FDP Hasspredigt und billigsten Gossenpopulismus mit Liberalität gleichsetzt, diese sogar als preiswürdig erachtet. Dass jemand wie Frau Alice Schwarzer die Laudatio – welch eine verhöhnende Fehlbezeichnung! – auf Frau Kelek halten soll, setzt dieser schändlichen Preisverleihung nur noch eine gewaltige schiefe Krone auf.

Die FDP war bei Wahlen für mich bis heute immer eine Alternative zu den großen Parteien, insbesondere bei der Vergabe meiner Zweitstimme. Im März 2009 wurde in einer Umfrage festgestellt, dass nur 0,9 % der Deutschtürken die FDP wählen würden. Ich will Ihnen versichern, dass Ihre Entscheidung große Empörung und Unverständnis unter Muslimen ausgelöst hat. Viele in der Muslimischen Gemeinschaft werden sich nun dafür engagieren, dass der oben genannte Prozentwert in Zukunft unter wahlberechtigten Muslimen nicht steigen wird, getreu dem Grundsatz Friedrich Naumann’s „Erst wenn der Einzelne sich einmischt, kann eine liberale Gesellschaft wachsen“, damit, frei nach Friedrich Naumann, Freiheit eben nicht als Lizenz zur spaltenden, Hass säenden Dummschwätzerei missbraucht werden und Achtung erfahren kann.

Werden Sie Ihre Entscheidung überdenken oder identifizieren Sie sich mit Frau Keleks verunglimpfenden Aussagen über Muslime und Islam?

In diesem Sinne

Bilal Al-Faruqi

Terroranschlag in Athen tötet griechischen Minister – was, wenn es ein Muslim wäre?

author | 25. Juni 2010

Zurecht fragt loonwatch in der Serie “What if they were muslim?“, wie die Reaktionen ausfielen, wenn der heutige Anschlag auf das Zivilschutzministerium eindeutig Muslimen zugeordnet werden könnte.. Wahrscheinlich würde die Tagesschau-Seite die Nachricht nicht erst an sechster Stelle bringen…

und im Artikel hätten sie zumindest einmal eine Abwandlung des Begriffs “Terror” nicht in Anführungsstriche gesetzt:

Der griechische Regierungschef Giorgos Papandreou verurteilte die Tat als “terroristischen Anschlag”. “Während unser Land und unser Volk täglich kämpft, um die Krise zu meistern, wollen feige Mörder unsere Demokratie und die griechische Gesellschaft verletzen”, erklärte er am Abend. Die “Terroristen” würden ihr Ziel nicht erreichen. “Sie werden die Antwort bekommen, die sie verdienen – nicht nur vom Staat, sondern auch von der Gesellschaft”, hieß es in der Erklärung Papandreous weiter.

Wie sagt man so schön: Nicht alle Muslime sind Terroristen, aber (fast) alle Terroristen sind Muslime. Das ist vor allem deshalb der Fall, da per Definition aufsehen erregender Terrorismus nur von Muslimen begangen werden kann! Hier aber scheint offenbar nur der griechische Regierungschef der Meinung zu sein, dass es “Terror” war, der dort verübt wurde. Für die Tagesschau ist das noch fraglich..

Verband demokratisch-europäischer Muslime übt sich in Selbstkarikatur

author | 30. Mai 2010

Anfang des Monats hat sich der “Verband demokratisch-europäischer Muslime” (VDEM) gegründet und als wäre die neuerliche Wahl der gar zusammengesetzten Adjektive im Namen nicht Belustigung genug1, liefert der Verein in seinen ersten Veröffentlichungen eine Selbstkarikatur, die glauben macht, dass der Verein nur satirisch gemeint ist. Nun könnte ich mir den Abend mit dem Versuch einer konstruktiven Kritik nicht nur am Verein, sondern auch an der neumuslimischen Entdeckung der sprießenden Vereinsgründungen2 (und offensichtlich der Vertretung der vielbeschworenen ‘schweigenden Mehrheit’), verderben, aber ich entscheide mich lieber für die sehr viel einfachere und um einiges belustigendere Art der Selbstheilung durch Veralberung. Mehr hat schließlich kein Verein verdient, der Bassam Tibi3 und Necla Kelek4 als Mitglieder vereint.

Der Verein gibt sich “neuzeitlich”, ist aber stark von der partikularen Substanz von – wie ich es nenne – “Blubb” gefüllt. Hier ein Beispiel:

Der Generalsekretär Herr Schmidt-El Khaldi erklärt: „Es wird Zeit, dass in das Bewusstsein der Muslime in der Gesamtheit auch Ansichten Eingang finden, die nicht nur einzig auf Traditionen, sondern genauso auf modernen Erkenntnissen fußen.“

Ich hab jetzt mehrere Arten formuliert und wieder weggestrichen, wie ich mich über diesen inhaltslosen und wirklichkeitsverstellenden Satz lustig machen könnte. Die meisten Formulierungen waren so kompliziert, dass kein anderer sie verstanden hätte und die restlichen bestanden aus einer abartigen Unzahl an “Duh!”s, die also nur das Offensichtliche nennen.

Wie gesagt, das meiste ist “Blubb” und es finden sich nur wenig konkrete und praktische Sätze in der Gründungsmittelung, der Präambel oder dem Plädoyer, die derzeit auf der Internetseite des Verbands veröffentlicht sind, um den Verein gegen andere Vereine abgrenzen zu können – etwa dem angehenden “Verein liberaler Muslime”, aber natürlich auch den meisten anderen muslimischen Verbänden. Der Verband hat aber offenbar schon ein ganz konkretes Ziel:

Der VDEM erklärt sich bereit an der Islamkonferenz teilzunehmen, falls der Ruf aus Berlin käme.

Der “Ruf” des Innenministers zur Islamkonferenz wird also nicht unerhört bleiben. “Wir sind die willfährigen Muslime, die Ihr gesucht habt, Euer Durchlauchter.” Alle anderen muslimischen Organisationen, die ihre opportunistische Ergebenheit formulieren, können diesem Verein in der Devotheits-Disziplin nicht das Wasser reichen. Im Deutschlandradio Interview formuliert das der Vizepräsident Reza Hajatpour selbst nach der blamablen Fragestellung des Moderators, der die “Selbsteinladung” des Vereins ausspricht.

Pokatzky: Sie haben Ihren Verband ganz kurz ja vor der jüngsten Islamkonferenz gegründet, und Sie haben in Ihrer Gründungspressemitteilung auch am Ende Ihre Bereitschaft erklärt – das war quasi so eine Art Selbsteinladung schon fast -, an der Islamkonferenz teilzunehmen. Sie sind, es war ja auch sehr kurzfristig, nicht eingeladen worden. Hoffen Sie denn darauf, in Zukunft bei der Islamkonferenz dabei zu sein?

Hajatpour: Ja, das hoffen wir, gerne sogar.

Pokatzky: Ist Ihnen da schon was signalisiert worden aus der Politik, dass Sie eingeladen werden?

Hajatpour: Nein, das war sehr kurzfristig.

Wird den Leuten denn das Peinliche an dieser Situation nicht klar?

Jedenfalls hat der Verband nun einige Zeit, die er anderweitig füllen muss, um nicht vollends in der Versenkung zu landen. Zeit, sich selbst zu finden, so ziemlich direkt nach der Gründung! Hier:

Als nächstes wird der Verband eine Grundsatzkommission bilden, in der Experten und Kompetenzträger theologische, gesellschaftliche und politische Fragestellungen zum Islam analysieren und ausarbeiten werden.

Was wollte der Verein denn bei der DIK sonst vorstellen, wenn er noch nicht einmal eine Grundsatzkommission besitzt, geschweige denn dass diese zu irgendwelchen verwertbaren Ergebnissen gekommen ist? Was red’ ich da? Die Grundsatzkommission hat nur vor, Fragestellungen zu “analysieren” und vor allem “auszuarbeiten”. Keiner spricht hier von Ergebnissen oder gar von Ansätzen einer Beantwortung!

Naja, jetzt hat der Verband Zeit bis zur nächsten Staffel der DIK. Zeit, nicht nur um seine Ziele praxisrelevant festzulegen, sondern auch an den Deutschkenntnissen seiner Funktionäre zu arbeiten. Deren Grammatik und Satzbau machen neben dessen inhaltlichen Salat ihre Aussagen vollkommen unverständlich. Bei der Zeichensetzung und Rechtschreibung glaube ich schon fast, dass die tiefreligiöse Liberalität des Vereins durchgreift. Anders kann ich mir diesen Satz nicht erklären:

Alle Muslime zusammen unabhängig davon, ob der/die einzelne einen sunnitischen, schiitischen oder alevitischen Hintergrund hat, sind eingeladen einen Islam zu etablieren, der sich mit den Fragestellungen unserer Zeit beschäftigt und nicht versucht auswendig gelerntes blind anzuwenden.

  1. “aufgeklärt-überregional”, “progressiv-postmodern” (auch Propo-Muslime) oder “rechtstaatlich-dadaistisch” hätten es doch auch getan[]
  2. nach dem Motto viel-hilft-viel[]
  3. ist er nicht ausgewandert??[]
  4. ja, wirklich, DIE Necla Kelek![]

Integriert und Vollintegriert

author | 21. Mai 2010

In Deutschland sind bekanntermaßen alle Menschen willkommen, natürlich auch Muslime. Ob sie mit Leib und Seele voll integriert sind oder lediglich “integriert”, spielt dafür keine große Rolle. AggroMigrant hatte festgestellt, dass die 18-Jährige Selbstdarstellerin Autorin Melda Akbas vom deutschen Spiegel höchstrichterlich eine Auszeichnung zugute kam, die hier zu finden ist. Fälschlich nimmt er an, dass Frau Akbas “voll integriert” sei. Das stimmt natürlich nicht, hat er aber – auf der positiven Seite – die Nachfrage in Facebook angeregt, was denn der Unterschied sei zwischen “integriert” und “voll integriert” sei.

Es gibt einen Unterschied.

Wer abends nach der Arbeit1 ein Bierchen schluckt und dabei Fußball guckt und – bitte schön – nicht ans Kinderkriegen denkt2, der kann sich zumindest schon auf die unterste Stufe des “Integrationsgipfels” setzen. Beispiele gibt es viele, die wenigsten schaffen es zu mehr Ruhm als ein paar Zeilen in einer Lokalzeitung. Manche – wie Melda Akbas – schaffen es ein wenig weiter, aber wenn sie daneben nichts anzubieten haben, bleibt es dabei.

“Voll integriert” ist ein Markenzeichen – so in etwa wie ein Bundesverdienstkreuz3 -, das zwar Spiegel und Co. ausstellen könnten, das aber vornehmlich von Innenministern und anderen Ministern ausgestellt werden kann. Was muss man dazu tun? “Volle Integration” ist abstammungsabhängig. Ein Muslim4 muss sich auf jeden Fall von seinen Mitmuslimen aufs Schärfste und pauschal distanzieren. Er muss jederzeit einsatzbereit sein, wenn es darum geht, anderen Muslimen auf den Kopf zu hauen und die “Aufnehmergesellschaft”5 zu loben, sowie die gedachte “Leitkultur” zu verteidigen.

Nein, Frau Akbas ist nicht “voll integriert”. Ein gutes Beispiel für “voll integriert” ist etwa Hamed Abdel-Samad. Er hat zwar einen deutlichen Akzent und seine deutsche Sprache weist hier und da einige Schwächen auf, aber er benimmt sich so gut und macht sich für Minister unverzichtbar, die die wachsende Islamfeindlichkeit bedienen möchten. Necla Kelek ist ein weiteres Beispiel. Bis kurz nach ihrer Dissertation war sie mäßig integriert. Bildung ist tatsächlich überhaupt kein Indiz dafür, dass jemand integriert ist. Als sie aber ihr erstes populäres Buch veröffentlicht hatte, da galt sie schon fast als “voll integriert”. Das dürfte heute allemal der Fall sein.

Danke für die Aufmerksamkeit. Das nächste Mal ist der Unterschied zwischen “Banane” und “voll Banane” an der Reihe!

  1. “Arbeit” ist relativ. Es wird Verständnis für Türken und Russen gezeigt, die lediglich niedere Arbeiten verrichten. Das ist zwar ein Hindernis dafür, an vielen sozialen Aktivitäten geschweige denn am politischen Leben teilzuhaben, aber noch lange kein Hindernis fürs “Integriertsein”[]
  2. sowieso nicht ans Heiraten. Ein guter “Integrierter” hat gefälligst eine Freundin (aus demselben Kulturkreis wohlgemerkt) zu haben[]
  3. ja, manchmal tatsächlich so ein Teil[]
  4. ja, hier ist der “Türke” gemeint, wie Marokkaner bis Indonesier und alle, die sich ähnlich kleiden, genannt werden dürfen. Keiner hat Lust darauf zwischen Herkunft und Religion zu unterscheiden![]
  5. also die barm- und großherzigen, netten, lieben aber auch starken und ansonsten alle guten Eigenschaften vereinenden Toitschen[]

Warum “Labelmuslime” immer unglaubwürdig bleiben werden..

author | 12. Mai 2010

In ihrem neusten “islamischen Wort” titelt Hilal Sezgin “Liberal im Islam” und greift vornehmlich eine eher lange Debatte von vor ein paar Wochen in Facebook auf. Darin ging es u.A. um den von Lamya Kaddor versprochenen Verein “Liberaler Muslime”, der von einigen Muslimen – in der Diskussion – als vermarktungsstrategie bei gleichzeitiger politischer Disqualifizierung anderer Vereine kritisiert wurde. Ich habe einige Probleme mit dem Text von Hilal Sezgin, die ich gerne ob der fehlenden Zeit nur in Kürze darstellen möchte1.

