Category: Persönlich

Aus der Reihe: Qualifizierte Entgegnungen in Diskussionen

author | 30. April 2011

Diesmal ist die Antwort schon ein paar Monate alt. In einer facebook-Diskussion über wichtige Dinge hatte ich in drei längeren Beiträge meine eigene Ansicht aus mehreren Perspektiven versucht zu schildern. Der inhaltsreichste Beitrag meiner Diskussionspartnerin:

Wo nimmst Du das Wissen her, das alles beurteilen zu können? Ich glaube, Du weißt nicht, wovon Du sprichst. Das kannst Du doch nicht wirklich beurteilen. Aber wir leben in einem freien Land. Du hast wie jeder andere Mensch auch die Möglichkeit, Dich einzubringen! Nicht mehr und nicht weniger.

Das ist doch mal ein Diskussionsbeitrag…

P.S. die Antwort ist zur Unkenntlichmachung verändert.

Netzwerk Zahnräder

author | 25. September 2010

Derzeit ist das erste “Netzwerk Zahnräder” im Gange (und zwar bis Sonntag) und einige hatten sich noch einmal zum Schlafen Hinlegen hingelegt. Das Treffen ist entsprechend eines barcamps ausgelegt, nur dass hier jeder Teilnehmer einen Vortragsvorschlag eingereicht hatte. Es werden im Verlauf des heutigen Tages etwa 24 Vorträge/Workshops zu unterschiedlichen Themen, die wir gestern (und bis heute 9:00) abstimmen durften. Ich bin in der glücklichen Situation, dass mein Thema (verrat ich nicht) nicht sehr verständlich1 war und dementsprechend mich auf die faule Haut legen und diskutieren2 kann.

Gestern wurde es ziemlich spät, es war aber eine sehr anregende Diskussion. Es ist interessant, was man alles an einem Abend alles lernen kann. In dieser Hinsicht ist die Veranstaltung schon jetzt ein Erfolg. Heute ist der Haupttag und da wird es interessant, wie organisiert die Vortragenden jeweils sein werden und wie engagiert die Diskussion geführt werden kann.

Das Orgateam hat ihre Arbeit scheinbar gut gemacht, da ich bislang die Kennzeichen von Hektik nicht übermäßig gesehen habe. Einen ersten Bericht gibt es hier: Jung, kreativ, Muslim – Netzwerk “Zahnräder” tagt in Wuppertal.

  1. codewort für langweilig[]
  2. codewort für stressmachen[]

In eigener Sache (taz, iz)

author | 16. September 2010

Vor Kurzem wurde auf taz ein Artikel zu muslimischen Blogs veröffentlicht, in dem die Autorin Julia Herrnböck auch mein Blog kurz vorstellt und mich zitiert (das Interview ist schon ein Weilchen her):

Toomuchcookies-Betreiber Omar Abo-Namous schätzt beim Bloggen die Freiheit, seine Gedanken “einfach runterschreiben” zu können. Er stellt das Selbstverständnis von Muslimen, muslimischen Verbänden und deren interne Debatten in den virtuellen Raum. Die so selbstbewusst wie auch selbstverständlich vorgetragene Botschaft, sehr wohl mit seiner Herkunft, Religion und der modernen Lebenswelt in Deutschland im Einklang leben zu können, füllt eine lang ignorierte Lücke in der Diskussion über Integration, Fremd- und Selbstbild.

Auch Kübras Weblog “ein fremdwörterbuch”1, die Plattform myumma.de, sowie das kürzlich stattfindende erste Treffen der “Zahnräder” werden vorgestellt.

Mir missfällt allerdings am Artikel, dass Götz Nordbruch – der frühere Mitarbeiter des stark einseitigen “Memri” – als “Experte für das Medienverhalten von jugendlichen Migranten in Deutschland” interviewt wird. Er betreibt derzeit mit seinem früheren Kollegen und part-time Missionaren bei memri Jochen Müller den Verein ufuq, mit dem sie sich street-cred aneignen und über eine Art Blogwatch ihre “Expertise” ausbauen.

Ein wenig älter, aber natürlich ausführlicher ist die Bachelorarbeit einiger Studenten im Fachbereich Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Erfurt. Dort werden auch viel mehr muslimische Blogs vorgestellt und teilweise untersucht. Ich musste ein wenig schmunzeln, als ich den folgenden Absatz in der Studie las:

Ebenso lässt sich auch lediglich der Betreiber von Islamkritiker.com anhand seiner Äußerungen explizit als Muslim identifizieren – die Betreiber von Jurblog und TMC [das bin ich] distanzieren sich auf den ersten Blick von der Ummah. Eine eindeutige Erklärung hierfür ist schwer zu finden. So stellt der Autor des Blogs TMC seine Religiosität häufig in den Hintergrund, da sie für die Verhandlung seiner Themenagenda – im Untersuchungszeitraum am häufigsten die Themen Sicherheitspolitik, USA und Moschee – mitunter nicht immer von Relevanz ist.

Insgesamt war es für mich eine interessante Lektüre (auch wenn ich die Studie nicht vollständig gelesen habe), da es mir erlaubte, mich von außen zu betrachten. Die Studie “Muslimische Weblogs: Der Islam im deutschsprachigen Internet” ist auf jeden Fall sehr interessant und es gibt sie bei Amazon zu kaufen!

Aber die muslimische Bloggosphäre ist natürlich stetig am Wachsen und ich wollte einige weitere Blogs würdigen, die ich in der letzten Zeit häufig lese (und natürlich nicht unbedingt immer zustimme):

  • Aggromigrant – zum Abreagieren. Die Sprache ist mir meist zu deftig, sonst würde ich öfter Artikel verlinken.
  • Moslaemm – nicht immer klar, ob es wirklich ein Muslim ist, der sich da lustig macht oder ein Nichtmuslim, der das emuliert. Von ihm auch wahrscheinlich das Weblog von Thilo Sarrazin, auf das viele Sarrazin-Fans scheinbar hereinfallen..
  • Habseligkeiten – sehr persönlich, aber trotzdem gut
  • Lamya-Kaddor-Blog – hier geht es um Lamya Kaddor .. von Lamya Kaddor
  • Meryems Welt – sehr Grafiklastig, interessante Artikel und Nachrichten
  • Nafisa – in der Hoffnung, dass die Postingfrequenz eines Tages steigt..
  • und das meint Lieselotte – teils lustige Alltagserfahrungen.
  • Gedankensplitter – eines der ältesten Blogs in der Liste, auch wenn es lediglich aus Links besteht..
  • Ich muss natürlich auch ab und zu bei den Seiten “dawa-news” und Pierre Vogels “ezp-news vorbeischauen, wenn auch nur, um sie daran zu hindern wieder einmal einer falschen Geschichte wie die von der Frau Bracht aufzusitzen.. Ich lass mich im Gegenzug auch gerne beschimpfen ;-)2

Zuletzt möchte ich noch auf einen Artikel hinweisen, den ich vor einiger Zeit für die “Islamische Zeitung” schrieb. Ich hatte mich mit der “Fatwa” des Zentralrats der Muslime auseinandergesetzt. Diese behauptete, dass ein Profi-Fußballer sein Fasten brechen dürfe, um seinen Vertrag ordnungsgemäß auszuführen. Der Artikel “Der Ramadan und die Fußballer: Eine kritische Antwort an den ZMD” ist in der letzten Ausgabe der “Islamischen Zeitung” erschienen3 und auch online erhältlich. Vielleicht veröffentliche ich ihn noch nachträglich hier..

  1. nicht, wie im Artikel behauptet, “das fremdwörterbuch” ;-) []
  2. nein, nicht wirklich. Ich steh wirklich nicht drauf..[]
  3. ich war geschockt, dass der Artikel eine ganze Seite einnahm!![]

Frohe Botschaft: Morgen ist Eid-al-Ramadan?!

author | 8. September 2010

Tja, wieder stellt sich die Frage nach der Neujahrssichtung und ich wähle wieder als therapeutisches Mittel das Schreiben, um für mich zu einem Ergebnis zu kommen. Die Frage ist:

Ist das Fastenbrechenfest, das Eid-al-Fitr, Bayram oder Neudeutsch Zuckerfest schon morgen oder erst übermorgen?

Die Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Ich würde mich am liebsten nach der Mehrheit in Deutschland richten und die wird nunmal durch die im Koordinationsrat der Muslime vertretenen Verbände gestellt, die allesamt morgen, Donnerstag, zum ersten Festtag deklariert haben. Das Problem ist nur: Ich bin wissenschaftlich eher von den Erklärung von mondsichtung.de oder moonsighting.com überzeugt, die nämlich erklären, dass die Mondsichel (in etwa sechs Stunden) lediglich in Südamerika (Südargentinien und Chile) zu sehen sein wird und diese Orte nicht nur im Normalfall die Sichtung nicht melden, sondern vor allem auch einfach etwa von Europa viel zu weit weg sind und nur durch die willkürliche Festlegung der Datumsgrenze zufällig nicht zu unserem ‘nächsten’ Tag gehören. Das ist eigentlich ein recht schlagendes Argument. (Die Argumentation des European Council for Fatwa and Research überzeugt ganz und gar nicht!)

