Johannes Gerloff und der absolute Frieden bei gleichzeitiger Unterdrückung
Auf israelnet hatte Johannes Gerloff einen höchst zynischen Artikel unter der Überschrift “Das Ende der Ruhe vor dem Sturm?” veröffentlicht. Anlass war die Ermordung vier israelischer Siedler im Westjordanland durch einen Palästinenser1. Darin drückt er in vielen Worten aus, dass nun mit den vier toten Israelis das “Schweigen” der Waffen gebrochen wäre. Mehr noch: Er gibt dem “Verhandlungswut der Politikergutmenschen” die Schuld für die Getöteten, denn – so scheint die Argumentation – ohne Verhandlungen gab es keine Toten und nun sei diese “Ruhe” gestört. Als Quintessenz des Artikels kann dieser Satz gelten:
Warum kommt kein Denker im Westen auf die Idee, auf den Nahen Osten anzuwenden, was in Europa gar nicht so schlecht funktioniert hat: An erster Stelle für das Wohl der Menschen zu sorgen und derweil politische Fragen auf Eis zu legen?!
Interessante Sicht! Nicht zuletzt hatte ja die Hamas einen langfristigen Waffenstillstand als Alternative zu den anhaltenden Friedensgesprächen vorgeschlagen. Würde Herr Gerloff dem also zustimmen? Nein, denn gleich einen Absatz später zeigt er, welche politischen Fragen er nicht unbeantwortet lassen möchte:
Ist das wirklich so schlecht, dass um Deutschland herum so manche Grenzfrage ungelöst blieb? Sollten wir Deutschen den Palästinensern nicht sagen können, dass auch der Aufbau eines demilitarisierten Staates eine vielversprechende Zukunftsperspektive hat? Und warum kann Herr Westerwelle nur den Serben die Anerkennung des Kosovo nahelegen? Warum nicht auch seinen arabischen und moslemischen Freunden die längst überfällige, grundsätzliche und bedingungslose Anerkennung eines Rechts auf Existenz für den jüdischen Staat Israel?
Genau! Die “bedingungslose Anerkennung” Israels als “jüdischen Staat” – also die Aberkennung der historischen Rechte der Urbevölkerung Palästinas gepaart mit der Anerkennung der streng nach Apartheid riechenden Gesetze Israels – ist offensichtlich nicht verhandelbar. Und die Palästinenser könnten doch so gut neben einem derart massiv militarisierten Israel ihren Platz als entmilitarisiertes Angriffsziel einnehmen!2
Aber der studierte (christliche) Theologe Johannes Gerloff geht noch einen Schritt weiter: Hauptsächlich geht es nämlich im Artikel um die Aberkennung jeglicher Menschlichkeit der Palästinenser. In keinem Satz erwähnt Herr Gerloff nämlich, dass in der von ihm so bezeichneten “Ruhe” (also innerhalb 2009 und bis zum 31.7.2010) 100 (!!) Palästinenser bereits von israelischem Militär und israelischen Zivilpersonen ermordet wurden! Diese Zahl verzeichnet die Menschenrechtsorganisation B’tselem in einer Statistik aller Toten seit dem letzten Großangriff Israels auf den Gazastreifen, bei dem bereits mehr als 1400 Menschen starben. Seit Anfang 2010 wurden zudem mehr als 800 Palästinenser allein im Westjordanland verletzt – die meisten bei friedlichen Demonstrationen im Westjordanland, woran sie durch israelisches Militär gehindert wurden, oder bei militärischen Angriffen, aber eben auch durch Angriffe israelischer Siedler (dies sind Zahlen der Vereinten Nationen)! In Ostjerusalem sind in der gleichen Zeit inzwischen mehr als 220 Gebäude zerstört worden, um die dortigen Palästinenser weiter zu vertreiben und Fakten zu schaffen, bevor die Verhandlungen das Thema “Jerusalem” auch nur annähernd erreichen. Das ist die “Ruhe”, die sich mit Händen greifen lässt!
Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass diese Taktik der Hervorhebung israelischer Opfer (auch immer schön mit Namen und humaner Geschichte, ganz im Unterschied zu den namenlosen und nur als zwei-, drei- oder vierstellige Zahlen in Statistiken vergessenen Palästinensern) und der Missachtung jeglicher Opfer auf palästinensischer Seite nichts Neues ist. Selbst die relativ weltoffene israelische Haaretz-Zeitung betitelte: 4 Israelis killed in shooting attack shattering years of relative West Bank calm, was sehr zynisch ist, schaut man sich die Zahl der palästinensischen Opfer an!