Was ist Islam?

Ein zentraler Absatz des Artikels ist dieser hier:

Liberal, oder modern, oder reformerisch ist die Art des Islams, der ich anhänge, indem ich nicht glaube, dass es einen exakten Weg für alle gibt, der allein den richtigen Islam darstellt. Ich persönlich hänge nicht der Orthodoxie an, oder, korrekter: der Orthopraxie. Selbstverständlich denke ich, dass es ein Minimum an Grundüberzeugungen gibt, die den Islam ausmachen – so die beiden Inhalte der Schahada, auch die fünf Säulen. Aber schon bei der konkreten Umsetzung der fünf Säulen wird es kompliziert. Es gibt viele Muslime, die sich nicht exakt an die Tradition der fünf Säulen halten. Ich selbst gehöre dazu. Sind wir deswegen schlechte Muslime? Schlechtere? Vielleicht, vielleicht auch nicht.

Eines möchte ich vorweg klären: Frau Sezgin macht einem die Diskussion über den Artikel dadurch schwer, dass sie sich zumindest teilweise persönlich darin beschreibt. Das versuche ich im Folgenden soweit wie möglich zu ignorieren, da ihre persönliche Glaubenspraxis nicht nur irrelevant, sondern für mich auch gar nicht zur Bewertung steht. Vielmehr geht es mir um die generalisierbaren Aspekte des Artikels.

Zunächst einmal: Das Wort “exakt” im “exakten Weg für alle” ist natürlich relativ! Das ist deshalb wichtig, da Frau Sezgin recht willkürlich die ‘fünf Säulen’ als Grundlage für den Islam benennt. Willkürlich ist dies, da sie nicht sagt, wie sie darauf kommt, dass die fünf Säulen Grundlagen des Islams seien. Jemand, der die fünf Säulen nicht als Grundlage sehen möchte, kann ja für sich sagen, es gäbe keinen “exakten Weg” und sein Weg beinhalte eben nicht diese Säulen. Wie kommt Frau Sezgin darauf, diesen Menschen aus dem Islam auszuschließen? Sie macht doch denselben Fehler, den Muslime machen, die etwa all diejenigen, die Alkohol trinken als Nichtmuslime ansehen.

In ihrer Relativierung der fünf Säulen steckt eine weitere Unlogik: die fünf Säulen seien “Grundüberzeugungen”. Dabei ist nur die erste Säule etwas, woran man glauben oder wovon man überzeugt sein kann. Zur Erklärung: Die fünf Säulen umfassen gemeinhin das Glaubensbekenntnis2, das Gebet3, die Zakat4, das Fasten des Monats Ramadan und die Pilgerfahrt. Bis auf die erste Säule handelt es sich also um rein praktische “Säulen”, also um Aufforderungen zum praktischen Handeln! Wie ist der von ihr gewählte Begriff “Grundüberzeugung” in diesem Zusammenhang zu verstehen?

Die Differenzierung zwischen der “Überzeugung” von einer Säule und ihrer praktischen Durchführung wird dann im Artikel von Frau Sezgin über die alltägliche Praxis “viele[r] Muslime” gerechtfertigt. Natürlich gibt es viele Muslime, die in ihrem Alltag nur wenig dieser Säulen tatsächlich anwenden, aber warum sollte sich dann die Definition des Islams dadurch ändern? Wenn sich jemand als Muslim bezeichnet und sagt, er glaube an die Existenz mehrerer Götter, ändert das am Monotheimus des Islams ja nichts, sondern stellt diesen Menschen zunächst vor das Problem der Konsolidierung seines Mehrgottglaubens mit den Quellen des Islams! Genauso muss es natürlich auch für die Handlungen der einzelnen Menschen gelten.

Was ist liberal?

Leider eröffnet die schwache Definition in diesem Hilal’schen Absatz weitere Ungereimtheiten. Die Grundfrage “was ist Islam” wird nicht beantwortet und anstelle dessen tritt ein persönliches (und zudem willkürliches und irrationales) Empfinden an die Stelle der Antwort. Dies findet sich in den nächsten Absätzen wieder:

Bei allem aber, was über die fünf Säulen hinausgeht, glaube ich nicht, dass Verhaltensvorschriften den Kern des Islams ausmachen.

Ich stimme dieser Aussage eigentlich zu. Der Kern des Islams ist tatsächlich durch die fünf Säulen beschrieben, wofür sich auch genügend Belege finden5. Belege dafür, dass natürlich auch vielmehr zum Islam gehört, was nicht unbedingt Kernbestandteil ist, finden sich allerdings ebenfalls. Frau Sezgin liefert hier keine Belege und der Leser ist genötigt, sich die Frage zu stellen “Warum eigentlich?”, was er im Laufe des Artikels oftmals tun muss.

Nun wäre das nicht so schlimm, solange sie ihren persönlichen Glauben – aus mir unergründlichem Antrieb – lediglich in die Öffentlichkeit tragen möchte. Sie fordert aber im “islamischen Wort”, dass “liberale Muslime” ernst genommen werden – und zwar explizit von anderen (etwa die von ihr genannten “traditionellen”?) Muslimen.

Ich fordere, dass sie nicht die Nase rümpfen angesichts des Islams, wie ich ihn sehe, und dass sie ihn nicht weniger ernst nehmen als den ihren. Wir sind unterschiedlicher Auffassung, und wir können darüber diskutieren.

Wie soll man ernsthaft diskutieren, wenn einer Rationalität in der Diskussion aus dem Weg gegangen wird, indem auf die Erfragung von Quellennachweisen keine handfesten Argumente geliefert werden können? Sich selbst als “liberal” bezeichnende Muslime (in der besagten Facebook-Diskussion) zeichneten sich leider bislang darin aus, dass sie rationalen Antworten gerne aus dem Weg zu gehen suchten. Insofern ist die Beschreibung, die Hilal Sezgin selbst gibt, nicht von ungefähr:

Die liberale Glaubensauffassung aber, um die es mir hier geht, besagt etwas anderes, nämlich: Manche Dinge sind nicht so wichtig, wie es – jetzt nehme ich das Wort doch in den Mund – traditionellere Muslime oft sehen. Fragen der privaten Lebensführung, der Familienform, der Sexualität gehören für mich einfach nicht zum spirituellen oder ethischen Kern einer modernen Religion.

Nun kann ich verstehen, wenn die teilweise penetrante und penible Fragerei nach Pflichten und Verboten einem auf die Nerven gehen kann und man sie für sich ablehnt. Aber man muss sich fragen, wer eigentlich (auch innerhalb der “Gruppe” der “liberalen Muslime”) den Rahmen für “wichtige” und “unwichtige” Fragen setzen sollte. Dass die Frage nach der privaten Lebensführung eines Räubers durchaus legitim ist (also die Feststellung, dass stehlen “haram” ist), wird wohl keiner abstreiten, obwohl dieser Sachverhalt in den fünf Säulen nicht explizit Erwähnung findet6. Aber wie sieht es mit der Frage nach der Familienform und Sexualität eines Familienvaters, der sich mit seinen Töchtern verheiraten lässt? Glauben “liberale”, dass der Islam dazu nichts sagt – ja, nichts sagen darf? Wie sieht es mit der Diskussion um Zinsen und Wirtschaften aus? Darf sich eine Religion anmaßen, dort Richtlinien zu haben? Ist es total undenkbar, dass Gott ein Maß an Gerechtigkeit anwendet, das wir mit unserem Verstand nicht unbedingt einzusehen imstande sein müssen?

Das grundsätzliche Problem ist doch, dass “liberale Muslime” letztlich ausschließlich ihrem eigenen Verstand folgen wollen und glauben, dass dadurch alles besser wird. Dass eine Frage “unwichtig” sei bedeutet oftmals, dass sie durch die jeweilige Person (nicht selten im Eigennutz) selbst beantwortet wird. Aber ist es nicht eher Gutdünken, was an den Tag gelegt wird, wenn es einer Basis entbehrt? Ist es nicht auch dieses Gutdünken, das einen bevormundenden Vater dazu bringt zu glauben, es sei seine Pflicht, seine Tochter (natürlich immer in ihrem Interesse!) zwangszuverheiraten? Es ist keine Religion, die ihm das sagt, er zieht auch selten eine Quelle dafür heran. Es ist sein Verstand! Dies ist die Willkür, die “liberale Muslime” letztlich so sehr gut heißen.

Quellen! Argumente! Argumente! Argumente!

Nun wird der Verstand im Koran oftmals angerufen und der Mensch wird aufgefordert, diese Gabe auch im Zusammenhang mit (religiösen) Erkenntnissen einzusetzen. Schon frühe Muslime hatten sich über das Wechselspiel zwischen Verstand und Quellen gestritten. Nur: Gänzlich ohne Quellennachweise hat kein argumentativer Interpret gearbeitet.

Wahrscheinlich kann man sich weitestgehend (auch mit “liberalen Muslimen”) auf die Zentralität des Korans als Quelle der Religion im Falle des Islams einigen. Die meisten “lieberalen”, die ich kenne, würden dagegen die Überlieferungen des Propheten zumindest in praktischer Anwendung ablehnen7. Das Problem ist nur, dass die fünf Säulen sich nur teilweise aus dem Koran ableiten lassen. An keiner8 Stelle besagt der Koran, dass es fünf Säulen gäbe. Allein durch ihre wiederholte Nennung – oftmals in Serie – lässt sich eine gewisse “Wichtigkeit” erahnen. Hauptsächlich findet sich dagegen die Nennung der fünf Säulen in Überlieferungen des Propheten Muhammad. Rationale Muslime der Vergangenheit haben diese Überlieferungen mehr oder minder sorgfältig aufbewahrt, was ihren Nachfolgern die Möglichkeit gab, diese Sorgfalt zu bewerten und damit die Authentizität der Überlieferung zu prüfen und die Überlieferungen damit zu klassifizieren.

Diese Arbeit ist keineswegs abgeschlossen und natürlich ist auch die Möglichkeit der (verschiedenen) Authentifizierung oder Interpretation bei weitem nicht ausgeschlossen, aber die dafür verbrauchte Zeit scheint vergeudet zu sein, schaut man sich die Argumentation liberaler Muslime an. Mit einem einfachen Hinweis auf den “spirituellen und ethischen Kern” des Islams scheint offensichtlich die Wichtigkeit einer Frage – und damit ihre Beantwortung – ausgewischt zu werden. Der Erfolg vieler Muslime, den Islam von Schamanen, Mittelsmännern und heiligen Geistern frei zu halten und dafür nachvollziehbaren Argumenten Vorrang zu geben, wird dadurch größtenteils relativiert, da nun jeder daherkommen kann und ein Ideal in vollkommener Unabhängigkeit von rationalen Argumenten predigen kann und dies als Islam verkaufen kann. Dieser kann im Gegensatz zu heutigen Fälschern argumentativ nicht angegriffen werden, da seine Argumente aus “dies ist zeitgemäß”, “ich glaube nicht, dass das halal/haram ist”, “die Frage ist unwichtig” oder im Höchstfall “diese Quelle erkenne ich nicht an”9 bestehen. Quellen? Argumente? Theologie? Dialektik? Rationalität? Fehlanzeige!

Label

Der Artikel scheint mir symptomatisch für Argumentationsstränge liberaler Muslime, wie ich sie bislang erlebt habe. Nach dem Motto, was nicht passt wird passend gemacht, werden nur die Zitate benutzt, mit denen man selbst einverstanden ist, alles andere ist halt “unwichtig”.

Frau Sezgin müsste sich etwa bei den zentralen ‘Grundüberzeugungen’ auf eine Prophetenüberlieferung berufen10, die zwar recht gut belegbar ist und durch Koranzitate gestützt wird, aber trotzdem natürlich nicht ganz an die Authentizität des Korans herankommt, in dem so einiges zu Homosexualität, familiären Beziehungen und vor allem sich in der Orthopraxie wiederfindenden Elementen zu finden ist. Welchen Maßstab wendet man also an, um der “Wichtigkeit” einer Frage auf den Grund zu gehen? Überlieferungen zu just diesen Themen stempelt sie gleichfalls als “unwichtig” ab, dadurch dass sie die Fragen zu diesen Themen als unwichtig bezeichnet.

Hilal Sezgin fragt sich, wie man einen solchen Verein noch nennen kann? Ich könnte “Irrationale Muslime” vorschlagen, aber das würde sich wohl keiner ans Bein binden. “Labelmuslim” ist mein Vorschlag – ich definiere mich rein über ein Label.