Nur – und das nennen die Mondsichtungsseiten selbst auch – in 1978 sollen sich die im OIC vertretenen muslimischen Länder anscheinend darauf geeinigt haben, diese Art der Berechnung der Sichtungsmöglichkeit zuzulassen. Also man müsste annehmen, dass es bereits weitestgehend einen Konsens gibt, der darauf abzielt, den Donnerstag als ersten Tag des Festes zu wählen.

Nix da! Wie es scheint werden Muslime in den meisten Ländern morgen weiterfasten und erst am Freitag das Fest begehen. Auf moonsighting.com gibt es eine lange Liste, bei der man schon sehen kann, dass lediglich das European Council for Fatwa and Research und zwei Regionen Leeds in Großbritannien und Dearborn in den USA, sowie teilweise einige schiitische Gelehrte das Fest auf den Donnerstag legen, während alle anderen Staaten den woanders sehen – im Übrigen auch europäische Staaten wie Irland, Frankreich, die Niederlande, Luxemberg und Schweden.

Was macht man also jetzt? Gehe ich nach dem, was mich wissenschaftlich überzeugt und was zufällig auch noch die weltweite Mehrheit der Muslime tun wird oder gehe ich nach dem, was die Mehrheit der deutschen Muslime tun wird – also meine direkte Nachbarschaft? Erschwerend kommt noch hinzu, dass mein Vater ziemlich schnell angekündigt hat, dass er morgen fasten wird, meine Mutter wahrscheinlich ebenso!

Ich habe eine Lösung: Morgen bin ich nicht da. Ich bin nicht hier. Ich bin auch nicht da. Morgen werde ich per Cut für eine kurze Weile verschwinden und dann erst am nächsten Tag auftauchen, als sei nichts gewesen. Ich könnte ja den angeblich letzten Ramadantag und angeblich ersten Festtag auch einfach verreisen und somit auf jeden Fall mein Fasten brechen. Ich könnte aber auch nicht fasten, aber den ganzen Tag nichts essen und nichts trinken?!!?

… ich bin frustriert.

Schlimmer noch als Thilo Sarrazin …

author | 1. September 2010

… sind die dümmlichen Möchtegern-Sarrazine dieser Republik, die sich in ihrem Stammtischgeplärre bestätigt fühlen und wahrscheinlich einen Suffzustand für den geeigneten Zustand halten, um nüchterne Analysen anzustellen und Forderungen an die Politik zu stellen1!

Gestern morgen versüsste mir ein netter Mitarbeiter die Ankunft am Institut mit der Bemerkung, ich sei sicherlich genervt, da ich gestern Thilo Sarrazin bei Beckmann gesehen hätte. Nein, habe ich nicht. Ich habe randwärtig gehört, dass es eine solche Diskussion gab, aber die Sendung habe ich nicht gesehen. Der Mitarbeiter grinste und meinte mir unterstellen zu müssen, dass ich ja beleidigt sei. Nein, bin ich nicht. Warum denn auch? Ich denke, dass Sarrazin vollkommen falsch liegt und ein Angstmacher ist, der sich rassistischer Elemente bedient, aber deshalb beleidigt sein? Er machte mit dem dümmlichen und inhaltslosen Witzeln weiter bis ich zum Büro ging.

Später kam derselbe Mitarbeiter aus anderem Anlass vorbei und rief im Weggehen noch ein jubelndes “Sarrazin, Sarrazin, Sarrazin…”. Ich rief ihn zurück und forderte ihn auf, sich hinzusetzen, damit wir seine unausgesprochenen Anliegen diskutieren könnten, was er verweigerte und wegging.

Ich muss hier anmerken: Der Mitarbeiter um den es hier geht ist ansonsten ein recht netter Mensch, mit dem ich mich recht gut verstehe. Wir haben unsere Meinungsverschiedenheiten, aber wer hat das nicht? Er ist zumindest weder der einzige noch der radikalste Mensch, mit dem ich über Migration, Islam oder anderen politisierten Themen diskutiert habe2. Aber die dümmliche Art, mit der Menschen so tun, als ob sie eine Diskussion allein durch eine halbe Polemik beenden könnten, stimmt mich schon sehr traurig.3

Ich bin schon immer der Meinung gewesen, dass man Rechtsradikale4 nicht ignorieren sollte und ihr Denken thematisieren muss. Wenn also ein NPD-Funktionär behauptet, “Urdeutsche” von “Passdeutschen” unterscheiden zu wollen, dann sollte man ihn nach der Definition des Urdeutschen fragen und danach, was mit “Mischlingen” geschehen soll. Selten wird man ihm vorführen können, wie dämlich diese Forderung ist, aber zumindest kann man den möglichen Befürwortern die Konsequenzen dieser Forderung vor Augen führen. Ignoriert man ihn aber, so kann er sein Gift weiter verbreiten, bis es gesellschaftsfähig ist. Wie man sieht, sind schon lange nicht mehr nur Rechtsradikale rassistischen Einstellungen verfallen!

Der Sozialdarwinismus, den Sarrazin bereits für längere Zeit verbreitet hat, ist leider bereits gesellschaftsfähig, vor allem weil er eher von der Oberschicht, von den Privilegierten dieser Gesellschaft kam. Der soziale Neid hat sich durch die Gesellschaft gefressen und man hört überall die Galle über die angeblich faulen Sozialhilfeempfänger, die “unser Land ruinieren”. Dass das Land derzeit eigentlich ein weit größeres Problem der Oberschicht als der Unterschicht zu verdanken hat – die Finanzkrise – , das wird dabei vollkommen vergessen. Es sind nicht die Obdachlosen oder die Hartz IV-Empfänger, die uns diese Krise beschert haben, sondern Banker, Spekulanten und Großinvestoren. Die Debatten um Sozialabgaben machen einen vollkommen anderen Eindruck! Der Sinn eines Systems, das massenhaftes Geldhorten mit zusätzlichem Geld belohnt, wird aber nicht thematisiert, denn das System ist selbsterhaltend! Wenn man zuviel hat und damit droht unterzugehen, wird man gerettet, da man sonst die gesamte Republik mit in den Ruin zieht.

Ja, wir hätten keine Probleme mehr, wenn nur die ganzen Hartz IV-Empfänger nicht da wären – uns ginge es besser! Demnächst kommt der konsequente Vorschlag: Jeder, der länger als zwei Monate Hartz IV empfängt, wird exekutiert. Spart Geld und wir müssen uns nicht mit Bettlern am Straßenrand abgeben! Ja, der Sozialdarwinismus ist bereits salonfähig, aber seine Konsequenzen sind noch nicht allgemein bekannt.

Biologismus ist derzeit noch nicht wirklich so gesellschaftsfähig. Aber trotzdem glauben viele, dass Thilo Sarrazin mit seinen biologistischen Aussagen recht haben könnte oder zumindest diskussionswürdig ist. Teilweise glauben sie es, weil – wie ich eingangs sagte – sie auf dümmliche Art und Weise ihrem Suff glaubend fühlen, dass Sarrazin recht hat. Aber es bleibt fraglich, warum so viele den biologistischen Erklärungsmustern schnell Glauben schenken. Beim Ansprechen von Juden scheint zumindest noch halbwegs eine Sensibilität zu existieren, was den angeblichen biologischen Unterschied zum “Deutschen” angeht. Dass Sarrazin die (zunächst positiv) wertende Aussage zum “Juden-Gen” zurücknimmt, kann deshalb nur als strategische Aktion gewertet werden.5

Thilo Sarrazin und seine Anhänger sind der Meinung, Intelligenz sei nicht nur etwas, was vererbt würde (laut Sarrazin zu 80%), sondern auch, dass durch diese Vererbung sogar eine Qualifizierung ganzer Völker/Herkünfte in verschiedene Intelligenzklassen möglich sei. Das ist natürlich ziemlicher Humbug, der aus dem Zauberhut gezogen wird. Man kann das Gegenteil aber nur schwer beweisen, denn es gibt keine umfassenden Recherchen dazu. Sowieso stellt sich die Frage, was Intelligenz ist. Die meisten stellen sich wohl eine Quantifizierung wie den IQ-Wert vor. Dieser ist aber höchst umstritten. Eine sehr gute Übersicht über die Debatte um “Rasse” und Intelligenz ist im Skeptic’s Dictionary zu finden. Diesen Satz fand ich u.A. sehr interessant:

These people (who try to establish correlations between various natural abilities and skin color) don’t know evolutionary genetics. They talk about interesting issues in race and biology. And since, I think, there are no real races, I wonder what these issues are. It makes me angry that I have to take time from my research (on the genetics of aging) to argue about something that shouldn’t even need to be discussed (Blum).

Diese Menschen (, die einen Zusammenhang zwischen unterschiedlichen natürlichen Fähigkeiten und der Hautfarbe herzustellen versuchen) wissen nichts über Vererbungsgenetik6. Sie reden über interessante Aspekte in den Themen Rasse und Biologie. Und da es, wie ich glaube, keine richtigen Rassen gibt, frage ich mich, was diese Aspekte sind. Es macht mich wütend, dass ich meinen Forschung (über die ‘genetics of aging’) Zeit wegnehmen muss, um über etwas zu diskutieren, dass nicht einmal diskutiert werden sollte.

