Category: Politik

The first victim of a riot is the news – London’s burning

author | 10. August 2011

In der letzten Zeit bin ich ja ein wenig beschäftigt und kann mich dementsprechend nicht um Nachrichten kümmern, wie ich es mir wünschen würde1. Natürlich habe ich mitbekommen, dass in England des Nachts Vandale betrieben wird und da ich nicht dumm sterben wollte, habe ich mich an den Nachrichtenlieferanten par excelence in Deutschland gerichtet: die Tagesschau.

Der Aufmacher: “Krawalle in Manchester, Bangen in London”, die Bilder von gerüsteten Polizisten mit Bränden im Hintergrund. Der Artikel selbst ist noch weniger informativ als die üblichen “1000 Worte”. Der Artikel listet penibelst auf, wo protestiert wird, welche und wie viele Geschäfte in Brand gesetzt wurden und was die Regierung alles unternimmt, um zu reagieren.

Was man zunächst nicht als Information bekommt: Warum gehen da diese Menschen auf die Straßen? Mitten im Artikel prangt mir dann ein bekannter Kopf entgegen: Der hannoversche “Kriminologe” Christian Pfeiffer! Auch wenn ich von seiner wissenschaftlichen Vorgehensweise weder im Bereich der “Killerspieledebatte”, noch im Bereich der “Jugendkriminalität” noch in seiner religionsbasierten Auswertung von Kriminalität besonders viel halte, denke ich mir: hören wir einfach mal rein.

Es war doch nur ein Krimineller!

Die erste Frage erschließt mir zumindest einen Auslöser der Aufstände: Ein Mann wurde offenbar von der Polizei erschossen. Auf Wikipedia findet sich natürlich weit mehr zu Mark Duggan finden, als die Tagesschau wohl jemals berichten würde. Auf die Frage des Moderators, wie es daraufhin zu dieser Eskalation kommen konnte antwortet Pfeiffer mit vier Stichpunkten:

  1. Die Polizei habe nicht sofort erklärt, dass der Getötete eben kein “braver Familienvater” ist, sondern “stark kriminalitätsverdächtig” sei.
  2. Die Polizeikräfte sind durch Kürzungen geschwächt.
  3. Unterschicht. “Eine Riesenzahl von sozial nichtintegrierten jungen Migranten, schlecht ausgebildet, mit miserablen Perspektiven für die Zukunft.”
  4. In England ist das elterliche Züchtigungsrecht nicht abgeschafft.

Wow. Heißt das, es ist o.k., wenn Kriminelle oder gar Kriminalitätsverdächtige von der Polizei auf der Straße erschossen werden?? Sollen sich die Menschen nicht darüber aufregen? Auf der anderen Seite: Von welchen Migranten spricht Herr Pfeiffer da schon wieder? Nur weil unter den Demonstranten viele Schwarze sind, heißt das doch nicht, dass das Migranten sind! Oder bleibt man im Sinne des Candidusmus immer Migrant, solange man dunkelhäutig ist? (Der Punkt mit dem Züchtigungsrecht – das muss man verstehen – ist nur ein Wink auf seine Jugendkriminalitäts-”Studie”.) Ansonsten kann man das Video danach getrost abschalten. Viel Interessantes kommt dann nicht mehr.

Im Artikel geht es dann weiter mit einer klitzekleinen Notiz, dass offenbar der Erschossene eben nicht auf die Polizei geschossen hatte. Die frühere Darstellung der Polizei, dass nämlich er das Feuer eröffnet hätte, bleibt unkommentiert stehen.

Berichterstattung am Kern vorbei

Die Art der Berichterstattung erinnerte mich an ein Video, das ich vor einigen Tagen gesehen hatte. In der britischen Sendung analysiert Charlie Brooker die Reportage zum G20-Treffen. Prinzipiell läuft es darauf hinaus, dass Nachrichtensender bei Demonstrationen lediglich die Zahl der Demonstranten, die Ausmaße aus unterschiedlichen Weitwinkel-Perspektiven und natürlich sehr gerne mögliche Gewalt und Randale berichten, aber kaum oder gar nicht den Inhalt der Demonstrationen wiedergeben.

Ein weiterer Beleg für das Desinteresse von Nachrichtensender, das wirklich Relevante zu berichten, mag dieses Interview sein. Das führte das BBC mit einem Autor Darcus Howe, von dem sie offensichtlich andere Aussagen erwartet hatten:

Das Interview wird abrupt abgebrochen, als die Moderatorin erkennt, dass sie den alten Mann nicht für dumm verkaufen kann. Seine Antwort: Have some respect!

Darcus Howe kommt nicht dazu, seine Aussagen auszuformulieren. Im Guardian schreibt allerdings Nina Power den Kontext der Aufstände an:

at least 333 [deaths in police custody] since 1998 and not a single conviction of any police officer for any of them

Soviel zur Aussage Pfeiffers, dass es ja nur ein Krimineller war, der dort erschossen wurde!

To the politicians

Ich schließe für heute mit einem Gedicht von Guy Denning:

you blame the anarchists
and you blame the youth
you blame the immigrants
but ignore the hard truth
it isn’t the muslims
it isn’t the blacks
it’s a world of lost dreams
that fuel the attacks
kids promised everything
they’ll never achieve
at school and on tv
and on estates they can’t leave
you’ll call for more money
to support your rich friends
and it’ll come from the people
who call for your end

London is burning

  1. ich weiss, damit lasse ich meine werten Besucher stets unterinformiert ;-) []

Gute Revolution – schlechte Revolution

author | 1. Mai 2011

The freedom seeking scream of people of Tunisia ended the tyranny and atrocity and put a smile on the face of the oppressed people of Tunisia,” dies waren die Worte, die iranische Parlamentarier für die tunesische Revolutionäre Anfang des Jahres fanden. Ähnliche Aussagen fanden sich bei Ahmadinedschad und bezüglich der ägyptischen Demonstranten. Und natürlich findet die iranische Regierung die Revolutionsversuche im kleinen Golfstaat Bahrain toll, versprechen sie sich doch größeren Einfluss über die Schiiten im Land. Zu Syriens Revolutionäre finden sich aus Iran keine solchen Worte! Und die eigenen Demonstranten hatte man keine zwei Jahre zuvor noch brutal niedergeschlagen.

Der Iran ist mitnichten der einzige Staat, der scheinheilig und bigott agiert. Die offiziellen Reaktionen der US-Regierung auf die Revolutionen im Iran einerseits und ihre Reaktionen im Falle Bahrains oder Ägyptens sind ebenfalls bigott und zeugen davon, dass sie ihre eigenen Interessen höher werten als die Rechte der Demonstranten. So trivial das klingt, so muss man sich das immer wieder vergegenwärtigen! Nicht zuletzt sind mit den USA, Groß-Britannien und Frankreich gleich drei große Militärmächte dabei, den libyschen Revolutionären die “Transition” zu “erleichtern” und man kann nur mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, dass die Verträge für die Erdölförderung bereits unterschrieben wurden1.

Libyen

Der Nato-Angriff auf Libyen ist ein Ergebnis gelebter Bigotterie. Gerechtfertigt wurde der anfänglich zur Etablierung einer No-Fly-Zone propagierte Angriff auf Libyen damit, dass Gaddhafi seine Menschen mit Flugzeugen angriffe und komplette Städte bombardierte, um den Aufstand niederzuschlagen2. Zwei Jahre zuvor hatte man nicht nur tatenlos zugeschaut, wie Israel Menschen im Gaza-Streifen gnadenlos bombardierte, man hat gar Druck auf Ägypten ausgeübt, damit diese eine Flucht besagter Menschen vor dem “gegossenen Blei” verhindert! Nach dem “Einsatz” hat sich die USA immer dann quergestellt, wenn es in der UN darum ging, diesen untersuchen zu lassen. Die Opferzahlen und die Frage, ob es bei den von Gaddhafis Schergen getöteten Menschen sich “wirklich, wirklich” um Zivilisten handelte, brauchen offensichtlich noch nicht einmal untersucht zu werden!

Aus dem selben Grund, weshalb Iran die Revolution im Bahrain unterstützt, würden dieselben Staaten diese Revolution nicht unterstützen. Die US-Regierung hatte gar im Falle Bahrains “Zurückhaltung” von beiden Seiten verlangt. Das würde jede der Regierungen ähnlich sehen, gegen die demonstriert wird: “Geht nach hause, dann schießen wir euch nicht mehr so sehr an.”

Dass Politiker und dementsprechend auch Regierungen bigott sind, das ist man nicht anders gewohnt. Schlimmer wiegt meines Erachtens die Bigotterie “einfacher” Menschen.

Syrien

Syriens Einheitsdiktatur, die zuletzt ohne große Einwände durch die automatisierte Vererbung des “Präsidenten”posten an seinen Sohn praktisch zu einer Monarchie wurde, wird darüber gerechtfertigt, dass der Präsident populär sein soll. Da er populär ist, darf er auch ungezügelt alles niederschlagen, was ihn nicht so sehr bewundert. Übrig bleiben natürlich die Verehrer! Auf Menschenrechtsverletzungen angesprochen, wird schnell abgewägelt. Außerdem seien die Demonstranten Wahhabiten und wollten einen Gottesstaat frei nach Saudi-Arabien errichten. Tolle Erklärung für einen mordenden Einsatz der Regierung!!

Bahrain

Bahrains Vorgehen gegen seine Demonstranten wird bei einigen gerechtfertigt durch die Gefahr, die Schiiten offensichtlich darstellen würden. Diese hätten wohl für die Ausweisung von Sunniten demonstriert! Das wäre sogar ein interessanter Hinweis, wenn er nicht so weit von der Realität wäre, denn mein Gesprächspartner lieferte irgendwann seine Quelle, aber dort stand lediglich, dass sich (schiitische) Demonstranten gegen eine von ihnen als rassistisch empfundene Einbürgerungspolitik demonstriert hatten. Sie mahnen an, dass der Staat absichtlich Sunniten ins Land holt, um die Mehrheitsverhältnisse zu ändern. Ich kann den Vorwurf nicht überprüfen, aber davon unabhängig ist es etwas komplett anderes, als die Behauptung, die Schiiten wollten alle Sunniten ausbürgern lassen. Also darf auch Bahrain zuschlagen, foltern und außergerichtlich hinrichten.

Marokko

Zuletzt habe ich eine Diskussion geführt, in der mein Gegenüber die marokkanische Ausprägung der Diktatur verteidigte: Der marokkanische König und selbsternannter größenwahnsinniger “Amir ul Mu’minin” sei nicht mit den Despoten in Syrien, Ägypten oder Tunesien zu vergleichen!

Schließlich sei der marokkanische König Mohammad der Sechste ein “Glücksfall” für Marokko und er würde eine authentische Autorität besitzen – im Gegenteil zu den anderen arabischen Herrschern! Der halbquasireligiöse Hype, den der absolutistische marokkanische König um sich baut wird damit kritiklos übernommen und die Begründung, die sein Vater vor ihm benutzt hatte, um seine Diktatur zu rechtfertigen nicht weiter hinterfragt: Er besäße qua seiner unüberprüfbaren Abstammung einen Sonderstatus! Tja, was soll man hierauf noch antworten? Glücklicherweise hat dieser König noch nicht hart durchgegriffen, aber ich schätze wenn die Demonstrationen bei ihm größer werden, wird er sich auch dieses Recht nehmen – und seine Huldiger werden es ihm rechtfertigen. Denn: er ist toll!

Andere

Ich suche noch jemanden, der Yemens Präsitator Saleh toll findet und sein Vorgehen gegen seine Demonstranten zu rechtfertigen versucht. Vielleicht fehlt es dem Saleh an dieser speziellen Art Charisma, die das Morden erlaubt? Saudi-Arabien erkauft sich die Huldigung regelmäßig. Außerdem haben sie ein paar “Gelehrte”, die bereits Demonstrationen als haram abgestempelt haben! Vielleicht ließen sich auch welche für Saleh finden? Im Falle der maroden Strukturen der zwei palästinensischen “Regierungen”, die sich geschickt über Wahltermine hinausretten, ist es schwer wirklich Aufstand zu üben, denn die meisten Palästinenser sind damit beschäftigt, ihre Häuser nach der letzten israelischen Selbstverteidigungsaktion wieder aufzubauen – und zwar kontinuierlich. Die verbliebenen Aufständischen, die gegen die Korruption demonstrieren werden mit irgendwelchen dahergelaufenen Polizisten verjagt. Zudem sind beide “Regierungen” über die Zweiteilung zufrieden, da sie eine Polarisierung und damit starke Sympathisanten hervorruft.

Disclaimer zum Schluss: Ich bin natürlich gegenüber allen möglichen Revolutionen sehr kritisch. Man weiß nirgends, wer sich gerade an die Macht bringen möchte. In Libyen scheint es offensichtlich, aber auch in Tunesien und Ägypten wird die Zukunft noch zeigen, wieviel hinter verschlossenen Türen geschah. Schließlich ist es unglaubwürdig, dass das Militär eines diktatorisch regierten Landes mit dem Diktator bricht, allein um den Menschen auf der Straße zu helfen. Vielmehr scheint es mir in beiden Fällen, dass Entscheidungsträger im Militär den Diktator nicht mehr haltbar fanden und sich noch schnell und opportunistisch ins richtige Licht rücken wollten. Dasselbe kann natürlich (nicht unbedingt vom Militär ausgehend) in allen anderen Staaten vorliegen. Nur: Dies rechtfertigt keinesfalls das Töten von Demonstranten, wie es in Syrien, Yemen, Saudi-Arabien, Bahrain, Tunesien, Ägypten, Libyen und anderen Staaten passiert. Selbst wenn jemand auf offener Straße und unmissverständlich für die Annexion des eigenen Landes durch ein feindliches Land aufruft – also Hochverrat verübt – sollte es nicht gerechtfertigt sein, ihn zu massakrieren. Daran müssen sich nicht nur bisherige, sondern auch zukünftige Regierungen messen lassen. Meinungsfreiheit bedeutet dann nicht nur die Erlaubnis zur Kritik an der alten Regierung, sondern vor allem zur Kritik an den aktuellen Verantwortungsträgern.

Disclaimer #2: Jegliche Staaten, die ich hier vergessen hatte, bitte ich zu entschuldigen. Die Liste sollte nicht vollständig sein.

Bilder von Bendib.com

  1. nennen sich auch Wiederaufbauhilfe[]
  2. die publizierten Opferzahlen darf man ruhig kritisch betrachten und inzwischen versucht man immer offener den Regierungswechsel voranzutreiben – vom UN-”Mandat” vollkommen unabhängig[]

Deutschland lacht sich schlapp

author | 28. Oktober 2010

Es ist nicht bei jedem angekommen: Thilo Sarrazin liegt in seinen sensationellen Aussagen falsch. Damit müsste die sachliche Diskussion beendet sein. Kommen wir zum lustigen Teil:

Und wer von der Integrationsdebatte nicht genug hat, der schaut sich die Regeln eines Integrationskurses an – dann ist er wieder bei der Bildungsmisere Deutschlands!