  1. Tut mir leid für die ungepflegten Argumentationsstränge. Der Artikel ist mehr wie ein Pilz gewachsen denn wie ein heimischer Baum, den ein guter Gärtner gepflegt und gehegt hat.[]
  2. was innerhalb des “Imans” bzw. der Glaubensinhalte weiter ausgeführt wird[]
  3. und zwar das täglich fünfmalige rituelle Gebet – nicht alle anderen Gebete, die man verrichten soll/darf/kann[]
  4. also die finanzielle soziale Abgabe, die ebenfalls eine Pflicht darstellt[]
  5. auf die Schnelle: Am bezeichnendsten ist die A’rabi-Überlieferung, in der der Prophet einem Beduin lediglich die fünf Säulen nennt und dies als den Islam bezeichnet, aber auch die Beschreibung, bei der der Engel Gabriel den Propheten ausfragt und dieser auf die Frage nach dem “Islam” die fünf Säulen nennt[]
  6. natürlich, meiner Meinung nach beinhält ein weitergehendes Verständnis der fünf Säulen, hier vor allem die Zakat, durchaus auch ein Verständnis von Eigentum und Rechten, aber dieses erweiterte Verständnis wird in anderen Zusammenhängen – wie etwa die Wichtigkeit von Reinheit im Zusammenhang mit Gebet oder Pilgerfahrt oder Sexualität im Zusammenhang mit dem Fasten etc. pp.. – von vielen “liberalen” abgelehnt[]
  7. oder als nicht wichtig erachtet. Im Falle der Frage nach der Bedeckung (im Deutschen spricht man ja nur vom Kopftuch) wird das so schön vereinfacht und teils dümmlich auf die Frage reduziert, wo denn im Koran das Wort ‘Kopftuch’ vorkäme..[]
  8. mir bekannten[]
  9. und zwar ohne eine Begründung[]
  10. wenn sie diese überhaupt belegen wollte[]

Younes Ouaqasse für die Beibehaltung der Geschlechtertrennung in Saudi-Arabien

author | 6. Mai 2010

Younes Ouaqasse - muslimischer Vorsitzender der Schülerunion

Younes Ouaqasse - muslimischer Vorsitzender der Schülerunion

Der Vorstand der Schülerunion Deutschlands hat sich unerwartet laut in der Debatte um Geschlechtertrennung in Saudi-Arabien zu Wort gemeldet. Nach Meinung des Bundesvorsitzenden Younes Ouaqasse kann es nicht sein, dass die langjährige Tradition der Geschlechtertrennung in Saudi-Arabien aufgrund falsch verstandener Toleranz aufgeweicht werde: “Saudi-Arabien ist ein islamisch geprägtes Land und jeder, der das in Frage stellt, weiß nicht, wovon er spricht. In einem islamisch geprägten Land habe die ‘Durchmischung der Geschlechter’ nichts zu suchen!”

Zuvor hatte der saudische Gelehrte und Vorsitzende des “Komitees für die Propagierung von Tugend und Verhinderung von Sünde” (in Mekka) Ahmed Ben-Qassim Al-Ghamdi (أحمد بن قاسم الغامدي) die Meinung geäußert, dass eine strikte Geschlechtertrennung islamisch nicht rechtfertigbar sei1 und selbst zu Zeiten des Propheten Muhammad nicht durchgeführt wurde. Younes Ouaqasse hatte erst jetzt von der Fatwa des Scheich Al-Ghamdi gehört2, da die deutsche Online-Zeitschrift “Spiegel Online” ganze fünf Monate gebraucht hatte, um selbst davon zu erfahren und einen “Brandbrief” aus der Fatwa3 des Gelehrten zu machen. “Ich kann ja nicht überall gleichzeitig darauf achten, wie Religion und Religionssymbolik aus der Öffentlichkeit zurückgedrängt werden.”

Auf die Argumente des Gelehrten angesprochen, wandte Ouaqasse ein, dass dieser seine “Kompetenzen überschritten” hätte und zwingend seiner Position enthoben werden müsste.

Durch Aussagen wie jene von Herrn Al-Ghamdi verliert Saudi-Arabien ihre Glaubwürdigkeit und damit ihren Rückhalt in der Bevölkerung. Dieser Mann hat sein Kompetenzen überschritten, deshalb darf er nicht mehr in dieser sensiblen Position bleiben!

Damit erhebt Younes Ouaqasse schon im zweiten Staat den Anspruch, Ämter vergeben zu dürfen! Auf seiner Karriere zum “Weltführer” ist ihm noch alles Gute zu wünschen.

Alle angeblichen Zitate von Younes Ouaqasse wurden für diesen Artikel sorgfältig ihres Kontextes enthoben und für den Zweck der Satire neu zugeordnet. Auch seine Aktivitäten sind frei erfunden. Der Hintergrund zu diesem Schritt ist in diversen Meldungen zum Vorzeigemuslim der Union der letzten Zeit zu finden.

  1. ja, eigentlich eher neuzeitlich erst zum “Problem” wurde[]
  2. die schon Dezember 2009 erschien[]
  3. man merke: im Deutschen ist “Fatwa” für Todesurteil reserviert, deshalb musste hieraus ein “Brandbrief” werden![]

Innenminister Thomas de Maizière: Die CDU darf nicht in die Islamkonferenz

author | 5. Mai 2010

Aus Sorge vor einer Schädigung des Ansehens der deutschen Islamkonferenz (DIK) hat der Bundesinnenminister Thomas de Maizière der christdemokratischen Partei CDU eine ruhende Mitgliedschaft an ebendieser Konferenz angeboten. Es sei nicht mehr hinnehmbar, dass eine Partei, gegen deren Mitglieder in finanziellen Angelegenheiten ermittelt würde, offiziell an der Islamkonferenz teilnehme. Dies senke die Glaubwürdigkeit der Ergebnisse einer solchen Konferenz und ist für Staatsvertreter aus Landes- und Bundesebene gleichermaßen nicht hinnehmbar.

Ich hatte ja der CDU gesagt: Solange die erheblichen strafrechtlichen Ermittlungen gegen einzelne Mitglieder laufen, kann ich mich mit Vertretern der CDU nicht an einen Tisch setzen.

Die nicht zufriedenstellend abgeschlossenen Ermittlungen gegen zentrale Mitglieder der Union auf Bundesebene und die neuerlichen Ermittlungen gegen weitere Mitglieder in Rheinland-Pfalz und Hamburg stellen unüberwindbare Hürden für einen glaubhaften Dialog dar. Mit einer Stellungnahme der CDU-Führung wird innerhalb der nächsten Tage gerechnet. Der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff hatte aber schon angekündigt, den Ausschluss der christlichen Partei aus der Islamkonferenz auf die Tagesordnung zu setzen.

Gleichschaltung durch Burka?? Wie ein Kleidungsstück zur Bedrohung wird

author | 4. Mai 2010

In Belgien ist es bereits Gesetz, in Frankreich und der Schweiz gibt es konkrete Ansätze, es nachzumachen und nun findet sich offensichtlich auf Europaebene eine Abgeordnete, die zwar in der letzten Wahlperiode durch recht starke Abwesenheit bei gleichzeitig beträchtlichen Nebeneinkünften aufgefallen ist1, dies aber mit der Forderung nach einem europaweiten Burka-Verbot wettmachen möchte. Frau Silvana Koch-Mehrin, die 2009 erst in der dritten und letzten Abstimmung zur Vizepräsidenten des EU-Parlaments mit dem niedrigsten Ergebnis gewählt wurde, hat wohl endlich einen neuen Aufhänger gefunden, der sogar – nach sorgsamem Biegen und Stutzen – auch in ihr sonstiges Möchte-gern-Image der liberalkonservativen Neufeministin passen könnte. Ja, es ist offenbar feministisch – ja geradezu emanzipierend, Frauen von oben herab und unter Androhung von Freiheitsentzug, Gewalt oder zumindest Geldstrafen zu sagen, was sie anziehen sollen.

“Ich wünsche mir, dass auch in Deutschland – und in ganz Europa – das Tragen aller Formen der Burka verboten wird.” Wer Frauen verhüllt, nehme ihnen das Gesicht und damit ihre Persönlichkeit. Die Burka sei “ein mobiles Gefängnis”, so Koch-Mehrin.

“Die vollständige Verhüllung von Frauen ist ein aufdringliches Bekenntnis zu Werten, die wir in Europa nicht teilen”, erklärte Koch-Mehrin. Niemand solle in seiner persönlichen Freiheit und in seiner Religionsausübung eingeschränkt werden. “Die Freiheit darf aber nicht so weit gehen, dass man Menschen öffentlich das Gesicht nimmt. Jedenfalls nicht in Europa.”

SpOn

Passend veröffentlichen verschiedene Medien auch prompt ihre Burka-Artikel. Nun sind viele Menschen bei der Burka grundfest davon überzeugt, dass die Trägerin entweder dazu gezwungen wird oder aber selbst bösartige Absichten mit dem Tragen letzterer verbindet, sodass die “Bösartigkeit der Burka” selbst unter Kritikern eines solchen Verbots nicht in Frage steht. Wie geht das eigentlich, dass eine Bekleidung mit der Verfasstheit des Trägers ohne Weiteres in Verbindung gebracht wird?

Um das zu verstehen, schauen wir uns einfach mal den Meister der Suggestion, den “Spiegel Online” an. Er behandelt im Artikel “Irans Einfluss im Libanon – Trend zum Tschador” eine angeblich zunehmende Verhüllung libanesischer Frauen:

Tschador statt Kopftuch: Für Europäer sind die Nuancen der muslimischen Mode nicht sofort zu durchschauen. Für Menschen in Nahost sind sie ein klar erkennbares persönliches Statement. Dass sich immer mehr Libanesinnen entschließen, sich im konservativen Teheraner Look zu kleiden, ist eine Art Liebeserklärung an Iran – und ein Indiz für den wachsenden Einfluss, den die Islamische Republik Iran auf die Schiiten im Libanon ausübt.

Bebilderung bei "Spiegel Online": Irans Einfluss im Libanon - Trend zum Tschador

Besonders interessant finde ich am Artikel die Bebilderung. Eine Fotostrecke soll veranschaulichen, wie uniform die libanesischen Iran-Sympathieträger tatsächlich sind. Am Bedrohlichsten ist dabei das Bild, das bereits über dem Artikel zu sehen ist, wo in einem Meer aus schwarzen Tschadors Frauengesichter hervorblicken. Innerhalb der Fotostrecke sieht man einen größeren Ausschnitt aus der Halle, in der die Frauen sitzen. Hinten ist neben einem Schriftzug die libanesische Flagge halb zu sehen, das heißt zumindest belügt uns Spiegel nicht, was das Ursprungsland des Bildes angeht. Unter dem Bild steht

Das sieht man in Teheran gern: Libanesische Frauen bei einer Rede von Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah in einem Vorort von Beirut. Der Tschador liegt bei gläubigen Schiitinnen wieder im Trend.

Das scheint ein sehr eindringlicher Trend zu sein, der scheinbar zu 100% befolgt wird. Dadurch, dass es bei einer Rede Nasrallahs ist, könnte man sich denken, dass die Frauen ihm – und in Anlehnung dem Iran – loyal sind und – wie der Artikel suggeriert – ihre Sympathie durch die Bekleidung ausdrücken. Stören könnte dieses Bild lediglich denjenigen, der Arabisch lesen kann, denn im Hintergrund auf der Saalwand steht geschrieben: “2883 Absolvent – Jahrgang Al-Ridwan”. Und tatsächlich kann man zufällig mehr Bilder der Veranstaltung im Internet finden, wenn man weiß, wonach man suchen muss. Hier ein Bild der Frauen aus einer etwas anderen Perspektive:

Al-Ridwan Lebanon graduation

Und dann finden sich auch folgende Bilder:

Die Veranstaltung war eine Abschlußfeier, zu der die Absolventen – männlich und weiblich gleichermaßen – uniform auftraten. Man kennt es ja aus US-Universitäten nicht anders, da sieht die Uniform anders aus, aber das kann nicht darüber hinweg täuschen, dass es letztlich eine Uniform ist:

Keiner würde auf die dämliche Idee kommen, zu behaupten, die US-Studenten würden Sympathie mit einem fremden Staat ausdrücken, nur weil da ähnliche Kleidung getragen wird. Mehr noch: Die Bildunterschrift besagt, dass die Frauen “bei einer Rede von Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah” gewesen wären. Zwar soll dieser auf der Veranstaltung gesprochen haben, allerdings handelt es sich bei der Veranstaltung tatsächlich um die Abschlußfeier, bei der mehrere Personen gesprochen haben dürften und auch sonst – wenn ich das richtig einschätzen kann – ein weiträumiges Programm ausgefahren wurde. Wieder: würde jemand bei dem Bild der US-Absolventen von Zuhörern einer Rede von Militärsprechern – die nicht selten auf solchen Veranstaltungen einen festen Platz eingeräumt bekommen – sprechen?