… und Sarrazin und seine Anhänger bestätigen die Aussage!

Um die Vorgehensweise von Thilo “habe-ich-mal-gelesen” Sarrazin darzustellen, kann ich folgenden logischen Querschuss zeigen: Laut dem sogenannten “Flynn-Effekt” ist der IQ-Wert in allen aufgenommenen Ländern in den 60 Jahren vor den 90ern stetig gestiegen. James R. Flynn hatte die Daten dazu zusammengetragen. Eines der aufgenommenen Länder war Deutschland. Also, spätestens mit der aufkommenden Migration von Ausländern nach Deutschland hat der durchschnittliche Intelligenzquotient stetig zugenommen. Nicht nur ist also Thilo Sarrazins Behauptung von der “Abschaffung” Deutschlands hysterische Angstmache; Nein, Migranten scheinen in den letzten 70 Jahren die Dämlichkeit der Deutschen mehr als ausgeglichen zu haben! Hurra! So einfach funktioniert sarrazinische Statistikanalyse.

Dass Sarrazin von der Materie keine Ahnung, der er sich bedient, zeigt der folgende FAZ-Leserbrief:

In seinem erfreulich klaren Bericht über den polternd argumentierenden Thilo Sarrazin (“So wird Deutschland dumm”, F.A.Z.-Feuilleton vom 26. August) zitiert Christian Geyer einen Satz des Bundesbankers, in dem er von Niels Bohr spricht. Der große Däne soll gesagt haben, dass er keinen Wissenschaftler kenne, der seine Meinung geändert habe. Solch einen Satz gibt es bei Bohr nicht. Sarrazin hat vielleicht die Bemerkung von Max Planck gehört und in Erinnerung, dass sich neue physikalische Theorien nicht durchsetzen, weil die Vertreter der alten überzeugt werden, sondern weil sie aussterben. Abgesehen davon, dass diese von Planck vor allem auf sich selbst bezogene Behauptung empirisch längst widerlegt ist, erfasst sie keine Meinung, sondern eine Theorie, die lange allein gültig war und nach wie vor zutrifft. Die alte Theorie, die Planck meinte, heißt klassische Mechanik, und sie gilt bis heute, nur nicht im Bereich atomarer Dimensionen.

Bei Sarrazin geht es nirgendwo um etwas, das Gültigkeit beanspruchen kann. Der Bundesbanker plappert beliebig durch die Gegend und nennt das Klartext. Wenn er etwas von Bohr zitieren wollte, dann die Ansicht des Physikers, dass sich Wahrheit und Klarheit ins Gehege kommen können. Sarrazin zeigt, dass Bohr offenbar recht hatte.

Ernst Peter Fischer, Konstanz

Da der Artikel gerade zu lang zu werden droht, werde ich hier abbrechen! Ich hätte das und vieles mehr meinem Mitarbeiter sagen wollen. Ich hätte ihn gebeten, sich zu fragen, was er davon gehalten hätte, wenn nicht Thilo Sarrazin, sondern irgend ein NPD-Funktionär dieselben Aussagen getroffen hätte?! Vor allem hätte ich ihn gefragt, warum er glaubt, dass ich beleidigt bin, wenn er es ist, der die Zusammenhänge nicht verstanden hat?!

Hier noch eine Auswahl guter Artikel:

  1. anders als mit einem Suffzustand kann ich mir manche Forderungen und Einstellungen nicht erklären..[]
  2. Themen, denen man sich als Migrant oder Muslim offenbar zwangsläufig stellen muss. Eine kurze Bemerkung dazu: Einmal hatte ein anderer Kollege ernsthaft gemeint, mir einreden zu wollen, dass ich doch als gebildeter Mensch mich doch von den anderen Muslimen/Migranten distanzieren sollte. Derselbe Mensch hatte mir vorgeworfen, “gehirngewaschen” zu sein (immer mit einem Lächeln, natürlich!), kurz nachdem er mir offenbarte, dass er glaubt durch die Kenntnis von drei Fällen (etwa drei Migranten), eine statistische Tendenz feststellen zu können!! Naja, manche Diskussion ist doch eine zwangsläufige Übung in postkolonialem ‘aufgeklärtem’ Rassismus, wie man ihn nur aus Geschichtsbüchern kennen möchte… []
  3. Im Prinzip macht Thilo Sarrazin nichts anderes, denn er schmeißt Leuten Vorwürfe an den Kopf, schafft es aber in der Diskussion nicht, diese Vorwürfe konstruktiv zu formulieren, was einer Diskussion erst zuträglich wäre.[]
  4. und nein, ich halte meinen Mitarbeiter nicht für einen![]
  5. übrigens: positiv wertende Rassismen als Nichtrassistisch zu deklarieren, zeugt bei den meisten Menschen von der Unkenntnis rassistischer Dynamiken, aber das nur am Rand.[]
  6. eigentlich Evolutionsgenetik[]

Willkommen in der Servicelandschaft Deutschland

author | 19. Juli 2010

Dass ein transatlantischer Flug ganze 45 Minuten zu früh ankam, missfiel den Fluglotsen des Frankfurter Flughafens sichtlich, denn sie liessen uns eine halbe Stunde warten, bevor sie uns einen Parkplatz zubilligten. Die gefühlte durchschnittliche Verspätung wäre ansonsten zu sehr nach unten gezogen worden. Der Pilot – der im Übrigen einen tollen und ruhigen Flug geflogen war sowie eine nachahmenswerte Landung hingelegt hatte – hat uns gleich zu Beginn des Landeanflugs mitgeteilt, dass wir noch nicht erwartet werden. Vor dem Flughafengebäude wartend musste er uns mehrmals vertrösten, bis er uns 20 Minuten später erfreut mitteilte, dass am Gate direkt vor uns sich einige Fahrzeuge zu bewegen anfingen, um den Zugang zu räumen und wohl unsere Ankunft vorzubereiten. Gute Nachrichten, die etwa weitere 10 Minuten auf ihre Auflösung warten ließen.

Ich denke, keiner hatte es eilig, aber nach einem so langen Flug, wäre es doch schön, wenn der Flughafen schon frühzeitig unsere Ankunft vorbereiten könnte. Schließlich ist es ja nicht wie mit verfrühten Gästen, die unvermittelt anklopfen. So ein Flugzeug kündigt sich spätestens zum Landeanflug 45 Minuten vorher an. Da lässt sich doch das ein oder andere machen, oder?

Aber auch ansonsten: An den Flughäfen der USA war überall kostenloses Internet via wifi zugänglich, während man in Frankfurt gerade einmal das wifi-netz von tmobile bekommt, das allerdings kostenpflichtig ist! Wenigstens gibt es inzwischen gemütliche Sitzecken mit einigen wenigen Stromanschlußmöglichkeiten. In Philadelphia etwa gab es nicht nur das kostenlose Internet, sondern auch verschiedenartige Sitzecken überall im Flughafen, mal liegend, mal sitzend, mal mit Tisch, mal innerhalb eines Kinderspielplatzes – und überall Stromanschlüsse! So kanns doch auch gehen.

Andererseits muss ich schon sagen, dass die Toiletten im Frankfurter Flughafen weit sauberer sind als in den US-Flughäfen, die ich besucht habe.

Hala

author | 8. Dezember 2009

Und es geschah am dreihundertachtunddreißigsten Tage des tausendzweihundertachtunddreißigsten Jahres nach dem Tode von Karl dem Großen, in einer stürmischen und dunklen Nacht, da öffnete sie ihre Augen und verkündete an die Sterne gerichtet: “mmmäeh”. Sie fügte hinzu: “mhjäe” und dann “amhjäh”. Und man nannte sie fortan “Hala” – und sie hatte einen Plan.

Hala

Hala

Eid Mubarak

author | 27. November 2009

Allen Besuchern wünsche ich ein gesegnetes Adha-Fest und alles Gute für die nächsten Tage.

Warten auf die Justiz: Flitterwocheneinsatz – zwei Jahre später

author | 25. Oktober 2009

Heute jährt sich der Terrorfahnder-Einsatz in Hamwiede zum zweiten Mal, mit dem die Kriminalpolizei Walsrode unsere Flitterwoche am 25.10.2007 unterbrochen hatte. Nachlesen lässt sich das ganze im Detail bei Kathrin. Vor etwa einem Jahr hatte ich alles Neuere soweit zusammengefasst. Im letzten Jahr ging es den Gerichten – und der Polizeidirektion – darum, uns mit dem Hinweis auf fehlende oder falsche Zuständigkeiten von einem Gericht zum nächsten zu reichen. Zumindest hatten wir beim Amtsgericht unsere Beschwerde eingereicht, das nach mehrmaliger Aufforderung erst – und ohne uns wirklich anzuhören – beschloss, dass es nicht zuständig sei. Beim Landsgericht angekommen wurde uns dann aber wieder mitgeteilt, dass das Amtsgericht sehr wohl zuständig sei. Der Fall wurde zurückverwiesen. Das war der Stand im Oktober letzten Jahres, der sich unter der Zusammenfassung sehr gut nachlesen lässt.