Hahahaha, Hohohoho, Hihihihi, Hahahahahaha
Deutschland schafft sich nicht ab
Deutschland lacht sich grad schlapp
Aber bitte lieber Thilo sei nicht traurig
ich frag dich nicht ab

Denn laut deinem eigenem Käse
ich mein’ deiner eigenen These
bist du doch selbst ausgestattet
mit gescheiteren Genen

Also nutz sie doch auch denk nach
du musst die Frage deduzieren
darf man Menschen durch Statistiken
auf paar Zahlen reduzieren?

‘Türlich Thilo dachte der Mensch ist nur ne Zahl im System
und du bist die Nummer Eins auf ‘ner Skala bis Zehn

Das Arabergen steckt in mir
trotzdem bin ich kein Gemüsehändler
Selbst wenn es so wär
ist ehrenhafter als du Krisenbanker

Ex-Banker wollte ich sagen
Sechstklässler kommen mich fragen
sag mir mal, wieso riskiert dieser Bettnässer
Kopf und Kragen

Er kann doch nix dafür
ihm fehlen diese Hammergene
denn Herr Sarrazin stammt ja selbst
von den Sarrazenen

Und die Sarrazenen haben dumme Gene – sie sind Araber.
Wenn ich so recht überleg’ sind Thilos krumme Pläne echt makaber.

Denn ginge es nach ihm, wär er zu viel für dieses Land
Also raus von hier Thilo, du muslimischer Migrant!

Und wer immer noch nicht genug zu lachen hat, der schaut sich noch diverse Beiträge der heute show zur Integrationsdebatte an.

Offener Brief an die Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel

author | 22. Oktober 2010

Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein:
Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.
Johann Wolfgang von Goethe

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Merkel,

am 03. Oktober 2010 hat der Bundespräsident Deutschlands Herr Christian Wulff aus Anlass des 20. Jahrestages der deutschen Wiedervereinigung, eine wichtige und kluge Rede gehalten. Die Rede des Herrn Bundespräsidenten setzt einen überlegten und intellektuell überlegenen Kontrapunkt zu dem Geschwätz ewig gestriger Freizeitgenetiker, die bedauerlicherweise breite Unterstützung in der deutschen Bevölkerung zu genießen scheinen.

Die Reaktionen auf Bundespräsident Wulffs Feststellungen über Muslimisches Leben und Islam in Deutschland sind insbesondere in den christlich-konservativ geprägten politischen Kreisen verhalten, ablehnend und im besten Fall qualifizierend. Auch Sie haben sich ganz offensichtlich von Ihrem Wunschkandidaten für das Präsidialamt in bedenkenswerter Weise distanziert.

Die Medien zitieren Sie mit der Aussage, dass das Bild des Islam in Deutschland stark durch die Scharia, fehlende Gleichberechtigung von Mann und Frau bis hin zum Ehrenmord geprägt sei. Darüber müsse gesprochen werden, denn ansonsten würden Ängste zunehmen und das kann nicht unser Anliegen sein.

Ich kann mich angesichts Ihrer Aussagen nicht des Eindruckes erwehren, dass Sie die positive Ausstrahlung der Rede des Bundespräsidenten in die deutsche Gesellschaft direkt und ohne Umschweife zu kontern versuchen, indem Sie die mittlerweile drei klassischen Schreckgespenster über Islam und Muslime in Deutschland schnell noch einmal unter das Volk streuen. Eigentlich fehlte nur noch der Begriff Terrorismus in Ihrer Aufzählung, um Ihr Gruselquartett vom Islam zu vervollständigen. Ihre Feststellungen verraten viel über Ihre Einstellung zu den Muslimen in diesem Land und offenbaren erschreckende Wissenslücken über den Islam.

Ihre selektive Wahrnehmung von Islam und Muslimen ist stigmatisierend und führt Ihr vermeintliches Anliegen, Ängste in der Bevölkerung zu reduzieren ad absurdum. Herrn Bundespräsident Wulff ist es mit seiner Rede in beeindruckender Weise gelungen einen hellen Lichtstrahl auf das immense Potential, das dem friedlichen und respektvollen Zusammenleben von Juden, Christen und Muslimen in diesem Land inne wohnt, selbstverständlich auf der Basis des Grundgesetzes – worauf denn sonst? – zu lenken. Ihnen ist bedauerlicherweise nichts Besseres dazu eingefallen, als den präsidialen Lichtschalter auszuschalten, um im Bild zu bleiben. In der Tat, es ist einfacher ein Atom zu spalten als ein bestehendes Vorurteil!

Ich muss annehmen, dass Ihre Haltung Ausdruck von zwingenden innenpolitischen bzw. wahltaktischen Abwägungsprozessen ist, Prozesse auf die Politiker immer gerne dann verweisen, wenn ihre Positionen ins Wanken gebracht werden. Ihre Haltung zur Rede ihres Parteikollegen wird dadurch nicht besser, im Gegenteil sie erscheint opportunistisch, dem mächtigen Zeitgeist unterworfen und offensichtlich der Tyrannei der herrschenden Fehlmeinung über Islam und Muslime geschuldet.

Ihr vorurteilsbehafteter und engstirniger Blick auf Islam und Muslime trägt nach meinem Empfinden fundamentalistische Züge, der die Welt in Gut und Böse, aufgeklärt und unaufgeklärt, rückständig und fortschrittlich aufteilen will.

Ihr eingeschränktes Wahrnehmungsmuster von Islam und Muslimen lädt geradezu dazu ein, den Spieß einmal umzudrehen und unter Zuhilfenahme Ihres selektiven Sichtfeldes einen Blick auf den Westen, auf Europa und Deutschland zu richten.

Dann ließe sich der Westen sehr einfach als expansives Monster karikieren, der sich nicht scheut in Muslimische Länder einzufallen, hundert Tausende von Muslimen ums Leben zu bringen und Millionen von Menschen jeglicher Lebensperspektive zu berauben, der Hochzeitsgesellschaften und Trauerzüge bombardiert oder auch ganz im Geiste der uneingeschränkten Solidarität Menschenansammlungen, die sich um Freibenzin bemühen zu Staub pulverisiert, der mit Waffen, in die Bibelstellen eingraviert sind, seine angeblichen Befreiungskriege/-kreuzzüge durchführt, um die ihn niemand gebeten hat, und der Unschuldige in Gefangenenlager jenseits jeder Rechtskonvention auf Jahre festhält, foltert und in nicht wenigen Fällen tötet.

Dann ließe sich sehr einfach Europa als ein verabscheuungswürdiger Hort des islamfeindlichen Rechtsradikalismus karikieren, in dem nationalistische und anti-demokratische Parteien wie die britische „British National Party“, die französische „Front National“, die niederländische „Partij Voor De Vrijheid“, die dänische „Dansk Folkeparti“ und die deutsche „NPD“ frei und offen agieren und den Rechtsstaat missbrauchen können, so lange sie nur ihren Hass auf Muslime und Islam konzentrieren. Und Deutschland? Mit einem auf Solingen, Mölln und Hoyerswerda verengten Blick, wo Menschen verbrannten und von einem deutschen Mob terrorisiert wurden, nur weil sie keine gebürtigen Deutschen waren, mit einem Blick in einen Dresdner Gerichtssaal, wo eine junge muslimische Frau aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit ermordet wurde, mit einem Blick auf die hasserfüllten Aussagen der Schwarzers, Giordanos, Ulfkottes und Broders über Muslime und Islam, mit einem Blick in die dezidiert islamfeindlichen Internetforen „Grüne Pest“ und „Politically Incorrect“, mit einem Blick auf eine Pfarrerstochter und einen Pfarrer, die einen Karikaturisten auszeichnen, dessen einziger Verdienst um die Meinungsfreiheit in einem demokratischen Gemeinwesen in der Verunglimpfung eines Propheten liegt, ja mit diesem Blick könnte man wahrhaftig ein sehr aufschlussreiches Bild von diesem sich selbst als rein christlich-jüdisch geprägten und aufgeklärten Land zeichnen!

Der Gefahr dieser selektiven und verengten Wahrnehmung erliege ich wie Hunderte von tausenden von Muslimen in dieser Bunten Republik Deutschland nicht. Die ideologisierten Bedenkenträger aus Kirche und Politik, die mit ihren Kommentaren zu der Rede des Bundespräsidenten in den üblichen religiösen Ausgrenzungsreflex verfallen, und ihr kulturelles Überlegenheitsgefühl pflegen, hat der Bundespräsident mit seiner Rede nicht nur aufgeschreckt, er hat sie in ihrer Lebenslüge bloß gestellt. Ich als muslimischer und europäischer Staatsbürger habe mich nie damit begnügen wollen, von der Mehrheitsgesellschaft toleriert zu werden, das war und ist mir eindeutig zu wenig!

Bundespräsident Wulff hat sich in seiner Rede auf Johann Wolfgang von Goethe berufen, darum möchte ich mein Schreiben mit dem folgendem Zitat von Goethe beenden:

„Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein:
Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“

Der Bundespräsident Wulff hat die Muslime Deutschlands akzeptiert (!), dafür danke ich ihm ausdrücklich. Wann, Frau Bundeskanzlerin, werden Sie endlich aufhören Muslime zu beleidigen und ihre unerträglichen Schreckgespenster über Islam und Muslime begraben?

Mit freundlichen Grüßen

Mohammad Al-Faruqi

Konjunkturprognose aktuell – Sonnig mit der Aussicht auf Schwachsinn

author | 21. Oktober 2010

Es ist wieder die Zeit des Jahres, an der Wirtschaftsprognosen von Waisen1 veröffentlicht oder zumindest vorhergesagt oder deren Vorhersagen approximiert werden. Gefühlt findet das ja ständig statt. Ständig werden Prognosen mit unterschiedlichen Indikatoren aufgestellt und man fragt sich zwangsläufig – vor allem, da die Prognosen rückblickend selten einen tatsächlichen Rückhalt in der Wirklichkeit finden – wozu das Ganze. Die Bundesregierung etwa schätzt nun, dass die Vorhersagen für die Prognosen der Stimmungsumfragen bei Wirtschaftsanalysten über die von ihnen vorhergesehenen Wirtschaftstendenzen positiv sind. Wahrscheinlich müsste man hinzufügen, dass sie positiver geschätzt werden, als man sie noch vor ein paar Tagen geschätzt hätte. Sie heben ihren Index von 1,5 (Richterskala? oder für Physiker a.u.) auf beachtliche 3,5 angehoben. Yoohoo!

Es ist mir unverständlich, wie Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle auf dieser Grundlage sagen kann:

Ein Wachstum wie dieses Jahr hat es seit dem Wiedervereinigungsboom bisher nur einmal gegeben.

Wäre er ehrlich, hätte er sagen müssen:

Eine solche Vorhersage, wie wir sie selbst in Auftrag gegeben haben, gab es seit den euphorischen Prognosen in den ersten zwei Jahren nach der Wiedervereinigung – die sich ja nicht bewahrheitet hatten – nur zur Jahrtausendwende gegeben – und auch diese hatte sich genauso wie die Prognosen für die Besucherzahlen der Expo2000 nicht bewahrheitet. Wenn Sie mich fragen, ich glaube nicht, dass diese Prognose einen Effekt haben wird.

Zusammengefasst ausgedrückt: Der Aufschwung ist da! Jetzt können wir uns bestimmt mal eine richtige Hartz4-Anhebung leisten, oder?

  1. jaja, ich weiß, falsch geschrieben[]

Widerstandsrecht gibt es nicht.

author | 3. Oktober 2010

Dass Menschen auf die Straße gehen, um gegen ein Bauprojekt wie “Stuttgart 21″ vorzugehen, das nicht nur von einem privaten Bauträger (wieweit die Bahn nun wirklich “privat” ist, ist eine andere Frage) getragen und finanziert wird, sondern offensichtlich auch aus eigenen Steuergeldern bezahlt wird, ist ja weder eine Seltenheit und bei weitem nichts Illegitimes. Ich fand es dagegen erschreckend, dass Polizisten mit der gezeigten Härte gegen diese Demonstranten vorgingen.

Die Protestierer sprachen von rund 300 Menschen, die hauptsächlich Augenverletzungen erlitten hätten, überwiegend durch den Einsatz von Pfefferspray. Hinzu kämen 40 bis 50 Demonstranten mit anderen Verletzungen, etwa Prellungen, Platzwunden am Kopf, oder blutige und gebrochene Nasen. Ein 22-Jähriger erlitt eine schwere Augenverletzung, als er einen frontalen Wasserwerferstrahl auf das rechte Auge abbekam. Er wird eventuell nie wieder sehen können, so der behandelnde Chefarzt. Auch ein älterer Mann wurde schwer verletzt. Mehrere Personen wurden in Krankenhäuser eingeliefert.

Noch weitaus skuriller finde ich nun die Aussagen des Bahnchefs Rüdiger Grube, der der “Bild am Sonntag” gesagt haben soll:

“Ein Widerstandsrecht gegen einen Bahnhofsbau gibt es nicht”, sagte er der “Bild am Sonntag”. Entscheidungen träfen in Deutschland die Parlamente und “niemand sonst”. Das Projekt sei demokratisch ausreichend legitimiert.

“Es gehört zum Kern einer Demokratie, dass solche Beschlüsse akzeptiert und dann auch umgesetzt werden”, so Grube weiter: “Sonst werden bei uns keine Brücke, keine Autobahn und kein Windkraftpark mehr gebaut.” Die Bahn sei daher nach wie vor entschlossen, Bahnhof und Neubaustrecke zu bauen.

Ja, genau! Demonstrationsrecht ist sowieso überbewertet. Die Leute sollen schweigen und fressen, wie sich das halt in einer guten alten Demokratie eben zutragen muss.

Depub.org – Archive der Tagesschau wieder online

author | 23. September 2010

Also: Öffentlich-Rechtliche Sender sind (zurecht) erbost, dass sie ihre Archive offline stellen müssen, dann taucht die Seite depub.org auf, die die ‘geleakten’ Archive veröffentlicht. Das ist schon verdächtig, da die Inhalte sogar lückenlos erscheinen. Aber jetzt machen die Öffentlich-Rechtlichen auch noch mehrfach für die Seite Werbung, die eigentlich ja deren Urheberrechte verletzen!! Wenn da mal nicht jemand das Recht selbst in die Hand nimmt…

Trotzdem gute Aktion: http://depub.org/

Ich vermute ja immer noch, dass Politikern nicht gerade am öffentlichen ‘Gedächtnis’ gelegen ist. Es ist viel leichter, wenn der Pöbel auf sein Kurzzeitgedächtnis reduziert werden kann. Ein periodisches Löschen von ‘Inhalten’ jede 24 Stunden würde uns ja so einige Peinlichkeiten ersparen..

