… sind die dümmlichen Möchtegern-Sarrazine dieser Republik, die sich in ihrem Stammtischgeplärre bestätigt fühlen und wahrscheinlich einen Suffzustand für den geeigneten Zustand halten, um nüchterne Analysen anzustellen und Forderungen an die Politik zu stellen!
Gestern morgen versüsste mir ein netter Mitarbeiter die Ankunft am Institut mit der Bemerkung, ich sei sicherlich genervt, da ich gestern Thilo Sarrazin bei Beckmann gesehen hätte. Nein, habe ich nicht. Ich habe randwärtig gehört, dass es eine solche Diskussion gab, aber die Sendung habe ich nicht gesehen. Der Mitarbeiter grinste und meinte mir unterstellen zu müssen, dass ich ja beleidigt sei. Nein, bin ich nicht. Warum denn auch? Ich denke, dass Sarrazin vollkommen falsch liegt und ein Angstmacher ist, der sich rassistischer Elemente bedient, aber deshalb beleidigt sein? Er machte mit dem dümmlichen und inhaltslosen Witzeln weiter bis ich zum Büro ging.
Später kam derselbe Mitarbeiter aus anderem Anlass vorbei und rief im Weggehen noch ein jubelndes “Sarrazin, Sarrazin, Sarrazin…”. Ich rief ihn zurück und forderte ihn auf, sich hinzusetzen, damit wir seine unausgesprochenen Anliegen diskutieren könnten, was er verweigerte und wegging.
Ich muss hier anmerken: Der Mitarbeiter um den es hier geht ist ansonsten ein recht netter Mensch, mit dem ich mich recht gut verstehe. Wir haben unsere Meinungsverschiedenheiten, aber wer hat das nicht? Er ist zumindest weder der einzige noch der radikalste Mensch, mit dem ich über Migration, Islam oder anderen politisierten Themen diskutiert habe. Aber die dümmliche Art, mit der Menschen so tun, als ob sie eine Diskussion allein durch eine halbe Polemik beenden könnten, stimmt mich schon sehr traurig.
Ich bin schon immer der Meinung gewesen, dass man Rechtsradikale nicht ignorieren sollte und ihr Denken thematisieren muss. Wenn also ein NPD-Funktionär behauptet, “Urdeutsche” von “Passdeutschen” unterscheiden zu wollen, dann sollte man ihn nach der Definition des Urdeutschen fragen und danach, was mit “Mischlingen” geschehen soll. Selten wird man ihm vorführen können, wie dämlich diese Forderung ist, aber zumindest kann man den möglichen Befürwortern die Konsequenzen dieser Forderung vor Augen führen. Ignoriert man ihn aber, so kann er sein Gift weiter verbreiten, bis es gesellschaftsfähig ist. Wie man sieht, sind schon lange nicht mehr nur Rechtsradikale rassistischen Einstellungen verfallen!
Der Sozialdarwinismus, den Sarrazin bereits für längere Zeit verbreitet hat, ist leider bereits gesellschaftsfähig, vor allem weil er eher von der Oberschicht, von den Privilegierten dieser Gesellschaft kam. Der soziale Neid hat sich durch die Gesellschaft gefressen und man hört überall die Galle über die angeblich faulen Sozialhilfeempfänger, die “unser Land ruinieren”. Dass das Land derzeit eigentlich ein weit größeres Problem der Oberschicht als der Unterschicht zu verdanken hat – die Finanzkrise – , das wird dabei vollkommen vergessen. Es sind nicht die Obdachlosen oder die Hartz IV-Empfänger, die uns diese Krise beschert haben, sondern Banker, Spekulanten und Großinvestoren. Die Debatten um Sozialabgaben machen einen vollkommen anderen Eindruck! Der Sinn eines Systems, das massenhaftes Geldhorten mit zusätzlichem Geld belohnt, wird aber nicht thematisiert, denn das System ist selbsterhaltend! Wenn man zuviel hat und damit droht unterzugehen, wird man gerettet, da man sonst die gesamte Republik mit in den Ruin zieht.
Ja, wir hätten keine Probleme mehr, wenn nur die ganzen Hartz IV-Empfänger nicht da wären – uns ginge es besser! Demnächst kommt der konsequente Vorschlag: Jeder, der länger als zwei Monate Hartz IV empfängt, wird exekutiert. Spart Geld und wir müssen uns nicht mit Bettlern am Straßenrand abgeben! Ja, der Sozialdarwinismus ist bereits salonfähig, aber seine Konsequenzen sind noch nicht allgemein bekannt.
Biologismus ist derzeit noch nicht wirklich so gesellschaftsfähig. Aber trotzdem glauben viele, dass Thilo Sarrazin mit seinen biologistischen Aussagen recht haben könnte oder zumindest diskussionswürdig ist. Teilweise glauben sie es, weil – wie ich eingangs sagte – sie auf dümmliche Art und Weise ihrem Suff glaubend fühlen, dass Sarrazin recht hat. Aber es bleibt fraglich, warum so viele den biologistischen Erklärungsmustern schnell Glauben schenken. Beim Ansprechen von Juden scheint zumindest noch halbwegs eine Sensibilität zu existieren, was den angeblichen biologischen Unterschied zum “Deutschen” angeht. Dass Sarrazin die (zunächst positiv) wertende Aussage zum “Juden-Gen” zurücknimmt, kann deshalb nur als strategische Aktion gewertet werden.