Im Übrigen hilft ein weitergehender Blick durch den Saal, um die “Tschador-Freudigkeit” zu relativieren:

Außer den Absolventen sind alle anderen nicht in Uniform und dementsprechend tragen auch nur wenige Frauen einen Tschador.

Ähnlich verhält es sich mit den anderen Bildern der Fotostrecke.

Früher steckte unter jedem Tschador eine iranische Touristin, doch inzwischen kleiden sich immer mehr Libanesinnen im konservativen Teheraner Stil. Sie wollen – wie diese Hisbollah-Anhängerinnen im Süden Beiruts – ihre Liebe zu Iran demonstrieren.

Auf dem Bild sind drei Frauen in schwarzen Umhängen und schwarzen Kopftüchern2 und drei weitere in nichtschwarzen Kleidungen zu sehen. Was nun diese Frauen als Hisbollah-Anhängerinnen ausmacht, wird nicht klar, denn die Frauen sind dabei sich frisches Obst aus vollen Kisten abzugreifen. Einen besonderen politischen Bezug scheint die Szene gar nicht zu haben.

Im dritten Bild ist ein großes Nasrallah-Plakat an einer Hauswand an der Straße angebracht. Der Schriftzug ist ähnlich politisch: “Dir gilt die Loyalität!” Rechts darunter – etwas unscheinbar – ist als Graffiti ein Hakenkreuz innerhalb eines Davidsterns gezeichnet. Nur: was hat das alles mit dem Thema zu tun? Auf dem Bild ist keine einzige Frau in Tschador zu sehen. Da die Läden geschlossen haben, denke ich eher, dass es sich um einen Feiertag handelt. In der Bildunterschrift wird denn von “kultureller Gleichschaltung” geschwafelt.. Genauso wie das vierte Bild, in dem Milizionäre mit Hisbollah- und Libanonflaggen zu sehen sind, kann man den “iranischen Einfluss” überhaupt nicht sehen.

Die drei darauf folgenden Bilder sollen wohl darstellen, welche Trends im Libanon nun abgelöst werden. Das erste zeigt eine Bikini-tragende Frau an einem Strand. Die Bildunterschriften mit den jeweiligen zeitlichen Zusätzen “Ein Bild aus dem Jahr 2005″ und “im Dezember 2008 in einem Beiruter Nachtclub” suggerieren, dass ähnliche Strand- und Nachtclubfotos heute nicht mehr zu finden wären. Ich habe mir die Suche erspart. Es kann natürlich auch sein, dass es den Strand im fünften Bild in dieser Form nicht mehr gibt, da Israel 2006 auch Strände bombardiert hatte – aber das spricht die Bildunterschrift natürlich nicht an..

Spiegel Online trägt genauso wie andere Medien zur verqueren Meinung bei, die bezüglich muslimischer Bekleidung herrscht. Ich finde es beklemmend und teilweise belustigend, wie – und mit welchen Tricks – das Bedrohungsszenario aufgebaut wird und sich dann in hasserfüllten Gesetzesvorschlägen ausdrückt. Dass eine Frau Koch-Mehrin u.A. opportunistisch auf so einen Zug aufspringen, ist da nur verständlich.

  1. und dies anscheinend mit einer fehlerhaften eidesstattlichen Erklärung zu vernebeln versuchte[]
  2. also nicht unbedingt Tschadors[]

Muslimischer Imamrat spricht sich für eigene Rechtsprechung aus

author | 15. März 2010

*** EILMELDUNG ***

Nachdem im Laufe der Woche muslimische Verbände Kritik an der Zusammensetzung der nächsten Islamkonferenz des Innenministeriums geäußert und mit dem Ausstieg gedroht hatten, meldet sich nun der deutsch-muslimische Imamrat (DEMIR) zu Wort und fordert Konsequenzen. Das Scheitern der Islamkonferenz sei als Zeichen zu deuten, dass Muslime ihre eigene Rechtsprechung bräuchten. “Vor allem auch zur Verfolgung diverser ‘Auffälligkeiten’ könnte eine solche Rechtsprechung äußerst sinnvoll sein”, sagte der Ratsvorsitzende Sheikh Semir Ilgar.

Fälle von Zwangsheiraten und Ehrenmorden ebenso wie Prügelstrafen in Koranschulen und Aufruf zum Mord an Ungläubigen würden zu den Hauptfällen gehören, die sich der Imamrat besonders genau anschauen möchte. Sheikh Semir Ilgar betonte, dass der Imamrat selbst die höchste Instanz der Beurteilung von Fehlverhalten sein wird und zugleich in allen ihm vorgetragenen Fällen sehr eng und intensiv mit den Strafverfolgungsbehörden arbeiten wird, wo es angemessen und richtig ist.

Sheikh Semir Ilgar: “Wenn Opfer und Täter sich bei uns melden, muss zusammen mit den Opfern und Tätern entschieden werden, wie die Staatsanwaltschaft mit ins Spiel kommt. Wir raten dringend den Opfern, dass sie die Staatsanwaltschaft hinzuziehen, verpflichten auch die Täter, aber das geht alles nicht automatisch. Das muss klug und je nach den Umständen sorgfältig erwogen werden.”

Muslime brauchen eine eigene Ordnung, die sich vor allem auf die Moscheen erstreckt und eine Rechtsordnung vor allem im Falle von Auseinandersetzungen zwischen den Gemeindemitgliedern beinhält.

Kritiker behaupten, dass ein solcher Schritt die Rechte der Opfer stark untergraben würde. Der Frankfurter Psychologieprofessor Hans-Ulrich Feidsche sagte dazu laut der Muslimischen Nachrichtenagentur (MNA):

“Es ist zu erwarten, dass eine eigene Rechtsordnung dazu führen wird, dass Missbrauchsfälle im Sinne der Umma – also der Gemeinschaft der Muslime – vertuscht werden, da sie ein negatives Licht auf diese werfen. Schaden wird das vor allem den Opfern, die keine Gerechtigkeit erfahren und – wegen mangelnder Erwartung von Gerechtigkeit – früher oder später die Straffälle nicht mehr berichten würden.”

Der Vorstand des deutsch-muslimischen Imamrats ist da ganz anderer Meinung. Auf die Kritik angesprochen antwortete Sheikh Semir Ilgar:

“Wir sind alle Menschen. Ich kann nicht garantieren, dass das nicht stattfinden wird. Aber wir als deutsch-muslimischer Imamrat haben seit geraumer Zeit den Posten der Vertrauensperson eingerichtet, an den sich jedes Missbrauchsopfer wenden kann. Die Dinge werden untersucht, geklärt, dann gehen wir an die Staatsanwaltschaft und so weiter und so fort. Also wir müssen diese Ordnung einhalten, die verpflichtend für alle Moscheen besteht.”

Quelle: Deutschland Radio

Ein mörderischer Freitagmorgen in Kabul

author | 26. Februar 2010

Dieser Bericht ging heute morgen von Belal El-Mogaddedi aus Kabul, Afghanistan ein.

Wie weit können sich einige Menschen von der grossartigen Botschaft des Islam entfernen und dennoch behaupten für seine Botschaft einzutreten?

Heute morgen bin ich gegen 06 Uhr 30 durch eine gewaltige Explosion, deren Druckwelle die Fensterscheiben meines Schlafzimmers in Tausend Stücke zerbrechen liess, aus dem Schlaf gerissen worden. Wie sich kurze Zeit später bestätigt, handelt es sich bei der Explosion nicht, wie zunächst von mir vermutet, um eine Boden-Boden Rakete, sondern um eine Autobombe, die 200 Meter von meinem Aufenthaltsort im Kabuler Stadtteil Schar-i-Nau gezündet worden ist. Anschlagsziel ist das beliebte Kabuler Einkaufszentrum “Safi Landmark” gewesen, in dem sich neben zahlreichen Boutiquen und Restaurants, im obersten Stockwerk ein, auch von Ausländern gern aufgesuchtes Hotel befindet, das dem Besucher eine wundervolle Aussicht auf die Hauptstadt Afghanistans bietet.

Die grüne Glasfassade des Gebäudes ist massiv beschädigt, und die vielen kleinen Läden im näheren Umkreis sind in starke Mitleidenschaft gezogen worden.

Nach ersten Informationen sind heute morgen zwei Fahrzeuge in die Kreuzung vor dem “Safi Landmark” eingefahren. Die Insassen der Fahrzeuge tragen Polizeiuniformen und geben vor, auf Patrouille zu sein. Aus diesem Grund lassen die an jeder großen Kabuler Kreuzung positionierten Beamte, sie bis vor den Haupteingang des Gebäudes vorfahren. Dort steigen mehrere Personen aus und erschiessen die vor dem Gebäudeeingang stehenden, vollkommen überraschten, privaten Wachmänner. Während die Polizei an der Kreuzung das Feuer auf die Angreifer eröffnet, wird das zweite Fahrzeug vor einem weiteren Eingang des Gebäudes zur Explosion gebracht. Die wuchtige Explosion lenkt die Aufmerksamkeit der Sicherheitskraefte für wenige Momente von den Angreifern ab, so dass die Bewaffneten in das Gebäudeinnere eindringen könenn, und ihr mörderisches Treiben fortsetzen. Nach ersten Angaben hat es mindestens zehn Tote gegeben, aber es ist anzunehmen, dass dieser Angriff mehr Menschen das Leben gekostet hat. Der ersten Explosion folgen mehrere kleine Explosionen und heftige Feuergefechte mit schweren und leichten Feuerwaffen in den Seitenstraßen, Auseinandersetzungen, die sich zum Teil direkt vor meiner Haustür abspielen.

Gegen 08 Uhr 30 ereignet sich noch einmal eine schwere Explosion, ob es sich dabei um eine weitere Autobombe handelt, ist immer noch nicht bekannt. Seit 10 Uhr 00 herrscht Ruhe, die Schüsse sind verstummt, wie auch die Sirenen der Rettungswagen; jetzt, nach über zwei Stunden können keine Menschen mehr gerettet werden, die Zeit der Leichenwagen is gekommen. Kabul ist still, totenstill.

Der Stadtbezirk ist abgeriegelt, fuer den privaten Verkehr blockiert, die afghanischen und internationalen Fernsehsender zeigen die ersten Bilder vom Anschlagsort. Menschen stehen auf den Strassen vor dem Anschlagsort, ihre Verzweiflung steht ihnen ins Gesicht geschrieben, einige weinen. An Gewalt, Mord und Tod kann sich niemand gewöhnen, will sich niemand gewöhnen.

Ich höre wie in den umliegenden Gebäuden die Glassplitter zusammengekehrt werden, und wie sie klirrend in Metalleimer fallen; die ersten Aufräumarbeiten haben begonnen. Die Sachschäden können behoben warden, aber heute werden aus vielen afghanischen Haushalten Klagegesänge ertönen, tränenerstickte Stimmen zu hören sein, Kinder um ihre Väter, Frauen um ihre Ehemänner, Eltern um ihre Söhne trauern, und Angehörige in den kärglich ausgestatteten Krankenhäusern am Krankenbett um das Leben ihrer Lieben bangen.

Heute ist der Geburtstag des Propheten des Islam, Mohammad. In einigen Ländern der muslimischen Welt wird dieser Tag, der keinem religiösen Ritus entspricht, aber sich als eine Tradition in die Lokalkultur eingebürgert hat, mit Rezitationen aus dem Quran und besonderen Armenspeisungen gefeiert. Gestern hat die private afghanische Fernsehstation “Ariana” den bekannten Film “The Message” gezeigt, in dem in wunderbarer Weise der Beginn und die befreiende Entfaltung des Islam nachgezeichnet wird, ein filmisches Kunstwerk, ein Plädoyer für den Islam, produziert in den 1970iger Jahren von Moustapha Akkad, der vor wenigen Jahren selbst bei einem Terroranschlag in Jordanien gestorben ist. Dieser Film bewegt mich immer wieder, auch wenn ich ihn schon unzählige Male gesehen habe, zeigt er doch die vom Propheten gelebte beispielhafte Praxis des Islam auf, geprägt von Barmherzigkeit, Vergebung, Edelmut, Tugendhaftigkeit, Aufrichtigkeit und vor allem Gerechtigkeit. Die Nachrichtensender lassen verlauten, dass der Sprecher der Taliban Zabiullah Mujahid die Verantwortung für den morgendlichen mörderischen Anschlag übernommen hat. Wie weit können sich einige Menschen von der grossartigen Botschaft des Islam entfernen und dennoch behaupten für seine Botschaft einzutreten?