Rob Savelberg: Herr Wolfgang Schäuble, war die Kohl-Regierung käuflich?

author | 14. September 2010

Der Reporter Rob Savelberg hatte bereits letztes Jahr zur Vorstellung der neuen schwarz-gelben Regierung Merkel eine offensichtlich unangenehme Frage gestellt, die ich bereits hier dokumentiert hatte:

“Frau Merkel, [...] Sie reden heute ziemlich viel über Geld, über Finanzen auch, der Bundesrepublik Deutschland und wollen Sie das Finanzministerium besetzen mit einer Person, der öffentlich beteuert hat im deutschen Bundestag, dass er einen Waffenhändler ‘nur’ einmal getroffen hat und dabei vergessen hat, dass auch noch 100.000 DM von ihm angenommen hat. Also, wie können Sie so eine Person als sehr kompetent schätzen, um [ihm] sozusagen die Finanzen dieses Landes [anzuvertrauen]?”

Damals schon hatte Angela Merkel nicht geantwortet. Leider hat sich danach die Vergesslichkeit nicht nur bei mir, sondern auch bei deutschen Medien eingestellt und so kam es, dass es seitdem nur wenig Nachhaken kam. Ende letzten Jahres hatte etwa die Moderatorin Maybrit Illner das Thema mit Schäuble auf dem Podium angeschnitten, aber wirklich nur angeschnitten, denn sie ging nicht ins Detail.

Nun hat es Rob Savelberg wieder getan. Er schrieb mir heute:

Hallo Omar,

ich hatte neulich ein Gespräch mit BM Schäuble. Ich fragte ihn, ob er immer noch glaubt, wie er vor zehn Jahren sagte, dass kein Mitglied der Regierung-Kohl käuflich gewesen ist. Es gab ja die Verurteilungen von Herrn Kanther, von Herrn Pfahls, und auch von Herrn Weyrauch, von Herrn Leisler Kiep, von Herrn Schreiber usw. Herr Kohl ließ gegen Bezahlung von 300.000 D-Mark das Verfahren einstellen. Das Verfahren gegen Herrn Sayn-Wittgenstein wurde aus gesundheitlichen Gründen eingestellt.

Die Antwort Schäubles kann man sich im folgenden Audio anhören:

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Eine Transkription der Antwort habe ich noch nicht fertig. Aber sagt ruhig bescheid, wenn Interesse besteht. Interessant ist vor allem, dass Schäuble sagt, es wäre keine deutsche Regierung seit 1949 käuflich gewesen, obwohl man an der Hotel-Partei FDP klar sehen kann, dass diese Aussage falsch ist. Zudem belegt er die “Unschuld” der Kohl-Regierung dadurch, dass er sagt, das Verfahren sei eingestellt worden. Ja, Herr Schäuble, Helmut Kohl musste nicht weiter aussagen, obwohl er eigentlich dazu verpflichtet gewesen wäre, da er stattdessen 300.000 DM gezahlt hat! Das nennt man gekaufte Unschuld! Unsereins, übrigens, würde wahrscheinlich einer Beugehaft unterzogen werden, um das Verfahren nicht weiter behindern zu können! Mehr Information zum Korruptionsvorwurf an die Kohl-Regierung findet sich etwa hier.

Das Erstaunliche ist doch nicht, dass es Korruption in Deutschland gibt. Das würde keiner – außer vielleicht Wolfgang Schäuble – bestreiten. Das Erstaunliche ist doch, wie wenig kritisch deutsche Medien mit dieser Korruption anscheinend umgehen. In den USA etwa werden korrupte Offizielle nicht unbedingt eingesackt, aber zumindest übernehmen sie nicht später wieder so hohe Ämter wie das Innen- oder gar Finanzministerium! Auf jeden Fall werden sie aber von kritischen Fragen begleitet. So etwa der frühere Generalstaatsanwalt Alberto Gonzales, der bei den Anhörungen zur angeblichen politisch motivierten Entlassung mehrerer Anwälte stets den Fragen ausgewichen ist. Seine “performance” wird aber von Jon Stewart etwa sehr kritisch begleitet. Diese kritische Begleitung vermisst man in Deutschland.

Johannes Gerloff und der absolute Frieden bei gleichzeitiger Unterdrückung

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Auf israelnet hatte Johannes Gerloff einen höchst zynischen Artikel unter der Überschrift “Das Ende der Ruhe vor dem Sturm?” veröffentlicht. Anlass war die Ermordung vier israelischer Siedler im Westjordanland durch einen Palästinenser1. Darin drückt er in vielen Worten aus, dass nun mit den vier toten Israelis das “Schweigen” der Waffen gebrochen wäre. Mehr noch: Er gibt dem “Verhandlungswut der Politikergutmenschen” die Schuld für die Getöteten, denn – so scheint die Argumentation – ohne Verhandlungen gab es keine Toten und nun sei diese “Ruhe” gestört. Als Quintessenz des Artikels kann dieser Satz gelten:

Warum kommt kein Denker im Westen auf die Idee, auf den Nahen Osten anzuwenden, was in Europa gar nicht so schlecht funktioniert hat: An erster Stelle für das Wohl der Menschen zu sorgen und derweil politische Fragen auf Eis zu legen?!

Interessante Sicht! Nicht zuletzt hatte ja die Hamas einen langfristigen Waffenstillstand als Alternative zu den anhaltenden Friedensgesprächen vorgeschlagen. Würde Herr Gerloff dem also zustimmen? Nein, denn gleich einen Absatz später zeigt er, welche politischen Fragen er nicht unbeantwortet lassen möchte:

Ist das wirklich so schlecht, dass um Deutschland herum so manche Grenzfrage ungelöst blieb? Sollten wir Deutschen den Palästinensern nicht sagen können, dass auch der Aufbau eines demilitarisierten Staates eine vielversprechende Zukunftsperspektive hat? Und warum kann Herr Westerwelle nur den Serben die Anerkennung des Kosovo nahelegen? Warum nicht auch seinen arabischen und moslemischen Freunden die längst überfällige, grundsätzliche und bedingungslose Anerkennung eines Rechts auf Existenz für den jüdischen Staat Israel?

Genau! Die “bedingungslose Anerkennung” Israels als “jüdischen Staat” – also die Aberkennung der historischen Rechte der Urbevölkerung Palästinas gepaart mit der Anerkennung der streng nach Apartheid riechenden Gesetze Israels – ist offensichtlich nicht verhandelbar. Und die Palästinenser könnten doch so gut neben einem derart massiv militarisierten Israel ihren Platz als entmilitarisiertes Angriffsziel einnehmen!2

Aber der studierte (christliche) Theologe Johannes Gerloff geht noch einen Schritt weiter: Hauptsächlich geht es nämlich im Artikel um die Aberkennung jeglicher Menschlichkeit der Palästinenser. In keinem Satz erwähnt Herr Gerloff nämlich, dass in der von ihm so bezeichneten “Ruhe” (also innerhalb 2009 und bis zum 31.7.2010) 100 (!!) Palästinenser bereits von israelischem Militär und israelischen Zivilpersonen ermordet wurden! Diese Zahl verzeichnet die Menschenrechtsorganisation B’tselem in einer Statistik aller Toten seit dem letzten Großangriff Israels auf den Gazastreifen, bei dem bereits mehr als 1400 Menschen starben. Seit Anfang 2010 wurden zudem mehr als 800 Palästinenser allein im Westjordanland verletzt – die meisten bei friedlichen Demonstrationen im Westjordanland, woran sie durch israelisches Militär gehindert wurden, oder bei militärischen Angriffen, aber eben auch durch Angriffe israelischer Siedler (dies sind Zahlen der Vereinten Nationen)! In Ostjerusalem sind in der gleichen Zeit inzwischen mehr als 220 Gebäude zerstört worden, um die dortigen Palästinenser weiter zu vertreiben und Fakten zu schaffen, bevor die Verhandlungen das Thema “Jerusalem” auch nur annähernd erreichen. Das ist die “Ruhe”, die sich mit Händen greifen lässt!

Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass diese Taktik der Hervorhebung israelischer Opfer (auch immer schön mit Namen und humaner Geschichte, ganz im Unterschied zu den namenlosen und nur als zwei-, drei- oder vierstellige Zahlen in Statistiken vergessenen Palästinensern) und der Missachtung jeglicher Opfer auf palästinensischer Seite nichts Neues ist. Selbst die relativ weltoffene israelische Haaretz-Zeitung betitelte: 4 Israelis killed in shooting attack shattering years of relative West Bank calm, was sehr zynisch ist, schaut man sich die Zahl der palästinensischen Opfer an!

Steve Feldman hat auf Palestine Note eine sehr prägnante Antwort geschrieben, die ich hier versuche zu übersetzen:

Laut der israelischen Zeitung Haaretz hat die kürzliche Tötung der vier Israelis Jahre der “relativen Ruhe” erschüttert. Relative Ruhe? Für wen? In den Wochen vor dem schrecklichen Ermordung hat das “Palestine News Network” über 14 palästinensische Zivilisten berichtet, die durch israelische Siedler und bei militärischen Angriffen seit dem 2. Mai getötet wurden. Nur zwei Wochen zuvor hat das Tikkun Magazin einen Artikel mit dem Titel “Israelische Siedlergewalt eine tägliche Realität” veröffentlicht, der die täglichen Emails wiederspiegelt, die ich von Friedensorganisationen bekam, welche Angriffe auf palästinensische Westbank-Familien beschreiben.

Die vertrackte Wahrnehmung davon, dass die Tötung von Israelis stets ein Brechen der Ruhe darstellt, ist Beleg einer Ungerechtigkeit und Gefühllosigkeit einiger Menschen gegenüber christlichen und muslimischen palästinensischen Familien. Das ist kein neues Phänomen; Ali Abunimah hat dies vor Jahren hervorgehoben. Voreingenommene Wahrnehmung ist Schuld an einem großen Teil des Problems im israelisch-palästinensischen Konflikt. Dieser Konflikt wird enden, und ich würde sogar vorhersagen bald, wenn wir anfangen, Juden, Christen und Muslime in Israel und Palästina gleichermaßen zu lieben. Wenn wir das nämlich tun, werden wir feststellen, dass wir für Sicherheit und Frieden für jedermann hinarbeiten müssen, nicht nur für die Menschen auf einer Seite des Konflikts.

Johannes Gerloff auf der anderen Seite scheint dieser Sinn für Gerechtigkeit abhanden gekommen zu sein. Wenn Palästinenser aufhören würden sich zu wehren, dann wäre in seinem Sinne für Frieden gesorgt, denn ihre Toten zählen nicht. Sie zählen nicht, wenn es um die Einschätzung der Situation geht und sie zählen noch lange nicht, wenn es um die Etablierung eines Friedens im Nahen Osten geht. In diesem Sinne sind auch in seinem gesamten Artikel von keinem einzigen palästinensischen Opfer der “Ruhe” und von keiner Rechtsverletzung eines Palästinensers zu lesen!

Ich habe Herrn Gerloff meine Kritik als Email geschrieben und ich möchte seine ausweichlerische Nichtantwort nicht vorenthalten (In Kursiv habe ich die Antwort kommentiert).

Zuerst einmal vielen Dank dafür, dass Sie Israelnetz so aufmerksam lesen. Das ehrt uns!

Sie haben bestimmt übersehen, dass sich mein Artikel auf das Westjordanland und die Fatah bezieht (Nein, habe ich nicht, aber 1. muss man sich fragen, warum die Gaza-Bewohner keine Rolle spielen und 2. habe ich ja dargestellt, dass die Palästinenser im Westjordanland weiterhin Angriffen ausgesetzt waren!) – nicht aber auf den Gazastreifen und die dort herrschende Hamas. Das ergäbe in der Tat eine völlig andere Perspektive. Aber wird die Lage in Gaza von Obama-Abu Mazen-Netanjahu & Co. nicht vollkommen ausgeblendet? Müsste sich nicht vor allem Abu Mazen zuerst um die innere Einheit, die Einheit mit dem Gazastreifen und die Legitimität seines Amtes kümmern, wenn ihm tatsächlich am Wohl seines Volkes liegen würde? (Ausweichstrategie: SIE waren es, der die Situation als Ruhe beschrieb. Die Palästinenser leben die tödliche Unruhe und Ungerechtigkeit jeden Tag und versuchen diese zu kommunizieren.)

Dass im Westjordanland ein Dauerkrieg zwischen Israel und dem Fatah-Regime einerseits und der Hamas und ihren Gesinnungsgenossen andererseits geführt wird, habe ich nie bezweifelt. Dass die Sicherheitskooperation zwischen Israelis und Fatah funktioniert, stellt niemand in Frage – dass sie Opfer fordert, ebenso wenig. (Interessante Rechtfertigung für die Morde!) Auch der Siedlungsstreit Siedlungsstreit?? Hört sich schon fast wie eine altrömische Senatsdebatte an. Das ist ein militarisierter Angriffskrieg, der da einseitig geführt wird und den Palästinensern nicht nur ihre Länder wegnimmt, sondern sie immer weiter in ihrer Bewegungsfreiheit einschränkt. Für Sicherheit wird dabei nur für die Siedler gesorgt.) wird mit unverminderter Härte von allen Beteiligten fortgeführt. Da haben Sie vollkommen Recht. Vielleicht haben Sie auch übersehen, dass ich vom „terrorärmsten“ und nicht vom „terrorlosen“ Jahr geschrieben habe.

Und natürlich gehört es auch nicht zum Schweigen der Waffen, dass täglich aus Gaza Raketen auf Südisrael fallen. Wie viele waren das noch einmal? Haben Sie die vielleicht vergessen zu erwähnen? Oder zählen Sie die nicht? (Nein, zähle ich aus Prinzip nicht, denn dann müsste ich auch die Raketen aus Israel auf den Gaza-Streifen zählen und da käme ich nicht mit! Haben Sie diese vielleicht gezählt?)