Dieses Jahr wird scheinbar weiter mit der Zeit gespielt. Am 5. Januar erinnerte unser Anwalt das Amtsgericht Walsrode daran, dass durch Beschluss des Landgerichts Verden der Fall an sie zurückverwiesen wurde und bat darum, “nunmehr alsbald in der Sache zu entscheiden.”

Noch zwei Monate später hatte sich die Richterin am Amtsgericht zu keinem Urteil durchringen können, woraufhin unser Anwalt persönlich anrief und wiederholt darum bat, dass endlich eine Entscheidung getroffen wird. Dazu muss gesagt werden, dass uns die Richterin keine Fragen gestellt hat. Wenn Sie sich über den Sachverhalt nicht im Klaren war, dann hätte Sie ja Aussagen von den Betroffenen einholen können, um sich Klarheit zu verschaffen. Das geschah allerdings zu keinem Zeitpunkt. Am 19. März 2009 wurde endlich der Beschluss des Amtsgericht gefasst. Die Richterin übernahm dabei die Aussagen der Kriminalpolizei zur Gänze und hat sie noch nicht einmal gegen unsere Aussagen abgewogen.

Dabei spielte es eine große Rolle, dass die Polizei angegeben hatte, dass sie eine Person ins Obergeschoss laufen sahen. Wir hatten allerdings schon zu Anfang der Verhandlung klar gemacht, dass die Polizei eine ins Obergeschoss laufende Person auf keinen Fall hätte von der Wohnungstür sehen können. Das ist aber auch unwichtig, denn wir beide waren im Erdgeschoss und haben die Polizisten auch dort empfangen. Als einige Polizisten die Treppe hinauf gingen, baten sie uns auf das Sofa Platz zu nehmen. An einigen Stellen gibt die Polizei an, dass sie eine Person im Obergeschoss angetroffen hätten. In anderen wird dieser angebliche Umstand unter den Tisch gekehrt. Die Version der Polizei ist also noch nicht einmal schlüssig und ich hätte schon von einem Gericht erwartet, dass es dies nachzuvollziehen versucht. Um zu beweisen, dass die Durchsuchung keine Durchsuchung war, führt das Gericht folgenden interessanten Absatz an:

Bei Herantreten an das Objekt bestand nicht die Absicht oder der Plan, eine Durchsuchung durchzuführen. Die Tatsache, dass das Objekt ohne Einwilligung des Inhabers betreten wurde, ist darauf zurückzuführen, dass, obwohl als Polizeibeamte erkennbar, den Beamten ein sofortiges Betreten nicht gestattet wurde und eine Person ins Obergeschoss lief.

Nimmt man einmal die Lüge von der hochlaufenden Person aus der Gleichung, bleibt die Aussage stehen, dass die Polizisten die Wohnung ohne Erlaubnis betreten mussten, weil ihnen die Erlaubnis nicht gegeben wurde! Das ist doch mal deutsche Jura-Logik!

Zumindest hatten wir mehr als ein Jahr nach der Durchsuchung inzwischen einen Beschluss – einen ziemlich schlechten, aber immerhin einen Beschluss!

Aber: Dieser Beschluss war wohl tatsächlich von der falschen Richterin gefasst: Nachdem unser Anwalt den Fall wieder an das Landgericht Verden weiterleiete, antwortete dieses mit dem Hinweis, dass die Richterin, die unseren Fall am Amtsgericht entschieden hatte, eigentlich nicht zuständig war, weil sie offenbar die Ermittlungsrichterin ist und es müsste aber “der nach dem Geschäftsverteilungsplan für die Bearbeitung von FGG-Sachen zuständige Richter” zuständig sein. Wie dem auch sei, das Landgericht ersparte uns einen erneuten Gang zum Amtsgericht (was wahrscheinlich wieder ein Jahr gedauert hätte) und – nach einer längeren Erklärung, warum der Beschluss auch von der nichtzuständigen Richterin seine Gültigkeit behält – sagte zu, dass der Fall an die zuständige Kammer des Landgerichts Verden zugeleitet werden kann.

Die Kammer hat daher davon abzusehen, den angefochtenen Beschluss des Amtsgerichts Walsrode – Ermittlungsrichterin – vom 19. März 2009 aufzuheben und die Sache zur erneuten Entscheidung durch den zuständigen Richter an das Amtsgericht Walsrode zurückzuverweisen. Statt dessen sind die Akten über das Amtsgericht Walsrode der für Beschwerden in FGG-Sachen zuständigen Kammer des Landgerichts Verden zur Entscheidung zuzuleiten.

Super, dachte ich mir. Endlich ist jemand proaktiv und will sich des Falls annehmen. Vielleicht wird ja auch mal ernsthaft in der Sache entschieden.

Das war am 27. Mai 2009. Seither sind etwa fünf Monate vergangen und wir haben vom Landgericht nichts Neues gehört. Unser Anwalt hat noch am 14. Oktober 2009 folgenden Brief abgeschickt:

In dem Verfahren [...] hat das Landgericht Verden unter dem o.g. Aktenzeichen mit Datum vom 27.5.2009 verfügt, dass die Sache über das Amtsgericht Walsrode der [...] zuständigen Kammer des Landgerichts Verden zur Entscheidung zuzuleiten sind.

Mittlerweile sind seither fast 5 Monate vergangen, ohne dass hier irgendein Fortgang des Verfahrens festgestellt werden konnte.

Ich rufe in Erinnerung, dass der dem Verfahren zugrundeliegende Grundrechtseingriff sich bereits am 25.10.2007 ereignet hat.

Ein effektiver Rechtsschutz sieht anders aus.

Allerdings! Und so warten wir schon zum zweiten Jahr in Folge auf einen Richter, der sich unseres Falls ernsthaft annimmt und uns mal anhört. Bis zum nächsten Jahr – oder wenn sich etwas tut.

Hanna H., in Köln ermordet. Eine Artikelsammlung

author | 16. Oktober 2009

Beileid ist meist nutzlos. Es kommt zu spät und stellt nichts wieder her, was bereits verändert wurde. Aber zumindest drückt es Empathie aus. Ich möchte deshalb der Familie von Hanna H. mein Beileid ausdrücken – ganz besonders ihren drei Kindern. Inzwischen wurde ihr tatverdächtiger Ehemann gefasst, der sich scheinbar über den Brüsseler Flughafen ins Ausland absetzen wollte.

Hanna H. und ihr Ehemann lebten bis Juni diesen Jahres in der gemeinsamen Wohnung in Köln Bilderstöckchen. Er soll gewalttätig gewesen sein und wurde deshalb von der Polizei für 10 Tage aus der Wohnung verbannt. Anschließend hat Hanna H eine einstweilige Verfügung erwirkt, die ihm verbietet sich ihr weniger als 200 Meter zu nähern. Vor einem Monat (im September 2009) soll zum ersten Mal dagegen verstoßen haben und seine Ehefrau angegriffen haben. Das berichten auch Nachbarn des Opfers. Ob dies der Polizei gemeldet wurde, ist nicht ersichtlich. Am 13.10.2009 soll er sie zum zweiten Mal zwischen Wohnung und angrenzendem Spielplatz angegriffen haben. Dabei hat er sie mit einem Messer so erheblich verletzt, dass sie im Krankenhaus ihren Blutungen erlag.

Zahlreiche Nachbarn hatten anfangs gemeldet, dass sie den Angriff aus einiger Entfernung gesehen hatten. Hanna H. soll (um Hilfe?) geschrien haben. Keiner ist eingeschritten und keiner hatte den Mann erkannt. Eine Schülerin soll ausgesagt haben, dass sie dachte, es wäre Spaß.

„Wir haben diesen Mann hier noch nie gesehen. Normalerweise kennt man sich hier untereinander“, sagt ein Jugendlicher. ksta.de, 29-jährige Frau erstochen, 13.10.09 18:54h

Nachdem die Kinder der Ermordeten erst an eine Jugendeinrichtung, dann an die Großeltern übergeben wurden, hatte sich der Anfangsverdacht gegen den Ehemann erhärtet und es wurde ein internationaler Haftbefehl erlassen, woraufhin er in Brüssel festgenommen wurde. Nun hat man seine Auslieferung beantragt in der Hoffnung, dass noch dieses Jahr mit dem Prozess angefangen werden kann.

Anbei einige Verweise auf Nachrichten zum Fall:

Geht wählen! #btw09

author | 27. September 2009

Ich muss mich gleich auf den Weg machen, um meine Schicht als Wahlhelfer anzutreten. Vorher werde ich noch meinen Stimmzettel schnell ausfüllen und abgeben. Ich bin schon gespannt auf die Wahlbeteiligung und vor allem auf die NPD-Ausbeute heute abend (wenn ich mir die vielen Wahlplakate in Döhren anschaue). Aber natürlich auch auf die Piraten. Ich wünsche ihnen (den Piraten natürlich) auf jeden Fall viel Erfolg! Was die Wahlbeteiligung angeht, so glaube ich, dass sie höher als erwartet sein wird, auch wenn alle von einem “lahmen” Wahlkampf sprechen.