Steve Feldman hat auf Palestine Note eine sehr prägnante Antwort geschrieben, die ich hier versuche zu übersetzen:
Laut der israelischen Zeitung Haaretz hat die kürzliche Tötung der vier Israelis Jahre der “relativen Ruhe” erschüttert. Relative Ruhe? Für wen? In den Wochen vor dem schrecklichen Ermordung hat das “Palestine News Network” über 14 palästinensische Zivilisten berichtet, die durch israelische Siedler und bei militärischen Angriffen seit dem 2. Mai getötet wurden. Nur zwei Wochen zuvor hat das Tikkun Magazin einen Artikel mit dem Titel “Israelische Siedlergewalt eine tägliche Realität” veröffentlicht, der die täglichen Emails wiederspiegelt, die ich von Friedensorganisationen bekam, welche Angriffe auf palästinensische Westbank-Familien beschreiben.
Die vertrackte Wahrnehmung davon, dass die Tötung von Israelis stets ein Brechen der Ruhe darstellt, ist Beleg einer Ungerechtigkeit und Gefühllosigkeit einiger Menschen gegenüber christlichen und muslimischen palästinensischen Familien. Das ist kein neues Phänomen; Ali Abunimah hat dies vor Jahren hervorgehoben. Voreingenommene Wahrnehmung ist Schuld an einem großen Teil des Problems im israelisch-palästinensischen Konflikt. Dieser Konflikt wird enden, und ich würde sogar vorhersagen bald, wenn wir anfangen, Juden, Christen und Muslime in Israel und Palästina gleichermaßen zu lieben. Wenn wir das nämlich tun, werden wir feststellen, dass wir für Sicherheit und Frieden für jedermann hinarbeiten müssen, nicht nur für die Menschen auf einer Seite des Konflikts.
Johannes Gerloff auf der anderen Seite scheint dieser Sinn für Gerechtigkeit abhanden gekommen zu sein. Wenn Palästinenser aufhören würden sich zu wehren, dann wäre in seinem Sinne für Frieden gesorgt, denn ihre Toten zählen nicht. Sie zählen nicht, wenn es um die Einschätzung der Situation geht und sie zählen noch lange nicht, wenn es um die Etablierung eines Friedens im Nahen Osten geht. In diesem Sinne sind auch in seinem gesamten Artikel von keinem einzigen palästinensischen Opfer der “Ruhe” und von keiner Rechtsverletzung eines Palästinensers zu lesen!
Ich habe Herrn Gerloff meine Kritik als Email geschrieben und ich möchte seine ausweichlerische Nichtantwort nicht vorenthalten (In Kursiv habe ich die Antwort kommentiert).
Zuerst einmal vielen Dank dafür, dass Sie Israelnetz so aufmerksam lesen. Das ehrt uns!
Sie haben bestimmt übersehen, dass sich mein Artikel auf das Westjordanland und die Fatah bezieht (Nein, habe ich nicht, aber 1. muss man sich fragen, warum die Gaza-Bewohner keine Rolle spielen und 2. habe ich ja dargestellt, dass die Palästinenser im Westjordanland weiterhin Angriffen ausgesetzt waren!) – nicht aber auf den Gazastreifen und die dort herrschende Hamas. Das ergäbe in der Tat eine völlig andere Perspektive. Aber wird die Lage in Gaza von Obama-Abu Mazen-Netanjahu & Co. nicht vollkommen ausgeblendet? Müsste sich nicht vor allem Abu Mazen zuerst um die innere Einheit, die Einheit mit dem Gazastreifen und die Legitimität seines Amtes kümmern, wenn ihm tatsächlich am Wohl seines Volkes liegen würde? (Ausweichstrategie: SIE waren es, der die Situation als Ruhe beschrieb. Die Palästinenser leben die tödliche Unruhe und Ungerechtigkeit jeden Tag und versuchen diese zu kommunizieren.)