Ich finde übrigens gut, dass Sie nicht nur die palästinensischen Opfer anmahnen, sondern gleichzeitig auch die israelischen – obwohl das so ziemlich ausnahmslos Soldaten waren. Soldaten sind tatsächlich auch Menschen, Familienväter, Söhne und oft noch Kinder. (Ja, das sind sogenannte oder tatsächliche “Terroristen” auch! Behalten Sie das auch im Hinterkopf.) Sie haben auch Recht, Ihren Ekel darüber zum Ausdruck zu bringen, dass selektiv berichtet wird. Wir konzentrieren uns auf den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern, rechnen einzelne Toten- und Demonstrationsverletztenzahlen auf, während sich das arabische Volk im Besonderen und die Moslems im Allgemeinen gegenseitig zu Tausenden, wenn nicht Zigtausenden im Irak, im Jemen, im Libanon und an vielen anderen Orten abschlachten. Haben Sie schon einmal einander gegenübergestellt, wie viele Juden und wie viele Moslems durch sunnitische Märtyreraktionen ums Leben gekommen sind? Wahrscheinlich unterliegen wir tatsächlich einer massiven Verführung, wenn wir uns lediglich auf den Konflikt zwischen der islamischen Welt und dem Westen konzentrieren, anstatt einmal die innerarabischen und innermoslemischen Probleme und deren Ursachen zu betrachten. Ekel! (Den wahren Ekel verspüre ich eher, wenn ich Ihre Art mitbekomme, mit Argumenten zu spielen. Sie sind offensichtlich weder an Gerechtigkeit noch an einen damit verbundenen Frieden interessiert. Ich hoffe für uns beide, dass Verantwortliche in Politik und Wirtschaft sowohl in Deutschland, als auch in Israel nicht auf Extremisten wie Sie hören, denn mit Ihrem zynischen Umgang mit Menschen und deren Leben ist keiner gut beraten.)

Grüße, Johannes Gerloff

Jerusalem, Israel

Eine interessante Sache möchte ich anmerken: In Ermangelung vorzeigbarer Zahlen, was die Opfer palästinensischer Angriffe angeht, geht man – ja, auch Herr Gerloff – immer wieder dazu über nach der Anzahl der “Raketen” zu fragen. Es gibt keine mir bekannte Zahl israelischer Geschosse – irgendeiner Größe – auf Palästinenser. Das hat aber auch einen Grund: Die Opferzahlen sprechen bereits Bände! Und sein letzter Absatz? Was muss man dazu noch sagen? Wie gesagt: Ausweichstrategie!

Übrigens: Mondoweiss hat eine grobe Liste von Angriffen auf Palästinenser im Westjordanland durch israelische Siedler veröffentlicht, die auf die Schnelle die Tragweite deutlich macht.

  1. offebar durch die Hamas gestützt[]
  2. Grundsätzlich gilt: Palästinenser dürfen – innerhalb des Weltbilds vieler Israel-Liebhaber – keine Sicherheit verlangen![]

Schlimmer noch als Thilo Sarrazin …

author | 1. September 2010

… sind die dümmlichen Möchtegern-Sarrazine dieser Republik, die sich in ihrem Stammtischgeplärre bestätigt fühlen und wahrscheinlich einen Suffzustand für den geeigneten Zustand halten, um nüchterne Analysen anzustellen und Forderungen an die Politik zu stellen1!

Gestern morgen versüsste mir ein netter Mitarbeiter die Ankunft am Institut mit der Bemerkung, ich sei sicherlich genervt, da ich gestern Thilo Sarrazin bei Beckmann gesehen hätte. Nein, habe ich nicht. Ich habe randwärtig gehört, dass es eine solche Diskussion gab, aber die Sendung habe ich nicht gesehen. Der Mitarbeiter grinste und meinte mir unterstellen zu müssen, dass ich ja beleidigt sei. Nein, bin ich nicht. Warum denn auch? Ich denke, dass Sarrazin vollkommen falsch liegt und ein Angstmacher ist, der sich rassistischer Elemente bedient, aber deshalb beleidigt sein? Er machte mit dem dümmlichen und inhaltslosen Witzeln weiter bis ich zum Büro ging.

Später kam derselbe Mitarbeiter aus anderem Anlass vorbei und rief im Weggehen noch ein jubelndes “Sarrazin, Sarrazin, Sarrazin…”. Ich rief ihn zurück und forderte ihn auf, sich hinzusetzen, damit wir seine unausgesprochenen Anliegen diskutieren könnten, was er verweigerte und wegging.

Ich muss hier anmerken: Der Mitarbeiter um den es hier geht ist ansonsten ein recht netter Mensch, mit dem ich mich recht gut verstehe. Wir haben unsere Meinungsverschiedenheiten, aber wer hat das nicht? Er ist zumindest weder der einzige noch der radikalste Mensch, mit dem ich über Migration, Islam oder anderen politisierten Themen diskutiert habe2. Aber die dümmliche Art, mit der Menschen so tun, als ob sie eine Diskussion allein durch eine halbe Polemik beenden könnten, stimmt mich schon sehr traurig.3

Ich bin schon immer der Meinung gewesen, dass man Rechtsradikale4 nicht ignorieren sollte und ihr Denken thematisieren muss. Wenn also ein NPD-Funktionär behauptet, “Urdeutsche” von “Passdeutschen” unterscheiden zu wollen, dann sollte man ihn nach der Definition des Urdeutschen fragen und danach, was mit “Mischlingen” geschehen soll. Selten wird man ihm vorführen können, wie dämlich diese Forderung ist, aber zumindest kann man den möglichen Befürwortern die Konsequenzen dieser Forderung vor Augen führen. Ignoriert man ihn aber, so kann er sein Gift weiter verbreiten, bis es gesellschaftsfähig ist. Wie man sieht, sind schon lange nicht mehr nur Rechtsradikale rassistischen Einstellungen verfallen!

Der Sozialdarwinismus, den Sarrazin bereits für längere Zeit verbreitet hat, ist leider bereits gesellschaftsfähig, vor allem weil er eher von der Oberschicht, von den Privilegierten dieser Gesellschaft kam. Der soziale Neid hat sich durch die Gesellschaft gefressen und man hört überall die Galle über die angeblich faulen Sozialhilfeempfänger, die “unser Land ruinieren”. Dass das Land derzeit eigentlich ein weit größeres Problem der Oberschicht als der Unterschicht zu verdanken hat – die Finanzkrise – , das wird dabei vollkommen vergessen. Es sind nicht die Obdachlosen oder die Hartz IV-Empfänger, die uns diese Krise beschert haben, sondern Banker, Spekulanten und Großinvestoren. Die Debatten um Sozialabgaben machen einen vollkommen anderen Eindruck! Der Sinn eines Systems, das massenhaftes Geldhorten mit zusätzlichem Geld belohnt, wird aber nicht thematisiert, denn das System ist selbsterhaltend! Wenn man zuviel hat und damit droht unterzugehen, wird man gerettet, da man sonst die gesamte Republik mit in den Ruin zieht.

Ja, wir hätten keine Probleme mehr, wenn nur die ganzen Hartz IV-Empfänger nicht da wären – uns ginge es besser! Demnächst kommt der konsequente Vorschlag: Jeder, der länger als zwei Monate Hartz IV empfängt, wird exekutiert. Spart Geld und wir müssen uns nicht mit Bettlern am Straßenrand abgeben! Ja, der Sozialdarwinismus ist bereits salonfähig, aber seine Konsequenzen sind noch nicht allgemein bekannt.

Biologismus ist derzeit noch nicht wirklich so gesellschaftsfähig. Aber trotzdem glauben viele, dass Thilo Sarrazin mit seinen biologistischen Aussagen recht haben könnte oder zumindest diskussionswürdig ist. Teilweise glauben sie es, weil – wie ich eingangs sagte – sie auf dümmliche Art und Weise ihrem Suff glaubend fühlen, dass Sarrazin recht hat. Aber es bleibt fraglich, warum so viele den biologistischen Erklärungsmustern schnell Glauben schenken. Beim Ansprechen von Juden scheint zumindest noch halbwegs eine Sensibilität zu existieren, was den angeblichen biologischen Unterschied zum “Deutschen” angeht. Dass Sarrazin die (zunächst positiv) wertende Aussage zum “Juden-Gen” zurücknimmt, kann deshalb nur als strategische Aktion gewertet werden.5

Thilo Sarrazin und seine Anhänger sind der Meinung, Intelligenz sei nicht nur etwas, was vererbt würde (laut Sarrazin zu 80%), sondern auch, dass durch diese Vererbung sogar eine Qualifizierung ganzer Völker/Herkünfte in verschiedene Intelligenzklassen möglich sei. Das ist natürlich ziemlicher Humbug, der aus dem Zauberhut gezogen wird. Man kann das Gegenteil aber nur schwer beweisen, denn es gibt keine umfassenden Recherchen dazu. Sowieso stellt sich die Frage, was Intelligenz ist. Die meisten stellen sich wohl eine Quantifizierung wie den IQ-Wert vor. Dieser ist aber höchst umstritten. Eine sehr gute Übersicht über die Debatte um “Rasse” und Intelligenz ist im Skeptic’s Dictionary zu finden. Diesen Satz fand ich u.A. sehr interessant:

These people (who try to establish correlations between various natural abilities and skin color) don’t know evolutionary genetics. They talk about interesting issues in race and biology. And since, I think, there are no real races, I wonder what these issues are. It makes me angry that I have to take time from my research (on the genetics of aging) to argue about something that shouldn’t even need to be discussed (Blum).

Diese Menschen (, die einen Zusammenhang zwischen unterschiedlichen natürlichen Fähigkeiten und der Hautfarbe herzustellen versuchen) wissen nichts über Vererbungsgenetik6. Sie reden über interessante Aspekte in den Themen Rasse und Biologie. Und da es, wie ich glaube, keine richtigen Rassen gibt, frage ich mich, was diese Aspekte sind. Es macht mich wütend, dass ich meinen Forschung (über die ‘genetics of aging’) Zeit wegnehmen muss, um über etwas zu diskutieren, dass nicht einmal diskutiert werden sollte.

… und Sarrazin und seine Anhänger bestätigen die Aussage!

Um die Vorgehensweise von Thilo “habe-ich-mal-gelesen” Sarrazin darzustellen, kann ich folgenden logischen Querschuss zeigen: Laut dem sogenannten “Flynn-Effekt” ist der IQ-Wert in allen aufgenommenen Ländern in den 60 Jahren vor den 90ern stetig gestiegen. James R. Flynn hatte die Daten dazu zusammengetragen. Eines der aufgenommenen Länder war Deutschland. Also, spätestens mit der aufkommenden Migration von Ausländern nach Deutschland hat der durchschnittliche Intelligenzquotient stetig zugenommen. Nicht nur ist also Thilo Sarrazins Behauptung von der “Abschaffung” Deutschlands hysterische Angstmache; Nein, Migranten scheinen in den letzten 70 Jahren die Dämlichkeit der Deutschen mehr als ausgeglichen zu haben! Hurra! So einfach funktioniert sarrazinische Statistikanalyse.

Dass Sarrazin von der Materie keine Ahnung, der er sich bedient, zeigt der folgende FAZ-Leserbrief:

In seinem erfreulich klaren Bericht über den polternd argumentierenden Thilo Sarrazin (“So wird Deutschland dumm”, F.A.Z.-Feuilleton vom 26. August) zitiert Christian Geyer einen Satz des Bundesbankers, in dem er von Niels Bohr spricht. Der große Däne soll gesagt haben, dass er keinen Wissenschaftler kenne, der seine Meinung geändert habe. Solch einen Satz gibt es bei Bohr nicht. Sarrazin hat vielleicht die Bemerkung von Max Planck gehört und in Erinnerung, dass sich neue physikalische Theorien nicht durchsetzen, weil die Vertreter der alten überzeugt werden, sondern weil sie aussterben. Abgesehen davon, dass diese von Planck vor allem auf sich selbst bezogene Behauptung empirisch längst widerlegt ist, erfasst sie keine Meinung, sondern eine Theorie, die lange allein gültig war und nach wie vor zutrifft. Die alte Theorie, die Planck meinte, heißt klassische Mechanik, und sie gilt bis heute, nur nicht im Bereich atomarer Dimensionen.

Bei Sarrazin geht es nirgendwo um etwas, das Gültigkeit beanspruchen kann. Der Bundesbanker plappert beliebig durch die Gegend und nennt das Klartext. Wenn er etwas von Bohr zitieren wollte, dann die Ansicht des Physikers, dass sich Wahrheit und Klarheit ins Gehege kommen können. Sarrazin zeigt, dass Bohr offenbar recht hatte.

Ernst Peter Fischer, Konstanz

Da der Artikel gerade zu lang zu werden droht, werde ich hier abbrechen! Ich hätte das und vieles mehr meinem Mitarbeiter sagen wollen. Ich hätte ihn gebeten, sich zu fragen, was er davon gehalten hätte, wenn nicht Thilo Sarrazin, sondern irgend ein NPD-Funktionär dieselben Aussagen getroffen hätte?! Vor allem hätte ich ihn gefragt, warum er glaubt, dass ich beleidigt bin, wenn er es ist, der die Zusammenhänge nicht verstanden hat?!

Hier noch eine Auswahl guter Artikel:

  1. anders als mit einem Suffzustand kann ich mir manche Forderungen und Einstellungen nicht erklären..[]
  2. Themen, denen man sich als Migrant oder Muslim offenbar zwangsläufig stellen muss. Eine kurze Bemerkung dazu: Einmal hatte ein anderer Kollege ernsthaft gemeint, mir einreden zu wollen, dass ich doch als gebildeter Mensch mich doch von den anderen Muslimen/Migranten distanzieren sollte. Derselbe Mensch hatte mir vorgeworfen, “gehirngewaschen” zu sein (immer mit einem Lächeln, natürlich!), kurz nachdem er mir offenbarte, dass er glaubt durch die Kenntnis von drei Fällen (etwa drei Migranten), eine statistische Tendenz feststellen zu können!! Naja, manche Diskussion ist doch eine zwangsläufige Übung in postkolonialem ‘aufgeklärtem’ Rassismus, wie man ihn nur aus Geschichtsbüchern kennen möchte… []
  3. Im Prinzip macht Thilo Sarrazin nichts anderes, denn er schmeißt Leuten Vorwürfe an den Kopf, schafft es aber in der Diskussion nicht, diese Vorwürfe konstruktiv zu formulieren, was einer Diskussion erst zuträglich wäre.[]
  4. und nein, ich halte meinen Mitarbeiter nicht für einen![]
  5. übrigens: positiv wertende Rassismen als Nichtrassistisch zu deklarieren, zeugt bei den meisten Menschen von der Unkenntnis rassistischer Dynamiken, aber das nur am Rand.[]
  6. eigentlich Evolutionsgenetik[]

Offener Brief an die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

author | 11. August 2010

Anbei veröffentliche ich einen offenen Brief an die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit ab, dem ich mich anschließe. Die FDP-nahe Stiftung hatte Necla Kelek mit dem “Freiheitspreis” geehrt.

z.Hd.v.
Wolfgang Gerhardt MdB, Vorstandsvorsitzender der Stiftung
Prof. Jürgen Morlok ,Vorsitzender des Kuratoriums
Karen Horn, Vorsitzende der Jury
Karl-Marx-Straße 2
14482 Potsdam

Sehr geehrte Frau Horn,
sehr geehrter Herr Gerhardt,
sehr geehrter Herr Professor Morlok,

stellen Sie sich bitte einmal kurz vor, Sie hätten heute in Ihrem Briefkasten folgende Mitteilung vorgefunden:

„Die Internationale Gesellschaft für die Geschichte der Rhetorik/International Society for the History of Rhetoric verleiht aus Anlass der vom 18.-22. Juli 2011 in Bologna/Italien stattfindenden Konferenz einen Sonderpreis für herausragende, historische, rhetorische Leistungen posthum an Joseph Goebbels.“

Sie hätten zu Recht mit Verachtung und Empörung auf eine derartige Preisverleihung reagiert, weil sie den elementaren Grundsätzen eines liberalen Rechtsstaates widerspricht. Sie werden sich fragen, was diese kleine, erfundene Geschichte mit Ihnen bzw. der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit zu tun hat.