Durch mein glasloses Fenster überhöre ich ein kurzes Gespräch zwischen zwei Sicherheitsbeamten, die gemeinsam die Scherben der Fensterscheiben ihres kleinen Zimmers, unweit von meiner Wohnung gelegen, aufsammeln:” Gott sei es gedankt, dass wir zum Morgengebet wach geworden sind und nicht im Zimmer waren, als die Scheiben zerbarsten, sonst wären wir wohl nicht heil davon gekommen. Alhamdulillah!” Die Menschen halten unbeirrbar an ihrer Religion fest; sie wissen, dass Terrorismus von den Lehren des Islam nicht abgeleitet werden kann. Ihre Religion hat nichts mit der Überzeugung einiger weniger Verblendeter zu tun; dies gibt Hoffnung auf ein bessere Zukunft, wie auch der Ruf des Muezzin in der Moschee nebenan, der die gläubigen Muslime gerade zur Teilnahme am Freitagsgebet aufruft. Viele werden auch heute dem Ruf folgen, trotz der nassen Kälte, trotz der aufgweichten Zufahrtswege, trotz eines mördersichen Fanatismus, der heute morgen wieder einmal seine hässliche Fratze gezeigt hat. Die Menschen dieser Stadt, dieses seit 30 Jahren von Invasion, Krieg und Besatzung geschundenen Landes geben ihre Hoffung auf eine bessere Zukunft nicht auf.

P.S.: Ich gehe in den Garten meines Hauses und entdecke in einem Blumenbeet ein fast künstlerisch anmutendes Stück Metall. Bei näherer Betrachtung stelle ich fest, dass es sich um ein Stück des Autos handelt, das heute Morgen unweit von meiner Wohnung explodiert ist. Ausdruck der Kunst des sinnlosen Töten!

Vor zwei Tagen sind 29 Zivilisten, darunter Frauen und Kinder bei einem Angriff durch Natoflugzeuge in der Provinz Uruzgan ermordet worden, von diesem Anschlagsort habe ich keine Bilder gesehen. Dort hat die hochmoderne Technik feige gewütet. Sinnlos ist auch diese Kriegskunst gewesen, wie so vieles in diesem schmutzigen und unehrlichen Krieg am Hindukusch.

M.Belal El-Mogaddedi, Kabul-Afghanistan

Alexander Schuller verbreitet Lüge vom Weihnachten-verbietenden Muslim

author | 26. Januar 2010

Professor Alexander Schuller hat einen sehr wirren Kommentar im DeutschlandRadio abgegeben. Den Schlußsatz könnte man gar als ein Plädoyer für einen ‘Gottesstaat’ (oder zumindest für eine Theokratie) verstehen, würde er sich damit nicht hinter einem Zitat verstecken:

Der Soziologe Eric Voegelin meinte, uns fehle die Einheit von Glaube, Gedächtnis und Politik. Man darf diesen verlorenen Schatz ruhig Transzendenz nennen.

Aber das eigentliche Problem ist die Weiterverbreitung der Mär vom Intolleranten Muslim. Anbei eine Email, die ich der Dradio-Redaktion geschickt habe:


Sehr geehrte Dradio-Redaktion,

gerade las ich den Kommentar von Alexander Schuller und ich bin enttäuscht über ein so niedriges Niveau der Recherche – auch wenn es nur für einen Radiokommentar sein soll!

Hauptsächlich stört mich, dass die Lüge vom Weihnachten-verbietenden Muslimen immer weitergesponnen wird! Qaradawi – mag man ihn noch so sehr für andere Dinge kritisieren – hat nie Weihnachten verboten oder in dieser Hinsicht für die Einengung der Religionsfreiheit von Christen plädiert. Diese Nachricht hatte der Spiegel in Anlehnung an eine tendenziöse Übersetzung und falsche Überschrift des sehr einseitigen “Instituts” Memri transportiert. Der Spiegel hat sich leider nie dafür entschuldigt! Mehrere – vor allem deutsche – Medien haben es ihm nachgemacht. Der österreichische “Der Standard” hat die Nachricht ebenfalls übernommen, später sich aber dafür entschuldigt und die Falschmeldung entfernt. Eine Richtigstellung hatten verschiedene Kommentatoren – u.a. Tarafa Baghajati und Mohamed Ibrahim – geliefert1.

Es ist eine Schande, dass eine solche Lüge immer weiter verbreitet wird und dazu beiträgt, dass der Eindruck vom intoleranten Muslim verstärkt wird. Dass man einem solchen Kommentar ohne weitere Überprüfung oder Qualifizierung auch noch eine Bühne gibt, das ist schon problematisch.

Unabhängig davon habe ich ein Problem mit der Logik in diesem Beitrag. Zunächst stellt der Kommentator richtig fest, dass Erzbischof Reinhard Marx den Weihnachtsmann als heidnisch und kommerziell verschrien hat. Dann aber deduziert Herr Schuller, dass der Erzbischoff mit dieser Aussage die Religionsfreiheit verteidige. Wie bitte? Der Mann hat lediglich – seiner Meinung nach – ein Fehlverhalten unter Christen bemängelt. Mit anderen Religionen kann es ja nur insofern zu tun haben, als er offensichtlich die Überzeugung von Millionen “Heiden” für nicht relevant hält – also gewissermaßen ihre Religionsfreiheit nicht so hoch ansieht.

Genauso, wie er die Aussagen des Erzbischoffs als Kampf für die Religionsfreiheit umdeutet, so deutet er die Falschaussagen von Qaradawi – und spricht gar von Terror!

Der Erzbischof kämpft für die Religionsfreiheit, für die Freiheit des guten Imam Jussuf also, das Christentum zu beseitigen. Wer für die Freiheit eintritt – die Religionsfreiheit in diesem Fall – dem kann es also passieren, dass er gegen die Freiheit und für den Terror eintritt.

Die beiden Zitierten haben tatsächlich eine Sache gemeinsam: Sowohl Al-Qaradawi als auch Erzbischof Marx haben den Kommerzdrang kritisiert und dass Menschen für den Kommerz alles tun würden! Mit Religionsfreiheit hat das natürlich nichts zu tun und hört sich sogar gar nicht mal so unsinnig an wie ein Verbot eines religiösen Festes – aber wo würde dann die These vom Kampf der Kulturen bleiben, wenn nicht deutsche Kommentatoren tagein-tagaus sie heraufbeschwören würden?

Ich habe einen Vorschlag: Wie wäre es, wenn Sie einen Gegenkommentar erlauben würden? Ich hätte ein paar Vorschläge, wen Sie dafür gewinnen könnten.

Mit freundlichen Grüßen,

  1. der zmd kommentierte die Falschmeldung[]

Dr. Aydin Findikçi antwortet auf meine Kritik — nicht

author | 7. Januar 2010

Vor zwei Tagen hatte ich Herrn Dr. Aydin Findikçi eine Email als Antwort auf seinen in der “Welt Online” veröffentlichten Gastbeitrag “Veraltete Koran-Auslegung bremst die Integration”. Gestern (6.1.2010) hatte er mir eine nette Antwortemail geschickt, die allerdings wenig mit meiner Kritik zu tun hatte. Hier ist sie unzensiert:

vielen herzlichen dank für ihre mühe bezüglich meines voh ihnen studierten beitrages. es ist schön zu erfahren, dass sie kein islamist sind. denn die islamisten gefärden den dialog, den weltfrieden und die integration der islamagehörigen in die pluralistischen gesellschaften. daher finde ich es gut dass sie sich von islamisten unh ihren scheria distanzieren. übgigens bin ich ursprünglich nicht aus einem arabischen land, und das ist auch gut so. die türkei ist das einzige land unter “islamischen gesellschaften”, in dem die islamangehörigen dank mustafa kemal atatürks revolotionen einigermassen ihre galuaben trotz islamisten praktizieren können. deutschland ist die gewolte heimat von Ismanangehörigen, in der sie ihre religion ausüben dürfen, und ich wehre mich nur gegen die islamisten, die unser grundgesetz für sich instrumentalisieren um den koran zu misbrauchen. dagegen werde ich weiterhin nicht schweigen. und ich finde es gut, dass ich in diesem kampf nicht alleine bin.immer mehr islamangehörigen distanzieren sich von islamisten. diese entwicklung macht mir mut, mich gegen die islamistischen gefahr zu stellen. es freut mich, dass sie mitdabei sind.

ich wünsche ihnen alles gute und allah möge ihnen bei ihren bemühungen helfen, um den richtigen weg zu finden.

beste grüße
aydin findikci

Ich wundere mich über einen solchen Umgang mit Kritik. Entweder er hat sie nicht verstanden oder er macht sich darüber lustig?? Jedenfalls antworte ich ihm:

Herr Findikci,

entweder Sie haben meine Email nicht gelesen oder nicht verstanden – oder aber ich verstehe eine gewisse Ironie nicht, die Sie mit Ihrer Antwort auszudrücken versuchten! In jedem Fall frage ich mich, wie ernst Sie Ihre Leser und sich selbst nehmen, wenn Sie so auf Kritik reagieren.

In Ihrer Antwort gehen Sie auf meine Kritikpunkte allesamt nicht ein.

Ich bitte Sie also noch einmal, meine Email zu lesen und mir möglichst zu antworten. Schließlich soll Ihr Gastbeitrag ja ernst gemeint sein und dementsprechend sollten Sie auch für eine Diskussion über die von mir angesprochenen Fehler doch zur Verfügung stehen. Im Sinne der Öffentlichkeit würde ich dann unsere Diskussion – vor Allem Ihre Antworten auf meine Einwände – gleichberechtigt auf meiner Internetseite veröffentlichen.

Mit freundlichen Grüßen,

Ich habe natürlich viel an seiner Antwort auszusetzen. Nicht zuletzt auch die Formulierung “übgigens bin ich ursprünglich nicht aus einem arabischen land, und das ist auch gut so.” Dass er den authoritären und zuweilen diktatorischen Atatürk anscheinend verehrt, sagt das Übrige und steht im Widerspruch zu seiner Forderung an hinsichtlich der “Verinnerlichung der Demokratie”.

Dr. Aydin Findikçi: Gegen jede Wissenschaft. Gefährliche Islamisten unter uns!

author | 5. Januar 2010

Dr. Aydin Findikçi hat einen Gastbeitrag mit dem Titel “Veraltete Koran-Auslegung bremst die Integration” bei der “Welt Online” geschrieben, den diese mit “mit einem falschen Islamverständnis in Deutschland aufräumen” bewirbt. Der Kommentarbereich unter dem Artikel ist inzwischen – wie so oft bei Welt-Artikeln, die auch nur entfernt etwas mit Islam zu tun zu haben vorgeben – “aufgrund ständiger Verstöße gegen die Netiquette” gesperrt. Ich habe die Emailadresse des Herrn Findikçi gefunden und habe einen längeren Brief verfasst, den ich als Email verschickt habe und hier veröffentlichen möchte.

Natürlich werde ich seiner Antwort genauso den Raum bieten – falls er überhaupt antwortet! Dass er antworten wird, kann bezweifelt werden, aber da lasse ich mich gerne überraschen! Es kann ja sogar sein, dass er eine inhaltlich orientierte Antwort auf meine Kritik findet. Oder er entschuldigt sich für die offensichtlichsten seiner Fehler! Naja, man darf ja mal träumen..


Lieber Herr Dr. Findikçi,

ich hoffe, dass Sie derjenige Dr. Aydin Findikçi sind, dessen Artikel als Gastbeitrag bei “Welt Online” kürzlich erschienen ist. Ich habe diesen Artikel gerade gelesen und möchte Ihnen meine Kritik gerne direkt zukommen lassen, damit Sie ein „Feedback“ haben. Ihre Argumentation weist diverse Fehler und Irrtümer auf, die dem Niveau der “Welt Online” zwar angemessen sind, aber der Wahrheitssuche nicht dienen.