Ramadan-Wochenblogs: Bedeutung des Ramadans

author | 29. August 2009

Die erste Ramadanwoche ist bereits vorbei – man mag es kaum glauben, dass es so schnell ging. Und so hat Kübra gestern bereits die Zusammenfassung des ersten Themas unserer Ramadan-Wochenblogs online gestellt. Es haben zwar nur vier Blogger teilgenommen – Meryem, Bilal, Taner und Tekays – aber die Beiträge sind dafür umso schöner.

Ich habe es selbst offensichtlich nicht geschafft, einen Beitrag einzureichen – dafür war die erste Woche leider zu voll. Ich gelobe Besserung und versuche isa zur nächsten Woche mal den Tagesablauf zu skizzieren. Hoffe auch, dass wieder mehr mitmachen. Bis dann.

Heldenhaft

author | 17. Juli 2009

Ich tue mich schwer mit dem Begriff “Held”. Darf ein Held etwa Fehler haben? Oder ist er in jeder Hinsicht nicht heldenhaft, sondern auch vorbildlich? Einen solchen zu finden wird schwer. Meist läuft das sowieso so ab, dass man seinen eigenen Helden romantisiert und in jeder Situation heldenhaft karikiert. Damit wird zwar die historische Person, die mal existierte, gelöscht, gelöscht. Aber man erschafft sich ein Vorbild nach eigenen Maßstäben und kann diesem nacheifern. Ist das was Schlechtes? Das weiß ich nicht. Ich persönlich habe ein Problem damit, da mir der Bezug zu sehr verloren geht.

Und trotzdem glaube ich historische und gegenwärtige Personen aus unterschiedlichen Zusammenhängen zu kennen, an denen ich Vorbildliches, Nacheifernswertes und eben auch Heldenhaftes festzumachen bereit bin. Eine solche Person ist mein Namensopa Omar Ibn al-Khattab, ein Gefährte und enger Bekannter des Propheten Muhammad. Ich werde aus Gründen der Länge nur einige konkrete Begebenheiten wiedergeben. Den Rest kann man ja selbst nachlesen, wenn man Interesse hat..

Omar war ein jähzorniger, leicht zu Gewalt neigender und recht absolutistischer Mensch. Den Erzählungen zufolge scheint er mir auch ein stark nach Dominanz strebender Mensch gewesen zu sein. So trat er innerhalb von Diskussionen meist gewaltig in den Mittelpunkt – vor Allem, wenn ihm etwas nicht passte. Nicht selten wird davon berichtet, dass er übereilt sein Schwert zog oder jemanden verprügelte, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen oder einem von ihm empfundenen oder tatsächlichen Unrecht entgegen zu treten. Sein Sinn für Gerechtigkeit – etwas, was ihm den Beinamen Farooq einhandelte, der Trennende – führte ihn auch mindestens in zwei Fällen dazu, die Privatsphäre von Menschen zu verletzen.

Er vertrat eine komische Ansicht von Ehe und Geschlechterverhältnis und teilweise ein fehlerhaftes Verhältnis zur Realität und seinen Möglichkeiten, daran etwas zu ändern. Möglicherweise entstammt das auch seiner Vorstellung von sich selbst.

Ich habe nun all die Eigenschaften Omars in ein schlechtes Licht gerückt. Ich finde es aber auch interessant, dass einige dieser Eigenschaften zu sehr positiven Aktionen derselben Person geführt haben.

Omar hat sich aber über die Jahre geändert. Dies ist in weiten Teilen der Erziehung durch den Propheten zu verdanken, der ihn stets zurückgehalten und zurechtgewiesen hatte und seinen Übermut gebändigt hat, was aber auch nicht vollständig gelang. Nach dem Ableben des Propheten war es Omar Ibn al-Khattab, der die Realität nicht einsehen wollte und stur darauf bestand, dass es nicht sein könne, dass der Prophet verstorben war bis der dann zum ersten ‘Kalifen’ gewählte Abu-Bakr As-Siddiq laut verkündete, dass der Prophet – ein normaler Mensch – verstorben war und dass es keinen Sinn machte, den Propheten anzubeten, sondern vielmehr der Gott dieses Propheten auch weiterhin existierte und anbetungswürdig war.

Omar Ibn Al-Khattab folgte auf Empfehlung Abu-Bakrs diesem als Khalif. Zunächst einmal wurde aus seinem Dominanzbestreben zu diesem Zeitpunkt eine vollkommene Ablehnung der Übernahme dieser Verantwortung. Er war aufgrund seiner Strenge teilweise nicht sehr beliebt und die Empfehlung Abu-Bakrs wurde aus diesen Gründen kritisiert. In seiner Rede zur Übernahme des Khalifats befahl er dann, dass jeder seine (also Omars) Fehler berichtigen solle.

Wenn ich dem richtigen Pfad folge, dann folgt mir und wenn ich davon abweiche, dann korrigiert mich, sodass wir nicht auf Abwegen wandeln.

Er ging aber auch auf die Ängste der Bevölkerung ein, indem er Besserung gelobte und Strenge nur den Tyrannen versprach.

Diese Maxime spiegelt sich in einem Vorfall wieder, in dem ihn eine Frau während einer Rede (möglicherweise die Freitagspredigt) dafür kritisiert, dass er offenbar aus einer Verteilung von Stoffen unter den Bewohnern der Stadt einen größeren Anteil bekommen hatte und dementsprechend sein Kleid länger ausfiel. Statt diese persönliche Kritik und öffentliche Verleumdung gepaart mit der unverschämten Unterbrechung zu verurteilen, erklärt Omar, dass ihm der zusätzliche Stoff von seinem Sohn Abdullah Ibn Omar geschenkt wurde – vom früheren Jähzorn nichts zu spüren. So trivial das klingen mag, die wenigsten Verantwortungsträger würden auf die Nachfrage auf in Anspruch genommene Leistungen ruhig reagieren und nicht das Recht auf Nachfrage selbst in Frage stellen.

Sein Sinn für Gerechtigkeit drückte sich auch darin aus, dass ihm das Rechtfertigungsprinzip von Menschen in der Verantwortung zugerechnet wird. “Wo hast du das her?” war die Standardfrage, die er Verantwortlichen stellte, um festzustellen, ob sie ihr Amt missbraucht hatten. Er verbat dem ersten Khalifen Abu-Bakr die Fortführung seiner Handelsgeschäfte, zum Einen um Korruption zu verhindern und zum Anderen auch um zu garantieren, dass die ungeteilte Aufmerksamkeit Abu-Bakrs seinen Amtsgeschäften galt. Dazu sorgte er dafür, dass es für den Khalifen ein Gehalt gab.

Als er das Amt übernahm, war es ihm besonders wichtig, mindestens demselben Anspruch gerecht zu werden. Er führte den Posten des Kadi (Qadi), also des Richters ein, der die Befugnis bekam, dass man bei ihm den jeweiligen Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen konnte. Er führte Versorgungsstellen für Durchreisende ein und sorgte durch eine gezielte Anwendung seiner Strenge für einen Ausgleich zwischen Reich und Arm.

Stets hatte Omar Ibn-Alkhattab Angst, dass er seiner Verantwortung nicht gerecht werden würde. Er entledigte sich seiner “Luxusgüter”. Fortan hatte er zwei Kleider – eines für den Sommer und das andere für den Winter. Eine Überlieferung besagt, dass ein Gesandter Persiens nach dem Khalif fragte. In der Erwartung einer Entsprechung seiner Auswirkungen auf regionaler Ebene, hatte der Gesandte eine Art Schloss gesucht. Als er nicht fündig wurde, fragte er Menschen. Diese verweisten ihn an einen Baumstamm unter dem er Omar schlafend vorfand. Seine Folgerung:

Du (also Omar) hast regiert und dabei gerecht gehandelt, also konntest du dir deiner selbst sicher sein und (einfach so) schlafen (ohne dir Sorgen zu machen).1

Sowieso soll sich Omar in seiner Amtsphase teilweise mit zwei Stunden am Tag begnügt haben. Den Rest der Zeit verbrachte er auf den Straßen der Stadt, um die “Lage der Nation” zu erkunden – auch nachts.

Zu Omar Ibn-Alkhattab gäbe es sehr viel mehr zu sagen. Ich hoffe allerdings, mein grobes Bild von ihm hier differenziert skizziert zu haben. Der Beitrag ist im Rahmen des 6. Blogkarnevals deutschsprachiger Muslime entstanden. Mit Dank an Kübra Yücel, die die Zusammenfassung machen wird.

  1. im Arabischen ist der Ausspruch sehr viel kürzer und ist von der Form ein wenig mit dem veni, vidi vici vergleichbar – aber nicht im Inhalt[]

Muslim Blogkarneval – ein Neubeginn?

author | 15. Juni 2009

Inzwischen ist es deutlich länger als ein Jahr her, dass es den letzten Blogkarneval deutschsprachiger Muslime gab. Seitdem ist viel passiert. Vor allem sind in den letzten Monaten so einige neue deutschsprachige Muslime der Blogosphäre ‘beigetreten’. Deshalb und weil mich inzwischen einige der Blogger deswegen angesprochen haben, schlage ich vor, einen neuen Blogkarneval zu starten.

Wem nicht bekannt sein sollte, was ein Blogkarneval ist, der kann diese Erklärungsseite durchlesen: Info. In Kürze: Jeder Teilnehmer schreibt einen Artikel zum Thema des Blogkarnevals und reicht ihn nach Veröffentlichung auf dem eigenen Blog ein.