Ihre Entscheidung den Freiheitspreis Ihrer Stiftung in diesem Jahr der Soziologin Frau Necla Kelek zu verleihen, ist für mich Auslöser des obigen Gedankenbildes gewesen. In der Begründung zu Ihrer Entscheidung schreiben Sie:

„Necla Kelek ist der lebendige Beweis dafür, dass der Islam und der freiheitlich-demokratische Wertekanon keine Gegensätze sind. In der Integrationsdebatte, in der es immer auch um Grundsätzliches geht, hat Frau Kelek stets klar Position für den Wert der Freiheit bezogen. Ihr Beispiel zeigt, wie gut Muslimen die Integration in die europäische Wertegemeinschaft gelingen kann. Sie ist eine zeitgenössische Vertreterin der Aufklärung.“

Die Naumann-Stiftung will mit diesem Preis Persönlichkeiten würdigen, „die Impulse für eine liberale Bürgergesellschaft gegeben haben und auf diese Weise zur Fortentwicklung freiheitlicher Ziele und Werte beitragen“.

Diesem Anspruch ist die Stiftung mit der Verleihung des Preises an Hans Dietrich Genscher und Maria Vargas Llosa sicherlich gerecht geworden, aber die Verleihung des diesjährigen Preises an Frau Kelek konterkariert diesen Anspruch, er führt ihn ad absurdum.

Frau Kelek, die sich in der Rolle der vermeintlichen Islamkritikerin gerne gefällt, beweist mit ihren un- und disqualifizierenden Äußerungen über Islam und Muslime, dass sie von zwei Dingen nichts versteht, nämlich vom Islam und der hohen Kunst der konstruktiven Kritik.

In der Sendung des ZDF „Forum am Freitag“ vom 16.07.2010 hat Frau Kelek Folgendes über Muslimische Männer zu sagen: “Der (muslimische) Mann ist ständig herausgefordert. Er muss sich entleeren, heißt es, und wenn er keine Frau findet, dann ein Tier oder eine andere Möglichkeit, wo er dem nachgehen muss. Es hat sich im Volk so durchgesetzt, es ist ein Konsens.“ Muslimische Frauen, die den Hidschab wahren, werden von Frau Kelek im selben Interview mit dem ZDF-Journalisten Kamran Safarian als „Islam bitches“ (in der deutschen Übersetzung: Islam-Nutten bzw. Islam-Schlampen!) bezeichnet.

Soll das ein lebendiger Beweis dafür sein, „dass der Islam und der freiheitlich-demokratische Wertekanon keine Gegensätze sind“, mit dem Sie Ihre Preisverleihung an Frau Kelek erklären? In Form und Inhalt erinnern mich Frau Keleks Äußerungen an den über Jahrhunderte hinweg gebräuchlichen, hasserfüllten Begriff und das Bild der „Judensau“. Soll diese Sprache und dieses Gedankengut für mich als deutscher Muslim Beispiel dafür sein „wie gut Muslimen die Integration in die europäische Wertegemeinschaft gelingen kann.“ Ausgezeichnete Fäkalsprache als Ausdruck gelungener Aufklärung und Integration?

Angesichts dieser Faktenlage hätte wohl auch der ermordete niederländische Filmemacher Theo van Gogh, der Muslime als „Ziegenficker“ bezeichnete, gute Chancen auf Ihren Friedenspreis gehabt.

Frau Keleks geistige Ergüsse über den Islam kann man selbst bei wohlwollender Betrachtung nicht einmal als Halbwissen durchgehen lassen. Muslime sind nicht erhaben über Kritik, und sie akzeptieren auch scharfe Kritik, wenn sie nur sachlich bleibt. Aber Frau Keleks Äußerungen lassen daran zweifeln, ob sie jemals die Bücher, die sie kritisiert, wie z.B. den Quran oder die Hadith-Sammlungen im Original bzw. im Kontext eines authentischen Kommentars überhaupt gelesen hat. Ihre Äußerungen lassen viel mehr den Schluss zu, dass sie auf der „Hau den Muslim“-Welle reitend, ihre Bücher Gewinn bringend zu vermarkten sucht.
Der deutsche Ethnologe Werner Schiffauer hat Folgendes zu Frau Kelek festgestellt:

„Die Deutschen haben nur auf jemanden wie Kelek gewartet, der all das bestätigt, was sie schon immer über Muslime gedacht haben.“

Hier muss man Brecht zitieren, der die Kunst der Speichelleckerei zu den wenigen nicht brotlosen Künsten zählte, denn „die Speichelleckerei nährt ihren Mann“, in diesem Fall die Frau!

Der im Jahr 2008 verstorbene Literatur-Nobelpreisträger Harold Pinter hat einmal festgestellt, dass Kritiker nichts anderes sein als einbeinige Dozenten über den Weitsprung; hätte er Frau Kelek gekannt wäre er sicherlich noch einen Schritt weitergegangen!

Nun weiß ich endlich, dank der Preisverleihung an Frau Kelek durch Ihre Stiftung, wie die FDP über Muslime und Islam denkt. Ich erfahre gerade, dass die FDP Hasspredigt und billigsten Gossenpopulismus mit Liberalität gleichsetzt, diese sogar als preiswürdig erachtet. Dass jemand wie Frau Alice Schwarzer die Laudatio – welch eine verhöhnende Fehlbezeichnung! – auf Frau Kelek halten soll, setzt dieser schändlichen Preisverleihung nur noch eine gewaltige schiefe Krone auf.

Die FDP war bei Wahlen für mich bis heute immer eine Alternative zu den großen Parteien, insbesondere bei der Vergabe meiner Zweitstimme. Im März 2009 wurde in einer Umfrage festgestellt, dass nur 0,9 % der Deutschtürken die FDP wählen würden. Ich will Ihnen versichern, dass Ihre Entscheidung große Empörung und Unverständnis unter Muslimen ausgelöst hat. Viele in der Muslimischen Gemeinschaft werden sich nun dafür engagieren, dass der oben genannte Prozentwert in Zukunft unter wahlberechtigten Muslimen nicht steigen wird, getreu dem Grundsatz Friedrich Naumann’s „Erst wenn der Einzelne sich einmischt, kann eine liberale Gesellschaft wachsen“, damit, frei nach Friedrich Naumann, Freiheit eben nicht als Lizenz zur spaltenden, Hass säenden Dummschwätzerei missbraucht werden und Achtung erfahren kann.

Werden Sie Ihre Entscheidung überdenken oder identifizieren Sie sich mit Frau Keleks verunglimpfenden Aussagen über Muslime und Islam?

In diesem Sinne

Bilal Al-Faruqi

IHH-Verbot durch Thomas de Maizière

author | 12. Juli 2010

Erst las ich den Telepolis-Artikel, und dann über einen facebook-Eintrag die Pressemitteilung des BMI. Und tatsächlich: Es war ernst gemeint: Der Innenminister Thomas de Maizière straft eine Organisation ab, da sie Menschen in Gaza hilft1. Selbst in der Pressemitteilung betitelt das BMI die Organisation in bester “BILD”-Manier als “Hamas‑Spendenverein”, was einem schon zu denken geben sollte.

Die IHH (international oder deutschland) ist eine Menschenrechts- und Hilfsorganisation, die weltweit aktiv ist, so wie andere Hilfsorganisationen auch. So kann anhand des google-caches der inzwischen nicht mehr auffindbaren IHH-Seite schnell gesehen werden, dass etwa Bosnien, Äthiopien, Ghana, Kamerun, Uganda, Marokko, Südosttürkei, Bangladesch und weiteren Ländern und Gebieten in den Arbeitsbereich der IHH fallen.

Das interessiert den Innenminister kaum, denn wer Schulen, Krankenhäuser oder andere rein humanitäre Einrichtungen im von der Hamas regierten Gaza-Streifens unterhält, unterstützt oder nach einem israelischen Angriff wiederaufbaut, der entlastet das Gesamtbudget der Hamas. Eine komische Erklärung, denn so müsste die von der UN getragenen UNWRA sowie viele weitere Hilfsorganisationen, die durch soziale Projekte im Gaza-Streifen – solange sie von Israel überhaupt erlaubt werden – letztlich auch das Budget für “vermeintlich” soziale Belange2 der Hamas entlasten.

In unserem vermeintlich freiheitlich-demokratischen Staat hat das Amt für Staatsschutz Innenministerium auch gleich die Räume der verbotenen Hilfsorganisation gestürmt und durchwühlt. Rechtstaatlichkeit erlaubt den Betreibern dagegen zu klagen, aber die Aussichten auf Erfolg sind bei einer solchen Einstellung zu Gerechtigkeit (auf den Gaza-Streifen bezogen) minimal.

Weitere Kommentare:

  • Engin Karahan hat die Pressemitteilung des Vorsitzenden der IHH Deutschland Mustafa Yoldas veröffentlicht

    „Mit der Begründung des Bundesinnenministers müsste wohl auch die UNO oder das Rote Kreuz mit einem Verbot belegt werden. Denn was hier abgestraft wird, ist die Hilfe für die notleidende Bevölkerung im Gaza-Streifen“, sagte Yoldas und führte weiter aus, „dass sich der deutsche Staat zum willfährigen Vollstrecker der israelischen Politik, die mit ihrem Terror gegen die palästinensische Bevölkerung diese an den Rand der Existenz gedrängt hat, macht“.

  • Alien in Europe kommentiert ebenfalls:

    Der Bezug zum Al-Aqsa e.V., den der Innenminister dankenswerter Weise selbst herstellt, zeigt das Ausmaß des Skandals. Seit Jahren bemühen sich deutsche Behörden, muslimische Organisationen und Charities zu behindern und zu verbieten. Wenn man nichts anderes findet, versucht man es mit Steuerrecht, angeblichen Vorwürfen, oder hier mit Spenden an Einrichtungen der Hamas. Einrichtungen? Ja, Schulen, Krankenhäuser, Waisenheime….

  • Hilfe wird kriminalisiert – De Maizieres makabere Politik
  1. man sollte anmerken, dass die IHH in Deutschland zwar vernetzt, aber doch eine andere Organisation ist als die IHH in der Türkei[]
  2. auch ein komischer Wortgebrauch: Die Hamas betreibt natürlich auch “vermeintlich” Krankenhäuser, die nur “vermeintlich” Menschen behandeln oder “vermeintlich” Wunden heilen. Das Innenministerium stellt schon komische Dinge in Frage..[]

Rat der Religionen Hannover zum antisemitischen Vorfall in Sahlkamp

author | 23. Juni 2010

Ich gebe hier die Pressemitteilung des Rats der Religionen in Hannover zu den Steinwürfen während des Sahlkampers Stadtteilfestes am Samstag auf jüdische Tänzerinnen wieder. Die Pressemitteilung findet sich auch auf den Seiten des Hauses der Religionen.

Der Rat der Religionen Hannover ist bestürzt und empört über die Tatsache, dass Kinder und Jugendliche eine jüdische Tanzgruppe in Hannover-Sahlkamp mit Steinen beworfen und mit antisemitischen Parolen beschimpft haben. Er verurteilt diesen Vorfall aufs schärfste.

Die im Rat der Religionen vertretenen Religionsgemeinschaften – Christen, Muslime, Juden, Hindus, Buddhisten und Bahai – erklären einmütig:

Rassismus ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Antisemitismus verstößt gegen die Grundprinzipien der im Rat vertretenen Religionsgemeinschaften.

Der Rat der Religionen fordert alle Bürger Hannovers auf, sich gegen jede Form von Antisemitismus und Rassismus einzusetzen. Die nicht unumstrittene Politik des Staates Israel darf nicht dazu missbraucht werden, den Frieden unter den Religionsgemeinschaften zu zerstören und Hass zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft zu säen.

Die muslimischen Mitglieder im Rat der Religionen nehmen Augenzeugenberichte, die die Täter als Muslime identifizieren, zum Anlass, darauf hinzuweisen, dass der Islam jede Form von Rassismus und Verachtung Andersgläubiger kategorisch ablehnt. Ein rechtschaffener Muslim achtet Juden und bewirft sie nicht mit Steinen.

Wir appellieren an Eltern und Familien, sich ihrer Verantwortung für den sozialen und interreligiösen Frieden bewusst zu sein und sich für diesen einzusetzen. Wir bitten die vielen interkulturellen und interreligiösen Dialoginitiativen in der Stadt Hannover, ihre gute Arbeit fortzuführen und alle Anstrengungen für ein friedvolles Miteinander der Religionen und Kulturen zu unterstützen.

Für den Rat der Religionen Hannover

Thomas Höflich, Dr. Hilal Al-Fahad

Antisemitische Gewalt in Seelhorst – Update 25.6.

author |

Die HAZ berichtet heute, dass jüdische Tänzer, die im Rahmen eines Stadtteilfestes am letzten Samstag in Sahlkamp aufgetreten sind, von arabischen Jugendlichen mit Kieselsteinen beworfen wurden. Offenbar handelte es sich um eine größere Gruppe (30), die dazu noch Parolen gerufen haben sollen.

Die Steine stammen offenbar von einem großen Haufen kleinerer und größerer Kiesel, der auch am Dienstag noch am Rand des Sahlkampmarktes lag. Über den genauen Hergang gab es zum Teil widersprüchliche Angaben. Offenbar begannen die Provokationen sofort, als die Gruppe die Bühne betrat. Ein Jugendlicher soll mit einem Megafon „Juden raus“ gerufen, ein anderer erste Steine geworfen haben. Als Zuhörer die Störer zurechtwiesen, seien diesen weitere Jugendliche im Alter zwischen zwölf und 16 Jahren, insgesamt ein halbes Dutzend, beigesprungen und hätten auch Steine geworfen. Später hätten sich rund 20 Kinder, Jungen und danach auch Mädchen, angeschlossen. Die Situation habe sich nach einigen Minuten beruhigt, nachdem die Tänzer von der Bühne verschwunden und Sozialarbeiter zur Mäßigung aufgerufen hatten.