  1. Sie sprechen von jährlich 30.000 Zwangsverheiratungen in Deutschland, aber den Beleg für diese Zahl bleiben Sie dem Leser schuldig. Warum nennen Sie keine nachvollziehbare Quelle? Liegt es daran, dass diese Zahl der Imagination entsprungen ist und inzwischen zum penetranten Volksglauben geworden ist? Tatsächlich ist diese Zahl vor Allem unter Abgrenzung zu einvernehmlich arrangierten Ehen ziemlich unwahrscheinlich, wenn man sich vor Augen hält, dass es in Deutschland jährlich nur etwa 350.000 Eheschließungen überhaupt gibt. Bei einem “Muslimenanteil” von 4% an der Gesamtbevölkerung (3,2 Millionen, wie viele davon ihre Religion praktizieren soll hier nicht thematisiert werden) ergäbe das nur 14.000 muslimische Eheschließungen im Jahr. Muslime müssten mehr als doppelt so häufig heiraten wie der Rest der Gesellschaft, damit man überhaupt auf die Zahl von 30.000 muslimischen Eheschließungen kommt – und selbst dann hieße das, dass alle Muslime (!!) ohne Einwilligung der beiden Partner heiraten würden. Bitte nennen Sie mir eine belastbare Zahl aus einer seriösen (!) Quelle für Ihre These! (vgl.)
  2. Sie sprechen von “islamistischen” Zwangsverheiratugen, so als wüssten Sie persönlich ganz genau, aus welchen Motiven Eltern Zwangsheiraten durchführten. Nicht nur meine persönliche Erfahrung sagt mir, dass Zwang in der Ehepartnerwahl vor allem traditionellen Ursprungs ist und Eltern diesen unislamischen Zwang fast immer mit ihrem Interesse am Wohl ihrer Kinder zu rechtfertigen suchen.
  3. Im dritten Absatz Ihres Artikels begeben Sie sich auf noch dünneres Eis und versuchen den Beweis zu führen, dass ein Minarett nicht unbedingt zu einer Moschee gehöre. Ihre Logik erschließt sich mir hier nicht. Was hat der Name “Masjid” (Moscheen werden ja auch “Jamii”, also Versammlungsorte genannt, zu deren Besuch man logischerweise auch einmal aufmerksam machen darf) mit der von Ihnen in Frage gestellten Notwendigkeit von Minaretten zu tun? Sie argumentieren für ein Minarettverbot und bemühen den Vergleich mit der Moschee zu Zeiten des Propheten Mohammeds. Aber zu jener Zeit hatte die Moschee weder eine Gebetsnische (nur ein Stein, der die Richtung nach Makkah anzeigt), noch eine Waschgelegenheit, nicht einmal ein durchgehendes Dach war vorhanden! Dennoch wurde zu seiner Zeit vom Halbdach der Moschee zu den Pflichtgebeten gerufen, also von einer emporragenden Position! Offensichtlich ist Ihnen entgangen, dass Ihre Bemühung eines angeblichen Beleges aus der Frühgeschichte des Islams gegen ein Minarett entwicklungsgeschichtlich das genaue Gegenteil belegt. Dass heute eine Moschee mit Teppich ausgelegt wird, eine Kanzel und Waschgelegenheiten sowie Ornamente aufweist, ist doch nichts, was man verbieten müsste, nur weil dafür keine angebliche Notwendigkeit besteht!
  4. Minarette wurden nicht gebaut, um die “Größe und Macht des Erbauers” zu demonstrieren, sie hatten vor allem funktionalen Charakter. Die Funktion ist – analog zum Dach für den Schutz des Innenraums vor Wetterumschwüngen – um den Gebetsruf, wie auch die weite Erkennbarkeit des Gebetshauses in den stetig wachsenden muslimischen Gemeinschaften, eine akustische aber auch optische Tragweite zu verleihen. Ebenso wie das Dach, das heute nicht selten etwa in Form einer Kuppel architektonisch dekoriert wird, wird auch das Minarett verschönert und trägt teils auch zur Pracht einer Moschee bei. Zu sagen, dass der Sinn zunächst in der Demonstration der “Größe und Macht des Erbauers” lag, ist einfach falsch!

Aber diese ersten vier Kritikpunkte sind letztlich nur ein Nebenkriegsschauplatz. In Ihrem Artikel geht es Ihnen ersichtlich darum, zu definieren, wer Ihrer Meinung nach die Islamisten in Deutschland sind. Das ist für Sie der “organisierte Glaube”, bzw. die muslimischen Organisationen (Sie nennen explizit Milli Görüs, Süleymanci-Bewegung und Nurcu -Fetullah, aber ich nehme an, dass Sie auch den ZMD, die Ditib und den neuen schiitischen Dachverband dazu zählen?! – denn auch alle diese Organisationen fallen in die Kategorie “organisierter Glaube”). Ihre Definition des “Islamisten” beinhaltet, dass diesem die Integration in eine “westliche Gesellschaft” genauso wenig möglich ist, wie die “Verinnerlichung” der Demokratie oder der “rechtstaatlichen Regelungen und die Herrschaft des Volkes”. (Erklären Sie mir doch bitte einmal was der Unterschied zwischen der “Verinnerlichung der Demokratie” und dem Akzeptieren der “Herrschaft des Volkes” ist??)

Wenn man sich aber die vom BMI in Auftrag gegebene Studie “Muslime in Deutschland – Integration, Integrationsbarrieren, Religion sowie Einstellungen zu Demokratie, Rechtsstaat und politisch-religiös motivierter Gewalt” anschaut, dann stellt man schnell fest , dass die Mehrheit der befragten Muslime sich als fundamental, traditionell konservativ oder orthodox religiös einordnet, während eine vorhandene aber geringe Minderheit “gering religiös” ist. Gleichzeitig besagt die Studie, dass gerade einmal 14% der befragten Muslime eine “problematische Distanz zur Demokratie” aufweisen, wobei noch zu klären bleibt, wie diese „problematische Distanz“ zu verstehen ist! Es ist also mitnichten so, dass Menschen, die den Koran als Wort Gottes verstehen automatisch oder auch nur tendenziell demokratiefeindlich wären bzw. der Islam mit Demokratie unvereinbar sei!

Eine noch abenteuerlichere Behauptung stellen Sie im folgenden Absatz auf: Muslimische Organisationen betrachten den Koran als Gottes Wort. Dann: Islamisten bestrafen (!) diejenigen, die daran Zweifel hegen. Deshalb fühlten sich “aufgeklärte und säkulare” Muslime von “Islamisten und ihren Moscheen” bedroht und werden sogar von Islamisten umgebracht!

Wie bitte?? Was für einen hanebüchenen Unsinn verzapfen Sie hier eigentlich! Welcher Moscheeverein in Deutschland bedroht denn bitte schön Menschen, die den Koran nicht als Gottes Wort bezeichnen?? Wer wurde deswegen ermordet? Sie bauen doch hier ein arglistiges Horrorszenario auf, das nur in einer Wahnvorstellung existiert und verbinden das mit dem “organisierten Glauben”! Und dann fabeln Sie auch noch, dass diese Organisationen “eine Regierung und Staatsführung nach eigener Interpretation des Korans” beibehalten [sic!] wollten! Woher entnehmen Sie denn bitte schön diese Weisheit? Welche sachlich nachvollziehbaren Belege können Sie dafür beibringen?

Sie glauben, die Mehrheiten auch ohne Befragung zu kennen (und für sie zu sprechen?)! Ihnen zufolge stimmt die Mehrheit der Muslime dem Minarettverbot zu und über 90% (!!!) würden sich mit den Moscheen noch nicht einmal identifizieren! Mit welcher Impertinenz können Sie eigentlich eine derart unwissenschaftliche Aussage tätigen? Vor allem als Soziologe müssten Sie ja zumindest mit dem Grundwerkzeug seriöser Datenerhebung vertraut sein und ein Interesse daran haben, sich selbst nicht fachlich völlig zu diskreditieren.

Wie es scheint haben Sie nicht verstanden, worum es bei der Kritik am Minarettverbot geht. Das Minarettverbot stellt selbstverständlich eine Ablehnung der Muslime dar – darüber, dass es sich hier um eine Stellvertreterdiskussion handelt, gibt es zahlreiche Publikationen (übrigens auch in der “WELT Online”) -, und es ist ein Signal, dass eine mobilisierte (noch!) Minderheit das Grundrecht auf staatliche Gleichbehandlung in Bezug auf Muslime qualifizieren bzw. komplett aushebeln will. Dies ist ein grundsätzlicher Eingriff in die Gleichwertigkeit, die „Egalité“ der Menschen! Denn ein Christ darf ein Minarett bauen (nennt sich dann Kirchturm), während einem Muslim dieses Recht staatlicherseits nicht zugestanden werden soll.

Für das Gebet ist das Minarett nicht zwingend notwendig, aber viele Muslime befürchten zu Recht dass dieses Verbot zu weiteren Extrapolationen führt. Bereits jetzt werden Gesetze erarbeitet, die Muslimen Bekleidungsverbote auferlegen; der groteske Streit um die Burka ist nur ein Vorgeplänkel eines sich durchsetzenden laizistischen Fundamentalismus, der auf Muslime zielt. Weibliche Kopfbedeckungen wurden bereits in autoritären Staaten (siehe Tunesien, und mit Einschränkung die Türkei) verboten – sie in Demokratien zu verbieten, wird schwieriger, aber nicht unmöglich sein. Nach den Kopftüchern könnten die Bärte (wohlgemerkt nur muslimische Bärte) und die Gewänder, die einige Muslime manchmal tragen, an der Reihe sein. Dann ist natürlich jederzeit ein Fastenverbot möglich, selbstverständlich aus rein gesundheitlichen Gründen, und so setzt sich die Reihe der möglichen Eingriffe in die persönlichen und religiösen Rechte von Muslimen fort. Darum geht es hier. Das Verbot von Minaretten ist ein Fanal, aber das werden Sie erst dann einsehen, wenn es zu spät ist! Jeder sollte sich fragen, welche Gruppe die nächste ist, die mit Einschränkungen zu rechnen hat…

Mein dringender Rat: kehren Sie auf den Boden des Grundgesetzes zurück und hören Sie auf, repressive Gesellschaftsstrukturen, wie Sie sie aus Ihrer Heimat kennen, auch hier verbreiten zu wollen.

Um das ganze Ausmaß der Religionsfreiheit – die sowohl Ihnen als auch anderen – in diesem Land gewährt wird, zu ermessen, rate ich Ihnen dringend zur Lektüre des Artikels „Du musst nicht verfassungstreu sein“ von Professor Dr. Ralf Poscher. „Verhalten, nicht Glauben“ sind das Maß, an dem in diesem Lande der Bürger gemessen wird und inschah allah wird sich das auch nicht wieder so schnell ändern. Ansonsten wird sich die Warnung des amerikanischen Philosophen Santayana noch zahllose Male bewahrheiten: “Wer sich der Geschichte nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.”

In diesem Sinne, wünsche ich Ihnen einen guten, selbstbestimmten und aufklärerischen Start ins neue Jahr.


Update 7.1.2010

Die Diskussion mit Dr. Findikçi geht weiter.

Gastbeitrag: Statt Scharfmacherei sind Neutralität, Sachlichkeit und Objektivität gefragt!

author | 25. Dezember 2009

Der folgende Gastbeitrag vom Wolfsburger Imam Mohamed Ibrahim befasst sich mit dem Gerücht, das vor allem von Spiegel Online verbreitet wurde, dass ein muslimischer Gelehrter das Feiern von Weihnachten in mehrheitlich muslimischen Ländern verbieten lassen möchte. Ich hoffe, einen eigenen Beitrag noch zum Thema zu schreiben und würde mir schon wünschen, dass der Spiegel, eine Entschuldigung für den Lügen-Artikel verfasst.

Von: Imam Mohamed Ibrahim, Wolfsburg

(Wolfsburg, 24.12.2009) In einigen Medien und auf einigen Internetseiten ist gestern und heute die Rede davon, dass Scheich Yussuf Al-Qaradawi Weihnachten verbieten will. In der Berichterstattung benutzte man Wörter wie „Heiligabend-Attacke“ (Spiegel.de) oder „Angriff auf Heiligabend“ (Bild.de).

Diese Wortwahl ist an sich mehr „scharfmachend“ als verantwortlich.

Diese Berichterstattung, die ein „Weihnachtsverbot“ für Christen in islamischen Ländern suggerieren will, ist irreführend und entspricht nicht der Wahrheit. Bei den Worten des Gelehrten Al-Qaradawi handelt es sich um seine Freitagspredigt vom 11.12.2009, die ich mir in arabischer Sprache angehört habe. Korrigierend und klarstellend
möchte ich hier folgendes sagen:

Der Gelehrte hat weder gegen die Christen gehetzt noch wollte er ein „Weihnachtsverbot“ erreichen, und vor allem nicht „den Christen“ das Feiern verbieten. Seine Worte waren an die Muslime gerichtet, dass sie ihre Identität wahren und Weihnachten und Neujahr nicht feiern, da diese ja christliche und keine islamische Feste seien. Er äußerte sich gewundert über das Straßenbild der Stadt Doha, in der er lebt, anlässlich der „christlichen“ Feste, obwohl es dort kaum Christen gibt. Es war kein Spott des Gelehrten (weder in der Wortwahl noch im Ton!), als er die „Tatsache“ nannte, dass die Christen zu zwei unterschiedlichen Daten die Geburt Jesu Christi feiern.

Am wichtigsten ist hier klar zu stellen, dass der Gelehrte Al-Qaradawi die Aussage „Kirchen dürfen keine Kreuze mehr tragen. Kirchenglocken dürfen auch nicht mehr läuten.“ nicht (und
nie!) getätigt hat.

Ich rufe die Medien dazu auf, von der „Scharfmacherei“ abzulassen und sachlich und objektiv zu berichten. Christen und Muslime sollten sich ihrer Verantwortung bewusst werden und
gemeinsam für eine bessere, gerechtere und friedlichere Welt eintreten! Allen Christen wünsche ich trotz der „Hetze“ mancher Medien ein friedvolles und besinnliches Weihnachtsfest.

Sichtermann und Schünemann: Muslime sind rückständig und selbst schuld, wenn sie verprügelt werden

author | 17. Dezember 2009

Die zwei Grünen-Abgeordneten im Niedersächsischen Landtag Helge Limburg und Filiz Polat haben bezüglich der in Göttingen angegriffenen muslimischen Frau eine kleine parlamentarische Anfrage gestellt, die Innenminister Schünemann beantwortete. Hier zunächst die Anfrage:

Am 14. November 2009 wurde in Göttingen eine Muslimin angegriffen. Vier vermutlich aus der rechtsradikalen Szene stammende Männer bepöbelten die 24-jährige Medizinstudentin, rissen sie zu Boden und traten auf sie ein. Offensichtlich gab das Kopftuch, welches das Opfer trug, den Anlass für die Gewaltaktion. So hetzten die Täter beispielsweise mit der Forderung, sie solle “endlich deutsch werden” (vgl. taz, 20. November 2009). Diese Tat sowie der Mord an Marwa El-Sherbini am 1. Juli 2009 in Dresden und andere Taten legen den Schluss nahe, dass eine wachsende Islamfeindlichkeit in der Bevölkerung existiert.