Nervige Telefonmarketeers

author | 8. Juni 2009

Er ruft mich an und fragt nach, ob ich der für den Einkauf zuständige Angestellte bin, was ich bejahe. Er führt aus, dass ihre Produkte toll sind und unnachahmbar. Er bietet Garantien, Service und Unverzüglichkeit. Ich frage nach einem bestimmten Produkt. Er wühlt, wühlt und kommt mit einer halben Antwort und dem Versprechen, das nachzurecherchieren. Ich antworte, dass das für mich in Ordnung sei. Er fragt, wann er mich wieder anrufen könnte. Ich antworte, dass er mir das auch gerne per Email schicken kann – dann hätte ich das auch in einer Form, die ich meinem Chef vorlegen könnte, falls das Angebot interessant klingt. Er winselt und erklärt, dass ihnen verboten wäre, schriftliche Unterlagen herauszuschicken. Sie nähmen ihr Produkt ernst und böten aber eine Testphase an. Aber schriftlich darf er mir nichts schicken.

Ich lehne ab und sage noch, das mir das leid täte, aber ich bei einem mündlichen Angebot nicht das Gefühlt hätte, mit einem seriösen Unternehmen zu arbeiten. Tschüß.

Die nächste fremdenfeindliche Pleite beim Anti-Islamisierungskongress

author | 9. Mai 2009

Es war schon eine schöne Veranstaltung, die hier in Hannover durchgeführt wurde. Am Freitag, den 1. Mai haben sich zwischen 15.000 und 20.000 Menschen auf dem Klagesmarkt versammelt, um neben den alljährlichen Demonstrationen und Kundgebungen gegen wirtschaftliche Ausbeutung und für stärkere Arbeitnehmerrechte auch gegen Rechtsextremismus und Rassismus zu kämpfen. Verschiedenste Organisationen von den Gewerkschaften, über Migrantenorganisationen, Kirchen, Stadtverwaltung, Stadtteilvertretungen, politischen Parteien, Hochschulen, (teils spontanen) Künstlervereinigungen usw. usf. nahmen am “Fest der Demokratie” teil.

Es war sehr gut, dass man nicht nur auf das Verbot oder die Einengung der Demonstration hingearbeitet hat, sondern sich inhaltlich damit auseinandergesetzt hat und durch das demonstrative Zusammensein gezeigt hat, wer “das Volk” ist und wer sich in der Minderheit befindet – ein Eigenschaft, die sich der rechte Rand – durch eine verständliche Selbst-Ghettoisierung1 – oftmals zuschreibt. Dass sich dabei beispielsweise lokale pro-palästinensische und pro-israelische Organisationen auf einen gemeinsamen Aufruf einigen konnten stößt Radikalen – Namen werden aus Angst vor Klagen nicht genannt – durchaus negativ auf, ist aber im Zentrum des Anliegens: Der Aufruf gegen Rassismus besitzt eine breite Konsensfähigkeit – und das ist gut so.

Vom Projekt “offene Moscheen” hatten wir die Teilnahme von verschiedensten Muslimen am Fest unter dem Banner “Muslime gegen Rassismus” initiiert – und viele Hannoveraner Moscheevereine für die Idee gewinnen können2. Zwei Zelte mit einer Moscheenausstellung, Plakaten und Informationsmaterial zu Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, sowie Tee und Gesprächen haben wir organisiert. Beliebt war dabei der Kalligraphietisch, an dem der jeweilige Vorname in schöner arabischer Schrift von einem Kalligraphen auf einen Button aufgezeichnet wurde. Für Kinder gab es einen Tisch mit Kinderschminke.

Die rechtsradikale Demonstration in Hannover war im Vorfeld bereits verboten worden, weshalb auch bis auf einige wenige Rechte kein Auftritt der Rassisten zu verzeichnen war.

Warum erzähle ich das? Heute sollte ja der vielbesungene “Anti-Islamisierungskongress”3 in Köln stattfinden. Rechtsradikale und ganz allgemein islamophobe Gruppierungen in ganz Europa hatten dazu aufgerufen, so auch “Deutschlands größter [sic] politischer Blog”. Wieviele sind dabei zusammengekommen?

Die Veranstaltung der Organisationen “Pro Köln” und “Pro NRW” mit Rednern europäischer Rechtsparteien begann am Mittag auf einem Platz im rechtsrheinischen Stadtteil Deutz. Wie die Polizei WDR.de sagte, gab es etwa 150 Teilnehmer.

150! Zunächst einmal die Frage: 150 mit oder ohne den Veranstaltern und ihren Ordnungskräften, bezahlten Soundcheck-Menschen und Schlägertrupps? Und dann: 150? Aus ganz Europa? Dafür blähen sie sich aber im Internet ganz schön auf.. Alles unter multipler Persönlichkeit leidende Mitbürger?4

Dazu sage ich nur: an unserem Kalligraphiestand am 1. Mai sind wir mehr als 500 Buttons los geworden – und die Nachfrage war ja durchaus größer!

Nebenbei: Das ändert jetzt meine Todo-Liste für dieses Jahr:

  • Islamisierung – check!
  • Untergang des Abendlands organisieren – check and counting..

..ich hab ja sonst nichts zu tun…

  1. verständlich ist die Ghettoisierung vor allem rückwärts: rassistisches Gedankengut kann nur dann aufrecht erhalten werden, wenn man es wie eine Monokultur pflegt[]
  2. das war recht viel Arbeit, die sich allerdings gelohnt hat[]
  3. müsste es nicht “Antiislamisierungskongress” heißen, um im Sinne der Veranstalter zu sein??[]
  4. Dass die Rassisten selbst von 1000 Teilnehmer sprechen, ignorieren wir mal aufgrund der leeren Flächen, die eindeutig in den Videos zur Veranstaltung zu sehen sind..[]

Judenhass/Antisemitismus unter Muslimen

author | 25. Februar 2009

Man kann das sarkastische Lächeln erahnen, das Canan Topçu auf dem Gesicht hatte, als sie unter der Überschrift “Alles Einzelfälle” die folgenden Worte schrieb:

Selten sind sich die muslimischen Verbände so einig wie beim Thema Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen. Es könne sich nur um Einzelfälle handeln, erklären ihre Sprecher unisono. Judenfeindlichkeit sei mit dem Islam nicht vereinbar; ein gläubiger Moslem könne kein Antisemit sein. Einig ist man sich auch, dass Antisemitismus als “gesamtgesellschaftliches Phänomen” betrachtet werden müsse.

Dann zitiert sie vier muslimische Vertreter – Erol Pürlü, Ali Kizilkaya, Bekir Alboga und Oguz Üçüncü – , die1 die beschriebene Apologetik bestätigen. Statt mit Vorschlägen für die Verbesserung einer gemeinhin als schlecht bekannten Situation zu dienen, verlieren sich die Funktionäre in Sprachhülsen und Abschiebung der Verantwortung. Dabei wird lediglich gefordert, dass die Moscheeverbände eine Analyse zulassen, hinhören, wenn Probleme festgestellt werden und Verantwortung übernehmen bei der Lösungsfindung.

Glaubwürdigkeit?

Leider wird das Thema Antisemitismus2 in der Moschee wenn überhaupt dann nur mit Samthandschuhen angefasst. Meine Vermutung ist, dass meistens nur so verstandene Notwendigkeit zur Political Correctness die Moscheevorstände oder Imame dazu bewegt, einen Absatz zur “interreligiösen Toleranz” auch in Richtung Juden zu sagen. Es hört sich dann meist so an:

Der Islamrat und seine Gemeinden vermittelten bei jeder Gelegenheit die Botschaft, “dass Antisemitismus eine Form des Rassismus ist”.

Die Glaubwürdigkeit solcher Aussagen schwindet nicht nur in der öffentlichen Auseinandersetzung, sondern auch und vor allem in Augen der adressierten Gemeinde, da sie nicht mit klar formulierten Argumenten ausgestattet wird. Ich möchte auch behaupten, dass bei dem ein oder anderen Imam die innere Überzeugung für das fehlt, was er seiner Gemeinde in Hinblick auf Antisemitismus zu vermitteln versucht. Wie könnte jemand etwas vermitteln, von dem er selbst nicht überzeugt ist?3

Anti-Antisemitismus allgemein

Predigten sind natürlich bei weitem nicht der einzige Bereich, wo Aktivität zu fordern ist. Ergänzende Veranstaltungen wie in der Jugendarbeit müssten konzipiert werden, die das Thema “andere Religionen” und hier speziell Judentum behandeln. Dazu gehört zum Einen die Förderung der Allgemeinbildung, um Verschwörungsannahmen vorzubeugen, zum Anderen – wenn auch meist als “gutmenschlich” abgetan – das aktive Kennenlernen von andersreligiösen Jugendgruppen.

Die Bekämpfung von Antisemitismus und Rassismus im Allgemeinen darf aber auch nicht bei gezielten Veranstaltungen stehen bleiben. Vielmehr sollte auch im interaktiven Umgang mit Jugendlichen (und Älteren) darauf geachtet werden, dass Hass erfüllte Aussagen herausgefordert und hinterfragt werden – nicht besserwisserisch oder oberlehrerhaft, sondern vor allem mit dem Ziel, ihnen Argumente entgegen zu setzen.