Von der Bühne gegangen ist die Tanzgruppe vor allem, weil eine der Tänzerinnen am Bein getroffen wurde. Laut einer Pressemitteilung des Oberbürgermeisters Stephan Weil hatte sich nach ersten judenfeindlichen Parolen der Veranstaltungsleiter eingeschaltet und die Jugendlichen zur Rede gestellt. Das hat aber nicht zum erhofften Erfolg geführt, sondern es sind weitere Jugendliche dazu gekommen und hätten mit dem Steinewerfen angefangen.

Natürlich ist es einerseits ein Problem, dass die Veranstalter nicht eindeutiger reagiert haben, es ist aber auch ein Problem, dass Jugendliche, die wahrscheinlich von nichts eine Ahnung haben und sich lediglich auf der emotionalen Ebene mit dem Konflikt um Palästina beschäftigen, einen pauschalen Hass auf alles Jüdische entwickeln. Es ist schrecklich, dass sie glauben, an einer Heimatfront gegen einen angeblichen Feind kämpfen zu müssen. Und genau diese Jugendlichen sind es wahrscheinlich, die man zu einer ruhigen Diskussions- oder Informationsveranstaltung nicht bekommen kann. Ich hoffe, dass sie ihre gerechte Bestrafung finden. Ich hoffe aber auch, dass sich jemand ihrer annimmt und sie zum Zuhören und Verstehen zwingt, damit sie in Zukunft zu denken imstande sind.

Ich finde auf der anderen Seite sowohl gut, dass die HAZ Yazid Shammout von der palästinensischen Gemeinde interviewt, als auch seine Antworten:

„Jede Form von Gewalt ist aufs Schärfste zu verurteilen“, sagte er. Die Palästinensische Gemeinde organisiere seit einiger Zeit gemeinsame Aktionen und Gesprächsabende mit jüdischen Vertretern: „Auch wenn wir anderer Ansicht sind, gehen wir sachlich und zivilisiert miteinander um“, sagte Shammout. Er hoffe, dass die Steinwürfe nichts mit der Gaza-Politik Israels zu tun haben: „Leider wird die weit verbreitete Solidarität mit den Palästinensern, die dort leben, immer wieder missbraucht, um antiisraelische Stimmung zu machen – und von dieser ist es nur ein kleiner Schritt zum Antisemitismus, der wirklich niemandem dient.“

Weitere Quelle: Stadtteilfest in Hannover: Jüdische Tänzer beschimpft und mit Steinen beworfen

Update: Ich habe mit einer Augenzeugin gesprochen, die mir einige weitere Details geben konnte: Das Stadtteilfest fand zwischen 14:00 und 20:00 statt. Die jüdische Tanzgruppe war etwa gegen 16:00 an der Reihe. Eine Gruppe von etwa 5 Jugendlichen ist an die Bühne gekommen und hat die Tänzerinnen mit Steinen beworfen, woraufhin die Veranstaltung abgebrochen wurde. Der Veranstalter hat dann mit den Jugendlichen geschimpft, sodass sie verschwanden. Kurz darauf, als die Veranstaltung weiter ging, sind die Jugendlichen erneut vor die Bühne gelaufen und haben wieder mit Steinen geworfen. Diesesmal muss es um einiges schneller gegangen sein, sodass eine der Tänzerinnen verletzt wurde. Laut der Augenzeugin wurde diese am Mund – und nicht wie von der HAZ berichtet am Fuß – verletzt. Daraufhin hat die Gruppe ihren Auftritt (natürlich) komplett abgebrochen. Die Jugendlichen sind außerdem relativ zügig weggelaufen, sodass sie nicht gestellt werden konnten. Das beantwortet teilweise die Frage, warum nicht die Polizei benachrichtigt wurde.

Update 24.6.: Inzwischen sind zwei Tatverdächtige ausgemacht.

Am 19. Juni 2010 hatte die Veranstaltung “Internationaler Tag im Sahlkamp 2010″ mit Künstlern zahlreicher Kulturgruppen stattgefunden. Nach bisherigen Erkenntnissen riefen bei dem Auftritt einer achtköpfigen, jüdischen Tanzgruppe mehrere Kinder und junge Männer antisemitische Parolen – dabei kam auch ein Megafon zum Einsatz – und warfen mit Steinen in Richtung der Bühne. Eine Tänzerin wurde am Bein getroffen und erlitt leichte Verletzungen. Gestern erstattete der Veranstalter Strafanzeige bei der Polizei. Nun haben die Beamten zwei Tatverdächtige ermittelt. Es handelt sich um einen 19 Jahre alten Mann und einen 14-Jährigen. Beide haben bislang keine Angaben zum Tatvorwurf gemacht. Der Jugendliche ist bereits mehrfach im Zusammenhang mit Eigentums- und Rohheitsdelikten polizeilich in Erscheinung getreten. Die Ermittlungen hinsichtlich der weiteren Täter dauern an. Die Polizei hat ein Strafverfahren wegen Volksverhetzung, gefährlicher Körperverletzung und versuchter gefährlicher Körperverletzung eingeleitet. / ste Polizeidirektion Hannover

Medien vermelden außerdem die Herkunft der beiden Verdächtigen, die aber mit der anfänglichen Beschreibung (palästinensisch, libanesisch und iranisch; teilweise türkisch) nicht übereinstimmt:

Nach den Steinwürfen auf eine jüdische Tanzgruppe in Hannover hat die Polizei zwei mutmaßliche Täter ermittelt. Es handele sich um einen 14-jährigen Deutschen und einen 19-jährigen gebürtigen Nordafrikaner, teilte die Polizei am Mittwoch mit. haz.de

Der HAZ-Artikel ist sicherlich auch sonst lesenswert, da der Autor nach Erklärungen sucht und ein wenig recherchiert.

Mich bedrücken derzeit zwei Dinge: Zum Einen wird der Vorfall von Rassisten genutzt, um die Stimmung noch weiter anzuheizen. Die Zuschreibung “islamischer Antisemitismus”, die Frau Wettberg von der liberalen jüdischen Gemeinde benutzt, wird von Leuten auf der PI-Ebene aufgegriffen, um ihrem antimuslimischem Rassismus freien Lauf zu geben. In einem Forum der “jüdischen Verteidigungsliga” wird die Notwendigkeit der staatsunabhängigen “Sicherung” jüdischer Veranstaltung heraufbeschworen. Das Forum sowie die Forderungen darin erinnern mich an die Äußerungen von halbstarken muslimischen Jugendlichen, die on- und offline nach der Ermordung von Marwa El-Sherbini gefordert hatten, dass muslimische Banden die Aufgabe übernehmen sollten, für die Sicherheit muslimischer Frauen auf der Straße zu sorgen. Dazu beigetragen hatte ein Vorfall in Göttingen kurz nach der Ermordung. Dieselben Forderungen (gepaart mit einer leichten Unterstellung an die Mehrheit der bei dem Vorfall anwesenden) werden nicht nur von einem Administrator der “Jüdischen Verteidigungsliga” gestellt. Mit Sprüchen wie “Lieber JDLer, es geht los, der Krieg hat begonnen.” motivieren sie sich gegenseitig. Dass da wahrscheinlich auch ganz gerne ein paar PIler mitmachen würden, die sich erhoffen können einen “Musel” zu verkloppen, bleibt da nicht ausgeschlossen.

Zum Anderen wird nun – nicht nur, aber auch vom Zentralrat der Juden – der Angriff missbraucht, um wieder Kritik an Israel pauschal als antisemitisch abzustempeln. Die “Welt Online” spielt da gerne mit. Im folgenden Absatz wird ein angeblicher Widerspruch ausgemacht, obwohl es diesen eigentlich nicht gibt:

Der Vorfall war nach Angaben der Polizei die erste antisemitische Gewalttat im Großraum Hannover in diesem Jahr, die nicht von Rechtsextremisten verübt wurde. Allerdings fanden auch in der Vergangenheit bereits „israelfeindliche Demonstrationen und Aktionen außerhalb des rechtsextremistischen Spektrums in Niedersachsen statt“, wie der stellvertretende Verfassungsschutzpräsident Dirk Verleger WELT ONLINE sagte, zum Beispiel in Salzgitter und Peine. „Die Akteure waren Palästinenser und Personen mit arabischem Hintergrund“, so Verleger. Auch auf Plakaten sei antiisraelische Propaganda sichtbar gewesen. Der jüngste Fall in Hannover sei insofern neu, „als erstmals Steine auf Juden geworfen wurden“.

Die Vermischung von antisemitischen Äußerungen/(Gewalt-)Taten mit israelfeindlicher oder gar israelkritischer Äußerungen ist ein Mittel, um Letztere zu tabuisieren. Tatsache ist, dass keiner die Motive der Jugendlichen kennt oder auch nur in Erwägung zu ziehen gedenkt.

Auf der anderen Seite muss man sich in diesem Rahmen dann fragen, ob mit demselben Maß bei antimuslimischer Hetze gehandelt würde, die sich auf diversen Internetseiten und dementsprechend bei denjenigen Menschen niederschlägt? Rassismus ist Rassismus ist Rassismus .. und muss bekämpft werden.

Update 25.6.: Die HAZ berichtet, dass vier weitere Verdächtige gefasst wurden – diesmal alle ‘arabischstämmig’. Wieder ist der Artikel recht interessant auch als Hintergrundbericht (zur Häufigkeit von Antisemitismus unter Jugendlichen):

So gebe es unter den Jugendlichen kaum einen, der nicht das Schimpfwort „Du Jude“ kennt und auf Nachfrage auch eine Vorstellung davon präsentiert, was dies seiner Meinung nach bedeutet: „Hinterhältige, verlogene, geizige Mitschüler.“ Alles dies ist nicht gleichzusetzen mit einer antisemitischen Weltanschauung, betont Stender. So haben sich viele Schüler vom Antisemitismus deutlich distanziert – antisemitische Stereotype dann aber doch reproduziert. Auszüge aus den Gesprächsprotokollen belegen Schockierendes: „Die sind so gierig und so hinterhältig“, sagt da ein Junge. „Wir haben so eine in der Klasse, man redet so, und dann kommt sie: so äääähh. Sie mischen sich immer ein. Sie geiern, wirklich.“

Auch interessant der zweite Teil des HAZ-Artikels, in dem es um das (internationale) Medieninteresse geht:

Das Presseamt der Stadt Hannover bestätigte, dass mehr Medienanfragen als üblich eingingen.

Verband demokratisch-europäischer Muslime übt sich in Selbstkarikatur

author | 30. Mai 2010

Anfang des Monats hat sich der “Verband demokratisch-europäischer Muslime” (VDEM) gegründet und als wäre die neuerliche Wahl der gar zusammengesetzten Adjektive im Namen nicht Belustigung genug1, liefert der Verein in seinen ersten Veröffentlichungen eine Selbstkarikatur, die glauben macht, dass der Verein nur satirisch gemeint ist. Nun könnte ich mir den Abend mit dem Versuch einer konstruktiven Kritik nicht nur am Verein, sondern auch an der neumuslimischen Entdeckung der sprießenden Vereinsgründungen2 (und offensichtlich der Vertretung der vielbeschworenen ‘schweigenden Mehrheit’), verderben, aber ich entscheide mich lieber für die sehr viel einfachere und um einiges belustigendere Art der Selbstheilung durch Veralberung. Mehr hat schließlich kein Verein verdient, der Bassam Tibi3 und Necla Kelek4 als Mitglieder vereint.

Der Verein gibt sich “neuzeitlich”, ist aber stark von der partikularen Substanz von – wie ich es nenne – “Blubb” gefüllt. Hier ein Beispiel:

Der Generalsekretär Herr Schmidt-El Khaldi erklärt: „Es wird Zeit, dass in das Bewusstsein der Muslime in der Gesamtheit auch Ansichten Eingang finden, die nicht nur einzig auf Traditionen, sondern genauso auf modernen Erkenntnissen fußen.“

Ich hab jetzt mehrere Arten formuliert und wieder weggestrichen, wie ich mich über diesen inhaltslosen und wirklichkeitsverstellenden Satz lustig machen könnte. Die meisten Formulierungen waren so kompliziert, dass kein anderer sie verstanden hätte und die restlichen bestanden aus einer abartigen Unzahl an “Duh!”s, die also nur das Offensichtliche nennen.

Wie gesagt, das meiste ist “Blubb” und es finden sich nur wenig konkrete und praktische Sätze in der Gründungsmittelung, der Präambel oder dem Plädoyer, die derzeit auf der Internetseite des Verbands veröffentlicht sind, um den Verein gegen andere Vereine abgrenzen zu können – etwa dem angehenden “Verein liberaler Muslime”, aber natürlich auch den meisten anderen muslimischen Verbänden. Der Verband hat aber offenbar schon ein ganz konkretes Ziel:

Der VDEM erklärt sich bereit an der Islamkonferenz teilzunehmen, falls der Ruf aus Berlin käme.

Der “Ruf” des Innenministers zur Islamkonferenz wird also nicht unerhört bleiben. “Wir sind die willfährigen Muslime, die Ihr gesucht habt, Euer Durchlauchter.” Alle anderen muslimischen Organisationen, die ihre opportunistische Ergebenheit formulieren, können diesem Verein in der Devotheits-Disziplin nicht das Wasser reichen. Im Deutschlandradio Interview formuliert das der Vizepräsident Reza Hajatpour selbst nach der blamablen Fragestellung des Moderators, der die “Selbsteinladung” des Vereins ausspricht.

Pokatzky: Sie haben Ihren Verband ganz kurz ja vor der jüngsten Islamkonferenz gegründet, und Sie haben in Ihrer Gründungspressemitteilung auch am Ende Ihre Bereitschaft erklärt – das war quasi so eine Art Selbsteinladung schon fast -, an der Islamkonferenz teilzunehmen. Sie sind, es war ja auch sehr kurzfristig, nicht eingeladen worden. Hoffen Sie denn darauf, in Zukunft bei der Islamkonferenz dabei zu sein?

Hajatpour: Ja, das hoffen wir, gerne sogar.

Pokatzky: Ist Ihnen da schon was signalisiert worden aus der Politik, dass Sie eingeladen werden?

Hajatpour: Nein, das war sehr kurzfristig.

Wird den Leuten denn das Peinliche an dieser Situation nicht klar?