Dass im Westjordanland ein Dauerkrieg zwischen Israel und dem Fatah-Regime einerseits und der Hamas und ihren Gesinnungsgenossen andererseits geführt wird, habe ich nie bezweifelt. Dass die Sicherheitskooperation zwischen Israelis und Fatah funktioniert, stellt niemand in Frage – dass sie Opfer fordert, ebenso wenig. (Interessante Rechtfertigung für die Morde!) Auch der Siedlungsstreit Siedlungsstreit?? Hört sich schon fast wie eine altrömische Senatsdebatte an. Das ist ein militarisierter Angriffskrieg, der da einseitig geführt wird und den Palästinensern nicht nur ihre Länder wegnimmt, sondern sie immer weiter in ihrer Bewegungsfreiheit einschränkt. Für Sicherheit wird dabei nur für die Siedler gesorgt.) wird mit unverminderter Härte von allen Beteiligten fortgeführt. Da haben Sie vollkommen Recht. Vielleicht haben Sie auch übersehen, dass ich vom „terrorärmsten“ und nicht vom „terrorlosen“ Jahr geschrieben habe.
Und natürlich gehört es auch nicht zum Schweigen der Waffen, dass täglich aus Gaza Raketen auf Südisrael fallen. Wie viele waren das noch einmal? Haben Sie die vielleicht vergessen zu erwähnen? Oder zählen Sie die nicht? (Nein, zähle ich aus Prinzip nicht, denn dann müsste ich auch die Raketen aus Israel auf den Gaza-Streifen zählen und da käme ich nicht mit! Haben Sie diese vielleicht gezählt?)
Ich finde übrigens gut, dass Sie nicht nur die palästinensischen Opfer anmahnen, sondern gleichzeitig auch die israelischen – obwohl das so ziemlich ausnahmslos Soldaten waren. Soldaten sind tatsächlich auch Menschen, Familienväter, Söhne und oft noch Kinder. (Ja, das sind sogenannte oder tatsächliche “Terroristen” auch! Behalten Sie das auch im Hinterkopf.) Sie haben auch Recht, Ihren Ekel darüber zum Ausdruck zu bringen, dass selektiv berichtet wird. Wir konzentrieren uns auf den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern, rechnen einzelne Toten- und Demonstrationsverletztenzahlen auf, während sich das arabische Volk im Besonderen und die Moslems im Allgemeinen gegenseitig zu Tausenden, wenn nicht Zigtausenden im Irak, im Jemen, im Libanon und an vielen anderen Orten abschlachten. Haben Sie schon einmal einander gegenübergestellt, wie viele Juden und wie viele Moslems durch sunnitische Märtyreraktionen ums Leben gekommen sind? Wahrscheinlich unterliegen wir tatsächlich einer massiven Verführung, wenn wir uns lediglich auf den Konflikt zwischen der islamischen Welt und dem Westen konzentrieren, anstatt einmal die innerarabischen und innermoslemischen Probleme und deren Ursachen zu betrachten. Ekel! (Den wahren Ekel verspüre ich eher, wenn ich Ihre Art mitbekomme, mit Argumenten zu spielen. Sie sind offensichtlich weder an Gerechtigkeit noch an einen damit verbundenen Frieden interessiert. Ich hoffe für uns beide, dass Verantwortliche in Politik und Wirtschaft sowohl in Deutschland, als auch in Israel nicht auf Extremisten wie Sie hören, denn mit Ihrem zynischen Umgang mit Menschen und deren Leben ist keiner gut beraten.)
Grüße, Johannes Gerloff
Jerusalem, Israel
Eine interessante Sache möchte ich anmerken: In Ermangelung vorzeigbarer Zahlen, was die Opfer palästinensischer Angriffe angeht, geht man – ja, auch Herr Gerloff – immer wieder dazu über nach der Anzahl der “Raketen” zu fragen. Es gibt keine mir bekannte Zahl israelischer Geschosse – irgendeiner Größe – auf Palästinenser. Das hat aber auch einen Grund: Die Opferzahlen sprechen bereits Bände! Und sein letzter Absatz? Was muss man dazu noch sagen? Wie gesagt: Ausweichstrategie!
Übrigens: Mondoweiss hat eine grobe Liste von Angriffen auf Palästinenser im Westjordanland durch israelische Siedler veröffentlicht, die auf die Schnelle die Tragweite deutlich macht.