Thilo Sarrazin und seine Anhänger sind der Meinung, Intelligenz sei nicht nur etwas, was vererbt würde (laut Sarrazin zu 80%), sondern auch, dass durch diese Vererbung sogar eine Qualifizierung ganzer Völker/Herkünfte in verschiedene Intelligenzklassen möglich sei. Das ist natürlich ziemlicher Humbug, der aus dem Zauberhut gezogen wird. Man kann das Gegenteil aber nur schwer beweisen, denn es gibt keine umfassenden Recherchen dazu. Sowieso stellt sich die Frage, was Intelligenz ist. Die meisten stellen sich wohl eine Quantifizierung wie den IQ-Wert vor. Dieser ist aber höchst umstritten. Eine sehr gute Übersicht über die Debatte um “Rasse” und Intelligenz ist im Skeptic’s Dictionary zu finden. Diesen Satz fand ich u.A. sehr interessant:
These people (who try to establish correlations between various natural abilities and skin color) don’t know evolutionary genetics. They talk about interesting issues in race and biology. And since, I think, there are no real races, I wonder what these issues are. It makes me angry that I have to take time from my research (on the genetics of aging) to argue about something that shouldn’t even need to be discussed (Blum).
Diese Menschen (, die einen Zusammenhang zwischen unterschiedlichen natürlichen Fähigkeiten und der Hautfarbe herzustellen versuchen) wissen nichts über Vererbungsgenetik. Sie reden über interessante Aspekte in den Themen Rasse und Biologie. Und da es, wie ich glaube, keine richtigen Rassen gibt, frage ich mich, was diese Aspekte sind. Es macht mich wütend, dass ich meinen Forschung (über die ‘genetics of aging’) Zeit wegnehmen muss, um über etwas zu diskutieren, dass nicht einmal diskutiert werden sollte.
… und Sarrazin und seine Anhänger bestätigen die Aussage!
Um die Vorgehensweise von Thilo “habe-ich-mal-gelesen” Sarrazin darzustellen, kann ich folgenden logischen Querschuss zeigen: Laut dem sogenannten “Flynn-Effekt” ist der IQ-Wert in allen aufgenommenen Ländern in den 60 Jahren vor den 90ern stetig gestiegen. James R. Flynn hatte die Daten dazu zusammengetragen. Eines der aufgenommenen Länder war Deutschland. Also, spätestens mit der aufkommenden Migration von Ausländern nach Deutschland hat der durchschnittliche Intelligenzquotient stetig zugenommen. Nicht nur ist also Thilo Sarrazins Behauptung von der “Abschaffung” Deutschlands hysterische Angstmache; Nein, Migranten scheinen in den letzten 70 Jahren die Dämlichkeit der Deutschen mehr als ausgeglichen zu haben! Hurra! So einfach funktioniert sarrazinische Statistikanalyse.
Dass Sarrazin von der Materie keine Ahnung, der er sich bedient, zeigt der folgende FAZ-Leserbrief:
In seinem erfreulich klaren Bericht über den polternd argumentierenden Thilo Sarrazin (“So wird Deutschland dumm”, F.A.Z.-Feuilleton vom 26. August) zitiert Christian Geyer einen Satz des Bundesbankers, in dem er von Niels Bohr spricht. Der große Däne soll gesagt haben, dass er keinen Wissenschaftler kenne, der seine Meinung geändert habe. Solch einen Satz gibt es bei Bohr nicht. Sarrazin hat vielleicht die Bemerkung von Max Planck gehört und in Erinnerung, dass sich neue physikalische Theorien nicht durchsetzen, weil die Vertreter der alten überzeugt werden, sondern weil sie aussterben. Abgesehen davon, dass diese von Planck vor allem auf sich selbst bezogene Behauptung empirisch längst widerlegt ist, erfasst sie keine Meinung, sondern eine Theorie, die lange allein gültig war und nach wie vor zutrifft. Die alte Theorie, die Planck meinte, heißt klassische Mechanik, und sie gilt bis heute, nur nicht im Bereich atomarer Dimensionen.
Bei Sarrazin geht es nirgendwo um etwas, das Gültigkeit beanspruchen kann. Der Bundesbanker plappert beliebig durch die Gegend und nennt das Klartext. Wenn er etwas von Bohr zitieren wollte, dann die Ansicht des Physikers, dass sich Wahrheit und Klarheit ins Gehege kommen können. Sarrazin zeigt, dass Bohr offenbar recht hatte.
Ernst Peter Fischer, Konstanz
Da der Artikel gerade zu lang zu werden droht, werde ich hier abbrechen! Ich hätte das und vieles mehr meinem Mitarbeiter sagen wollen. Ich hätte ihn gebeten, sich zu fragen, was er davon gehalten hätte, wenn nicht Thilo Sarrazin, sondern irgend ein NPD-Funktionär dieselben Aussagen getroffen hätte?! Vor allem hätte ich ihn gefragt, warum er glaubt, dass ich beleidigt bin, wenn er es ist, der die Zusammenhänge nicht verstanden hat?!
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