Jedenfalls hat der Verband nun einige Zeit, die er anderweitig füllen muss, um nicht vollends in der Versenkung zu landen. Zeit, sich selbst zu finden, so ziemlich direkt nach der Gründung! Hier:

Als nächstes wird der Verband eine Grundsatzkommission bilden, in der Experten und Kompetenzträger theologische, gesellschaftliche und politische Fragestellungen zum Islam analysieren und ausarbeiten werden.

Was wollte der Verein denn bei der DIK sonst vorstellen, wenn er noch nicht einmal eine Grundsatzkommission besitzt, geschweige denn dass diese zu irgendwelchen verwertbaren Ergebnissen gekommen ist? Was red’ ich da? Die Grundsatzkommission hat nur vor, Fragestellungen zu “analysieren” und vor allem “auszuarbeiten”. Keiner spricht hier von Ergebnissen oder gar von Ansätzen einer Beantwortung!

Naja, jetzt hat der Verband Zeit bis zur nächsten Staffel der DIK. Zeit, nicht nur um seine Ziele praxisrelevant festzulegen, sondern auch an den Deutschkenntnissen seiner Funktionäre zu arbeiten. Deren Grammatik und Satzbau machen neben dessen inhaltlichen Salat ihre Aussagen vollkommen unverständlich. Bei der Zeichensetzung und Rechtschreibung glaube ich schon fast, dass die tiefreligiöse Liberalität des Vereins durchgreift. Anders kann ich mir diesen Satz nicht erklären:

Alle Muslime zusammen unabhängig davon, ob der/die einzelne einen sunnitischen, schiitischen oder alevitischen Hintergrund hat, sind eingeladen einen Islam zu etablieren, der sich mit den Fragestellungen unserer Zeit beschäftigt und nicht versucht auswendig gelerntes blind anzuwenden.

  1. “aufgeklärt-überregional”, “progressiv-postmodern” (auch Propo-Muslime) oder “rechtstaatlich-dadaistisch” hätten es doch auch getan[]
  2. nach dem Motto viel-hilft-viel[]
  3. ist er nicht ausgewandert??[]
  4. ja, wirklich, DIE Necla Kelek![]

Unser Bundeshorst und das Bundeswehrmandat am Hindukusch

author | 27. Mai 2010

Nein, wir brauchen einen politischen Diskurs in der Gesellschaft, wie es kommt, dass Respekt und Anerkennung zum Teil doch zu vermissen sind, obwohl die Soldaten so eine gute Arbeit machen. Wir brauchen den Diskurs weiter, wie wir sozusagen in Afghanistan das hinkriegen, dass auf der einen Seite riesige Aufgaben da sind des zivilen Aufbaus, gleichzeitig das Militär aber nicht alles selber machen kann, wie wir das vereinbaren mit der Erwartung der Bevölkerung auf einen raschen Abzug der Truppen. Und aus meiner Einschätzung ist es wirklich so: Wir kämpfen dort auch für unsere Sicherheit in Deutschland, wir kämpfen dort im Bündnis mit Alliierten auf der Basis eines Mandats der Vereinten Nationen. Alles das heißt, wir haben Verantwortung. Ich finde es in Ordnung, wenn in Deutschland darüber immer wieder auch skeptisch mit Fragezeichen diskutiert wird. Meine Einschätzung ist aber, dass insgesamt wir auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen negativ durch Handel, Arbeitsplätze und Einkommen. Alles das soll diskutiert werden und ich glaube, wir sind auf einem nicht so schlechten Weg.

Inzwischen wird nach dem Bundespräsidenten Horst Köhler nicht nur die abstrakte Sicherheit Deutschlands am Hindukusch verteidigt, sondern auch ganz konkrete Handelswege, Arbeitsplätze und Einkommen (sprich: Reichtum). Ich bin hier nicht der einzige, der sich fragt, wo da der Unterschied zu einer Rechtfertigung von Angriffskriegen zu finden ist.

Im Prinzip sagt Köhler damit nichts neues. All die Frauenrechte, Menschenrechte und der Terrorismus, das wir uns als Begründung für den Afghanistaneinsatz anhören müssen sind letztlich nur vorgeschobene Gründe, um die wahren Gründe nicht nennen zu müssen. Das Brisante ergibt sich eher aus der Offenheit, die Köhler an den Tag legt, denn bislang war man der offiziellen Auffassung, dass ein Angriffskrieg (auch wenn zur Wahrung deutscher “Interessen”) der deutschen Verfassung wiederspricht. Dementsprechend macht es Sinn, dass gegen den Bundeskanzler Strafanzeige erstattet wird! Viel wird es aber wohl nicht bringen…

Back to normal führt Ruprecht Polenz die Diskussion, in dem er den Bundeskanzler sprichwörtlich zum Horst macht und ihm Unfähigkeit zur Kommunikation vorwirft. Aber für einen Politiker ist der Vorwurf der Unfähigkeit wohl immer noch leichter zu verkraften als zuzugeben, dass er wissentlich einen Fehler macht. Im heutigen DLF-Interview entschuldigt er die Aussagen Köhlers folgendermaßen:

Polenz: Ich glaube, der Bundespräsident hat sich hier etwas missverständlich ausgedrückt. Er wollte keine neue Militärdoktrin für Deutschland verkünden, sondern nur deutlich machen, dass Deutschland mit seinem Einsatz in Afghanistan einen Beitrag zur internationalen Sicherheit und Stabilität leistet, und der Hinweis darauf, dass natürlich von der Stabilität Afghanistans auch die Stabilität in der Region – denken Sie daran, dass Länder wie Pakistan an Afghanistan angrenzen -, dass das davon abhängt und dass wir eben ein Interesse daran haben müssen, dass solche Instabilitäten möglichst nicht entstehen, und dass wir davon natürlich auch in einer globalisierten Welt betroffen wären, auch wenn das scheinbar weit entfernt ist.

Armbrüster: Sie sagen jetzt, er habe sich etwas unmissverständlich ausgedrückt.

Polenz: Missverständlich ausgedrückt!

Armbrüster: Missverständlich ausgedrückt. Dafür spricht er aber sehr ausführlich über dieses Thema. Was meint er denn zum Beispiel, wenn er im Zusammenhang mit Afghanistan davon spricht, dass wir freie Handelswege wahren müssen?

Polenz: Nein! Ich würde den Zusammenhang mit Afghanistan hier nicht herstellen. Aber natürlich haben wir ein Interesse an freien Handelswegen, wie die Welt insgesamt. Sie sehen das ja beispielsweise am internationalen Einsatz gegen Piraterie am Horn von Afrika. Allerdings ist hier selbstverständlich die Voraussetzung ein klares, völkerrechtliches Mandat und ein multilaterales Vorgehen. Das ist für Deutschland die Voraussetzung.

Und das ist noch nicht mal alles. Ruprecht Polenz spielt auch noch den vollkommen Schockierten in Angesichts der Vorstellung, Deutschland (oder die Alliierten) würden sich wirtschaftliche Vorteile aus der Besatzung Afghanistans erhoffen:

Armbrüster: Das heißt, diese Interessen (deutsche Handels- und Rohstoffinteressen) würden Sie für Deutschland bei diesem Einsatz in Afghanistan ausschließen?

Polenz: Die sehe ich dort überhaupt nicht. Die haben nie eine Rolle in den Diskussionen des Deutschen Bundestages gespielt. Ich hatte jetzt zwar – das will ich gerne kurz berichten – ein Gespräch mit dem afghanischen Bergbauminister, der in Deutschland war und der geschildert hat, dass Afghanistan auch ein rohstoffreiches Land ist, und er wollte damit erklären, dass Afghanistan doch eine gute Zukunftsperspektive habe. Für mich waren Teile dieser Informationen durchaus neu und ich bin auch erst mal etwas erschrocken, weil ich ja weiß, wozu der Rohstoffreichtum in manchen Ländern in Subsahara Afrika führt, wenn Sie etwa an den Kongo denken, der ja eher unter seinem Rohstoffreichtum leidet, weil Banden ihn ausbeuten, weil die Nachbarn neidisch darauf sind und teilweise intervenieren. Also ich sehe eher dadurch eine Komplikation in Afghanistan. Aber Deutschland verfolgt diese Interessen nicht als Grund für den Bundeswehreinsatz.

Ja genau, da hat man ja noch einen Grund, militärisch einzugreifen: Wir müssen die Afghanen ihrer Rohstoffe entledigen, damit sie nicht mehr deswegen angegriffen werden – oder schlimmer noch: sich untereinander deswegen bekriegen. Ruprecht Polenz ist der Mitfühler des Jahres!

SPD verlangt von Linke: Distanzierung von der DDR-Vergangenheit

author | 21. Mai 2010

Was für ein grober Müll! SPD und Grüne wollen nicht mit den Roten in NRW zusammenarbeiten, u.A. aufgrund von “relativierenden Äußerungen der Linkspartei zur DDR-Vergangenheit”. Nicht nur, dass die Linke seit ihrem Aufstieg zumeist aus früheren SPD-Genossen besteht, die letztlich nur die althergebrachte SPD-Politik weiter betreiben wollten entgegen der “Agenda 2010″. Es kommt hinzu, dass sie allein durch die örtliche Distanz zur DDR personell relativ wenig damit zu tun haben dürften.

Ich gehe davon aus, dass es um die berühmte Feststellung, die DDR sei ein “Unrechtsstaat” gewesen, handelt. Wegen so etwas lässt man eine mögliche Koalition platzen und – jetzt kommt der Hammer! – bietet der CDU eine Konsolidierung an? Wird die CDU nun auch gebeten, sich von ihrer Nazi-Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu distanzieren? Wahrscheinlich nicht. Genauso wenig wie die SPD nach Rassismen in den eigenen Reihen gefragt werden würde..

Frau Kraft, wo bleibt eigentlich die inhaltliche Debatte? Welcher Punkt aus Ihrem Wahlprogramm hat die Linke denn abgelehnt?

Disclaimer: Ich gehöre der Partei “Die Linke” nicht an, habe er ihr nie angehört, noch unterstütze ich die Partei.

Integriert und Vollintegriert

author |

In Deutschland sind bekanntermaßen alle Menschen willkommen, natürlich auch Muslime. Ob sie mit Leib und Seele voll integriert sind oder lediglich “integriert”, spielt dafür keine große Rolle. AggroMigrant hatte festgestellt, dass die 18-Jährige Selbstdarstellerin Autorin Melda Akbas vom deutschen Spiegel höchstrichterlich eine Auszeichnung zugute kam, die hier zu finden ist. Fälschlich nimmt er an, dass Frau Akbas “voll integriert” sei. Das stimmt natürlich nicht, hat er aber – auf der positiven Seite – die Nachfrage in Facebook angeregt, was denn der Unterschied sei zwischen “integriert” und “voll integriert” sei.

Es gibt einen Unterschied.

Wer abends nach der Arbeit1 ein Bierchen schluckt und dabei Fußball guckt und – bitte schön – nicht ans Kinderkriegen denkt2, der kann sich zumindest schon auf die unterste Stufe des “Integrationsgipfels” setzen. Beispiele gibt es viele, die wenigsten schaffen es zu mehr Ruhm als ein paar Zeilen in einer Lokalzeitung. Manche – wie Melda Akbas – schaffen es ein wenig weiter, aber wenn sie daneben nichts anzubieten haben, bleibt es dabei.

“Voll integriert” ist ein Markenzeichen – so in etwa wie ein Bundesverdienstkreuz3 -, das zwar Spiegel und Co. ausstellen könnten, das aber vornehmlich von Innenministern und anderen Ministern ausgestellt werden kann. Was muss man dazu tun? “Volle Integration” ist abstammungsabhängig. Ein Muslim4 muss sich auf jeden Fall von seinen Mitmuslimen aufs Schärfste und pauschal distanzieren. Er muss jederzeit einsatzbereit sein, wenn es darum geht, anderen Muslimen auf den Kopf zu hauen und die “Aufnehmergesellschaft”5 zu loben, sowie die gedachte “Leitkultur” zu verteidigen.

Nein, Frau Akbas ist nicht “voll integriert”. Ein gutes Beispiel für “voll integriert” ist etwa Hamed Abdel-Samad. Er hat zwar einen deutlichen Akzent und seine deutsche Sprache weist hier und da einige Schwächen auf, aber er benimmt sich so gut und macht sich für Minister unverzichtbar, die die wachsende Islamfeindlichkeit bedienen möchten. Necla Kelek ist ein weiteres Beispiel. Bis kurz nach ihrer Dissertation war sie mäßig integriert. Bildung ist tatsächlich überhaupt kein Indiz dafür, dass jemand integriert ist. Als sie aber ihr erstes populäres Buch veröffentlicht hatte, da galt sie schon fast als “voll integriert”. Das dürfte heute allemal der Fall sein.

Danke für die Aufmerksamkeit. Das nächste Mal ist der Unterschied zwischen “Banane” und “voll Banane” an der Reihe!

  1. “Arbeit” ist relativ. Es wird Verständnis für Türken und Russen gezeigt, die lediglich niedere Arbeiten verrichten. Das ist zwar ein Hindernis dafür, an vielen sozialen Aktivitäten geschweige denn am politischen Leben teilzuhaben, aber noch lange kein Hindernis fürs “Integriertsein”[]
  2. sowieso nicht ans Heiraten. Ein guter “Integrierter” hat gefälligst eine Freundin (aus demselben Kulturkreis wohlgemerkt) zu haben[]
  3. ja, manchmal tatsächlich so ein Teil[]
  4. ja, hier ist der “Türke” gemeint, wie Marokkaner bis Indonesier und alle, die sich ähnlich kleiden, genannt werden dürfen. Keiner hat Lust darauf zwischen Herkunft und Religion zu unterscheiden![]
  5. also die barm- und großherzigen, netten, lieben aber auch starken und ansonsten alle guten Eigenschaften vereinenden Toitschen[]

Eine Bibel in der einen und ein Gewehr in der anderen Hand

author | 17. Mai 2010

Der (englischsprachige) russische Fernsehsender RussiaToday hat eine Diskussion zwischen Norman Finkelstein und einem frühen Berater von Ariel Sharon und heutigen PR-Menschen (Ranaan Gissin) ausgestrahlt, das sich anzuschauen lohnt. Anbei die drei Videos (leider mit einigem an Werbung), aber vorweg das wichtige Zitat:

Ranaan Gissin: When my great parents, came from Russia in a hundred and fifty years ago they came because there was a Bible in one hand, my grandfather came with a Bible in one hand and a rifle in another, and his hand was extended to the Arabs who lived here, some did make business with him and others who fought him had to meet the wrath of his rifle, and that’s how you live in the Middle East.