Grund zur Sorge, dass solche Straftaten keinesfalls zu vernachlässigende Einzelfälle bilden und sie in Zukunft womöglich zunehmen werden, liefert zudem die Tatsache, dass die verächtlichen Anschuldigungen Thilo Sarrazins gegenüber den türkischen und arabischen Migrantengruppen in Berlin eine bundesweite Zustimmung von 51 % innerhalb der Bevölkerung erreichten (vgl. BMP, 15. Oktober 2009). Darüber hinaus hat der überraschende Ausgang der Volksabstimmung in der Schweiz gegen den Bau von Minaretten auch zu einer Diskussion in Deutschland und Niedersachsen geführt. Nach dem Votum der Schweizer gegen Minarette fürchten deutsche Muslime, dass eine islamfeindliche Welle über Europa schwappt.

Wir fragen die Landesregierung:

Welche Maßnahmen ergreift die Landesregierung, um dem Problem der Islamfeindlichkeit adäquat entgegenzuwirken? Wird das spezifische Motiv der Islamfeindlichkeit bei der polizeilichen Erfassung von Straftaten berücksichtigt? Wenn nein, warum nicht? Welche näheren Erkenntnisse hat die Landesregierung über den Vorfall in Göttingen, insbesondere darüber, ob die vier Gewalttäter der rechtsradikalen Szene angehören?

Die Antwort des Innenministers deutet darauf hin, dass er den Tätern mit der Forderung, dass das Opfer “endlich deutsch werden” solle, zustimmen würde. Wie sonst sollte man es verstehen, wenn er in der Beantwortung mehrmals darauf aufmerksam macht, dass er sich dafür einsetzt, dass Muslime integriert werden?

Die Niedersächsische Landesregierung tritt für Toleranz und Achtung der Menschenwürde ein. Insbesondere in der Bildungspolitik zählt es zu ihren wesentlichen Zielen, die Werte einer freiheitlichen und offenen Demokratie zu vermitteln. Dazu gehört auch das Eintreten für Religionsfreiheit. Darüber hinaus wendet sich die Landesregierung mit allem Nachdruck gegen fremdenfeindliche Aktivitäten.

Die Landesregierung fördert in vielfältigen Bereichen die Integration von Muslimen. Sie steht mit den islamischen Verbänden in einem konstruktiven Dialog und tritt entschlossen möglichen islamfeindlichen Einstellungen in der Gesellschaft entgegen.

Nein, Schünemann steht fast als einziger niedersächsischer Minister mit den islamischen Verbänden in keinem konstruktiven Dialog. Das zeigt nicht zuletzt an seiner Einsetzung eines “Beraterkreises zur Integration von Muslimen”, der keinen einzigen niedersächsischen Muslim enthält, sowie an der Antwort des Landesverbands der Muslime in Niedersachsen darauf. Es zeigt sich zudem an der Auseinandersetzung um die sog. Moscheekontrollen, wo Schünemann lügen musste, um den Anschein zu erwecken, dass er mit muslimischen Vertretern in Kontakt stünde.

Zurück zum Thema: Die Landesregierung fördert die Integration von Muslimen – als Antwort auf islamfeindliche Angriffe. Er stellt aber auch klar:

Integration stellt sich dabei als ein zweiseitiger Prozess dar, der nicht nur die Zugewanderten sondern auch die Mehrheitsgesellschaft ohne Migrationshintergrund fordert. Einzelne Maßnahmen zur Integration richten sich daher sowohl an die Muslime selbst als auch an die Vertreter der Mehrheitsgesellschaft.

Wie schön: Es gibt Maßnahmen an “Vertreter” der Mehrheitsgesellschaft. Man würde sich ja fast wünschen, es gäbe auch eine Integrationsmaßnahme für Schünemann selbst. Es wird interessant sein zu sehen, welche Maßnahmen an die “Mehrheitsgesellschaft” Herr Schünemann auflistet..

Zu 1: Die Landesregierung hat unter dem Gesichtspunkt der Integration u. a. die folgenden Maßnahmen ergriffen:

Um der steigenden Nachfrage nach Informationen und Beratungswünschen in allen Extremismusbereichen Rechnung tragen zu können, wurde beim Niedersächsischen Verfassungsschutz vor Kurzem die Niedersächsische Extremismus-Informations-Stelle (NEIS) eingerichtet, die alle Präventionsangebote des Verfassungsschutzes bündelt und steuert.

So werden im Rahmen der seit November 2007 mit beachtlicher Resonanz gezeigten und bereits weit in das nächste Jahr ausgebuchten Wanderausstellung “Muslime in Niedersachsen – Probleme und Perspektiven der Integration” einerseits Probleme aufgezeigt, aber auch positive Beispiele gelungener Integration von Muslimen dargestellt und besondere Vorbilder gewürdigt. Die Ausstellung stellt damit einen Beitrag zur gesellschaftlichen Diskussion um die Integration von Muslimen dar.

Und das ist eine Maßnahme gegen fremdenfeindliche Übergriffe?? Die Diskussion über die Integration von Muslimen geht doch am Thema vorbei: Man müsste über die Integrierbarkeit fremdenfeindlicher Menschen diskutieren und aufzeigen, wohin fremdenfeindliche Parolen und Politik führen. Stattdessen diskutiert man die Opfer. Ich kenne zudem die Ausstellung seit ihren Anfängen. Nicht nur war damals die Definition des Islams darin total falsch1, ein nicht geringer Anteil der Ausstellungswände befasste sich mit Extremismus und vor allem mit von Muslimen begangenen terroristischen Anschlägen. Damals waren nicht weniger als ein Drittel der Stellwände mit ausländischem Terror gefüllt, während tatsächlich in Niedersachsen oder zumindest Deutschland lebende Muslime einen sehr geringen Teil ausmachten. Da gewinnt die nächste Aussage des Innenministers an Sarkasmus:

Im Rahmen seines Informations- und Vortragsangebotes an niedersächsischen Schulen und Bildungseinrichtungen stellt der Niedersächsische Verfassungsschutz deutlich die Unterschiede zwischen der Religion des Islam und der extremistischen Ideologie des Islamismus dar. In diesem und in anderen geeigneten Zusammenhängen wird immer wieder darauf verwiesen, dass die Anhänger der Ideologie des Islamismus unter den etwa 4 Millionen Muslimen in Deutschland nur eine sehr kleine Minderheit darstellen.

Ja, und dass es eine kleine Minderheit ist spürt die Mehrheit ganz deutlich, wenn freitags mal wieder die Muslime an der Straßenecke darauf warten, dass die sie kontrollierende Polizei ihnen ihre Pässe und Ausweise zurückgibt! Ich wüsste ja gerne, wie diese Informations- und Vortragsangebote aussehen und wer sie hält. Habe bislang noch nichts davon gehört – und ich unterhalte mich regelmäßig mit mehreren Schulkindern.

Fremdenfeindliche Straftaten haben ihre Ursache häufig in rechtsextremistischen Motivationen. Insofern entfalten die vielfältigen Maßnahmen, die die Landesregierung zur Bekämpfung des Rechtextremismus ergriffen hat, auch in diesem Zusammenhang ihre Wirkung.

Welche Maßnahmen wären das hier speziell, Herr Innenminister?

Vier kommunale Leitstellen für Integration organisieren zum Beispiel Informations- und Dialogveranstaltungen für Imame sowie für Vertreterinnen und Vertreter aus Moscheegemeinden, die in der Regel direkt in integrationsrelevanten Institutionen stattfinden. Bei diesen Veranstaltungen gewinnen Muslime Einblick in gesellschaftliche Strukturen und werden über spezifische Aufgaben ausgewählter Institutionen informiert. Gleichzeitig bieten diese Veranstaltungen den Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Institutionen die Gelegenheit zum Gespräch und zum gegenseitigen Austausch über insbesondere auch von muslimischer Seite eingebrachte Fragestellungen.

Ah, also wieder eine Maßnahme, die an die Muslime gerichtet ist und ihre “Integration” befördern soll. Aber Herr Schünemann, damit erreichen Sie doch nicht die Täter! Indem Sie aber die möglichen Opfer unterrichten, werden keine fremdenfeindlichen Angriffe bekämpft!

Niedersachsen beteiligt sich mit ca. 100 Schulen an dem bundesweiten Netzwerk “Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage” (SOR-SMC). Im Rahmen des Netzwerkes werden unterschiedliche Formen der “gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit” thematisiert. In dem im Jahr 2008 durch die Bundeskoordination SOR-SMC herausgegebenen Themenheft “Jugendkulturen zwischen Islam und Islamismus” werden sehr differenziert die unterschiedlichen Strömungen des Islam für Schülerinnen und Schüler verständlich dargestellt.

Und wieder: es geht schon wieder um die Muslime und ihre Unterteilung in “gute” und “böse” Strömungen. Die Autoren – vor Allem Jochen Müller und Götz Nordbruch – profilieren sich seit einiger Zeit im Bereich muslimischer Jugend, kommen aber ursprünglich aus der Dämonisierungsecke memri, in der arabische Nachrichten selektiv übersetzt werden, um teilweise im israelisch-palästinensischen Konflikt einen latenten Antisemitismus vieler Araber herzuleiten. Ich kenne die Broschüre zwar nicht, allerdings kann ich mir den Tenor durchaus vorstellen2.

Dadurch, dass Herr Schünemann die Bekämpfung von Fremdenfeindlichkeit mit der Unterweisung der “Fremden” verbindet, sagt er im Prinzip, dass er sie für mitschuldig hält. Wären sie “deutscher”, würden sie nicht verprügelt werden.

Das Verprügeln der armen Frau rückt damit von einer fremdenfeindlichen – ja, rassistischen – Tat weg zu einer Bestrafung für Undeutschsein. Und genau hier springt die Berliner Autorin Barbara Sichtermann ein. Sie würde wahrscheinlich sagen, dass die Tat weniger von Hass auf den Islam, sondern von einer “diffusen Abneigung” gegenüber der “eklatanten Rückständigkeit” geprägt ist, “die mit Einwanderern oder Arbeitsemigranten aus Südostanatolien oder dem arabischen Raum so oft zusammen ins Land dringt”. Und sie meint es im politischen Feuilleton des Deutschland Radios ernst:

Ein Burka-Verbot zum Beispiel erhält plötzlich Sinn, wenn man es als Versuch der Europäer begreift, ihr Straßenbild, das Teil der Öffentlichkeit ist, gegen ein Symbol zu verteidigen, das nichts anderes bedeutet als die äußerst rückständige Überzeugung, dass Frauen in der Öffentlichkeit nichts zu suchen hätten.3

Es liegt also an den Verprügelten, Sanktionierten, Diskriminierten und Rassistisch behandelten dieses Landes! Ihre Rückständigkeit muss ihnen notfalls mit einem Verbot ihrer Kleidung rausgeekelt werden. Laut der sehr fortschrittlichen Frau Sichtermann ist aber nicht nur die Bekleidung – Burka, Bart oder andere persönliche Auffälligkeiten4 – ein klares Indiz auf eine Rückständigkeit. Auch eine zu tiefe Religiosität bedeutet eine Rückständigkeit, da sie bedeute, dass “der Griff des Klerus auf die Seelen der Gläubigen noch fest ist”. Und das ist selbst dann auf den Islam anwendbar, wenn es im Islam keinen Klerus gibt!

Denn einiger Fakten kann man sich immer sicher sein in Deutschland:

  1. Der Islam ist ein Problem – Muslime sind dadurch mehrere Probleme, aber nicht alle, sondern eine Minderheit. Eine Minderheit, über die man aber immer reden muss.
  2. In Deutschland gibt es nur unter den NPD-Anhängern Rassisten. Alle, die dieselben Forderungen unter anderer Flagge stellen, sind ausdrücklich keine Rassisten.
  3. .. und jeder kann über den Islam reden und tut es auch, auch wenn er keine Ahnung hat.
  1. ich hatte mit einem Bekannten einen längeren Brief geschrieben, in dem wir offensichtliche Fehler erwähnt und korrigiert hatten[]
  2. hier eine Rezension[]
  3. Komisch: Eine ausschließlich in der Öffentlichkeit getragene Bekleidung soll symbolisieren, dass ihre Trägerin in der Öffentlichkeit nichts zu suchen hätte?! Logik ist wohl auch eine dieser rückständigen Werte, die Frau Sichtermann abschaffen möchte![]
  4. sie gibt demnächst eine Liste dieser rückständigen Merkmale frei[]

Verdachtsunabhängige Kontrollen (a.k.a. “Moscheekontrollen”)

author | 1. Dezember 2009

Die Praxis der diskriminierenden Personenkontrollen vor Moscheen könnte möglicherweise bald der Vergangenheit angehören. Die Fraktion der Grünen im Niedersächsischen Landtag hat einen Antrag zur Änderung des Niedersächsischen Gesetzes eingereicht. § 12, Satz 6 des Nds. SOG soll darin abgeschafft werden. Am 2. Dezember findet eine Anhörung hierzu statt. Die Anhörung ist öffentlich und es stehen einige Besucherplätze frei. Ich denke, dass es schön wäre, wenn auch Muslime teilnehmen würden.