Marginalisierungs-Gefühle

Frau Topçu hat eine Aussage eines muslimischen Jugendlichen – Youssef (18) – komplett abgedruckt. Vor allem der letzte Absatz ist interessant zu lesen:

Ich spüre keine Aggressionen oder so was gegen Juden. Ich denke aber, dass viele Deutsche denken: Der ist Moslem, der hat was gegen Juden. Es ärgert mich, dass man als Moslem mit Judenhass in Verbindung gebracht wird. Über Antisemitismus wird viel mehr diskutiert als aber über Islamophobie bei Jugendlichen. Die Juden werden viel mehr verteidigt und in Schutz genommen als Muslime. Die haben ganz andere Möglichkeiten, die werden bevorzugt. Wir Muslime stehen doch immer so schlecht da, besonders nach dem 11. September.

Wenn sich bei der Lufthansa für eine Stelle als Pilot ein Youssef und David bewerben, was glauben sie, wer den Job bekommt?
Ich glaube nicht, dass man mich ins Cockpit lassen würde.

Nicht unwichtig sollte bei der Behandlung von Antisemitismus bei Muslimen das Marginalisiertgefühl dieser sein. Deshalb finde ich den Vorschlag aus diesem Deutschland-Radio Beitrag recht gut:

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

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Diesen Fragen widmet sich die Broschüre sehr sorgfältig. Neben den Argumentationshilfen bietet sie aber auch einen Überblick über Projekte, die mit jugendlichen aus Einwandererfamilien arbeiten. Projekte, die zum Beispiel versuchen, diesen Jugendlichen ein Forum zu geben, in dem sie ihre Geschichte, ihre persönliche – arabische, türkische oder kurdische – Geschichte erzählen können. Das sei nötig, um sich respektiert zu fühlen, meinte Elke Bresetzke vom Haus der Wannsee-Konferenz.

Ich glaube, dass wichtig ist, sich darüber im Klaren zu sein, dass viele Jugendliche nichtdeutscher Herkunft – muslimisch und auch nicht-muslimisch – eine Erinnerungs-Konkurrenz erleben, weil sie den Stellenwert der NS-Geschichte wahrnehmen und das Gefühl haben, dass ihre eigene Geschichte nicht wahrgenommen wird. Das heißt, ich glaube es ist wichtig, dass die Jugendlichen auch ihre Familiengeschichten in irgend einer Form abarbeiten können.

Nahost-Konflikt

Und damit komme ich zu dem für mich interessantesten Punkt: Zwar bestätigen viele Muslime, dass der Antisemitismus unter Muslimen vor allem durch den Nahost-Konflikt genährt wird, allerdings ist es genau dieser Konflikt, für den es offenbar in Moscheen keinen Platz gibt – zumindest nicht für eine sachliche Debatte darüber! Die Gründe rangieren zwischen einer dafür nicht gesehenen Notwendigkeit und der Angst, durch radikalere Stimmen innerhalb der Diskussion die Moschee in Verruf zu bringen – womöglich zum Gegenstand der Beobachtung durch den Verfassungsschutz zu machen. Die Angst siegt und so wird zwar der Nahost-Konflikt durchaus noch heiß diskutiert, aber leider immer nur “inoffiziell” auf Stammtisch-Niveau4 und vor allem – aber nicht nur – unter Jugendlichen ohne wirkliche Informationsbasis.

Was spricht gegen Informationsvorträge, Diskussionsabende oder Podiumsdiskussionen in Moscheen? Diese böten die Gelegenheit auch Andersgläubige einzuladen und mit ihnen zu diskutieren. Vielleicht schafft man es dann einige Jugendliche dazu zu bringen, mit zu diskutieren. Der Lerneffekt bei einer kritischen Diskussion kann vor allem bei sich marginalisiert vorkommenden Jugendlichen enorm sein. Worte statt Fäuste und Fakten statt Beleidigung könnten einem auswuchernden Hass Einhalt gebieten.

Verantwortlichkeit von Moscheenvereine

Vertretungsansprüche von Moscheeverbänden ergeben sich nicht nur aus der Anzahl der Moscheebesucher, sondern auch aus der Fähigkeit dieser Vereine als Modiator zum eigenen Verein zu fungieren. Wenn die Vereine nicht in der Lage sind, ein solch wichtiges Thema ernsthaft anzugehen, dann rüttelt das an diesem Vertretungsanspruch.

Auf der anderen Seite sollte man sich nicht schämen zuzugeben, dass man einen wichtigen Teil – die bildungsfernen Nicht-Moscheebesuchenden “Kulturmuslime” – eben nicht erreichen kann. Dass diese oftmals wenig religiösen Jugendlichen den Großteil der antisemitisch eingestellten “Muslimischen” Jugendlichen ausmachen, davon gehe ich aus persönlicher Erfahrung aus.

  1. wenn die Zitate denn nicht aus einem größeren Zusammenhang gerissen sind[]
  2. ich möchte es allgemein als Rassismus bezeichnen[]
  3. Hier muss man hinzufügen, dass der Imam damit zu kämpfen hat, dass er Vokabular für ein relativ neues Thema einer Predigt finden muss. Dabei verliert er seine gewohnte Glaubwürdigkeit auch ein Stück weit in den Augen seiner Zuhörer.[]
  4. minus Alkohol[]

Idea mit einer Schockmeldung und vielen Fehlern

author | 22. Februar 2009

Die Paranoia, die manch christliche Organisation erfasst, ist teils verständlich, aber zum größten Teil einfach grotesk und belustigend. Woher die Gefahr kommt – ob von Muslimen, von Atheisten oder von anderen Christen – ist egal, ständig werden düstere Zukunftsprognosen erstellt, um das bevorstehende Armageddon zu prognostizieren. Als ich diese Meldung las, war ich aber doch schon erstaunt, wie hoch die Angst offensichtlich hängt. Da betitelt niemand geringeres als das evangelische Nachrichtenportal IDEA1:

Künftig mehr Muslime als Christen in Berlin?

Schon im Kurztext wird dem Leser die Relativität des Wortes “künftig” klar:

Schon jetzt kommen 43 Prozent der bis sechsjährigen Kinder in der Bundeshauptstadt aus Familien mit einem ausländischen Hintergrund.

Also, 43% der Kinder unter sechs Jahren in Berlin haben einen ausländischen Hintergrund! Auch wenn man damit rechnet, dass Muslime die Hälfte dieser ausmachen, dann sind es gerade einmal 22% der unter-sechs-jährigen! Bis also eine Generation mit einer muslimischen Mehrheit ein halbwegs relevantes Alter erreicht dürften noch einige Jahre durchs Land gehen. Immer vorausgesetzt natürlich, es ändert sich nichts an den Zahlen von heute..

Die neusten Horrormeldung über schwindende Christenzahlen kommen in diesem Artikel vom Generalsuperintendanten der Evangelischen Kirche Ralf Meister. Dieser fordert darauf aufbauend, dass eine stärkere Zusammenarbeit “mit dem Islam” stattfindet. Interessant ist in diesem Rahmen der Beweggrund des Generalsuperintendanten Meister:

Von den 3,4 Millionen Einwohnern gehören 676.000 zur evangelischen Landeskirche (19,9 Prozent) und 323.000 zur römisch-katholischen Kirche (9,5 Prozent); 216.000 sind Muslime (6,3 Prozent). Rund 60 Prozent der Berliner sind konfessionslos. Meister sprach sich dafür aus, einen „Rat der Religionen“ zu gründen, der Verantwortung für die Stadt wahrnehme.

Verstehe ich das richtig: Die “Religiösen” sind in der Minderheit, also sollten sie einen “Rat” gründen, um die Verantwortung für die Stadt wahrnimmt? Welcher Logik folgt diese Forderung eigentlich? Wahrscheinlich derselben, aus der ein konkreter Vorschlag Herrn Meisters erwächst:

So könne er sich ein gemeinsam formuliertes Gebet für die Stadt vorstellen, das sowohl in der Moschee als auch in der Synagoge und der Kirche gesprochen werde.

Was unter “Religion” fällt definieren die beiden jeweils einzig wahren Kirchen schon immer gleich: in der Kirche findet Religion statt. Eine Abkehr ist auch in diesem Artikel nicht zu verzeichnen. Die Vermischung von “Kirche” und “Religion” ist immanent.

Laut Meister ist Berlin eine entkirchlichte Stadt, in der Religion eine völlig untergeordnete Rolle spiele. Religiöse Erfahrungen würden zunehmend außerhalb der Kirche und des christlichen Glaubens gemacht.

Noch eine Kleinigkeit nebenbei. Im IDEA-Artikel steht wörtlich:

Christen sollten den Dialog und auch die Zusammenarbeit mit dem Islam suchen, etwa beim Kampf gegen die Armut.

Während ich Christen bestimmt nicht davon abraten möchte, einen Dialog mit “dem Islam” zu suchen, so glaube ich doch, dass hier der Dialog mit den weniger abstrakten Muslimen gemeint ist, oder?