Als meine Großeltern vor 150 Jahre aus Russland kamen, kamen sie weil in eine Bibel in der einen Hand war, mein Großvater kam mit einer Bibel in der einen und einem Gewehr in der anderen Hand und seine Hand1 war für die Araber, die dort lebten, ausgestreckt. Einige haben mit ihm Handel getrieben und andere, die ihn bekämpften, mussten die Rache seines Gewehrs spüren und das ist die Art, wie man im Nahen Osten lebt.

Sein Großvater hat also den Einheimischen angeboten, ihm ihr Land ohne Kampf zu überlassen. Als sie ihn bekämpften, mussten sie die Rache seiner Waffe spüren! Wie nett von ihm. Später bleibt die Frage von Norman FInkelstein unbeantwortet:

Norman Finkelstein: Yes, I wonder Mr. Gissin if I came with a Bible in one hand and came to your home, I knocked on your door and said “according to my Bible, my family lived where your home is, my family lived there two thousand years ago,” would you pack up your bags and leave?

Ich frage mich, Herr Gissin, wenn ich mit einer Bibel in der einen Hand zu ihrem Haus käme und an die Tür klopfend ihnen sagte, “laut meiner Bibel lebte meine Familie vor zwei Tausend Jahren, wo ihr Haus ist”, würden sie ihre Sachen packen und ausziehen?

Mehr Transkription gibt es bei loonwatch.

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  1. welche eigentlich noch?[]

Gastbeitrag: Gedanken zur Zeit

author | 6. Mai 2010

Am 04. September 2009 wurde aufgrund eines gezielten, von einem deutschen Soldaten angeforderten und befohlenen Luftangriffes mehr als 140 Menschen in Afghanistan auf einer Sandbank im Distrikt Chahar Darah in der Provinz Kundus das Recht auf ein Leben in Unversehrtheit und Sicherheit genommen.

Am 19. April 2010 wurde 140 Menschen im Distrikt Chahar Darah in der Provinz Kundus, in Afghanistan, die nun in unscheinbaren Gräbern liegen, an denen noch nie ein afghanischer Minister, geschweige denn ein deutscher Minister gestanden hat durch die Entscheidung der deutschen Bundesanwaltschaft auch ihre Würde genommen.

Die Einstellung des Verfahrens gegen den Bundeswehroffizier Oberst Georg Klein und den Fliegerleitoffizier Markus Wilhelm ist juristisch mindestens fragwürdig und offenbar einer politischen Notwendigkeit geschuldet.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat aus Anlass ihrer Regierungserklärung zum Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan am 22. April 2010 erklärt, dass der Rechtsstaat die größte zivilisatorische Errungenschaft der Menschheit sei. Wenn dem so ist, dann stellt die Entscheidung der Bundesanwaltschaft das Ermittlungsverfahren gegen Oberst Klein und Hauptfeldwebel Wilhelm wegen des Luftangriffs vom 4. September 2009 in der Nähe von Kunduz am 16. April 2010 gemäß § 170 Abs. 2 StPO, einzustellen, eine moralische Bankrotterklärung dieses Rechtsstaates dar.

Verteidigungsminister Guttenberg begrüßte die Einstellung des Ermittlungsverfahrens gegen Oberst Klein mit den folgenden Worten: “Die heutige Nachricht aus Karlsruhe ist eine sehr gute, nicht nur für die direkt betroffenen Soldaten.”

Dies ist eine Fehleinschätzung, wie Deutschland anhand von weiteren gefallenen Soldaten und Afghanistan anhand weiterer ziviler Opfer in bitterer Weise leider erfahren wird. Mit dem von einem deutschen Offizier befohlenen Luftangriff und der jetzt erfolgten juristischen Bewertung hat Deutschland endgültig den Anspruch, eine kraftvolle Friedensmacht in Afghanistan sein zu wollen, verloren.

„Deutschland trauert“ titeln Zeitungen und Magazine. Aller Orten ist von feigen, verabscheuungswürdigen, hinterhältigen Angriffen, von Mord und Heimtücke die Rede, während die Bundeskanzlerin vor den Särgen deutscher Soldaten sich verneigt, während Deutschland sich vor den Gefallenen verneigt. „Feige“, „verabscheuungswürdig“, „hinterhältig“, diese Begriffe prägen die Wortwahl der Politiker in der Diskussion um den Angriff auf deutsche Soldaten, und um den Tod, den dieses Land beklagt.

Aber war der von Oberst Klein und dem Fliegerleitoffizier Wilhelm befohlene Luftangriff mutig? Ist es nicht mindestens ebenso verabscheuungswürdig, wenn ein qualifizierter Berufssoldat aus der Sicherheit seines Hauptquartiers, gestützt auf eine singuläre Informationsquelle, eine direkte militärische Auseinandersetzung vortäuschend den Befehl zum Bombenabwurf gibt, und den Tod unzähliger unschuldiger Menschen billigend in Kauf nimmt? Grenzt dies nicht an Heimtücke und Mord?
Wenn Überraschungsangriffe der Aufständischen in Afghanistan, die innerhalb von zehn Tagen zum Tod von sieben deutschen Soldaten geführt haben „heimtückisch“ gewesen sind, wie bezeichnet man dann die Bombardierung einer Sandbank, in der zwei Tanklastwagen unbeweglich feststecken, um die sich Hunderte von Menschen geschart haben, damit sie kostenlosen Treibstoff ergattern? Freundliches Desinteresse am Schicksal der afghanischen Zivilbevölkerung?

Zu seiner Verteidigung führt Oberst Klein vor dem Untersuchungsausschuss an, dass er es eindeutig abgelehnt habe, das Ziel mit B1-Bombern zu bekämpfen. Der humanitäre Wohlklang, der hier hervorgerufen soll, kann nicht gelingen. Wäre dieser Zielort nicht selbst bei der Entzündung eines Streichholzes in ein Höllenfeuer auf Erden verwandelt worden?

Nach der von ihm befohlenen „Vernichtung“ geht Georg Klein in eine Kapelle, er sagt, dass er dort „Gott um Beistand und Vergebung gebeten“ hat. Georg Klein fügt hinzu: “Hätte ich geahnt, dass Kinder vor Ort sind, hätte ich den Angriff nicht befohlen.” Seine Entscheidung bezeichnet er im Untersuchungsausschuss dennoch mit dem Begriff “angemessen”. Die überraschende postaggressive Meditation lässt ihn nicht an der von ihm verordneten Medikation, die zahllose Familien in unbeschreibliches Unglück gestoßen hat, zweifeln. Jemand, der in einem Land wie Afghanistan nicht ahnt, dass sich eine verarmte Landbevölkerung an Freibenzin bedient, hat ersichtlich keine Ahnung von dem Land in dem er seinen Dienst versieht.

Oberst Klein beweist mit dieser Feststellung in angemessener Weise, dass er für die afghanische Zivilbevölkerung ein Sicherheitsrisiko darstellt. Deutsche Soldaten, die an den Hindukusch entsandt werden, sollten mehr über das Leben der Menschen in Afghanistan wissen, als sie aus dem von Offizieren immer wieder zur Lektüre empfohlenen Roman „Drachenläufer“ glauben erfahren zu können.

Deutschlands Politiker behaupten, in Afghanistan vernetzte Sicherheit zu praktizieren. Seit dem „9/04“ hat sich dieses Trugbild der Politik in einem von Besatzung gesponnenen Netz verfangen; der Brücken bauende Soldat ist über den von der Politik zu verantworteten Feldversuch „Besatzungsdemokratie“ in Afghanistan gestolpert, und gefallen. Kanonenrohr-Fetischisten dieser Republik haben Deutschland endgültig zu einer Kriegsmacht am Hindukusch degradiert.

In einer Ansprache anlässlich einer Trauerfeier für die am Karfreitag gefallenen Soldaten bestärkt der deutsche Verteidigungsminister seine kleine Tochter darin „auf die drei jungen Männer, tapfere Helden unseres Landes“ stolz zu sein. Stolz und Heldentum sind große Worte, sie werden die jungen Männer nicht wieder ins Leben zurück holen. Diese Worte gehen Politikern immer dann leicht von der Zunge, wann immer sie ihr Versagen und ihr Scheitern zu verschleiern versuchen. Eine kleine Ironie: Unter der „Burka“ des Heroismus, der Menschenleben zerstört, sucht die zusammenbrechende deutsche Afghanistan-Politik ihre Zuflucht.

Wer weiß schon, dass der mörderische Luftangriff auf die Sandbank von Chahar Darrah, und der Ort des Überraschungsangriffes auf deutsche Soldaten am Karfreitag dieses Jahres ganze acht Kilometer voneinander entfernt liegen. Die Meinungsbildhauer glauben in den Zeiten des Krieges innere Einheit bewahren zu müssen, indem sie Fakten verschweigen. In Zeiten des Krieges bleiben Kausalketten unerwähnt, während wieder Namen in Erinnerungstafeln hinein gemeißelt werden müssen. Der für Nord-Afghanistan zuständige Kommandeur, Brigadegeneral Frank Leidenberger sagt bei der Totenfeier für die am Karfreitag gefallenen Soldaten: „Wir werden weiter kämpfen und wir werden gewinnen! “.

Wohin diese auf blinden Sieg getrimmte Kampfideologie auch führt, die den Tod afghanischer Zivilisten als Kollateralschaden herabwürdigt, deren Namen die deutsche Öffentlichkeit nicht erfährt, deren Namenserwähnung parlamentarisch gerügt wird, wurde Deutschland auf erschreckende Weise am 15.04.2010 mit dem Tod von vier weiteren Soldaten vor Augen geführt.

Wieder müssen deutsche Familien und Freunde um ihre Toten trauern, und ihnen gebührt unser aller Respekt und Anteilnahme angesichts eines irreparablen Verlustes. Gleiches gilt für Afghanische Familien und Freunde, die tagtäglich um ihre Toten trauern müssen, die auch durch deutsche Hand in einem Krieg sterben, den sie nie gewollt haben. Die eigentlichen Helden stehen an den Gräbern derer, die sie liebten. Sie sitzen verzweifelt allein in ihren Häusern und Wohnungen, weil sie trotz des immensen Verlustes ihr kaum zu ertragendes Schicksal zu meistern versuchen, in Deutschland wie in Afghanistan.

Deutschland und Frau Merkel hätten gut daran getan, sich nicht nur vor den eigenen Toten zu verneigen, sondern auch vor den Toten, die man in Afghanistan verursacht und verantwortet.

Deutschland und Frau Merkel hätten gut daran getan sich vor den geduldigen Hinterbliebenen in Deutschland und in Afghanistan zu verneigen.

Bundeskanzlerin Merkel hätte gut daran getan, in ihrer Regierungserklärung den Einsatz nicht weiter mit dem von ihr zitierten Satz des Hauptfeldwebel Daniel Seibert „Ich habe ihn erschossen. Er oder ich, darum ging es in diesem Fall.“ zu ramboisieren. Mit dieser Zitatwahl gefährdet sie in unerträglicher Weise das Leben afghanischer Zivilisten, aber auch das Leben deutscher Soldaten.

Deutschland und Karl Theodor zu Guttenberg hätten gut daran getan den Angehörigen der Opfer von Kundus direkte finanzielle Hilfe unbürokratisch zuteil werden zu lassen, anstatt eine durchschaubare, schmutzige Medienkampagne gegen die Opferanwälte zu führen.

Deutschlands einstiges Vorzeigemedium für kritischen Journalismus „Der Spiegel“ hätte gut daran getan das Leid der Hinterbliebenen von Chahar Darrah zu respektieren und nicht mit süffisanten Sätzen wie „Alle hatten – und das ist erstaunlich im Chaos Afghanistans – die Ausweise ihrer getöteten Angehörigen gleich parat“ zu verhöhnen.

Dieses Land hätte gut daran getan den Angehörigen der Opfer von Kundus die Rechtsstaatlichkeit erfahren zu lassen, auf die jeder Mensch ein uneingeschränktes, natürliches Anrecht besitzt, hier und in Afghanistan.

***

Epilog

In einer seit dem 13.12.2004 rechtskräftigen Entscheidung des deutschen Amtsgerichts Hadamar, wurden aufgrund eines Vergehens gegen das Tierschutzgesetz, dass zum Tod von je 4 Rehkitzen durch zwei Personen geführt hatte, die zwei Beklagten jeweils zur Zahlung von 80 Tagessätzen á 40 € und á 30 € verurteilt. In der Begründung des Urteils ist Folgendes zu lesen:

„Evtl. vorhandener Zeitdruck bei der Ausführung der Mäharbeiten ist kein vernünftiger Grund und rechtfertigt die Tötung der Rehkitze durch das Mähgerät nicht. Die Taten wurden vorsätzlich begangen.“

Die Bundesanwaltschaft aber auch alle, die Oberst Georg Klein und Fliegerleitoffizier Markus Wilhelm verteidigen, hätten gut daran getan, den Zivilisten von Chahar Darrah den Respekt, die Achtung und die Wertschätzung, die Rehkitze in diesem Staat erfahren, erleben zu lassen.

Die Bundesanwaltschaft hätte gut daran getan vor dem uneingeschränkten Freispruch einen Blick in unser Grundgesetz zu werfen, bevor es die Handlung deutscher Offiziere bewertet. Dort heiß es im Artikel 26:

„Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die Führung eines Angriffskrieges vorzubereiten, sind verfassungswidrig. Sie sind unter Strafe zu stellen.“

Deutschlands Sicherheit wird nicht am Hindukusch verteidigt, der Einsatz der Bundeswehr stört das friedliche Zusammenleben beider Völker. Dieses Mantra einer Frau Merkel stimmt nicht; es hat noch nie gestimmt. Dieser fragwürdige Kitt einer Fraktionsübergreifenden Kriegspolitik bröckelt mittlerweile auch im Parlament; außerparlamentarisch ist er längst dahin.

Im nachdenklich stimmenden Gedicht „Soldatengrab“ von Bert Brecht heißt es:

Bei den Soldaten drunten
Ist auch mein Freund dabei.
Ich hab ihn nicht rausgefunden.
Es ist auch einerlei.
Hat einst gekämpft und gesungen
Mit allen in einer Reih
Hat mit allen den Säbel geschwungen
Und ist mit allen verklungen
Und liegt nun drunten dabei.
Der Wind geht abends darüber
Und singt eine Melodei.
Die macht traurig. Ich weiß nicht worüber;
Es ist auch einerlei.

Bei den getöteten Zivilisten von Chahar Darrah ist auch mein Freund dabei. Ich hab ihn nicht rausgefunden. Es ist auch einerlei. Er hat kein Säbel geschwungen, er hat ums Überleben im Krieg gerungen, und liegt nun drunten dabei.

Warum ist diesem Rechtsstaat sein Tod offenbar einerlei?

Warum ist ein deutsches Rehkitz und ein Menschenleben in Afghanistan zweierlei?