Es ist zu erwarten, dass die CDU geschlossen gegen die Gesetzesänderung stimmen wird. Die Grünen wie auch die Linke werden wohl geschlossen dafür stimmen. Bei der SPD und der FDP steht die Entscheidung noch aus. Liest man sich den stenographischen Bericht des Landtags vom 23. September 2009 durch (ab S. 5752 oder 72), in dem es auch um die geplante Gesetzesänderung ging, dann wird klar, dass jeweils die SPD und die FDP ein System der Ehren-Nichtdiskriminierung vor einem geregelten rechtlichen Einhalt der staatlichen Intervention bevorzugen.

Grüne

Die Gesetzesänderung hat Ralf Briese für die Grünen-Fraktion eingebracht mit einer – so ich sie einschätzen kann – sehr umfassenden Rede, die einzeln auch auf den Seiten der Grünen-Fraktion zu finden ist.

Natürlich soll uns der Staat vor Gefahren schützen und niemand leugnet die Gefahren, die von Terror und Kriminalität ausgehen. Aber die Instrumente, die der Staat zum Schutz seiner Bürger und Bürgerinnen anwendet, müssen zielführend sein! Sie müssen sich einer strengen Erfolgskontrolle unterziehen – und vor allen Dingen müssen sie auch verhältnismäßig sein. Was heißt verhältnismäßig: Keine ungezielten Schrotkugeln bzw. Massenkontrollen, sondern gezielte Maßnahmen, die keine Unschuldigen treffen.

Linke

Für die Fraktion der Linken hatte Pia-Beate Zimmermann das Wort ergriffen und weitestgehend den Grünen zugestimmt. Sie ging aber gezielt auf die Kontrollen in Braunschweig ein:

Diese Gruppe wird stigmatisiert und somit ausge-grenzt. Wenn sie dann auch noch, wie geschehen, nach der Kontrolle abgestempelt werden – meine Damen und Herren, nicht symbolisch, sondern wirklich mit einem Stempel auf die Haut -, dann fragt man sich, was das für eine Praxis ist. Da fragt man sich außerdem, ob der Einsatzleiter wirklich noch genau weiß, was er dort tut.

SPD

Die SPD, unter deren Regierung das Gesetz 1997 etabliert wurde, bevorzugt eine “untergesetzliche” Regelung, die sie aber nicht weiter erläutern. Herr Klaus-Peter Bachmann (SPD) stimmt zwar den Ausführungen von Ralf Briese zur Praxis zu, aber möchte trotzdem das Gesetz nicht gekippt sehen. Meines Erachtens ist es blanke Parteihörigkeit, um nicht zugeben zu müssen, dass man daran beteiligt war, ein sehr schwachsinniges Gesetz aufzusetzen. Der entscheidende Absatz:

Da es nie Erkenntnisse gegeben hat und auch nie Konsequenzen erforderlich wurden, wird deutlich, dass die Fortsetzung dieser Aktionen wirklich reine Willkür ist. Hier sagen die Kommentatoren Unger und Siefken, die Kontrollmaßnahmen dürfen nicht willkürlich sein. Deswegen sei hier noch einmal sehr deutlich aufgeführt, wofür sie eingeführt wurden – nichts davon erfasst das, was Herrn Schünemann unterschwellig veranlasst, diese Praxis beizubehalten -, nämlich Lagebilder über internationale Transportrouten für Rauschgift, Schleuser, aus Osteuropa einreisende Zuhälter- und Menschenhändlerbanden oder Versuche einer Rotlichtszene aus einer anderen Stadt, das Milieu in einer niedersächsischen Stadt an sich zu reißen. Herr Briese, diese Lagebilder sind im Kommentar zum Gesetz beschrieben. Das wendet Herr Schünemann für die Überwachung von religiösen Stätten an.

Wenigstens hebt Herr Bachmann hervor, dass Schünemann in der Beantwortung einer kleinen Anfrage in diesem Zusammenhang gelogen “die Unwahrheit gesagt” hatte, um die eigene Position politisch zu rechtfertigen. Er hatte dem Ditib-Vorsitzenden Ünlü in den Mund gelegt, dass dieser die Kontrollen verstehen würde1.

FDP

Die FDP liefert ein noch schlechteres Bild gemessen an ihrem eigenen angeblich liberalen und rechtsstaatlichen Selbstbild. Der Sprecher – Herr Jan-Christoph Oetjen (FDP) – sagt etwa:

Ich möchte hier für die FDP-Fraktion sehr deutlich sagen, dass die komplette Streichung des § 12 Abs. 6 in diesem Zusammenhang – egal wie man zum Thema Moscheekontrollen steht – vor dem Hintergrund der Sicherheitslage in Deutschland derzeit nicht zielführend ist und von der FDP-Fraktion nicht mitgetragen wird.

Wir haben die Terrordrohungen. Das ist allen hier bekannt. Das ging durch die Medien. Das brauche ich nicht zu wiederholen. Das ist einer der Gründe dafür, warum wir diesen § 12 Abs. 6 brauchen.

Wir haben die Terrordrohung, also sollten die Rechte zurückgenommen werden! Es geht das durch Medien noch weiter gesteigerte Bedrohtsein-Gefühl vor solch unwichtigen Rechten wie die freie Religionsausübung etwa. Weiter, Herr Oetjen:

Aus Sicht der FDP sollten wir Kontrollen auch im Bereich von Moscheen durchaus zulassen. Allerdings sind wir der Meinung, dass diese Maßnahmen sehr sensibel von der Polizei durchgeführt werden müssen, sicherlich sensibler, als das zu Beginn und in der Vergangenheit geschehen ist.

Also noch eine “untergesetzliche” Regelung: “sensibel” sollen die Kontrollen sein! Wenn also das nächste Mal Menschen zur Moschee oder aus der Moschee kommen und schnell zur Arbeit hasten, dann wird die sie kontrollierende Polizei mit einem “Bitte” darum bitten, dass die Papiere gezeigt werden und man sich der Verdächtigung der Nachbarn aussetzen lässt.

Es ist schon komisch: Im Rechtsstaat Deutschland wird das repressive Vorgehen der staatlichen Organe gesetzlich weitläufig gesichert, während die Rechte des Einzelnen “untergesetzlich” und sehr relativierbar – wenn überhaupt – Berücksichtigung finden.

CDU

Kommen wir dann noch zur Sprecherin der CDU-Fraktion und Palin-look-alike Editha Lorberg, die laut ihrer offiziellen Internetseite bekundet, dass sie glaubt, “dass Politik die Kirche braucht” und dass sie “als Christin die Kirche in [ihre] politische Arbeit [einbezieht]“. Ihr Beitrag ist in Gänze als “peinlich” zu bewerten und deshalb kann ich verstehen, dass sie Zwischenfragen (drei an der Zahl) nicht zugelassen hat und sie stattdessen anschließend von ihrem Parteifreund Hans-Christian Biallas beantworten ließ. So behauptete sie, dass es ein “Grundrecht auf Sicherheit” gäbe, was Biallas konkretisierte so, dass das in Artikel 2 des GG genannte Recht auf “Leben und körperliche Unversehrtheit” ein Grundrecht auf Sicherheit darstelle2.

Dann lässt Lorberg folgenden Kracher fallen:

Durch Ihre Darstellung der verdachtsunabhängigen Kontrollen vor Moscheen schüren die Grünen Verunsicherung bei den Besucherinnen und Besuchern von Moscheen. […] Sie möchten erstens den Eindruck vermitteln, als würden gläubige Moscheebesucher an ihrer Religionsausübung gehindert, als würden die Kontrollen in den Moscheen erfolgen.

Zweitens erwecken Sie den Eindruck, als würden die Kontrollen alle muslimischen Bürgerinnen und Bürger unter Generalverdacht stellen. Drittens halten Sie diesen Kontrollmaßnahmen entgegen, sie seien nicht verhältnismäßig. Viertens führen Sie aus, dass bisher bei den Kontrollen im Wesentlichen Ordnungswidrigkeiten, Festnahmen und Strafanzeigen aufgrund allgemeiner und organisierter Kriminalität erfolgt sind.

Also nicht die Kontrollen und die Erniedrigung oder die Diskriminierung führen zur Verunsicherung bei den Besuchern der Moscheen, sondern die Erwähnung dieser!! Auch scheint es schon ein großes Problem darzustellen, dass die Grünen den Unsinn dieses Gesetzes darstellen. Die gute Christin hat wohl keine Zeit, selbst mal mit einem Muslim in ihrem Land zu sprechen, um mal ein Lagebild zu bekommen, oder? Weiter, Frau Lorberg:

Meine Damen und Herren, ich frage Sie: Ist es in einer Zeit, in der Terrordrohungen in unserem Land große Besorgnis auslösen, angemessen, über eine Gesetzesänderung und die vier von mir eben genannten Punkte überhaupt zu diskutieren?

Nein, natürlich sollte man nicht über Gesetze diskutieren, wenn es Terrordrohungen gibt… Auch wenn sie nur abstrakt sind…

Ist es nicht vielmehr an der Zeit, die Menschen mitzunehmen und auch die Besucherinnen und Besucher von Moscheen und Gebetsräumen davon zu überzeugen, dass diese Kontrollen unser aller Sicherheit bedeuten?

Auch wenn das nicht der Fall ist?? Frau Lorberg möchte wohl ein Postulat, dass nämlich die Kontrollen mehr Sicherheit bedeuten – daran zweifeln ja nicht zuletzt die parlamentarischen Gegner dieses Gesetzes – öffentlichkeitswirksam lancieren, statt eine Diskussion darüber zu führen. Und so führt sie ihre Angstmacherei fort:

Meine Damen und Herren, wollen Sie angesichts von Madrid, New York und Kofferbombern hier in Deutschland wirklich so tun, als seien Kontrollmaßnahmen unverhältnismäßig? – Ich mag mir das Szenario nicht vorstellen, wenn der Terror hier in Deutschland seine Opfer findet.

Ohne erkennbaren Zusammenhang wirft sie einfach mal New York, Madrid und “Kofferbomber” in einen Hut, verwurstet sie mit den Kontrollen und stellt bereits die Gegner des Gesetzes in die Nähe einer Mitverantwortung für einen möglichen zukünftigen Anschlag. Und es hört nicht auf:

Ich bin davon überzeugt, dass die Kontrollen vor den Moscheen bewirken, dass unsere muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger die grundsätzliche Notwendigkeit der Bekämpfung des Terrors erkennen werden. Es geht nicht um einen Generalverdacht gegenüber den Besucherinnen und Besuchern, ganz im Gegenteil. Wir dürfen aber dem islamistischen Terror keine Chance geben, sich in unserem Land zu verbreiten und unschuldige Menschen zu verletzen oder gar zu töten.

Ja, so werden Muslime die “Notwendigkeit der Bekämpfung des Terrors” erkennen! Vielleicht sollten wir jeden Tag Kontrollen unterlegen sein, möglicherweise sind wir uns dann alle schneller der Terrorgefahr bewusst! Und nach der Rede von Editha Lorberg im Landtag dürfte auch der letzte Muslim davon überzeugt worden sein, dass die nur ihn betreffenden Kontrollen überhaupt nicht einem Generalverdacht geschuldet ist – schließlich werden sie ja verdachtsunabhängig geführt.

Der Schluß der Rede durch Frau Lorberg ist nicht weniger komisch:

Die Meldungen der letzten Tage rufen zur erhöhten Vorsicht und Wachsamkeit auf, meine Damen und Herren.

Übersetzung: Ahhhhhh! Ich habe Angst, ich habe Angst, ich bin sehr verängstigt. Sie nicht? Sollten Sie aber sein!

Lassen Sie uns gemeinsam …

… beten?? Das habe ich fast erwartet. Stattdessen:

… jede Möglichkeit ergreifen, gegen den menschenverachtenden Terror anzugehen! Ziehen Sie Ihren Gesetzentwurf zurück! Ich danke Ihnen.

Tja, das ist die Sensivität, wie sie die CDU etwa versteht: Blödsinn reden, Angst schüren und einen Generalverdacht bekräftigen und mit der höflichen Bitte um Rückzug der Gesetzesänderung schließen!

Anhörung

Wie bereits erwähnt findet morgen schon die Anhörung zur Gesetzesänderung statt3. Interessierte sollten sich ziemlich früh im Leibniz-Saal einfinden, um noch gute Plätze abzubekommen.

  1. Migazin hat dazu Genaueres[]
  2. Jens Nacke (CDU) hatte noch zuvor reingerufen, dass es Artikel 1 bereits enthält[]
  3. kurze Ankündigung findet sich in diesem Wochenübersicht, den genauen Zeitplan kann ich gerne per Email zuschicken.[]