Meine Meinung

Damit ich nicht falsch verstanden werde: ich glaube durchaus, dass man zusammenarbeiten sollte, um gesamtgesellschaftlichen Fortschritt zu schaffen. Das gilt für verschiedene Religionsgemeinschaften aber genauso wie für nichtreligiöse Menschen. Muslime sollten sich allerdings tunlichst davon fernhalten, als Geschütz in der Auseinandersetzung zwischen christlichen Interessenverbänden (ProReli oder ähnliche) und Atheisten missbraucht zu werden. Wenn es um die Besserung in der Gesamtgesellschaft geht, sollte jeder Mensch willkommen sein, der nicht offensichtlich Verschlechterung im Sinne hat..

Und das Gebet: der GSI hätte auch gleich zugeben können, dass er keinen sinnvollen Vorschlag für die Zusammenarbeit hat.

  1. selbst bezeichnen sie sich als “das christliche Nachrichtenportal”[]

Diskriminierung an der Theke

author | 13. Februar 2009

Szenario: Der deutsche Muslim mit türkischem Migrationshintergrund Ali Özgürk geht zum örtlichen McDonalds und bestellt einen Hähnchen-Döner ohne Zwiebeln aber mit einem Schuss Zaziki und einer “ordentlichen” Menge scharfer Soße. Die Kassiererin schaut ihn dümmlich an und fragt dann – nach gefühlten zwei Stunden – höflich, ob er denn alle Tassen im Schrank hätte und sagt ihm, bei McDonalds hätten sie keinen Döner zu verkaufen. Er könne gerne zwischen “McBurger”, “McPommes”, “McBurger mit McPommes” und “McDoubleBurger avec Cheese and DobbleMcPommes” wählen. Alle Sorten kämen auch als Menü mit einer McCola oder McSprite und alle Preise endeten mit 99 Cent!

Ali Özgürk ist verdutzt und weiß nicht, wo er anfangen soll. Zunächst – so erklärt er – würde er zu seinem Döner immer nur einen türkischen Tee trinken wollen und kein Getränk, das ihn praktisch anzuspringen droht und selbst dann hätte er lieber das beschwörenswert “bessere” TurkaCola. Dann erklärt er, dass er Gerichte mit Vorsilben generell nicht über den Weg traut und fragt schließlich, was die Donaldianer denn gegen einen leckeren Döner hätten und warum er denn keinen bekommen könnte.

Darauf antwortet die Kassiererin, ihr Unverständnis für seine Fragen professionell verhüllend, dass McDonalds seine eigenen Produkte verkauft und dass Herr Özgürk ja gut und gerne in einen spezialisierten Dönerladen gehen könne, um einen Döner zu bestellen. Hier würden einfach keine Döner verkauft.

Herr Özgürk läuft hochrot an, wirft der “Sch***pe” am Tresen mehrere türkische und deutsche unschöne Worte an den Kopf und rempelt einen anderen Kunden an, während er sich wild und explizit fuchtelnd in Richtung Ausgang bewegt. Draußen angekommen ruft er gleich seinen Freund von der lokalen Presse an und berichtet ihm von der “diskriminierenden Erfahrung”, die er gerade durchlebt hatte, der diese gerne weiter trägt.

Zu weit hergeholt? Ist es denn eine Diskriminierung, wenn man als Kunde nicht das Gewünschte bekommt? Ich weiß, was folgen würde, würde dieses Szenario in Deutschland Realität werden. Es entstünde ein Skandal, der antimuslimische Kommentatoren auf den Plan riefe. Ein gewisser Herr H.M.B. wäre außer sich und würde ungewohnt direkt kommentieren: “Diese Muslime fühlen sich ja immer beleidigt.”1 Weitere totgeglaubte und aktenführende Muslimfeinde würden zu neuem Leben erwachen und würden ihr Bestes und viele Interviews geben, würden von Talk-Show zu Talk-Show herumgereicht und dabei schärferes Vorgehen gegen Muslime und die “Ideologie des Islams” fordern – auch im beschaulichen Hannover..

In Großbritannien bietet eine Pizzakette in einem Bezirk Birminghams laut dieser Meldung seit kurzem nur noch “Halal”-Fleisch an. Darüber sind mindestens zwei Kunden erregt, einer von ihnen – Chris Yates, 29 – hatte folgendes dazu zu sagen:

I’m all for racial and religious tolerance but if anything this is intolerant to my beliefs and discriminatory against me.

Ich bin sehr für die Tolerierung von Rassen und Religionen, aber dies ist wenn überhaupt eine Intoleranz in Bezug auf meinen Glauben und eine Diskriminierung gegen mich.

Peter Merholz, 38, beschreibt sein Problem ein wenig genauer:

I’d been coming here for ages but now I’ll go elsewhere because I can’t get a pepperoni pizza, which is what I always have.

Ich bin jahrelang hierher gekommen, aber nun werde ich woanders hingehen, da ich keine Pepperoni-Pizza mehr bekomme, die ich aber haben möchte.

[via]

  1. Er würde noch einen Witz anfügen, um seinem Image als Chef-Polemiker und Selbstinszenierer gerecht zu werden[]

Zeichen der Hoffnung

author | 21. Januar 2009

Nachdem das israelische Militär sich langsam wieder aus dem Gazastreifen zurückzieht, dabei aber nicht gerade verstanden zu haben scheint, was “Waffenstillstand” wirklich bedeutet, kehren die Menschen an die Plätze zurück, wo ihre Heime gestanden haben. Sehr viele Häuser (ich las die Zahl 5000) stehen nicht mehr oder sind zumindest nicht mehr bewohnbar.

Ich bin sehr erstaunt über die Standfestigkeit, mit der Palästinenser und Menschen im Gaza-Streifen am Weiterleben festhalten und damit der israelischen Militäraggression trotzen. Hier ist ein Bericht vom Tag direkt nach der Feuerpause. Zum Hintergrund: Die Frau, die das geschrieben hat, ist mit einer der freegaza-Boote in den Gaza-Streifen gekommen und hat sich seitdem dort als Hilfskraft und Reporterin beschäftigt. Während des Gaza-Kriegs hat sie im Al-Quds-Krankenhaus ausgeholfen. Am letzten Donnerstag abend brach ein Feuer in diesem Krankenhaus aus, sodass es evakuiert werden musste. Hier der zusammengesetzte aus ihren Erlebnissen beim ersten Betreten des Krankenhauses und dann zwei Tage später wieder.

Lasst mich mit der guten Nachricht beginnen. Ich fand es erstaunlich destabilisierend, das Krankenhaus evakuieren zu müssen. Seit Beginn der Angriffe habe ich mehr Nächte hier verbracht als woanders und es fühlte sich mehr und mehr wie ‘zuhause’ an jedes Mal, wenn ich zurückkam, besonders mit dem Willkommen, das ich stets bekam. Es gibt einen Gefühl von Ordnung, Sicherheit, Fürsorge und Mitgefühl in einem Krankenhaus. Als eine Handvoll von uns um etwa 3 Uhr nach der Evakuierung zurück kam, um das Krankenhaus zu besichtigen, während die Reste des Feuers den Feuerwehrmännern trotzte, fühlte es sich trostlos an. Betten waren im Weg verstreut, drin waren die Dinge durch die übereilte Evakuierung umgestürzt und zerbrochen, der Boden war mit Schlamm überdeckt. In den meisten Räumen waren Wasserfälle. Zwei von drei der Gebäude waren geschwärzt und schwelend.

Ich wanderte herum in dem Operationssaal, die Dinge aufräument, damit es nicht so traurig aussah. Wenn ich mich verdrängt vorkam, was war mit all dem medizinischen Personal hier, deren Heime in den letzten Wochen zerstört wurden, für die dieser Ort hier ihr einziger warmer, komfortabler, sicherer Platz war?

Aber gestern traf sich die “Rote Halbsichel”1 und entschied, dass es wieder von “Al-Quds” arbeiten möchte und besser noch, das Krankenhaus wird am Montag wieder offen sein. Ich vergass den Umstand zu berücksichtigen, dass sie keine Chance hatten. Heute traf ich in eine vollkommen wiederbelebte Atmosphäre im Erdgeschoss – Lichter funktionieren wieder, die meisten Dinge sind wieder an ihrem Platz, der Schlamm weg gewaschen und Notfallmannschaftsjungs gleiten auf Stoffen durch ihre Räume, um den Boden zu trocknen. Ich habe noch nicht die Teile des Krankenhauses besucht, die vorgestern noch gebrannt haben. Im Augenblick denke ich, werde ich das was ich sehe genießen. Einige der Ärzte machen uns ein Kartoffel-Chips (oder Pommes?) zu Essen. Übrigens, das Dreigespann2 sind nun am “Nasser” Kinderkrankenhaus.

Auch der Rest des Blogartikels und ihr Blog insgesamt ist lesenswert. Mich erfüllte nur die hoffnungsvolle Art, die Arbeit wieder aufzunehmen mit Mut und Zuversicht.

Bodenwischen im Al-Quds-Krankenhaus in Gaza

Bodenwischen im Al-Quds-Krankenhaus in Gaza

  1. analog zum Roten Kreuz[]
  2. gehört zu einer anderen Geschichte[]