Anfang des Monats hat sich der “Verband demokratisch-europäischer Muslime” (VDEM) gegründet und als wäre die neuerliche Wahl der gar zusammengesetzten Adjektive im Namen nicht Belustigung genug, liefert der Verein in seinen ersten Veröffentlichungen eine Selbstkarikatur, die glauben macht, dass der Verein nur satirisch gemeint ist. Nun könnte ich mir den Abend mit dem Versuch einer konstruktiven Kritik nicht nur am Verein, sondern auch an der neumuslimischen Entdeckung der sprießenden Vereinsgründungen (und offensichtlich der Vertretung der vielbeschworenen ‘schweigenden Mehrheit’), verderben, aber ich entscheide mich lieber für die sehr viel einfachere und um einiges belustigendere Art der Selbstheilung durch Veralberung. Mehr hat schließlich kein Verein verdient, der Bassam Tibi und Necla Kelek als Mitglieder vereint.
Der Verein gibt sich “neuzeitlich”, ist aber stark von der partikularen Substanz von – wie ich es nenne – “Blubb” gefüllt. Hier ein Beispiel:
Der Generalsekretär Herr Schmidt-El Khaldi erklärt: „Es wird Zeit, dass in das Bewusstsein der Muslime in der Gesamtheit auch Ansichten Eingang finden, die nicht nur einzig auf Traditionen, sondern genauso auf modernen Erkenntnissen fußen.“
Ich hab jetzt mehrere Arten formuliert und wieder weggestrichen, wie ich mich über diesen inhaltslosen und wirklichkeitsverstellenden Satz lustig machen könnte. Die meisten Formulierungen waren so kompliziert, dass kein anderer sie verstanden hätte und die restlichen bestanden aus einer abartigen Unzahl an “Duh!”s, die also nur das Offensichtliche nennen.
Wie gesagt, das meiste ist “Blubb” und es finden sich nur wenig konkrete und praktische Sätze in der Gründungsmittelung, der Präambel oder dem Plädoyer, die derzeit auf der Internetseite des Verbands veröffentlicht sind, um den Verein gegen andere Vereine abgrenzen zu können – etwa dem angehenden “Verein liberaler Muslime”, aber natürlich auch den meisten anderen muslimischen Verbänden. Der Verband hat aber offenbar schon ein ganz konkretes Ziel:
Der VDEM erklärt sich bereit an der Islamkonferenz teilzunehmen, falls der Ruf aus Berlin käme.
Der “Ruf” des Innenministers zur Islamkonferenz wird also nicht unerhört bleiben. “Wir sind die willfährigen Muslime, die Ihr gesucht habt, Euer Durchlauchter.” Alle anderen muslimischen Organisationen, die ihre opportunistische Ergebenheit formulieren, können diesem Verein in der Devotheits-Disziplin nicht das Wasser reichen. Im Deutschlandradio Interview formuliert das der Vizepräsident Reza Hajatpour selbst nach der blamablen Fragestellung des Moderators, der die “Selbsteinladung” des Vereins ausspricht.
Pokatzky: Sie haben Ihren Verband ganz kurz ja vor der jüngsten Islamkonferenz gegründet, und Sie haben in Ihrer Gründungspressemitteilung auch am Ende Ihre Bereitschaft erklärt – das war quasi so eine Art Selbsteinladung schon fast -, an der Islamkonferenz teilzunehmen. Sie sind, es war ja auch sehr kurzfristig, nicht eingeladen worden. Hoffen Sie denn darauf, in Zukunft bei der Islamkonferenz dabei zu sein?
Hajatpour: Ja, das hoffen wir, gerne sogar.
Pokatzky: Ist Ihnen da schon was signalisiert worden aus der Politik, dass Sie eingeladen werden?
Hajatpour: Nein, das war sehr kurzfristig.
Wird den Leuten denn das Peinliche an dieser Situation nicht klar?
Jedenfalls hat der Verband nun einige Zeit, die er anderweitig füllen muss, um nicht vollends in der Versenkung zu landen. Zeit, sich selbst zu finden, so ziemlich direkt nach der Gründung! Hier:
Als nächstes wird der Verband eine Grundsatzkommission bilden, in der Experten und Kompetenzträger theologische, gesellschaftliche und politische Fragestellungen zum Islam analysieren und ausarbeiten werden.
Was wollte der Verein denn bei der DIK sonst vorstellen, wenn er noch nicht einmal eine Grundsatzkommission besitzt, geschweige denn dass diese zu irgendwelchen verwertbaren Ergebnissen gekommen ist? Was red’ ich da? Die Grundsatzkommission hat nur vor, Fragestellungen zu “analysieren” und vor allem “auszuarbeiten”. Keiner spricht hier von Ergebnissen oder gar von Ansätzen einer Beantwortung!
Naja, jetzt hat der Verband Zeit bis zur nächsten Staffel der DIK. Zeit, nicht nur um seine Ziele praxisrelevant festzulegen, sondern auch an den Deutschkenntnissen seiner Funktionäre zu arbeiten. Deren Grammatik und Satzbau machen neben dessen inhaltlichen Salat ihre Aussagen vollkommen unverständlich. Bei der Zeichensetzung und Rechtschreibung glaube ich schon fast, dass die tiefreligiöse Liberalität des Vereins durchgreift. Anders kann ich mir diesen Satz nicht erklären:
Alle Muslime zusammen unabhängig davon, ob der/die einzelne einen sunnitischen, schiitischen oder alevitischen Hintergrund hat, sind eingeladen einen Islam zu etablieren, der sich mit den Fragestellungen unserer Zeit beschäftigt und nicht versucht auswendig gelerntes blind anzuwenden.